05/2021 SEIT  1946 VIELFALT  ALS  SOZIALE  FRAGE Hart und stabil: Sozialdemo­kratische Integrationspolitik Nurten Yilmaz Der lange Weg zum legalen L(i)eben Sebastian Pay Für einen Feminismus für ALLE Tatjana Gabrielli Vielfalt muss immer eine soziale Frage sein! Mario Lindner 5,– Euro, Österreichische Post AG,  P.b.b. Abs.: Gesellschaft zur Herausgabe der Zeitschrift ZUKUNFT,   Kaiserebersdorferstrasse 305/3, 1110 Wien, MZ 14Z040222 M, Nr. 05/2021


  EDITORIAL Für viele waren die letzten Jahre und Jahrzehnte geprägt von  einer Fülle neuer Möglichkeiten und einem gesellschaftlichen  Trend, der sich immer stärker in Richtung Offenheit, Vielfalt  und Akzeptanz entwickelt hat. An kaum einem Beispiel lässt  sich diese Entwicklung besser verfolgen als an der Geschichte der LGBTIQ-Community. Trotz vieler noch immer bestehender  Diskriminierungen erleben Schwule, Lesben, Bisexuelle, in-tergeschlechtliche, transidente und queere Personen (LGBTIQ) heute ein nie gesehenes Maß an persönlichen Freiheiten und öffentlichem Interesse. Dass genau dieser Weg zu gesellschaft-licher Emanzipation zeitgleich zur Umgestaltung Europas  durch den Neoliberalismus geschah ist kein Zufall … und genau das stellt progressive Bewegungen vor ein Dilemma.  Während die einen Offenheit und Vielfalt als Grundsteine ei- ner modernen Gesellschaft begreifen, sehen die anderen darin reine „Identitätspolitik“, die von den echten Problemen sozi-aler Ungleichheit und massiver Ungerechtigkeiten im neoli-beralen System ablenkt. Die vorliegende Ausgabe 05/2021 der  ZUKUNFT geht einen anderen Weg: Unsere Autor*innen argu- mentieren aus verschiedensten Sichtweisen heraus, dass Viel-falt und Offenheit nur als soziale Fragen erfolgreich sein kön-nen – statt einem Entweder-Oder argumentieren sie für eine bedingungslose Verbindung von gesellschaftlichen Kämpfen auf allen Ebenen! Ganz in diesem Sinne zeigt Mario Lindner mit seinem er-öffnenden Beitrag zum Thema Identitätspolitik, warum Viel- falt für Linke immer eine soziale Frage sein muss. Er wendet  sich dabei klar gegen die Übernahme rechter Diskurse durch progressive Kräfte sowie das Ausspielen von Kämpfen um ge-sellschaftliche Anerkennung und gegen soziale Ungleichheit.  Der Autor kritisiert dabei das Abtun des Feminismus und der Kämpfe von Migrant*innen oder queeren Gruppen als „Or- chideenthemen“, die in einen vermeintlichen Widerspruch zur sozialen Frage gestellt werden. Emanzipation und der  Kampf gegen die individualisierenden Tendenzen des Neo-liberalismus müssen stattdessen immer Hand in Hand gehen. Mit der Forderung nach einem Projekt radikaler Solidarität  appelliert er daher für eine Politik, die Emanzipation und  Gerechtigkeit als zwei Seiten einer Medaille betrachtet … und nur gemeinsam zu einem „guten Leben für ALLE“ führen kann. Nurten Yilmaz stellt in der Folge die moderne sozialdemo-kratische Integrationspolitik in den Mittelpunkt ihres Bei-trages. Sie sieht es bereits als Zeichen von Unsicherheit, dass Integration überhaupt zu einer Frage erklärt und nicht von einer Migrationsgesellschaft als Normalität ausgegangen wird. Die Autorin stellt das verbindende Element der sozialdemo-kratischen Integrations- und Interessenspolitik in den Vorder-grund. Es geht unter anderem darum, gleiche soziale sowie politische Rechte zu schaffen und eine allgemeine Teilhabe zu ermöglichen. Diese „ermächtigende Integrationspolitik“ meint im Bildungssektor beispielsweise die Einrichtung und den Ausbau von (sozialen und demokratischen) Bildungsein-richtungen. Es geht um Integration von Anfang an und das Schaffen von öffentlichen Strukturen, die dies ermöglichen.  Eine Politik, wie Yilmaz sie skizziert, bringt die diversen Menschen und Arbeitnehmer*innen zusammen – während  andere nach Herkunft und Sprachen spalten, stärkt diese Inte-grationspolitik das Gemeinsame. Vielfalt als soziale Frage BIANCA BURGER, SEBASTIAN PAY UND ALESSANDRO BARBERI


 ZUKUNFT | 3    Auch innerhalb des Feminismus gibt es, wie Tatjana   Gabrielli  zeigt, Ausgrenzung, Rassismus, Transphobie und Homophobie, Diskriminierung wegen Einkommen, Herkunft und Klasse – all das betrifft auch die feministischen Kämpfe.  Was es daher braucht, ist ein Feminismus für ALLE Menschen.  Gabrielli leitet diesen Anspruch aus den historischen Kämpfen um Gleichstellung und Gerechtigkeit ab und zeigt an histo- rischen Beispielen, wie feministische Intersektionalität funkti-onieren kann. Die Herausforderungen eines inklusiven Femi-nismus finden sich aber nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Gegenwart: Strömungen wie der transexklusive  Feminismus (TERF), der Transfrauen aus feministischen Kämp- fen und Räumen ausschließen will, laufen genau dieser Vision eines Feminismus für ALLE zuwider. Die Bewegung für Gleich-berechtigung und Solidarität müsse daher auch heute inklusiv  sein, die Lebensrealitäten und Herkünfte aller Frauen beachten  und – natürlich – zu jedem Zeitpunkt die soziale Frage stellen. 1971 wurde Homosexualität im Zuge der Kleinen Strafrechtsre- form entkriminalisiert. Wie lang der Weg bis dorthin war, skiz-ziert dann Sebastian Pay in seinem Beitrag über den langen  Weg zum legalen L(i)eben. Die Verfolgung und Bestrafung Ho- mosexueller während des Nationalsozialismus war mit dessen  Ende 1945 noch längst nicht vorbei. Verurteilungen und Zeiten  in Konzentrationslagern blieben auch nach 1945 als Vorstrafen bestehen. Wie Pay deutlich macht, muss in dieser Hinsicht von einer Rechts- und Alltagskontinuität zwischen dem NS-System und der Zweiten Republik ausgegangen werden. Österreich gehörte nach Kriegsende zu jenen Ländern, welche die ge-richtliche Verfolgung am konsequentesten weiterführten. Erst durch den Einsatz zahlreicher Aktivist*innen und die aktive  Unterstützung der Sozialdemokratie konnte der Kampf um le- gales L(i)eben vor genau 50 Jahren gewonnen werden – heute muss diese Geschichte ein Vorbild für die aktuellen Kämpfe um  Gleichstellung, Solidarität und Gerechtigkeit sein. Während gerade die Gleichstellung von Schwulen, Lesben  und Bisexuellen in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr  Aufmerksamkeit bekommen hat, bleiben andere Diskriminie- rungen leider noch viel zu oft unter der öffentlichen Wahr-nehmungsgrenze: Gerade transidente, intergeschlechtliche und non-binäre Menschen werden in unserer Gesellschaft noch im-mer unsichtbar gemacht, ausgegrenzt und sind viel zu oft mit  Unverständnis, Hass oder sogar Gewalt konfrontiert. Als eine  der wenigen gewählten Transpolitiker*innen in Österreich be-schreibt Dominique Mras in ihrem Beitrag die Herausforde-rungen, vor die vielfältige Geschlechtsidentitäten unsere Ge-sellschaft stellen – und wie sie auf Basis von Selbstbestimmung,  Anerkennung und Sichtbarmachung gelöst werden können.  Mras zeigt anhand historischer Beispiele aus der Geschichte von  Transpersonen in Österreich, welche Hürden und Blockaden (oft unbemerkt vom Rest der Gesellschaft) gegen die Selbstbe- stimmung dieser Gruppe aufgebaut wurden und werden. Soziale und gesellschaftliche Auseinandersetzungen geschehen in Österreich natürlich nicht abgekapselt vom Rest der Welt. In ganz Europa ist in den letzten Jahren ein Backlash spürbar, der Sozial- und Demokratieabbau unter dem Deckmantel von  Angriffen gegen Minderheiten durchsetzt. Ungarn und Po- len sind wohl die dramatischsten Beispiele für die massiven  Attacken gegen LGBTIQ-Personen, Frauen oder auch Roma  und Sinti. Camila Garfias, die Präsidentin des europäischen Gleichstellungsnetzwerks  Rainbow Rose, zeigt in ihrem Bei-trag, nach welchen Mustern die politischen Kämpfe in unseren Nachbarstaaten verlaufen und was dagegen auf europäischer  Ebene getan wird … und wie auch Menschen in Österreich auf Basis internationaler Solidarität einen Beitrag zum Kampf für  gleiche Rechte und Gerechtigkeit leisten können. Mit einer Vorreiterstudie zeigte auch die Arbeiterkammer  Wien im Jahr 2017, wie die Felder von Identität und Arbeits- welt zusammentreffen. Von Schlechterstellung bis Mobbing, von Gehaltsproblemen bis zur Kündigung reichen die Konse- quenzen, mit denen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Ori-entierung oder Geschlechtsidentität auch in Österreich im-mer noch in ihrem Job konfrontiert werden. Das führt, wie die Studienautor*innen Daniel Schönherr und  Martina   Zandonella zeigen, dazu, dass viele ihre Identität am Arbeits-


