von Pet Bär im Mittelalter 1216 Band 3




Die Nordstrandpiraten  im Mittelalter Band  ein Lebensunternehmen als Fortsetzungsroman von Pet Bär


Vorwort eines Mitreisenden   Blauzahn und überhaupt  Drei Jahre sind wir nun schon zusammen unterwegs. Zwei Jahre als Pet Bär  und Otto Kraz, ein Jahr als Peter von und zu Bärental und als Otto von Kraz.  Woche um Woche ein Kapitel eines im ersten Moment verrückten Schreib- Projekts zweier alter Männer “out of  job”. Wir sind mit einem riesigen Ein- master einmal um die Welt gesegelt, dann 800 Jahre ins Mittelalter abgestürzt  und dort schlagen wir uns seit einem Jahr tapfer, wenn auch oft sehr heftig  und blutig auf  Gotland durch die Wirren des Lebens. Mittelalter eben. Wir, das  waren am Anfang zehn alte Männer über 60 auf  einer Segeltour, um den Sinn  und Unsinn des Lebens zu ergründen. Nach zwei Jahren waren wir auf  50 an- gewachsen, u.a. war ein Segelschiff  nur mit Frauen dazugekommen. Angesteckt  durch unser altes Männerschiff. Und auch auf  der Suche nach dem Tieferen im  Dasein. Deutlich jünger übrigens, das Frauenschiff. Wer den Sinn und Unsinn  des Lebens ergründen will, kann die Hälfte der Menschheit nicht ausklammern.   Pet und ich sind die einzigen in der Jetztzeit realen Personen der Story. Pet ist  der Autor. Er schreibt und schreibt und schreibt. Mein Job ist viel kleiner. Ich  bin der sicher intensivste Leser der Geschichte, suche Rechtschreibfehler, berate  und pflege unseren Geschichtenblog www.nordstrandpiraten.de. Und ganz ab  und zu streiche ich auch mal was weg. Oder schreibe was dazu. Verrückte Zeit,  diese Zeit, in der man einfach so einen Fortsetzungsroman schreiben kann,  um ihn für so um die hundert treue Leser&innen im Netz zu veröffentlichen.  Das ist der Sinn außerhalb der eigentlichen Geschichte. Ein Autor (Etwas zu  schreiben, auch wenn es nur einer liest, kann sehr befriedigend sein ... genuss- voll wie das Lesen auf der anderen Seite) ein Intensivleser und Freund (In einer  Story selbst mit drin zu stecken und sie web-veröffentlichungsreif  zu machen  hat einen ganz besonderen Reiz ... eine Geschichte, die man selbst beeinflussen  kann, wer hat sowas schon) und dann noch so viele Leser&innen, wie ich sie  früher in einem Jahr in der Schule als Lehrer hatte. Denen hatte ich auch immer  sinnvolle Geschichten erzählte. Physikalische. Bei den Blauzahnpiraten sind es  menschliche.   Es ist für mich als Intensivleser zur Zeit ein verrücktes Erleben von den  aktuellen Geschichten von uns Menschen auf  diesem aktuellen Planeten. Da  tauche ich aus dem tiefen Mittelalter unserer Endless-Story rund um Gotland  vor 800 Jahren auf, freue mich über dieses friedliche Leben in diesem friedlichen  Deutschland, schaue Nachrichten und denke oft: Wie bei uns auf Gotland. Vor  0 000 Jahren wurde der Mensch sesshaft - die Evolution hat es aber noch nicht  geschafft, ihn an die heutige Lebensweise anzupassen. Lässt uns dick werden,  wenn wir zu viel sitzen. Dabei sitzt der moderne Mensch eben. Die Evolution  hat es noch nicht geschafft, die Pubertät anzupassen ... hat die Pubertät sogar  noch vorverlegt, weil sie nicht geschnallt hat, dass wir inzwischen viel mehr zu  essen haben als vor 0 000 Jahren. Dabei war die Pubertät ursprünglich dazu da, 


alle Reserven aufzubringen, um zu übernehmen, wenn die Eltern gebrechlich  wurden. Schule und Pubertät, was für eine Fehlentwicklung der Evolution. Wir  können uns offensichtlich nicht auf  sie verlassen. Dass sie alles am Ende gut  werden lässt. Weil sie uns Menschen doch bitteschön richtig anpassen müsste.  Leute, sie passt uns viel zu langsam an. Unsere Grundmuster sind immer noch  dieselben wie vor 0 000 Jahren.  Und 800 Jahre? Aber bitte, 800 Jahre, das war vorgestern und das Mittelalter ist  heute doch auch noch allüberall auf  der Welt. Und in Deutschland? Na ja, wir  sollten gut aufpassen, dass das Mittelalter nicht wieder Stück für Stück in unsere  Köpfe einzieht. Wir leben in bewegten Zeiten. Lassen Sie uns wachsam sein.  Ihr Otto von Kraz Vorwort des Autors Warum Vorwort? Kann man nicht einfach loslesen und sich in die Geschichte  hineindenken? Ein Roman oder eine Geschichte, die man vorher erklären muss,  taugt die überhaupt etwas?  Ja, diese Geschichte bedarf  eines Vorwortes. Wer die beide Bände Nordstrand- piraten nicht gelesen hat, nicht wollte oder konnte, dem sollte man erklären,  warum es überhaupt den Band  gibt. Menschen die aus unserer Zeit in eine andere versetzt werden, erleben die  Zeit, in der sie sich dann befinden, meist mit den Augen ihrer realen Zeit. Was  geschieht aber mit Menschen, die man nur mit gewissen Jetztzeiteigenschaften  versetzt? Ihren Körper, ihr Alter, ihre Moralvorstellungen und mentalen Fähig- keiten, ihren Charakter, den Vorlieben, ihren Glauben und allem Erlernten, was  sie zu der Zeit auch vorfinden konnten. Sie landen in einem festen Gefüge, wie  in dieser Geschichte in der Blauzahnsiedlung. Sie werden mit Geschehnissen  konfrontiert, die sie dann zu kennen scheinen, weil sie, ohne es zu wissen, ein- fach da sind und mit einer vermeintlichen Vergangenheit ausgerüstet, die zwar  etwas nebulos erscheint, aber um das Gefüge der Weltgeschichte nicht zu stören  einfach so hingenommen werden muss. Können sich Menschen aus unserer  Zeit anpassen? Verlassen sie ihre moralischen und philosophischen Pfade? Ver- schließt sich ihre Umgebung, die Menschen um sie herum, die wirtschaftlichen  Herausforderungen und die religiösen Dogmen ihres etwas Anderseins?  Dies ist der theoretische Versuch es zu erklären, als Roman, als Abenteuerge- schichte, aber mit der Realität der Zeit um das Jahr 6. Erkennt der Leser, wer  aus dem Jahr 06 stammt und wer schon in dieser Zeit 6 geboren wurde  oder lebte? Und eines möchte diese Geschichte auch, aufzeigen, was sich denn wirklich seit  dem Mittelalter geändert hat oder auch nicht. Ist der Dieselmotor, der Ben- ziner, das Penizillin, das Handy, Fernsehen, die Atomrakete und das Genfleisch  wirklich die bahnbrechende Entdeckung und Veränderung gegenüber dem  Mittelalter? Hungersnöte, Kriege, Krankheiten, Unterdrückung, Unmoral und  die Vielfalt an Fake News sind doch weiter vorhanden. Vielleicht haben sich die 