platz verheimlichen, andere Rollen spielen und damit enormen psychischen Stress auf sich nehmen. Klar macht diese Studie damit auch, wie eng die soziale Frage und unsere gesellschaftli-che Vielfalt nicht nur in politischen Kämpfen, sondern im ganz banalen Alltag miteinander verknüpft sind – und warum genau deshalb die Forderung nach gesellschaftlicher Akzeptanz immer  Hand in Hand mit dem Kampf um gute Löhne und gerechte  Arbeitsbedingungen gehen muss. Unter der provokanten Überschrift Marx unter’m Regenbogen  macht der langjährige Aktivist Hans­Peter Weingand einen  Ausflug in die wechselhafte Geschichte von linken Zugängen  zu (sexueller) Vielfalt. Das Spannungsverhältnis zwischen Fra-gen der Identität und dem Kampf für Umverteilung war nie ein  Einfaches und sorgte, wie Weingand zeigt, in Zeiten von Marx  und Engels genauso für Debatten, wie in der Frage der Aufar-beitung von NS-Verbrechen. In einem Streifzug vom 19. Jahr-hundert bis zur Gegenwart zieht der Autor, der selbst einer der ersten offen schwulen Aktivisten innerhalb der SPÖ war, Lehren für die Gegenwart: Insbesondere der Kampf gegen neoliberale Individualisierung müsse stets im Zentrum des Emanzipations-kampfes sein – unter’m Regenbogen müssten Klassenkampf und Pride-Parade zusammengehören. Dass eine Demokratie ihre eigene Entwicklung entlang von Sprache und Symbolen verhandelt, nimmt in der Folge Mar­ ty Huber zum Ausgangspunkt diesbezüglicher Überlegun-gen, die vor allem von den „diskursiven“ Problemzonen der  LGBTIQ-Bewegung berichten. Denn, was in einer gegebenen Gesellschaft oder Kultur sagbar ist und was nicht, formiert auch, wie diese Gesellschaft sich ausrichtet, ob sie also Ausschlüsse  stärkt oder Inklusivität anstrebt. In Österreich ist diese Ausei- nandersetzung eine Geschichte des „Sounds of Silence“, der auf vielen Ebenen das Tabuisierte und mithin die Sprache(n) der Minderheit(en) von der öffentlichen Aussprache trennt. In diesem Sinne nimmt der Beitrag den Fall einer gestohlenen  Regenbogenfahne zum Anlass, die Bereiche der Toleranz, der  Akzeptanz und des gemeinsamen Feierns auszuloten, um auch  die diesbezügliche Doppelmoral der katholischen Kirche zu kritisieren. Auch freut es die Redaktion in besonderem Maße, dass    Offerus Ablinger uns eine zum Thema passende Bildstre- cke mit dem Titel Trans/Masc  zur Verfügung gestellt hat, die er auch am Ende dieser Ausgabe mit einem Beitrag erläutert.  Dabei gibt er einen Einblick in seinen Produktionsprozess und  macht gleichzeitig deutlich, wie Fragen der LGBTIQ-Bewegung auf unterschiedlichen Ebenen ästhetisch vor Augen geführt  werden können. Wir hoffen, dass wir unseren Leser*innen mit dieser Ausgabe  der ZUKUNFT neue Blickwinkel auf die verschiedenen Arenen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen bieten können. Unse-re Autor*innen bieten mit ihren Analysen nicht nur Perspek-tiven auf die Herausforderungen einzelner Gruppen und span-nende historische Ableitungen, sondern auch den Grundstein einer politischen Agenda, die langfristig die gewachsenen Grä-ben progressiver Politik überwinden kann. Wir grüßen unsere  Leser*innen im Namen der Redaktion und in allen Farben des Regenbogens … BIANCA BURGER  ist Redaktionsassistentin der ZUKUNFT und hat sich nach ihrem   geisteswissenschaftlichen Studium der Frauen- und Geschlechter- geschichte sowie der historisch-kulturwissenschaftlichen Europaforschung  in den Bereichen der Sexualaufklärung und der Museologie engagiert. SEBASTIAN PAY  ist Bundessekretär der sozialdemokratischen LGBTIQ-Organisation  SoHo, studiert Geschichte und Soziologie und ist u. a. als   parlamentarischer Mitarbeiter für die Themenbereiche   Gleichbehandlung und  Diversität tätig. ALESSANDRO BARBERI ist Chefredakteur der ZUKUNFT; Bildungswissenschaftler, Medien- pädagoge und Privatdozent. Er lebt und arbeitet in Magdeburg und Wien.  Politisch ist er in der SPÖ Landstraße aktiv. Weitere Infos und Texte online  unter: https://lpm.medienbildung.ovgu.de/team/barberi/


Inhalt 6     Vielfalt muss immer eine soziale Frage sein!    VON MARIO LINDNER 12    Hart und stabil: Sozialdemokratische     Integrationspolitik    VON NURTEN YILMAZ 16    Für einen Feminismus für ALLE    VON TATJANA GABRIELLI 20    Der lange Weg zum legalen L(i)eben    VON SEBASTIAN PAY 24    Geschlechtervielfalt in Österreich    VON DOMINIQUE MRAS 30    Der Kampf für Gleichberechtigung ist international    VON CAMILA GARFIAS 32    LSBTI und Arbeitswelt    VON DANIEL SCHÖNHERR UND MARTINA ZANDONELLA 36    Wenn das Wort Feuer wird …    VON MARTY HUBER 40    Karl Marx unter’m Regenbogen    VON HANS-PETER WEINGAND 46    Malerei, Installation, Performance und      bewegtes Bild     VON OFFERUS ABLINGER OFFERUS ABLINGER – TRANSMASC (SERIE 2) #10 (2020)ÖL AUF LEINWAND, 200 X 101 CM IMPRESSUM Herausgeber: Gesellschaft zur Herausgabe der Zeitschrift »Zukunft«, 1110 Wien, Kaiserebersdorferstraße 305/3 Verlag und Anzeigenannahme: VA Verlag GmbH,  1110 Wien, Kaiserebersdorferstraße 305/3, Mail: office@vaverlag.at Chefredaktion: Alessandro Barberi Stellvertretende Chefredaktion: Thomas Ballhausen  Redaktionsassistenz: Bianca Burger Redaktion: Julia Brandstätter, Hemma Prainsack, Katharina Ranz, Constantin Weinstabl Online-Redaktion: Bernd Herger Mail an die Redaktion: redaktion@diezukunft.at Cover: Offerus Ablinger – TransMasc (Serie 2) #10 (2020) © Offerus Ablinger