6 Grausamkeiten der Apokalypsen nur geographisch verschoben. Etwas weiter  weg vom Leser, aber sie sind immer noch vorhanden.  Sind wir nicht weiter in  der Geisteshaltung des Mittelalter, nur mit etwas geänderten Rahmenbedingun- gen. Die freie Meinung wird doch heute genauso kanalisiert wie vor 800 Jahren,  subtiler und es wird uns vorgegaukelt, dass wir frei sind. Der Adel wurde ersetzt, erst durch Diktatoren dann durch Parteien und ein  Hauch von Demokratie umwabert uns. Medien, Werbung, Politik, Schulbildung  - alles beeinflusst uns und je mehr sie präsent sind, umso mehr sind wir unter  dem Einfluss anderer. Banken, machthungrige Politiker und Konzerne leiten  unser Leben mehr als wir uns vorstellen können.Trendige Meinung, Mainstream  sind angesagt. Man könnte dies bis ins Unendliche ausdehnen und versuchen zu  erklären.   Ich habe diese Geschichte geschrieben, um zu unterhalten und ein wenig den  Finger zu heben und die Frage zu stellen: Haben wir das Mittelalter schon ver- lassen? Im Mittelalter wurde zum Beispiele die Waffentechnik erheblich verbes- sert. Der Einsatz von Schießpulver hat vieles verändert, aber es blieb Mittelalter.  Nur weil wir heute bessere Skalpelle haben und mit Raketen andere töten kön- nen und nicht mehr selbst uns mit Blut bespritzen, muss das nicht heißen, dass  wir aus dem Kreuzzugsgedanken, den Hexenverbrennungen raus sind. Unsere  Zeit nennt man die Moderne. Wie nennen die Menschen die Zeit in 00 oder  500 Jahren? Supermoderne? Viel Spass beim Lesen  Pet Bär  oder auch Peter von und zu Bärental     


Kapitel 1 Gotland 17. Dezember im Jahre des Herren 1215 Peter von und zu Bärental klopfte nun schon zum dritten Mal an die  Kemenatentür von Jorg Jorgsson und bat ihn lautstark, endlich aufzustehen.  Der rief  aber mit fast gebrochener Stimme, dass es ihm einfach zu kalt sei und  er noch etwas schlafen wollte. Jorg war ein eher schmächtiger Geselle, der in der  Blauzahnsiedlung als “der Sanfte” gehandelt wurde. Peter vermutete, dass der  Würzwein, den ihm Gerritus, der Medicus ihres Hauses, verabreicht hatte, ihm  wohl nicht so bekommen sei und dass das Kraut, dass man gestern noch in den  Räumen verbrannt hatte, ihm auch noch zusetzte. Also musste er alleine mit den  Wikingern zum Hafen gehen und ihre Schiffe inspizieren. Das passte ihm nicht,  denn auch er hatte noch einen dicken Kopf  von dem Würzwein.  Draußen wartete Knorre, der Schiffsjunge. Den hatte Simon ihnen geschickt.  Simon war mit drei seiner Leute eingeteilt, um auf die Schiffe aufzupassen.  Gestern war ein Abgesandter des Königs nach Gotland gekommen, um sich um  die Steuereinnahmen zu kümmern. Das war mehr als nur merkwürdig, denn im  Winter fuhren keine Schiffe vom Festland zur Insel, nur wenn es sehr dringend  war. Steuern waren wichtig, auf  jeden Fall für den König, aber nicht für die  Inselbewohner. Aber im Winter war noch nie ein Steuereintreiber auf die Insel  gekommen. Und Simon war etwas aufgeregt, weil der Steuereintreiber eines der  Schiffe beschlagnahmen wollte. Sie hatten eine Knorr und zwei Langschiffe  bei Visby liegen und eine andere Knorr lag etwas weiter östlich in einer kleinen  Bucht. Also marschierte Knorre mit Lars, Erik, Jan und Pet die dreitausend Schritte  nach Visby. Alle hatten sich warm angekleidet und Schwerter umgegürtet. Erik  hatte zudem einen mannshohen Eichenknüppel mitgenommen. Drei ihrer vier  Hofhunde liefen neben ihnen her. Reißzahn wurde gerade im Frauenhaus ver- wöhnt. Der Irische Wolfshund war erst vier Monate alt und noch nicht so gut  abgerichtet, wenn es mal zu einer kleinen Auseinandersetzung kommen sollte.  Der wollte immer nur fressen, gestreichelt werden und schlafen. Knorre war ganz aufgeregt, denn er hatte nun eine ganz wichtige Aufgabe  erledigt. Er war als Bote zwischen dem Hafen und der kleinen Blauzahnsiedlung  eingesetzt worden. Jorg hatte Knorre auf  einem Sklavenmarkt in Hammaburg  gekauft. Keiner wollte den abgemagerten kleinen Kerl haben. Jeder der ihn sah,  dachte, dass er, sobald man für ihn das Hacksilber oder die neuartigen Mün- zen hinlegte, umgehend zu den alten Göttern oder auch zu dem neuen Gott  aus Rom marschieren würde. Aber Erich hatte es geschafft, dass er zu einem  dienstbaren Geist wurde und im Laufe der Monate war Knorre ein nützliches  Mittglied ihrer Gemeinschaft geworden. Vor allem im Frauenhaus tobten sich  einige der Damen an ihm aus und übten sich an ihm als Muttertiere. Vor ein  paar Tagen hatte Jörg ihm ein Messer geschenkt, das trug er nun sichtbar an  seinem Gürtel. Die kleine Gruppe musste über den Marktplatz gehen, um zum Hafen zu gelan- gen. Auf  dem Marktplatz standen für die Tageszeit einfach zu viele Menschen 