 6 | ZUKUNFT  MARIO LINDNER  diskutiert eingehend die Problemfelder Queere Rechte, Feminismus sowie die Gleichstellung von  Migrant*innen, die in der Linken immer öfter als „Identitätspolitik“ abgetan und in einen vermeintlichen Widerspruch zur sozialen Frage gestellt werden. Insgesamt fordert er zu einem Projekt radikaler Solidarität auf.  Vielfalt muss immer eine  soziale Frage sein! VIELFALT MUSS IMMER EINE SOZIALE FRAGE SEIN!  VON MARIO LINDNER I. EINLEITUNG Über Gleichheit zu reden ist oft nicht einfach. Gerade in  der Linken erleben wir in den letzten Jahren eine Debatte, die Identitätspolitik gegen die sozialen Fragen ausspielt. Das Nar-rativ dahinter ist, zumindest für die Verfechter*innen eines Zugangs, der wieder die „harten“, sozialen Themen ins Zent-rum rücken will, ziemlich simpel: Viel zu lange haben sich die Linken und Progressiven „Orchideenthemen“ zugewandt. Sie haben Minderheiten bedient und deren Interesse vor die In-teressen der Mehrheit gestellt … und sie haben damit verlo-ren. Von Hillary Clinton in den USA bis zu Christian Kern in Österreich müssen sich diesen Vorwurf eine ganze Reihe von Sozialdemokrat*innen anhören. Und ein Funken von Wahr-heit steckt in dieser Anklage schon drin. Denn während Sozialdemokrat*innen und Sozialist*innen  in den vergangenen Jahrzehnten, spätestens seit den 1990er-Jahren, immer seltener die Verteilungsfrage gestellt haben, ha-ben sich Themen wie Frauenrechte, Migration und LGBTIQ-Themen 1  immer stärker durchgesetzt. Dieser Trend spiegelt  sich auch in der Gesellschaft wieder: Immer mehr Gruppen artikulieren heute ihre Forderungen und kämpfen für ihre Grund- und Menschenrechte. Der Einsatz für mutige Um-verteilung oder eine gerechte Arbeitswelt wurde dagegen lei-ser. Gerade hier wirkte die Sozialdemokratie oft eher wie die mutlose Verteidigerin eines alten Systems, das schon längst nicht mehr für alle funktioniert … und weniger wie die Vor-kämpferin von Reformen für die Vielen. Doch am Ende des Tages ist die Idee, dass die richtige  Antwort auf verteilungspolitische Mutlosigkeit das Kleinma-chen, Belächeln und Wegdrängen von Fragen der Gleich- heit und der Menschenrechte sei, vor allem eines: Billig. Die-ser Zugang ist nicht nur ideologielos, sondern übernimmt ganz bewusst Diskurse von Neoliberalen und Rechten, die auf Spaltung setzen. Dabei werden nicht nur historische, son-dern auch tagespolitische Fakten ignoriert. Stattdessen wird ein rechtes Narrativ übernommen, das so alt ist, wie der poli-tische Wettbewerb selbst: Nämlich jenes, dass man die Fragen von Gleichheit und Gerechtigkeit nicht miteinander verbin-den kann – oder zeitgemäßer in den Begriffen Trumps for-muliert – dass die linken Eliten sich nur für die Rechte von Minderheiten einsetzen, weil sie in Wahrheit gegen die Rech-te der Arbeiter*innen und wirtschaftlich Schlechtergestellten seien. Ein moderner Ansatz für linke Politik muss sich von ge- nau diesen verfahrenen und historisch gescheiterten Model-len lösen. Ganz simpel gesagt: Uns muss klar sein, dass auch schlecht bezahlte Schwule am Bau hackeln und Transfrauen mit Fluchterfahrung in unseren Krankenhäusern arbeiten … sie alle haben nicht nur das Recht auf guten Lohn und ge-rechte Arbeitsbedingungen, sondern auch darauf nicht diskri-miniert und gesellschaftlich abgesichert zu werden. Der Ge-gensatz zwischen der „weißen, heterosexuellen, männlichen Mehrheit“ und den „Randgruppen“ ist konstruiert und ver-schleiert nur die echten Probleme unserer Gesellschaft, die in Wahrheit alle von uns betreffen. Einen Teil der Gesellschaft gegen einen anderen Teil aus- zuspielen ist und bleibt genauso falsch, wie zu glauben, dass wir mit sozialer Absicherung einen Teil des guten Lebens politisch erreichen können, ohne gleichzeitig ein diskrimi-nierungsfreies, selbstbestimmtes Leben umzusetzen. Sozia-


le Themen und Gesellschaftspolitik sind weder Widerspruch noch Konkurrenten, sie gehören zusammen. Vielfalt muss am Ende des Tages, gerade für uns Linke, immer eine sozia-le Frage sein! II.  DER LINKE MYTHOS VON DEN ORCHIDEENTHEMEN Kaum ein Beispiel zeigt diesen schwelenden Konflikt zwi- schen sozialen und gesellschaftlichen Themen wohl aktuell so deutlich, wie die Debatte innerhalb der deutschen Linkspar-tei. Nun ist Sahra Wagenknecht in den letzten Jahren nicht gerade mit sensiblen oder respektvollen Aussagen aufgefallen, wenn es um die Frage von Menschenrechten ging. Mit ihrem neuen Buch sorgt sie aber gerade jetzt für eine neue Welle der Empörung. In  Die Selbstgerechten wendet sich Wagenknecht laut ers- ten Auszügen in den sozialen Medien gegen „immer kleinere und skurrilere Minderheiten“, die den Anspruch hätten, „ein Opfer zu sein“. „Sexuelle Orientierung, Hautfarbe oder Eth-nie dagegen funktionieren immer“, so die Politikerin, wenn es darum geht, in der „Lifestyle-Linken“ Anerkennung zu be-kommen. Linke Parteien helfen  „die Fokussierung auf die Zielgruppe der Lifestyle-Linken und ihre Debatten um Denk- und Sprachverbote sowie Identitätspo-litik nicht […]. Solche Diskussionen werden von einem Großteil der Bevölkerung als abgehoben wahrgenommen und gehen an den Problemen vorbei, die ein normaler Arbeitnehmer in seinem Alltag hat.“ (zit. nach Laubenburg 2021) Wagenknecht steht mit dieser Meinung nicht allein da.  Ihr Buch ist vielmehr Ausdruck eines Diskurses der schon lange innerhalb linker, progressiver und teilweise sogar so-zialliberaler Zirkel schwelt. Dass sie auf diesen Zug auf-springt, sorgt aber zu Recht für Empörung. Nicht nur aus ihrer eigenen Partei und der deutschen SPD schlägt ihr für sol-che Behauptungen Gegenwind entgegen, sondern sogar die AfD mischt sich online mit Freude in den Streit der linken Reichshälfte ein und lobt Wagenknechts Abrechnung mit Identitätspolitik. Worum geht’s wirklich bei den ideologischen Unter- schieden zwischen Links und Rechts? Um unseren Blick auf die Welt. Nicht nur einzelne Teile der Welt, sondern die ge-samte Gesellschaft in der wir leben, arbeiten und existieren.  Schon aus der Tradition linker, sozialdemokratischer und so-zialistischer Bewegungen heraus wissen wir, dass wir nicht ei-nen Teil des Lebens gegen einen anderen ausspielen können. Zu Recht war die Gründungsidee der Sozialdemokratie ja nicht nur, durch gute Löhne und gerechte Arbeitsbedingun-gen für Fortschritt zu sorgen … wir haben immer erkannt, dass zum Leben mehr gehört. Freizeit, Entfaltung, Wissen, die Möglichkeit zu sein und zu leben, wie wir sind – all das ist auch eine soziale Frage und als genau solche nicht zu tren-nen von Wirtschaft, Verteilung und Arbeitswelt. Egal ob wir, wie ich selbst, aus einem Dorf in der Steiermark stammen oder mit Fluchterfahrung nach Österreich gekommen sind, egal ob wir als Frau gegen gläserne Decken im Job ankämpfen oder als schwuler Jugendlicher um Anerkennung in der Leh-re kämpfen. Wenn Wagenknecht also sagt: „Es gibt kein gemeinsa- mes Interesse der Nachfahren von Einwanderern aus muslimi-schen Ländern oder der Homosexuellen oder gar der Frauen, das über die rechtliche Gleichstellung und generelle Nichtdis-kriminierung hinausgeht“ (zit. nach Laubenburg 2021) dann zeigt sie uns vor allem eines: Dass dieser vermeintlich linke Blick auf die Welt in eine Sackgasse gelaufen ist. Der Weg hinaus – und in Wahrheit der Weg nach vorn – kann und wird nur durch ein neues politisches Projekt funktionieren: Ein Projekt, das endlich jeden Bereich unseres Lebens als eine untrennbare, unspaltbare soziale Frage begreift. III.  ÜBER DIE ERSTEN OPFER RECHTER POLITIK Doch bevor wir uns dieser Zukunftsperspektive zuwen- den, hilft ein Blick in die Vergangenheit und Gegenwart. „Nichts ist für eine erfolgreiche Praxis so nützlich, wie eine gute Theorie“, sagte schon Bruno Kreisky zurecht. Und die Basis jeder guten Theorie ist und bleibt die Analyse, das ge-naue Hinschauen auf die Herausforderungen und Probleme einer Gesellschaft. Genau dieses Hinschauen zeigt uns aber eines: In der Geschichte, genauso wie heute, sind es vor al-lem Minderheiten, welche die ersten Opfer rechter Politiken und Diskurse sind. Spalten, auseinanderdividieren und gegen-einander ausspielen – das sind Muster, die so alt sind, wie die Menschheit selbst. Im 20. Jahrhundert haben wir gesehen, zu welch furchtbaren Ergebnissen das führen kann. Als der Vorreiter der Sexualwissenschaft und frühe Gleich- stellungsaktivist Magnus Hirschfeld 1919 in Berlin das welt-weit einzigartige Institut für Sexualwissenschaften gegründet hat,   ZUKUNFT | 7 