8 herum und Erik musste einige Leute kräftig zur Seite drücken, um ihnen den  Weg frei zu machen. “Da wird gerade einer an den Schandpfahl gebunden. Und  daneben stehen ein paar Bewaffnete. Das Wappen auf  ihren Wamsen kenne ich  aber nicht. Ist irgendwie recht schlampig gemacht oder die Männer sind schon  einige Zeit nicht mehr zur Ruhe gekommen. Der Bürgermeister steht auch bei  den Bewaffneten. Ich gehe mal zu ihm und frage, was das soll.” Erik wartete  wie üblich auf  keine Antwort, sondern marschierte los. Die anderen blieben  einfach stehen und warteten. Als der Bürgermeister Erik sah, ging er auf  ihn  zu. Mit Handzeichen versuchte er, ihn daran zu hindern, weiter zu gehen. “Erik  bleib wo du bist. Die Söldner des Königs haben sich ein paar säumige Steuer- zahler gegriffen und wollen an ihnen ein Exempel statuieren. Ich wollte für sie  bürgen, aber ohne weiteres Silber wollen sie nicht weiterziehen. Von mir haben  sie das Silber genommen, aber damit wäre die Steuerschuld nicht getilgt, sagen  sie. Ich kann den armen Bauern nicht helfen. Ich kann mich nicht gegen den  König auflehnen.” Erik hatte ihm zugehört und schaute sich die Bewaffneten  genau an. “Woher weißt du, dass die Schurken vom König kommen? Und wo  ist denn ihr Hauptmann?” Der Bürgermeister schaute Erik verwundert an. “Die  haben mir das gesagt und einer hatte ein Dokument dabei, das hatte das Siegel  des Königs. Darin stand, dass sie nochmals ein Fünftel der Steuern im Voraus  mitnehmen müssten. Selbst die Kaufleute aus dem Kaiserreich und Nowgorod  haben bezahlt. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben sie sogar  einen aus Nowgorod verprügelt. Der Hauptmann ist unten im Hafen, um sich  eines eurer Schiffe zu bemächtigen.”  Erik schaute immer noch wie gebannt auf   den armen Kerl, den man an den Pfahl binden wollte und die Männer mit den  Schwertern. Kurz wandte er sich nochmals an den Bürgermeister. “Zögert das  mal so lange ihr könnt hinaus. Hier stimmt was nicht. Wir müssen zuerst zum  Hafen und kommen dann wieder.” Dann eilte er zu den Wartenden. “Das sind  garantiert keine Königlichen. Hier ist was faul. Wir müssen schnall zum Hafen,  bevor die sich eines unserer Schiffe unter den Nagel reißen. Knorre laufe zur  Siedlung und hole die anderen und keiner soll ohne Schwert oder Beil hierher  kommen. Sie sollen sich aber beeilen.” Knorre wurde von einem der Hunde  begleitet. Jeder in Visby wusste, dass diese Tiere aus der Blauzahnsiedlung sich  verdammt gut in Kehlen verbeißen konnten. Kaum hatten sie den Hafen erreicht, sahen sie, dass auf  ihrer Knorr einige  Fremde auf  und abgingen. Simon stand mit einer blutigen Nase auf  einem  der Langboote und fluchte laut in Richtung der Fremden. Seine Leute saßen  gefesselt am Ufer und wurden von einem Mann mit einer alten rostigen Lanze  bewacht. Pet sprach ihn an und wollte wissen, wer denn hier das Sagen hatte  und warum die Männer gefesselt auf dem Boden saßen. Missmutig raunzte  der Mann Pet an, dass ihn das nichts anginge und dass er besser verschwinden  sollte. Angewidert drehte sich Pet um. “Der Mann braucht kein Schwert oder  eine Lanze. Der stinkt so aus dem Maul, dass er damit alles vertreibt, was vor  ihm steht. Am besten ist es, wenn man ihm ordentlich von hinten einen Tritt  verpasst, damit er gleich auf ’s Maul fliegt und keinen mehr anhauchen kann.”  Wie befohlen trat Lars ihm von hinten zwischen die Beine und der Mann kippt 


nach vorne und krümmt sich mit lautem Gejammer auf dem schneebedeckten  Boden. Mit einem Messer befreite inzwischen Erik die fünf  Gefesselten.  Die Blauzahnsiedlung bei Visby auf  Gotland Nachdem die sechzehn Weltenbummler sich auf  Nordstrand gefunden hat- ten, beschlossen sie, gemeinsam in die Ostsee einzufahren, um dort einen Ort  zu suchen, wo sie in aller Ruhe ihr Leben leben konnten, ohne den Anfeind- ungen und Verfolgungen der letzten Jahre ausgesetzt zu sein. Auf  ihrer Reise  nach Gotland schlossen sich ihnen eine ganze Horde von Frauen an, die auf   der Suche nach mehr Freiheit von zu Hause weggelaufen waren. Die zwanzig  Frauen waren allerdings nicht wie die Blauzahnmannschaft alle über sechzig  Jahre alt, sondern zwischen achtzehn und sechzig. Auf  Gotland kauften sie  sich ein großes Anwesen bei Visby, Bauten dort die vorhandenen Steinhäuser  aus und bauten dazu noch Ställe und eine große steinerne Umfriedung. Auf   einer ihrer Handelsreisen ins Gebiet von Nowgorod wurde die Blauzahn von  Piraten überfallen. Allerdings hatten die Piraten nicht mit der Kampfkraft der  alten Männer und der Weiber gerechnet. Die Piraten wurden niedergerungen,  ihr Langboot in Besitz genommen und die Besatzung als Sklaven mitgenom- men. Gott sei Dank wurde bei diesem Überfall niemand ernsthaft verletzt. Pet  vermutete, dass die Piraten noch im Lehrstadium ihrer Karriere gewesen waren  und sie bei diesem Überfall nicht ihre Meisterprüfung ablegen konnten. In  langen Gesprächen überzeugte York Simon, den Kapitän der Piraten, sich ihnen  mehr oder weniger freiwillig anzuschließen. Und alle fünfzehn machten mit,  acht Frauen, darunter auch die Schwester von Simon Sasha und sieben Männer.  Mit den Sklaven und ein paar Hörigen wuchs die Siedlung schnell auf  siebzig  Bewohner, vier Hunde, dreißig Pferde, zwölf  Kühe, zehn Ziegen, zehn Schafe  und sehr viele Hühnern. Der Boden rund um die Siedlung war nicht unbedingt  für Ackerbau geeignet. Aber das, was ihr Land so hergab, dazu noch ihr Handel  auf  der Ostsee und die Produkte, die sie mit ihrer Schmiede herstellten und  durch die Heilkunst von Gerretius und Sylvia kamen sie zu einem sehr interes- santen Reichtum. Nach außen hin wurden sie von Lars, Jan, Peter ( manchmal  auch Pet genannt )  und Melanie vertreten, aber es herrschte so eine Art De- mokratie bei ihnen. Es gab sechsunddreißig Stimmberechtigte und wenn es um  wichtige Entscheidungen ging, dann durften diese sechsunddreißig Stimmen  ihre Wahl treffen. Und es war ein Vergnügen, wenn irgendwelche Entscheidun- gen anstanden. Es wurde gestritten, gegessen, getrunken und geliebt, bis man  für irgendeine Sache die Mehrheit zusammen hatte. Nur bei Rechtsstreitigkeiten  war es anders. Da hatten Jan, Pet, Melanie und Sophia drei Stimmanteile mehr  als alle anderen und Lars war Streitschlichter, ohne dass er einen Stimmanteil  hatte. Die Sklaven und Hörigen waren nicht vollkommen rechtlos. Sie durften  nicht geschlagen werden und sie sollten auch nicht hungern. Sie waren aber an  die Siedlung gebunden und durften ohne Erlaubnis das Gebiet nicht verlassen.  Auch Heiraten oder ähnliches war ihnen ohne Zustimmung nicht erlaubt.  York hatte allen Freien Lesen und Schreiben gelehrt. Und er bemühte sich auch  bei den Sklaven und Hörigen um etwas Bildung und sein größter Wusch war, 


0 allen den Aberglauben auszutreiben. Jorg war ein guter Christ, er glaubte auch  nicht an Thor oder Odin und sonst irgendeinen oder mehrere Götter. York  war ein Realist und glaubte an das, was er sah, was er berechnen konnte und  er glaubte an den Verstand. Jorgs größte Leidenschaft war das Sammeln von  Wissen. Nach seinen Plänen war das vierte Schiff, die kleine Knorr - so nannten  alle das Schiff  - gebaut worden. Es war stabiler als die anderen Schiffe, schneller  und man musste es fast nicht rudern, da das Segel immer so gestellt werden  konnte, dass sich der Wind in ihm verfangen konnte.  Der Junge Knorre und der neue Hofhund Reißzahn waren die Mitglieder der  Blauzahngemeinschaft, die neu dazugekommen waren. Knorre war eigentlich  Yorks Privatsklave, aber das ließ ihn niemand spüren. Jeden Freitag musste er  allerdings zu York gehen und der lehrte ihn von morgens bis abends an diesem  Tag Lesen, Schreiben und Rechnen. Und an Sonntagen nahmen ihn die Frauen  mit in die Kirche. Dort lernte er ordentlich beten und singen. Die Blauzahnsiedlung war nicht unbedingt das Paradies, aber bot allen eine  gewisse Sicherheit und sehr viel Freiheit. Vor allem die Freiheit, zu glauben an  wen oder was man wollte, war allen sehr wichtig. Wenn Lars mal wieder Thor  um Hilfe bat und neben ihm Gregorius zu seinem Gott aus Rom betete, dann  konnte es schon sehr laut werden, denn beide waren der Meinung, dass man  Götter wohl sehr laut anrufen musste, wenn sie einen erhören sollten. Und nach  ihrem Geschrei mussten sie immer gemeinsam ihre Stimmen mit sehr viele Met  beruhigen. Aber so wie es schien, waren Thor und der Christengott mit beiden  einverstanden, denn sie hatten bei allem, was sie machten, immer sehr viele  Glück besessen. Sie doch beide noch alle Zähne und Gliedmaßen. 17. Dezember im Jahren des Herren 1215 Hafen von Visby Der stinkende Söldner, den Lars mit einem Tritt niedergestreckt hatte, jammerte  immer noch. Mit seinem Knüppel brachte Erik ihn zum Schweigen. Die fünf,  die gerade noch gefesselt waren, bedienten sich bei dem Niedergestreckten und  bewaffneten sich mit dessen Schwert, einem langen Messer und seinem Speer  oder sie suchten sich ein paar Knüppel. “Kaum sind wir mal an einem Mittwoch in der Kirche und weg von euch, schon  gibt es Ärger. Wer ist dieser Bedauernswerte, den der große Grobian Erik hier  so misshandelt hat?” Peter und Lars drehten sich erschrocken um. Hinter ihnen  stand Sophia mit fünf  anderen Damen aus dem Blauzahnhof. Kurz erklärte  Lars ihr, was bisher geschehen war. Erik drehte den Niedergestreckten um.  Sophia betrachtete ihn sehr genau. “Warum trägt der hier das Wappen des alten  Königs? Das ist doch das Wappen der Karlsson und jetzt ist doch einer aus dem  Hause Erik König. Erik Knudsson heißte er!” Jetzt wurde Lars klar, was da mit  dem Wappen nicht stimmte. Die sahen sich zwar sehr ähnlich, aber es gab am  Rand des Wappens einige Unterschiede. Das sind also nicht die Männer des  Königs. Dann sahen sie auf  einem der Langschiffe, wie Simon immer wieder  auf  eine große Hütte am Hafenrand deutete. Ihre Hütte. Hier übernachteten  ihre Hafenwächter, wenn die Schiffe im Hafen waren. Sie gingen alle gemeinsam  los, nicht ohne den schweigenden Stinker des ehemaligen Königs. Den packten 