 8 | ZUKUNFT  VIELFALT MUSS IMMER EINE SOZIALE FRAGE SEIN!  VON MARIO LINDNER schuf er nicht nur eine wissenschaftliche Einrichtung, sondern auch einen sicheren Ort für Schwule, Lesben und Transper-sonen. Seine Arbeit war, trotz vieler Detailkritik, die sie ver-dient hat, Ausdruck eines Aufbruchs im Berlin der Weimarer Republik. In der zeitgenössischen Literatur sehen wir genau-so wie in Zeitzeug*innen-Berichten, welche Bedeutung diese Stadt insbesondere in den 1920er-Jahren für sexuelle und ge-schlechtliche Minderheiten hatte.  „Die erste schwullesbische Bewegung blühte im Berlin der 1920er Jahre. […]. Bei aller Feindseligkeit entwickelte sich aber auch eine neue Sichtbarkeit gleichgeschlechtlicher Liebe. Sie beschränkte sich auch nicht allein auf das großstädtische Nachtleben.“ (Schymu-ra 2013) So beschreibt beispielsweise Die Zeit das schwullesbische  Leben im Berlin jener Zeit. Trotz des gesetzlichen Verbotes von Homosexualität wur- de dieses Treiben in der deutschen Hauptstadt nicht nur heimlich vollzogen, sondern großteils offen toleriert. Zu poli-zeilicher Verfolgung kam es nur in den seltensten Fällen – vor allem wohlhabende Personen waren davon kaum betroffen. Und so ist es kein Wunder, dass sich genau diese Akzeptanz in Berlin rasch zu einem prominenten Feindbild des Natio-nalsozialismus entwickelte. In Reden hetzte Hitler in ganz Deutschland massiv gegen die „Unzucht“ in der Hauptstadt, mit der Machtergreifung der Nazis endete das Wegschau-en der Polizei praktisch sofort und Hirschfelds Institut (und mit ihm das erste queere Archiv Europas) wurde im Mai 1933 geplündert und von der SA in Brand gesteckt. „Bekannte“ Schwule und Lesben wurden in den dunklen Jahren danach verfolgt, inhaftiert und in vielen Fällen in Konzentrationsla-gern ermordet. Nach der Befreiung vom NS-System endete die Verfolgung aber nicht: Viele Gerichtsverfahren, die noch unter Nazi-Herrschaft vor allem gegen schwule Männer be-gonnen wurden, setzten sich auch in Österreich nach 1945 fort – Vorstrafen wurden nicht erlassen und die Stigmatisie-rung blieb aufrecht. Erst 1971 schaffte Österreich das Total-verbot von Homosexualität unter Erwachsenen ab, als Opfer-gruppe des Nationalsozialismus wurden Schwule erst in den 1990er-Jahren anerkannt. Die Verbrechen, die Minderheiten unter nationalsozialis- tischer Herrschaft angetan wurden, sind beispiellos und dür- fen nicht verharmlost werden. Aber gerade für all jene, denen Vielfalt und Gleichheit heute ein Anliegen sind, ist es wich-tig, die Muster zu erkennen, die dahinterstecken. Muster, die auf Ausgrenzung und Spaltung basieren. Muster, die wir auch in unserer heutigen Gesellschaft wiederfinden – überall dort, wo Herrschaft oder Herrschaftsansprüche auf einer auseinan-derdividierten Gesellschaft beruhen. Es reicht ein Blick nach Polen, um genau das zu sehen: Denn es ist kein Zufall, dass in diesem Land undemokratische Strukturen, die Verfolgung po-litischer Gegner*innen und massiver Sozialabbau unter dem Deckmantel von Gesellschaftspolitik durchgepeitscht werden. In einem Land, in dem sich mehr als ein Drittel der Regio-nen als „LGBT-freie Zonen“ bezeichnen, Minderheiten ver-folgt und die Reproduktionsrechte von Frauen am laufen-den Band attackiert werden, können wir dieses Muster rechter Politik deutlich erkennen. Dasselbe gilt für Ungarn, wo Or-ban seine Umgestaltung des Staates durch Angriffe auf Roma und Sinti, sowie die LGBTIQ-Community verschleiert und wo erst Ende 2020 die Entrechtung von transidenten Personen in der Verfassung verankert wurde. Wir sehen dieses Muster in der Rhetorik und Politik Trumps genauso wie in der Herr-schaft Putins in Russland und Bolsonaros in Brasilien. Und wir sehen sie auf ganz perverse Art zum Beispiel auch in den Niederlanden, wo Rechte den vermeintlichen „Schutz von Homosexuellen“ als Waffe gegen Migrant*innen und insbe-sondere Muslim*innen nutzen. Diese und viel zu viele andere Beispiele zeigen, dass rechte  Diskurse nicht davor zurückschrecken, Fragen von Emanzipa-tion und Selbstbestimmung mit sozialen Fragen zu verknüpfen … wenn es ihrem Ziel der Herrschaft durch Spaltung dient. Gerade deshalb darf die Linke nicht den Fehler machen und genau diesen Diskurs der Spaltung wiederholen. Wir dürfen uns nicht hinreißen lassen, egal ob aus Mutlosigkeit, Hilflosig-keit oder Ideenarmut, ein Konzept der Spaltung zu überneh-men. Unser Zugang muss ein radikal anderer sein. IV.  FÜR EINE POLITIK DER RADIKALEN SOLIDARITÄT Als Linke müssen wir das Rad nicht neu erfinden. Wir  sind heute nicht die ersten, die vor der Frage stehen, wie wir soziale und gesellschaftliche Kämpfe verknüpfen können, um zu einem guten Leben für wirklich ALLE zu kommen. Die Emanzipation des Individuums, also die Möglichkeit frei und 


 ZUKUNFT | 9  selbstbestimmt leben zu können, bedarf immer sozialer Absi-cherung. Das war schon Johanna Dohnal und Bruno Kreisky bewusst. Sie haben ihre gesellschaftliche Koalition ganz be-wusst gestärkt, indem sie beispielsweise die Absicherung von Bäuer*innen zu einem zentralen, sozialpolitischen und fe-ministischen Anliegen gemacht und mit traditionellen Kli-schees der österreichischen Innenpolitik gebrochen haben. Und diesen Zugang verfolgen heute unzählige internationa-le Politiker*innen und Aktivist*innen, für die es inzwischen (zum Glück) selbstverständlich ist, radikale Sozial- mit radika-ler Emanzipationspolitik zu verbinden: „Pride is about honoring the community workers, the people who work in the clinics, the community organizers, the people who work with LGBT youth, the people who are fighting to make sure it’s not just about marriage equality but about quality of life for all peo-ple in the community, everybody.“ (Ocasio-Cortez 2019) Dies sagte zum Beispiel Alexandria Ocasio-Cortez im  Zuge ihrer Rede auf einer Pride-Kundgebung in New York 2019. Damit bringt sie auf den Punkt, was linke Gleichstel-lungspolitik heute sein muss: Ein Projekt der radikalen Solida-rität, das die Qualität jedes Lebens ins Zentrum stellt. Etwas, das mich in diesem Zusammenhang bis heute be- wegt, ist der Film Pride. Er erzählt die wahre Geschichte von Londoner Schwulen und Lesben, die im Widerstand gegen die Angriffe Margaret Thatchers auf die junge LGBTIQ-Com-munity in den 1980er-Jahren die Solidarität mit anderen mar-ginalisierten Gruppen finden. Sie sammeln Geld für eine Ge-meinde von Minenarbeiter*innen, die durch die radikale Politik der konservativen Regierungschefin gefährdet werden und in Angst vor der Schließung der Mine leben müssen, die der ganzen Stadt eine Existenzgrundlage gibt. Zwischen die-sen Gruppen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, formt sich ein Band der Solidarität, das am Ende dazu führt, dass die Minenarbeiter*innen die frühen Demonstrationen für die Rechte von Schwulen und Lesben in London unterstützen. Sie entwickeln ein Verständnis davon, dass, obwohl ihre Le-bensrealitäten und politischen Forderungen verschieden sind, sie gemeinsame Opfer eines Systems der gesellschaftlichen und sozialen Unterdrückung wurden … und sie gemeinsam stärker gegen ihre jeweiligen Probleme vorgehen können. Aus den historischen Ereignissen, die diesem bewegenden Film zugrunde liegen, entwickelte sich ein Bündnis zwischen bri-tischen Gewerkschaften und den Organisationen der LGBTIQ-Community, das bis heute andauert und für beide Gruppen  große Erfolge erzielen konnte. Nicht umsonst waren es die britischen Gewerkschaftsverbände, die bis vor kurzem traditi-onell den Eröffnungsblock der Londoner Pride-Demonstrati-onen bildeten. Genau solche Projekte gab und gibt es auch in Öster- reich. Eines der inspirierendsten bleibt für mich das zweite Frauen*Volksbegehren. Unter dem Motto „Eines für alle“ ver-folgten die Aktivist*innen dabei einen Kurs der Inklusion in dem soziale Fragen, wie die Forderung nach gleichen Löh-nen selbstverständlich und logisch neben gesellschaftlichen, wie gelebter Antidiskriminierung und gerechter Verteilung von Macht, standen. Verbunden wurden dabei Fragen von Fe-minismus, Migration und Sexualität mit mutiger Sozialpolitik, wie der Forderung nach einer allgemeinen Arbeitszeitverkür-zung … für ALLE. Und dabei hat es uns genau das vorgelebt, was linke Gesellschaftspolitik tun muss: Nicht Emanzipation fördern, um möglichst viele, getrennte Gruppen nebeneinan-der zu bilden – sondern durch Emanzipation allen Kämpfen eine Stimme geben und genau diese Kämpfe hinter gemein-samen politischen Forderungen zu versammeln, die das Leben aller verbessern. V. CONCLUSIO „There is no such thing as a single-issue struggle, because  we do not live single-issue lives.“ Auf dieses wegweisende Zitat von Audre Lorde bezieht sich Elisabeth Lechner und schreibt in ihrem Beitrag #EinesFürAlle – Intersektionalität im Frauen*Volksbegehren 2.0 zu recht: „Feministische Kämpfe können sich nicht nur mit Geschlecht be-schäftigen, sie müssen andere Ungleichheit generierende Strukturen und Identitätsmarker wie Race [sic!], Klasse, Nationalität, Religi-on, Sexualität, Alter und Behinderung mitdenken, um der Kom-plexität unserer ‚multi-issue‘-Leben gerecht zu werden.“ (Lech-ner 2020: 70) Das Frauen*Volksbegehren und viele andere, österreichische  und internationale Projekte wie dieses zeigen uns klar, dass wirksamer Kampf um soziale und gesellschaftliche Anerken-nung nur Hand in Hand mit dem Kampf gegen soziale Un-gleichheit funktionieren kann. Wir brauchen beide Zugänge zusammen und logisch verknüpft, um echte Veränderun-gen für alle Menschen zu schaffen. Wir brauchen ein Pro-jekt der radikalen Solidarität, um ein gutes Leben für ALLE zu schaffen.