zwei der Männer aus Nowgorod, schleppten ihn mit und versenkten ihn achtlos  am Rande des Hafenbeckens im Meer. Den betroffenen Blick, den ihnen Sophia  zuwarf, missachteten sie, denn es gab nun wirklich Besseres zu tun, als sich Ge- danken um ein nutzloses Leben zu machen. Einer weniger, der ihnen schaden  konnte, war doch wirklich mehr wert als ein strafender Blick. Als sie der Hütte  näher kamen, hörten sie das laute Geschrei einer Frau. Lars riss die Türe auf   und im Halbdunkel sahen sie drei Männer, die gerade versuchten, einer Frau die  Kleider vom Leibe zu reißen. Die Frau war Maria, die Tochter von Birgit. Die  drei nahmen gar nicht zur Kenntnis, dass die Türe nun offen war und Bewaff- nete in die Hütte eindrangen. Sie waren so mit Maria beschäftigt, dass sie nicht  einmal merkten, wie Erik und Lars ihnen auf ihre unbehelmten Schädel schlu- gen und von Maria wegzogen. Erst als sie aus ihrer Ohnmacht aufwachten und  spüren mussten, dass sie gefesselt und geknebelt waren, wurde ihnen bewusst,  dass das erzwungene Schäferstündchen zwangsweise beendet worden war.  “Kümmern wir uns nun um die vermeintlichen Königlichen. Sophia kümmerst  du dich um Maria und pass auf  die drei Halunken auf.” Dann schob er Erik,  Peter und Jan aus der Hütte. Am Eingang drehte er sich nochmals um, rief  die  Hunde zu sich und schaute Sophia an. “Du musst dir keine Gedanken machen,  die drei müssen sterben. Das sind Knechte des alten Königs, die ihr Wappen  missbrauchen. Räume aber bitte unsere Hütte wieder auf, wenn du mit ihnen  fertig bist.” Dann eilte er den anderen hinterher. Und Sophia dachte nicht daran  die Hütte aufzuräumen. Sie schleppte mit den anderen Frauen die drei durch  die Hintertür hinaus und legte sie auf einen Berg voll Müll. Sie entkleideten die  drei, was nicht schnell genug weggezogen werden konnte, wurde aufgeschnitten.  Ob da etwas Haut, Fleisch oder Knochen im Wege war, kümmerte sie nicht.  Dann öffnete Sophia ihnen die Adern am Hals und der Lebenssaft konnte  ungehindert auf  den Müll rinnen. Danach nahmen sie die Waffen der besiegten  Sterbenden und folgten Lars und den anderen. Schon aus einiger Entfernung  konnte sie lautes Geschrei hören, das aus der Nähe ihrer Schiffe kommen  musste. Offensichtlich waren ihre Freunde in Schwierigkeiten.  Fortsetzung folgt Kapitel 2 17. Dezember 1215 Mittagszeit in der Blauzahnsiedlung Alles hatte sich unten im Hof  gesammelt, sich bewaffnet und darauf  vorbere- itet, den Freunden im Hafen zur Hilfe zu eilen. Claus von Olsen war auch dabei.  Vor ein paar Wochen hatte er Nachricht erhalten, dass das Schiff  des Deutschen  Ordens aus einer kleinen Bucht ausgelaufen war und Otto sich auf  den Weg  nach Lorch gemacht hatte. Er war dort vom Abt des Klosters Lorch gerufen  worden und wollte dem Ruf  folgen. Claus Olsen war nun an seine Stelle getre- ten. Ein alter Recke aus den Kreuzzügen, der mit den wenigen Überlebenden  einer furchtbaren Schlacht aus dem Heiligen Land zurück in die Heimat gekom-


men war, um dort neue Aufgaben des Ordens zu übernehmen. Sie lautete, sich   anzuschauen und zu unterstützen, was da in der Siedlung entstehen sollte. Claus  war viel kräftiger als Otto und vernarbt von den vielen Kämpfen am Körper  und Geist. Otto hatte sich damals heimlich davongeschlichen. Nur einen langen Brief  an  seinen Freund Peter vom und zu Bärental hatte er hinterlassen können, sonst  nichts. Claus und Peter sollten ihm regelmäßig Nachrichten zukommen lassen.  Die wollte er in einem Tagebuch zusammenfassen und für eine Generation, die  Jahrhunderte nach ihnen diese Insel betreten würde, bereitstellen. Claus hatte  eine neue Aufgabe und Otto nun die seine. Claus von Olsen schloss sich den Blauzahnleuten mit seinen drei Kriegsknech- ten an, als sie durch das Tor marschierten. Alberto fragte ihn, wer er denn sei  und was er wollte? “Ich will euch helfen, wenn ihr Ärger haben sollten, den  Ärger zu vertreiben. Ich will bei euch bleiben, wenn ich darf.” Alle die ihn  gehört hatten, nickten nur und er marschierte mit ihnen. Die Verstärkung durch  die vier kampferprobten Leute war gut, wenn man sie bei sich hatte. Hafen von Visby um die Mittagszeit   Sophia und die anderen Frauen sahen schon, dass Lars und die Übrigen arg  in Bedrängnis waren. In den Hafen lief  gerade eine Langboot ein, voll besetzt  mit Leuten des alten Königs. Auf  der Mole hatten sich auch schon mindestens  fünfzehn Bewaffnete eingefunden und bildeten einen Schildwall. Lars führte  alle vorsichtig zurück in eine schmale Gasse. Er, Jan und Erik stellten sich vorne  auf, die Schilde erhoben. Wie aus dem Nichts flog ein Speer auf sie zu, Erik  hieb ihn mit dem Schwert zur Seite und das Geschoss klatschte wirkungslos an  die Hüttenwand. Pet schaute sich um, sie waren in eine Sackgasse geraten. Kein  Fluchtweg nach hinten war frei. Ihnen blieb nur eines: Zu kämpfen oder sich zu  ergeben und den aufgeheizten Gemütern der Feinde auszuliefern.  Sie hörten in der Ferne, wie die Söldner sich mit den Leuten aus dem Lang- boot vereinigten und nun auf  sie zukamen. Brüllend und mit dem Klopfen der  Schwerter auf  ihre Schilder machten sie sich Mut und wollten die Blauzahnleute  erschrecken. Erik spähte um die Ecke und sah, dass sich ihre Gegner sammelt- en. Offensichtlich besprachen sie sich, wie man am besten in die kleine Gasse  stürmen könnte und ohne große eigene Verluste den größten Schaden bei den  Blauzahnleuten anrichten könne.  Wie aus dem Nichts traf  die erste Salve von fünfzehn Pfeilen die Nordmän- ner unverhofft. Von den Pfeilen trafen acht ihr Ziel und bei der nächsten Salve  nochmals sieben.  Der Schildwall der Blauzahnleute aus der Siedlung bildete sich schnell und ganz  vorne sahen alle, dass vier gerüstete Ritter des Ordens standen, die großen  Schilde vor sich haltend. Die Schwerter auf  die Gegner gerichtet gingen sie nun  langsam auf  die Nordmänner zu. Damit hatte keiner gerechnet. Auch nicht  damit, dass nun ein paar Brandpfeile über die Mole auf  ihr Langboot abge- schossen wurde.  Claus von Olsen rief  mit einer Stimme, die niemand überhören konnte, den  Nordmännern zu, dass sie abziehen könnten, wenn sie die Waffen streckten und 


ihr Langboot besteigen würden. Allerdings mussten sie bei dem Christengott  und bei Odin schwören, dass sie nie wieder die Insel betreten würden. Nein,  Claus von Olsen war nicht darauf  aus, jemanden Schaden zuzufügen oder gar  zu töten, das hatte er zu oft getan. Die Nordmänner waren zu unentschlossen.  Die einen wollten sich zurückziehen und ein paar andere wollten den Kampf   wagen. Der mit den besten Waffen sammelte eine paar Leute um sich und die  rannten nun mit wildem Geschrei auf  Claus von Olsen und seine Leute zu.  Der blieb einfach stehen und wartete. Ein Teil der Angreifer war wegen dieser  Reaktion verunsichert und sie liefen immer langsamer. Noch waren es gute zehn  Meter bis zu Claus, aber die Schar der Angreifer war auf  sechs zusammenge- schmolzen. Einen wirklichen Kampf  gab es nicht. Die Sechs kamen nicht  bis zum Schildwall, denn Claus und die seinen benützten ihre Schilde, um die  Angreifer anzuhalten. Drei sackten ohnmächtig davor zusammen, als man ihnen  die Schilder ins Gesicht rammte. Der Anführer bekam es mit Claus Schwert- klinge zu tun. Mit einem gewaltigen Schlag der breiten Seite der Klinge traf  er  ihn an der Stirnseite seines Helmes und schickte ihn ins Land der Albträume.  Die anderen zwei drehten um und rannten weg. Der Rest der Nordmänner war  zum Langboot geeilt, um das kleine Feuer, das entstanden war, zu löschen. Die  Lust auf einen Kampf  und auf  Beute war allen vergangen. Auf  dem Pier waren  noch die Verletzten und versuchten ihren Kameraden zu folgen.  Mit einer Stimme, die gewohnt war, Befehle zu geben rief  Claus den Blau- zahnleuten zu, dass sie die Verwundeten entwaffnen, aber dann in Ruhe lassen  sollten. Dann ging er mit seinen Leuten über den Pier auf das noch rauchende  Langboot der Nordmänner zu.   Die ehemaligen Kreuzritter standen am Pier, die Waffen bereit, aber doch  gesenkt. Die Schilde waren so gestellt, dass sie jederzeit aufgenommen und  Schutz bieten konnten. Claus von Olsen hatte gelernt, in solchen Situation sehr  aufmerksam zu sein. “Gebt auf. Euer König ist schon lange tot und der neue  König wird euch hart bestrafen, wenn er euer aller habhaft wird. Je mehr ihr  raubt, mordet und Unrechtes tut, umso schlimmer macht ihr es. Die Bürger der  Stadt haben inzwischen begriffen, dass ihr falsche Königsmänner seid und die  Stadtwache wird sich nun auch gegen euch wenden. Ich verspreche euch, dass  man euch gut behandeln wird, wenn ihr die Waffen niederlegt, aber einem Geri- chtsprozess müsst ihr euch stellen. Ich will gerne euer Anwalt sein, wenn ihr das  wollt. Wenn ihr kämpfen wollt, werden viele von euch sterben und dann gibt es  für die, die überleben, keine Gnade. Also was wollt ihr?” Wie auf  ein Zeichen  hin sammelten sich nun auf  dem Pier die Stadtwachen und viele bewaffnete  Bürger. Das Langboot war unbrauchbar, die falschen Königlichen hatten nur  noch die Möglichkeit, sich ein anderes Schiff  zu nehmen. Dabei hätten sie aber   durch die Blauzahnleute durch oder über Land flüchten müssen. Beide Möglich- keiten bedeuteten Kampf  und den konnten sie nun nicht mehr gewinnen. Einer  der Königlichen warf  sein Schwert und Schild aufs Pier, kletterte über die Bor- dwand und setzte sich mit erhobenen Händen auf  den Boden. Langsam folgten  ihm die anderen. Nur einer, ein sehr großer und kräftiger alter Mann blieb mit  seinen Waffen an Bord. Er stellte sich ans Bug des Langbootes, regte die Arme 