 10 | ZUKUNFT  VIELFALT MUSS IMMER EINE SOZIALE FRAGE SEIN!  VON MARIO LINDNER 1.   LGBTIQ steht für die Community von Lesben, Schwulen, Bisexu- ellen, intergeschlechtlichen, transidenten und queeren Menschen – also all jenen, die durch ihre sexuelle Orientierung oder Geschlecht-sidentität nicht dem heteronormativen Weltbild entsprechen. LiteraturLaubenburg, Frank (2021): Sahra Wagenknecht macht „skurrile Minder- heiten“ verächtlich, in: Mannschaft Magazin, online unter: https://mannschaft.com/sahra-wagenknecht-widerlich-nicht-nur-vorm-hintergrund-zunehmender-gewalt-gegen-queers/ (letzter Zugriff: 22.04.2021). Lechner, Elisabeth (2020): #EinesFürAlle – Intersektionalität im  Frauen*Volksbegehren 2.0., in: Baran-Szoltys, Magdalena/Berger, Werner (Hg.): Überforderungen. Wie feministischer Aktivismus ge-lingt, Wien: Kremayr & Scheriau, 70–74.  Ocasio-Cortez, Alexandra (2019): Twitter-Post vom 23. Juni 2019, online  unter: https://twitter.com/AOC/status/1142857778815524865?ref_src=twsrc%5Etfw (letzter Zugriff: 22.04.2021).  Schymura, Yvonne (2013): Hexensabbat für Schwule und Lesben. Der  Christopher Street Day in deutschen Städten gehört zum Sommer wie die Hitze. Die erste schwullesbische Bewegung blühte im Berlin der 1920er Jahre, in: Die Zeit, online unter: https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2013-08/homosexuellenbewegung-berlin-zwanziger-jah-re/komplettansicht (letzter Zugriff: 22.04.2021).  MARIO LINDNER  ist Abgeordneter zum Nationalrat und Sprecher der SPÖ für Gleich- behandlung, Diversität und LGBTIQ. Seit 2017 ist er Bundesvorsitzender  der sozialdemokratischen LGBTIQ-Organisation SoHo Österreich.


 ZUKUNFT | 11  TransMasc (Serie 1–8)   #1 (2019) Öl auf Leinwand 200 x 101 cm OFFERUS ABLINGER


 12 | ZUKUNFT  HART UND STABIL: SOZIALDEMOKRATISCHE INTEGRATIONSPOLITIK  VON NURTEN YILMAZ I. EINLEITUNG Vielfalt ist. Sie ist einfach. Sei es in der Arbeit, im alltäg- lichen Leben oder in jedem anderen sozialen Bereich: Wir Menschen sind divers und vielfältig. Wir haben unterschied-liche Herkünfte, Merkmale, Geschmäcker, Geschlechter, Er-fahrungen, Erstsprachen und Begehren. Das ist so selbstver-ständlich, dass ein Punkt dabei oft unverständlich bleibt: Es gibt unterschiedliche Unterschiede, weil manche Unterschie-de auf gleicher Höhe verhandelt werden (du magst Vanille-, ich Schokoeis). Und manche Unterschiede wiederum tief eingelassen sind in staatlich überformte Macht- und Herr-schaftsstrukturen, worüber nicht nur gesamtgesellschaftliche Ungleichheiten reproduziert werden, sondern auch Individu-en selbst entlang dieser Achsen symbolischer Macht und Ge-walt ausgesetzt sind: Abwertung, Scham, Unsichtbarkeit und Unsicherheit. Als Sozialistin und Feministin ist mir wichtig, nicht beim  Beschreiben von Vielfalt stehen zu bleiben. Oder gar Viel-falt einfach abzufeiern. Es gibt „differences, that make a dif-ference“ in der Zuweisung von Chancen, Möglichkei-ten und Machtpositionen. Es ist genau unsere Aufgabe als Arbeiter*innenbewegung die sozialen, rechtlichen und öko-nomischen Verhältnisse so umzubauen, damit wir endlich eine „Gesellschaft der Freien und Gleichen“ etablieren, in welcher Unterschiede einfach Unterschiede sein können. Ohne Ab-wertung, Ausschlüsse, Erniedrigung und Ausbeutung. Der emanzipatorische Einsatz für Teilhabe, rechtliche Gleichstel- lung, Anerkennung und die Überwindung von Schicht- und Klassenverhältnissen laufen dabei immer ineinander, ergän-zen und unterstützen sich entlang einer Leitschnur: Gleich-heit und Freiheit für alle. Darum ist es strategisch wichtig, dass wir uns nicht auf- halten bei einem Politiknarzissmus der kleinen Differenz und politische Kleingärten beackern, die sich zu noch kleineren Schrebergärten ausdifferenzieren. Im Gegenteil. Es gilt Bernie Sanders Imperativ – „Bring people together“ – als Auftrag ernst zu nehmen und über eine verbindende Klassen- und Gesellschaftspolitik die Achsen der Ungleichheit auszuhebeln. Über eine Politik, die alle mitnimmt und niemanden zurück-lässt. Nachfolgend versuche ich als SPÖ-Integrationsspreche-rin diese Aufgabe für einen Unterschied durchzudeklinieren, der von zentraler Bedeutung für die politische Auseinander-setzung in Österreich ist: Die Unterscheidung nach Herkunft. II.  FALSCHE FRAGEN Kennt ihr die „Integrationsfrage“? Sie taucht oft gemein- sam mit ihrer Schwester, der „Migrationsfrage“, in innenpoli-tischen Zirkeln auf. Dort, wo sich Journalist*innen eine über-bezahlte Beraterzunft und Facebook-Politiker*innen über „Linien“ und „Positionen“ unterhalten. Wobei nicht klar wird, was überhaupt gefragt wird. Und auch darauf verzich-tet wird, die Fragen konkret auszubuchstabieren. Aber eine Antwort sei dringend und längst ausständig. Und beantworten  Hart und stabil:  Sozialdemokratische  Integrationspolitik Der Beitrag von  NURTEN YILMAZ  diskutiert unterschiedliche Aspekte der gesellschaftlichen Vielfalt und bringt so die  wichtigsten Aspekte der sozialdemokratischen Integrationspolitik auf den Punkt …