4 mit dem Schwert und Schild nach oben und brüllte fast unverständlich nach  Odin. Unvermutet streckte ihn eine Pfeil nieder, der die rechte Schulter traf  und  er stürzte rückwärts auf  das Deck des noch leicht brennenden Schiffe. Jan hatte  ihn niedergestreckt. Er ließ den Bogen fallen und nur mit einem Messer bewaff- net ging er durch die Gefangenen hindurch und sprang an Bord. Dort entwaff- nete er den Mann, der sich nicht mehr wehren konnte. “Du kapierst nicht, wenn  es vorbei ist. Odin will keine Idioten bei sich an seiner Tafel. Der will nicht nur  mutige, sondern auch kluge Männer. Also jetzt gehst du nicht zu ihm, denn dort  würdest du nur Wasser zu trinken bekommen. Das willst du nicht.” Der Alte  nickte nur. Er hatte verstanden, dass es aus war und ergab sich in sein Schicksal.  Jan hob ihn auf  die Beine und drei seiner alten Kameraden halfen ihm dann auf   den Pier. Lars sortierte aus, wer der Pflege bedürfen würde und wer frei gehen  konnte. Die ließ er binden und vom Pier führen, den Verletzten überließ er den  Blauzahnheilkundigen. Die Toten wurden auf  den Platz gebracht, wo Sophia  bereits drei dem Tode übergeben hatte. Zwölf  Unverletzte, sechzehn Verletzte  und acht Tote. Lars meinte, dass sich noch mindestens zehn irgendwo versteckt  hatten. Der Bürgermeister schickte Ausrufer in die Stadt, die vermelden sollten,  dass die Königlichen aufgegeben hatten - alle sollten die Waffen niederlegen  und zur Kirche kommen. Wer von den Königlichen nach Einbruch der Däm- merung aufgefunden würde, sollte sofort und ohne Gnade niedergestreckt  werden.  Die Verwundeten wurde in der Kirche behandelt, die Gefangene wurden vor  der Kirche festgehalten. Lars ließ drei Feuerkörbe bringen und Holz entzünden,  daran konnten sich Wächter und Gefangene wärmen. Obwohl man die Bürger  Visbys nicht gerade höflich behandelt hatte, wurde keiner der falschen Königli- chen übel angegangen. Lars und der Bürgermeister sorgten dafür, dass die Ord- nung aufrechterhalten wurde. Bis Einbruch der Dämmerung ergaben sich noch  sieben weitere. Drei wurden in der Nacht, als sie sich heimlich davonschleichen  wollten, erschlagen. Die drei hatten Säcke mit Beute dabei, die man dann zum  Kirchplatz brachte.  Noch am späten Abend wurde das Langboot der Königlichen von allem  befreit, was man an Nützlichem finden konnte. Vier Karren voll mit Waffen,  Küchengeräten, Nahrungsmittel, Fässern mit Met, drei kleine Kisten mit Hack- silber und ein paar goldene Kreuze aus Kirchen vom Festland - alles wurde auf  dem Kirchplatz ausgestellt. Am nächsten Morgen wollte Erik und Lars dann  das Langboot inspizieren, ob es noch zu reparieren war oder ob es besser als  Brennholz dienen sollte. Der Bürgermeister gab sich als starker Mann aus, aber  er hatte das Vertrauen der Bürger verloren. War er doch auf  das falsche Siegel  und die falsche Fahne hereingefallen und hatte mit seinem Fehler die Stadt den  Söldnern ausgeliefert.  Alle Verletzten wurde soweit hergerichtet, dass sie am Morgen zur Gerichtsver- handlung auf  dem Kirchplatz gebracht werden konnten. Was dann mit ihnen  geschehen sollte, war Sache des Gerichtes.  Nachdem der Bürgermeister bemerkte, dass ihm seine Autorität drohte, ver- lustig zu gehen, begann er mit kleinen Intrigen, diese wieder zu erlangen. Es 


5 begann damit, dass er meinte, dass man eigentlich keine Gerichtsverhandlung  machen dürfe, da man hierzu die Erlaubnis des Königs benötigen würde. Claus  von Olsen änderte daraufhin einfach den Begriff  Gerichtsverhandlung in das  Wort Schicksalsberatung und legte sein Schwert auf  den Tisch des Bürgermeis- ters. Diese Geste erlaubte keinen Widerspruch. Danach gab der Bürgermeister  seine vermeintlichen Ansprüche auf  das Hacksilber bekannt. Lars und Erik  verkündeten lautstark auf dem Kirchplatz, dass die Beute, die auf  dem Mark- tplatz lag, dazu dienen sollte, die Schäden, die durch die Söldner entstanden  waren, auszugleichen und dass der Rest dann an alle zu gleichen Teilen verteilt  werden sollte. Natürlich wurde der Vorschlag des Bürgermeisters damit von  allen aus der Stadt und den Blauzahnleuten abgelehnt. Der Bürgermeister verlor  immer mehr an Macht. Dann drohte er noch, einen Brief  an den König zu sch- reiben. Lars meinte nur zu ihm, dass er ihm dabei gerne helfen würde, damit er  nicht vergessen würde, seine unrühmliche Rolle bei der Geschichte nicht auch  dem König mitzuteilen. Nein, der Bürgermeister und die Blauzahnleute würden  damit wohl nie in tiefer Freundschaft leben können.  In dieser Nacht starben noch drei der Söldner an ihren Verletzungen und zwei  der Bürger der Stadt, die der Folter durch die Söldner zu sehr Schaden genom- men hatte. Die Schicksalsberatung war auf  die Zeit nach dem Morgengebet festgelegt. Die  Dämmerung hatte da zwar noch nicht eingesetzt, aber die meisten Bürger waren  zu dieser Zeit schon wach und man wollte eigentlich nicht zu viel Zeit mit der  Beratung verlieren und so schnell wie möglich wieder zum normalen Tagesab- lauf  zurückfinden. Für manche mochte so eine Schicksalsberatung etwas un- terhaltsam sein, aber es war wichtig, dass alle wieder in Ruhe ihren Geschäften  nachgehen konnten.  Nach dem Morgengebet wurden die Verletzten aus der Kirche gebracht und  neben ihre frierenden Kameraden gesetzt. Claus kannte inzwischen den Kapitän  des Langbootes und den Anführer der Söldner. Beide hatte die Kampagne fast  unverletzt überstanden.  Der Bürgermeister wurde gezwungen, die Schicksalsanklagen zu verlesen.  Damit machte er sich mitschuldig, sollte es zu einer Auseinandersetzung mit  dem König kommen und man zwang ihn damit, sich an allem zu beteiligen, was  nun beschlossen wurde. Laut las er die Missetaten der falschen Königlichen vor, dann nannte er die Na- men der beiden Anführer und bat sie um ihre Gegenrede. Beide schwiegen und  überließen das Wort Claus von Olsen. Der bestätigte die Missetaten, bat aber  bei der Schicksalsberatung um Milde und Gnade, denn es seien ja schon genug  gestorben und man würde alles, was beschädigt war, bezahlen und den Rest der  Beute käme ja der Stadt zu Gute. Sie würden ohne Waffen abziehen und die  Insel nie wieder betreten. Ihr Tod würde niemandem nutzen. Zuerst murrten alle Anwesenden, dann fielen sie in lautes Gelächter. Lars trat  vor und meinte, das sei doch kein Schicksal, über das man da beraten würde, das  wäre ein Geschenk an eine Bande von Mördern und Dieben. Nein, da müsste  schon etwas mehr an Schicksalsträchtigem kommen. 