 ZUKUNFT | 13  heißt in diesem Politikverständnis meist: Restriktive Signa-le „kommunizieren“ und Integration mit Migration und Si-cherheit mixen. Oder Integration als Migrationsmanagement betrachten. Und Grenzen, ganz wichtig, weil Schutz und Si-cherheit. Man müsse „näher hinsehen“, „realistisch sein“, „Verständnis zeigen“ und ja nicht „überfordern“. Dieser Zu-gang – im Grunde nur eine Ansammlung von Überschriften – wird dann von anderen aus dieser Bubble als harte, konse-quente Linie gelobt, wodurch im Umkehrschluss alle ande-ren in der Integrationspolitik, die pragmatisch, evidenzbasiert, werteorientiert und zuversichtlich arbeiten, als weltfremd er-scheinen (sollen). III.  ABSTRAKTE SACKGASSEN Diese Fragerei ist aber so naiv. Sie ist Ausdruck eines He- rumeierns auf der Metaebene, das allen „Menschen da drau-ßen“ schon so zum Hals raushängt. Instrumentalistisch wird darin eine „Position“ in der sogenannten „Integrationsfrage“ gesucht – als wären wir Sozialdemokrat*innen nicht immer schon klar auf Seiten der Vielen positioniert, auf Seiten der vielfältigen Arbeitnehmer*innen. Allein, dass man Integrati-on zur Frage erklärt – und nicht ausgeht von der Normalität als Migrationsgesellschaft – zeugt von einer Unsicherheit, die sich oft in einer sozialdemokratischen Sprachlosigkeit nieder-schlägt. In der Angst Falsches zu sagen. Und im Übernehmen gegnerischer Diskurse und Argumentationen. Das bringt uns aber nicht weiter. Migration und Integration zur abstrakten Frage hochzu- stilisieren ist genauso naiv wie die liberale Bearbeitung kul-tureller Differenzen. Im Sinne von: Koche und tanze deine Heimat und Flagge. Integration ist aber kein Ausflug ins „Di-versity-Disneyland“, wo man sich durch ethnische Vielfalt durchkostet, aber die Putzfrau noch nie zu Gesicht bekom-men hat, geschweige denn ihren Namen aussprechen kann. Während die Liberalen kulturelle Differenzen und Ethnizität für den „Wirtschaftsstandort“ verwerten, dazwischen Dialoge abhalten und/oder Toleranz einfordern, sind es auf der ande-ren Seite die Nationalist*innen aller Herkunftsländer, die kul-turelle und ethnische Differenzen ungleich und repressiv auf-laden, um im Namen der Homogenität am autoritären Staat zu basteln. Von beiden Zugängen grenzen wir uns ab, weil wir  Sozialdemokrat*innen harte Interessenspolitik für die Vielen machen. Über eine verbindende Klassen- und Gesellschafts- politik bringen wir alle zusammen: Die, die unser Land täglich vorwärtsbringen. Die, die es sich nicht richten können. Und die, die an eine bessere Zukunft glauben und daran arbeiten. Wir organisieren sie, wir organisieren uns. Wir richten uns auf. Unsere Integrationspolitik ist somit Teil eines gemeinsa-men Einsatzes für kollektive und individuelle Ermächtigung – nicht nur für die „Neuen“ im Land, sondern für uns alle. Unser politisches Terrain ist die Ökonomie, sind Machtver-hältnisse, das Ringen um gleiche soziale und politische Rech-te und der Einsatz für Respekt, Anerkennung, Demokratie und Teilhabe. Es nützt nichts bei kulturellen Differenzen, ir-gendwelchen „Fragen“ oder PR-Slogans hängen zu bleiben. Es braucht „real talk“ und glaubwürdiges Engagement. IV.  UNSERE HERKUNFT, SPRACHE UND KULTUR Was also als abstrakte „Integrationsfrage“ zwischen Libe- ralen, Nationalisten und Beratern als heiße Kartoffel hin- und hergeschoben wird, ist als feministische Sozialistin ganz leicht zu beantworten, wenn man die Scheindebatten hinter sich lässt und an die Wurzeln ungleicher Verhältnisse und Chan-cen vordringt. Wenn man in die Stätten der Produktion und Dienstleistungen geht. Dort, wo diese Kartoffeln geerntet und für unsere Mittagsmenüs hergestellt werden. Dort, wo man gemeinsam schwitzt, tüftelt, schuftet und entwirft. Das ist un-sere sozialdemokratische Herkunft. Wir kommen vom Wien-erberg, wo unsere Partei wesentlich als Selbstorganisation der sogenannten „Ziegelböhm“ entstanden ist. Wir kommen, wie meine zugewanderten Eltern, aus den Fabriken Österreichs. Und wir stammen von überall dort, wo man miteinander ar-beitet, zusammensteht, gemeinsam werkt und Zukunft baut. Wir sprechen die vielen Sprachen der Straßen, Großküchen und Baustellen unseres Landes. Und wir sprechen die Spra-che der Solidarität. Und auch wenn grammatikalisch nicht al-les immer stimmt, sind wir Roten doch das Sprachrohr all je-ner, die als die wirklichen Leistungsträger*innen unser Land täglich am Laufen halten. Nicht nur während Corona. Und Lohnarbeit ist dynamisch, sie ist in Bewegung und war und ist immer schon migrantisch. V. WIR  SIND MIGRANTISCH UND STABIL Der burgenländische Pendler, die rumänische Arbeits- migrantin oder der Südtiroler Student. Wir sind als Partei in Bewegung immer schon die Vertretung jener, die in Bewe-gung sind. Wir migrieren, weil wir lernen wollen und ha-ckeln müssen. Weil wir uns etwas aufbauen für uns, unsere 


 14 | ZUKUNFT  HART UND STABIL: SOZIALDEMOKRATISCHE INTEGRATIONSPOLITIK  VON NURTEN YILMAZ Kinder und Enkel. Und wir alle brauchen eine stabile Vertre-tung unserer gemeinsamen Interessen, unabhängig von Her-künften oder Geburtsorten. Deshalb tun wir uns zusammen. Deshalb vertreten wir als Gewerkschaft und Partei jene 95  % der Gesellschaft, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Ob als EPU oder Arbeitnehmer*in. Und dabei ist es egal, welche Erstsprache, welchen Pass oder welche Hautfarbe jemand hat. Denn das ist unsere Kultur: Füreinander einstehen und aufste-hen, aufeinander schauen und die Hände reichen, wenn je-mand einmal stolpert. Einfach: Respekt für alle Menschen. Wir SIND die Menschen „da draußen“, ohne die jede Pflege-einrichtung schließen müsste. Ohne die keine Baustelle je-mals fertig wird. Wir sind die, die unser Land ausmachen und in Gang halten. VI.  SOZIALE OFFENSIVE UND ERMÄCHTIGUNG Als Ottakringer SPÖ-Abgeordnete repräsentiere ich auch  nicht die Türken oder die Muslime, sondern bin für alle da und organisiere die vielfältigen Vielen gegen jene, die uns gegen-einander aufbringen. Beide – das Kapital und die rechten Nationalist*innen aller Länder – spalten und verunsichern, um Ungleichheit voranzutreiben und die ungleichen Verhält-nisse zu bewahren. Es ist unsere historische Aufgabe als Par-tei soziale Sicherheit und Kooperation durchzusetzen, auch indem öffentliche Infrastruktur die sozialen und politischen Rechte aller Menschen ermöglicht. Und diese zusammen-bringt. Gute, ermächtigende Integrationspolitik erleichtert das Zurechtfinden und Ankommen in Österreich. Vom ersten Tag an. Aber unsere Integrationspolitik ist als Teilhabepolitik darüber hinaus immer Gesamt-Gesellschaftspolitik, weil wir soziale und politische Teilhabe und individuelle Selbstbestim-mung für ALLE Menschen im Land durchsetzen wollen. Nicht umsonst heißt es in unserem Welser Parteiprogramm: „Sozial-demokratische Integrationspolitik arbeitet aktiv an der gesell-schaftlichen Teilhabe und Mitbestimmung aller Menschen – egal ob hier geboren oder nicht.“ Das ist unser Spirit. Damit hebelt man auch den spalteri- schen Sozialchauvinismus („Ihr kümmerts euch nur um die Ausländer/Flüchtlinge!“) aus: Wir gehen in die soziale Offen-sive für alle und investieren in den sozial-ökologischen Um-bau, damit niemand zurückbleibt und es allen besser geht. Ermächtigende Integrationspolitik heißt in der Bildung mas-siver Ausbau öffentlicher, ganztägiger Bildungseinrichtun-gen, in der individuell supportet und gemeinsam gelernt wird. Beste Bildung für alle, kein Kind zurücklassen. Wenn  wir Sozialdemokrat*innen Integrationsmaßnamen wie das Ju-gendcollege (Stadt Wien) oder das Integrationsjahr (Stöger/Duz-dar) installieren, dann wollen wir „Integration von Anfang an“ und die Bedingungen fürs Ankommen und Weiterkom-men schaffen. Keine paternalistische Hilfe, sondern öffentli-che Strukturen für soziale Emanzipation. Deutschkurse sollen z. B. leicht zugänglich sein, methodisch an den Lebenswel-ten der Lernenden ansetzen, ermächtigen und von gemein-samer Zuversicht getragen sein – und nicht als repressives Mittel dienen, noch mehr Hürden zur Teilhabe einzuzie-hen (Wohnungsmarkt, Sozialhilfe, etc.). Ermächtigende Inte-grationspolitik heißt hinsichtlich der Geschlechterverhältnis-se klare Kante für Frauenrechte und Gleichstellung. Immer und überall. Egal wo, egal welcher Pass, egal welches religi-öse Bekenntnis oder Herkunftsland. Kein Wegschauen oder „falsche Toleranz“, sondern solidarisches Eintreten für öko-nomische Selbstbestimmung, Gleichheit, individuelle Freiheit und höhere Löhne im migrantisch geprägten Care-Bereich. Unsere Integrationspolitik ist Einsatz für weibliche, migran-tische Sichtbarkeiten, feministische Bubenarbeit und soziale Gleichstellung zugleich. Wir zeigen nicht mit dem distanzier-ten, moralischen Finger oder dreschen symbolisch hin, son-dern bilden langfristige (Frauen-)Banden der Emanzipation. VII. GEGEN ALLE PARALLELGESELLSCHAFTEN Private Krankenhäuser, private Schulen und elitäre Wohn- viertel. Die oberen 5 % grenzen sich gerne ab und ein, bilden „gated communities“. Egal ob am Wörthersee, in der ÖVP-Spendenliste oder im 1. Bezirk. Wir Roten wollen diese Paral-lelgesellschaften nicht. Wir wollen auch nicht, dass Menschen aus Tirol oder Syrien unter sich bleiben und irgendwelche kulturellen Inseln in Wien ausformen. Unsere ganze Kom-munalpolitik zielt darauf ab, dass wir öffentliche, inklusive Räume für alle schaffen. Für Begegnung, Teilhabe, Freiheit, Bildung und Gestaltung. Fürs Zusammenleben und Zusam-menkommen. Eine Stadt ist keine Aneinanderreihung von ethnischen oder sprachlichen Kulturcontainern, die nebenei-nander herumstehen. Wer in Wien ist, ist Wiener*in. Punkt. Und ausgehend von dieser Präsenz und Gleichheit bauen wir miteinander unsere Stadt weiter. Im Umkehrschluss heißt das natürlich auch: Wer neu in Wien ist, von dem oder der wird auch erwartet, dass er und sie sich als Wienerin und Wiener einbringt und mitmacht. Deshalb ist Community überall dort, wo im Grätzl oder  im Verein verschiedenste Menschen zusammenfinden und 


 ZUKUNFT | 15  das Gemeinsame anpacken und weiterentwickeln. Das ist un-ser Verständnis von Community: die Kommune in Zuver-sicht gestalten. In diesem Verständnis von Community sind lokale Präsenz, Vielfalt in Zusammenhalt, kollektives Engage-ment und Stärke miteinander verwoben – es wird nicht nach Geburtsorten, Sprachen oder Bekenntnissen aus- und einge-grenzt. Diese ganzen (meist) Männer, die von sich behaup-ten, diese oder jene erstsprachliche, religiöse oder ethnische „Community“ zu vertreten – einfach Nein. Diese veraltete Repräsentationspolitik bringt uns politisch nicht weiter, weil sie auch das Aufbrechen von patriarchalen und kulturalistisch-nationalistischen Strukturen erschwert. Wir wollen ja gerade Frauen, Mädchen, Jugendliche und Kinder in ihrem demo-kratischen Selbstbewusstsein stärken, damit sie für sich selbst sprechen und sich einbringen. Und nicht nur mitgemeint sind. Deshalb machen wir als SPÖ ständig Hausbesuche. Wir klappern Wohnung für Wohnung ab, um direkt mit unseren Leuten ins Gespräch zu kommen. Das ist also unsere politi-sche Sprache: Ermächtigung, Individualität, Feminismus und Sozialismus. Ganz einfach.  VIII. GRENZEN ZIEHEN Was also tun, wenn das nächste Mal ein*e  Sozialdemokrat*in eures Vertrauens hadert und zögert, abs-trakt über irgendeine „Frage“ sinniert, keine adäquate Sprache findet oder Anleihen bei politischen Gegner*innen nimmt? Erstens: Sagen, was ist. Wir sind Einwanderungsland und Mi-grationsgesellschaft. Wir organisieren uns in Partei und Ge-werkschaft als vielfältige Arbeitnehmer*innen in Bewegung unabhängig von Herkünften, Geburtsorten und Erstsprachen. Ein Wappler ist ein Wappler, egal woher er kommt. Individu-elle Freiheit sticht jede Kultur, Tradition oder Religion. Mi-sogynie, Sexismus und Patriarchat sind überall zu bekämp-fen. Als Kraft der Gleichheit und Demokratie setzen wir den Rassist*innen aller Länder klare Grenzen. Und diese Grenzen sind zu markieren und politisch zu vertreten, gegenüber den einheimischen Nationalist*innen genauso wie den zugewan-derten. Weil, machen wir uns nichts vor, ein typischer FPÖ-Funktionär ist vom Mindset eines „Freizeitislamisten“ nicht weit entfernt (Autoritarismus, Rassismus, Frauenfeindlich-keit, Ethnonationalismus, etc.). Hier gibt es keine Koopera-tion, kann es nicht geben. Das sind politische Gegner*innen, alle zusammen. Wir Roten sind nicht die besseren Menschen. Und ja,  wir haben politische Fehler gemacht. Aber unser Herz schlägt  überall dort, wo Menschen aufeinander schauen, miteinander reden, füreinander einstehen und auch gemeinsam aufstehen. Das ist unsere Leitkultur. Wir sind die politische Schutzmacht all jener, die in den Krankenhäusern, Baustellen, Betrieben und Co-Working-Spaces unser Land am Laufen halten. Ohne uns Arbeitnehmer*innen und Migrant*innen steht die Müh-le. Und deshalb muss klar sein, wofür die SPÖ steht und wen wir vertreten. Standhaftigkeit erzeugt Vertrauen, macht uns gemeinsam stolz. IX.  KLARHEIT SCHAFFEN Es geht darum Klarheit zu schaffen und Teilhabe zu or- ganisieren. Wir haben verschiedene Herkünfte und vielleicht auch Heimaten, uns eint aber das Ziel einer gemeinsamen, besseren Zukunft. Für Österreich, für uns, unsere Kinder und Enkel. Österreich ist unser aller Land. Integrationspolitik ist für uns Sozialdemokrat*innen die Schaffung von Strukturen sozialer und politischer (Selbst-)Ermächtigung, nicht die Be-schämung und das Erniedrigen von Individuen aufgrund kon-statierter (Deutsch-)Defizite. Wir bringen Menschen zusam-men, trennen sie nicht nach Klassen. Unsere Kultur ist der Zusammenhalt, unsere Sprache das Miteinander und unse-re Tradition der Widerstand gegen jede Herrschaft und Aus-beutung. Seit über 130 Jahren. Schluss mit dem Integrations-Kulturalismus, dem herablassenden Schauen auf „die Neuen/die Anderen“. Sprechen wir über Teilhabe, Gleichheit, De-mokratie, Arbeit, Machtverhältnisse und politische Rechte. Sprechen wir über Gesellschaft und uns alle. Wir Roten sind immer schon dort aktiv, wo Facebook-Politiker*innen und Konservative nur abfällig und selbstgefällig hinschauen. Und hintreten. Für uns gilt: Nicht wegducken, sondern stabil blei-ben. Ob im Betrieb, auf der Straße oder in der Schule. Wir treten hart und konsequent all jenen entgegen, die uns Men-schen und Arbeitnehmer*innen entlang unserer Herkünfte, Erstsprachen, Geburtsorte, Pässe, Bekenntnisse und Hautfar-ben spalten wollen. Und sie wollen spalten, weil sie unsere ge-meinsame Stärke fürchten. Und sie fürchten zu Recht. NURTEN YILMAZ  ist gelernte Starkstromtechnikerin, Nationalratsabgeordnete aus   Ottakring und Integrationssprecherin der SPÖ.


 46 | ZUKUNFT  MALEREI, INSTALLATION, PERFORMANCE UND BEWEGTES BILD  VON OFFERUS ABLINGER I. EINLEITUNG In meiner künstlerischen Analyse greife ich sozialpoliti- sche Themen auf, die für mich relevant für ein Zusammen-leben in unserer Gesellschaft sind und strukturelle Mechanis-men aufzeigen. In dieser prozessorientierten Vorgehensweise kreiere ich neue Entwürfe, wie z. B. zum Thema Gender (Männlichkeit) und Klassendenken. Gleichzeitig versuche ich die Frage von queerer Identität zu untersuchen sowie Aus-grenzung durch Klassismus bewusst zu machen. Meine „Cy-borgs“ sind Blaupausen einer Möglichkeit der ZUKUNFT und sollen Denkanstöße liefern. Wir brauchen neue Geschichten, wir brauchen die Kraft Neues zu imaginieren, wir brauchen die Fiktion und vor allem brauchen wir auch Themenfel-der, auf denen Neues ausverhandelt, im respektvollen Um-gang ausgelotet und diskutiert werden kann. Mein künst-lerisches Schaffen umfasst die Medien Malerei, Installation, bewegtes Bild und  Performance. Ich verfolge dabei immer das Ziel, formell Altes aufzubrechen und neu zusammenzustel-len. So beeinflussen sich alle Medien, die ich bediene, gegen-seitig und es kommt zu neuen und in die Breite angelegten Ausdrucksstärken. II.  ÜBER DIE AKTUELLE ARBEIT „TRANS/MASC“ Der Inhalt meiner aktuellen Arbeit Trans/Masc  handelt  von Männlichkeitsbildern der queeren Subkultur und deren  Streuwirkung auf den Mainstream. Meine langjährige, ver-tiefte Praxis in diesem weiten Themenfeld hat eine eigenstän-dige Form gefunden, die in meinen installativen Projekten zum Ausdruck kommt. Die Beobachtung von Gegensätzen und auch Missständen bzw. die Kehrseite von schwul/quee-rer Subkultur, welche auch das Clubleben beinhaltet, war im-mer wieder das, worum sich meine Gedanken drehten, eine Faszination auf mich ausübte und Gegenstand meiner Unter-suchung wurde.  Die Einzelschicksale in dieser Subkultur machen diesen  Platz zu einem Schmelztiegel. Als junger schwuler Mann musst Du dich, vor allem im urbanen Umfeld, schon früh mit Exzessen, Drogen, Absturz, Suizid, körperlicher und psy-chischer Gewalt, Prostitution und Kriminalität auseinander-setzen. Es sind jene intersektionalen Menschen dieser Sub-kultur, die ausschlaggebend für meine Arbeit sind. Hier wird sich in Szene gesetzt, oft übertrieben geacted, inszeniert, per-formt, wie bei Drag und Camp. Für meine künstlerische Analyse verwende ich eine Art  transhumanistische Science-Fiction-Schablone. Das Medi-um „Malerei“ wurde von mir bewusst gewählt, da es in mei-ner Arbeit als eine Art Zeitkapsel fungieren soll. Männlich-keitsbilder wurden in der Vergangenheit immer schon über Gemälde bzw. Ölgemälde transportiert. Mir geht es nun da- Malerei, Installation,  Performance und   bewegtes Bild OFFERUS ABLINGERS  interdisziplinäres und prozessorientiertes Schaffen dreht sich um das Themenfeld Maskulinität,  Subkultur und deren Streuwirkung auf den Mainstream. Mit Hilfe von Körpererweiterungen, Körperoptimierungen, Modifika-tionen, Cyborgs und Technologie werden in seinen Gemälden gesellschaftliche Kodierungen aufgebrochen, kritisch hinter-fragt, neu interpretiert und Körpergrenzen neu ausgelotet. Der Künstler präsentiert mit dieser Ausgabe der ZUKUNFT sein bemerkenswertes Projekt  Trans/Masc …


Open Studio / Creative Cluster Castelligasse 9, 1050 Wien 24.06.2021-27.06.2021  ZUKUNFT | 47  rum, das klassische Ölgemälde zu brechen und im Zuge des-sen neue Kodierungen von Männlichkeit zu entwerfen. Ein Gemälde sollte auch ein Spielfeld von Interpretationen zulas-sen und somit auch eine Art Identifikation bzw. das Reflek-tieren des/der Betrachter*in beinhalten. III. WIR SIND OFT ZU UNSERER EIGENEN   SCIENCE-FICTION GEWORDEN Ganz in diesem Sinne ist Transhumanismus ein äußerst  aktuelles Thema und wir befinden uns mitten in einer dies-bezüglichen Entwicklung. Wo fängt in Zeiten von Digita-lisierung eine Körpererweiterung bzw. -optimierung an? Smartphone? Augen-OPs? Brillen … Wir brauchen neue Ge-schichten, stellte Donna Haraway in ihrem Essay A Cyborg Manifesto  von 1985 fest. Die Männlichkeitsbilder in meinen Darstellungen sollen Zeichen im Wandel einer neuen Zeit sein. Offerus Ablinger  ©  Offerus Ablinger https://www.offerusablinger.com/  Die nächste Ausstellung: 


 48 | ZUKUNFT  Ausstellungsansicht TRANSMASC, xHibit, Wien, 2020 Offerus Ablinger  ©  Offerus Ablinger


 ZUKUNFT | 49  OFFERUS ABLINGER


AUCH IM V A VERLA G ERSCHIENEN  50 | ZUKUNFT  VERANSTALTUNGSANKÜNDIGUNG Die Sendungen zu den monatlichen Schwerpunkten der  ZUKUNFT finden am letzten Dienstag des Monats in Koopera-tion mit der Wiener Bildungsakademie statt und werden auf der Facebook-Seite, dem Youtube-Kanal und dem Twitch-Kanal der WBA übertragen. 25.05.2021: LGBTIQ – VIELFALT ALS SOZIALE FRAGE Die Frage nach sexueller und geschlechtlicher Vielfalt  steht seit jeher auf der Agenda linker und progressiver Debat-ten – in den letzten Jahren hat diese Frage aber an besonderer Bedeutung gewonnen. Während neoliberale Logiken versu-chen, durch Pinkwashing den Kampf für ein freies, selbstbe-stimmtes Leben zu vereinnahmen, müssen wir umso mehr darüber diskutieren, wie Vielfalt und soziale Fragen hinter ge-meinsamen politischen Projekten verbunden werden können. Mit dieser Diskussion möchten wir gemeinsam mit der SoHo Wien, parallel zur diesbezüglichen Ausgabe der ZUKUNFT, ei-nen Fokus auf die aktuelle Situation der LGBTIQ-Communi-ty und queer-feministischer Kämpfe legen. Die Anfänge der modernen LGBTIQ-Bewegung liegen nicht umsonst in vielfäl-tigen sozialen Auseinandersetzungen seit den Stonewall-Pro-testen 1969 – wir stellen daher zur Debatte, wie PRIDE und Regenbogenfahne auch heute als wichtiger Bestandteil der sozialen Frage begriffen werden können! 22.06.2021: ERZÄHLUNGEN DES POLITISCHEN In den letzten Jahrzehnten war oft vom Zusammenbruch  der großen Erzählungen die Rede. Dabei war etwa an die Großerzählung des (Austro-)Marxismus gedacht, der indes gerade angesichts der Corona-Krise wieder an Aktualität ge-winnen könnte. Wie sehen im Bereich politischer Ideologien also die großen Erzählungen des (Demokratischen) Sozialis-mus, des Liberalismus, des Konservatismus oder des Neofa-schismus aus? Die thematische Ausgabe der ZUKUNFT eröffnet dabei eine breite Palette von Bezügen, die sich damit beschäf-tigen, welche (Meta-)Erzählungen hinsichtlich der Politik existieren und welche heute noch relevant sind. Nähere Informationen und die Links zur jeweiligen Veran-staltung unter: https://diezukunft.at/veranstaltungen/ Auf dem Weg in die ZUKUNFT! Die Online-Diskussionssendung für Politik, Gesellschaft und Kultur.  Ein moderierter Diskussionstalk mit den Redakteur*innen, Autor*innen und Künstler*innen der ZUKUNFT … Welche ZUKUNFTsthemen bewegen die Redaktion (der ZUKUNFT)? Welche ZUKUNFTsthemen haben Autor*innen (der ZUKUNFT)? Welche ZUKUNFTsthemen berühren Künstler*innen (der ZUKUNFT)?


 ZUKUNFT | 51  HEFTBESTELLUNG Kupon ausschneiden& einsenden an: VA Verlag GmbHKaiser­Ebersdorferstrasse 305/31110 Wien ICH BESTELLE "ROTE PHILATELIE" 7,90 € INKL. MWST ZZGL. VERPACKUNG UND VERSAND 2,00 € ICH BESTELLE "WIENER STRASSENBAHNER IM FEBRUAR 1934" PREIS 5,-- INKL MWST ZZGL. VERPACKUNG UND VERSAND 2,00 € NAME: _________________________________________________________________ STRASSE: _______________________________________________________________ ORT/PLZ: _______________________________________________________________ TEL.: ______________________________ E-MAIL: _____________________________UNTERSCHRIFT: _______________________ ODER BESTELLUNG PER E-MAIL AN DEN VERLAG: OFFICE@VAVERLAG.AT SOLANGE DER VORRAT REICHT AUCH IM V A VERLA G ERSCHIENEN Eine philatelistische Zeitreise zu 75 Jahren WGBDER WELTGEWERKSCHAFTSBUND (WGB) FEIERT HEUER SEINEN 75. GEBURTSTAG. MANCHE FORDERUNGEN DER ERSTEN JAHRE NACH SEINER GRüNDUNG SIND NACH WIE VOR AKTUELL. DIESEM JUBILäUM LIEGT DIE IDEE DER VORLIEGENDEN BROSCHü-RE ZU GRUNDE. DIE KURZE ABHANDLUNG DER SEHR UMFANGREICHEN GESCHICHTE DES WGB BASIERT VOR ALLEM AUF DER ERZäHLUNG DER 17 WELT-KONGRESSE DES WGB, SIE STELLEN HIER DIE MEILENSTEINE DER ENTWICKLUNG UND DER GEZEIGTEN BRIEFMARKEN DAR. DIE WIENER STRASSENBAHNER GALTEN IN DER ZWISCHENKRIEGS-ZEIT ALS EINE DER SPEERSPITZEN DER SOZIALDEMOKRATIE. ES VERWUNDERT DAHER NICHT, DASS SICH AUF PRAKTISCH ALLEN BAHNHÖFEN SCHUTZBUNDGRUPPEN, SOGENANNTE STRASSENBAHN-ORDNER, BEFANDEN. INSBESONDERE IN FLORIDSDORF WAREN DIE STRASSENBAHNER DIREKT IN KAMPFHANDLUNGEN DES FEBRUAR 1934 VERSTRICKT. HIER WURDEN AUCH ZWEI STRASSENBAH-NER VON EINEM EILIG EINBERUFENEN STANDGERICHT ZUM TODE VERURTEILT, IN LETZTER MINUTE ABER BEGNADIGT. IN DIESER BROSCHüRE WERDEN AUS DEM BLICKWINKEL DIESER BERUFSGRUP-PE DIE HEFTIGEN AUSEINANDERSETZUNGEN UM DIE WIEDERHER-STELLUNG DER VON DER REGIERUNG DOLLFUSS DEMONTIERTEN DEMOKRATIE BESCHRIEBEN.


BUCHBESTELLUNG Kupon ausschneiden& einsenden an: VA VerlAg gmbH KAiser-ebersdorferstrAsse  305/3 1110 Wien icH bestelle  "Acht Stunden Aber wollen wir MenSch Sein" Preis 19,90 € zzgl. 9 € Porto nAme: __________________________________________________________ strAsse: _______________________________________________________ ort/Plz: ________________________________________________________ tel.: ___________________________ e-mAil: _________________________ UnterscHrift: ___________________ oder bestellUng Per e-mAil An den VerlAg: office@VAVerlAg.At SOLANGE DER VORRAT REICHT