6 Natürlich hatten sich Claus von Olsen und Lars in der Nacht abgesprochen, sie  wollten damit prüfen, was die Bürger erwarten würden. Sie spürten bald, dass  man die Bande los werden wollte, damit einfach wieder Ruhe einkehren konnte.  Die meisten waren aber ihrem Bürgermeister mehr als nur gram. Für sie war er  der wahre Schuldige, aber wie sollte man ihn bestrafen? Kapitel 3 Bewohner der Blauzahnsiedlung  Die Bewohner setzten sich aus den Mannschaftsmitgliedern der Blauzahn, Ageli  und der Sasha zusammen und wie es nun mal so war, aus ein paar Menschen aus  dem Jahrhundert, in das sie geführt wurden. Das Experiment, das diese Bewohner machten, war mehr als nur komplex. Es  war eigentlich nicht möglich und doch geschah es. Menschen Zeitreisen machen zu lassen, diese Idee gab es schon oft. Sie dabei  aber ihrer Erinnerung zu berauben und ihnen nur ihr Alter und ihre charakterli- che Ausprägung zu lassen und auch einen Teil ihrer erworbenen Fähigkeiten in  diese Zeit mitzugeben ist neu. Ihre Erinnerung war gelöscht und man hatte ihnen eine andere Vita eingerich- tet. Ein paar Verpflichtungen wurden ihnen mitgegeben. Sie sollten eine neue  Gesellschaft bilden, abweichend von dem, wie dieses Jahrhundert es ihnen  vorgab. Sie sollten sich von gewissen Zwängen befreien, die ihnen die Kirche,  die Götter oder auch der herrschende Adel vorschreiben wollte, um eine andere  Gesellschaft zu bilden. Eine Gesellschaft, die ein würdiges Überleben aller - so- weit als möglich - in . Jahrhundert sichern sollte.  Eines hatten Peter, Lars, Sasha, Simon, Melanie und Sophia mitbekommen. Den  inneren Zwang, alles aufzuschreiben und ihrem entfernten Chronisten mitzu- teilen. Dieser bildete die Verbindung zum Hier und Jetzt.  Ob sie diese Zeitreise überleben und dann auch noch in “ihr” Jahrhundert  zurückkehren können, wird sich erst am Ende des Experimentes herausstellen.  Wann ist das Experiment zu Ende? Wird man die Dokumente in Lorch finden, um dann zu erkennen, dass es vor  800 Jahren ein Experiment gab? Es liegt sicher auch mit an den Leuten aus der Blauzahnsiedlung. Dieser Name  ist eines der wenigen festen Bestandteile, die überdauern sollten, damit man  den Zusammenhang zwischen dem dreizehnten Jahrhundert und dem heutigen  wieder erkennt. Die Menschen in der Geschichte Lars / Windkenner Erik / der Menschenschmid John / ohne Sprache Jose und Alberto / Weinmacher Jan / Sternenkenner


Gerretius / Medikus Otto von Kraz / in Lorch und am Stauferhof   Peter von und zu Bärental / Chronist  Gregorius / der Mönch und Seelentröster Juris / der Balte Mathias / der Schreiber und Rechtsgelehrte Steffen / Landratte Carlo und Luigi / Segelmacher Knorre / der Sklave und Bote Claus von Olsen / Ritter des Deutschen Ordens hat seinen Dienst im Heiligen  Land beendet Jorg Jorgsson / Verarmter Ritter und Sänger ( will sterben aber es misslingt ihm  ständig ) Johannes / Baltus / Silas   Sergeanten des Ordens und Begleiter von Claus Wolfskopf  / Conlin / Ulrich / Hermon / Tomen / Willin   Hörige Knechte Mecht  / Gret / Margret / Barbel / Agnes /  Jonata / Afra   Hörige Mägde Ziege / Jobst / Carol / Seile    männliche Sklaven Zünglein / Lotte /  Marlein / Clara / Reusin / Jonata  weibliche Sklaven Mandy ( Mandolin ) / Bogenschütze Corina  ( Gloria ) / Bogenschütze  Milly  ( Melusine ) / Hüterin der Haustiere Matra ( Martha ) / Bogenschütze Carla / die Speisenzubereiterin und Hüterin des Herdfeuers Maria / die Näherin und Bogenschütze Lisa immer Jung / Bogenschütze Olivia von Breitenbach ( Herrin auf  Breitenbach ) Sylvia / die Heilerin Meatice Monte  / Frau des Alberto Bogenschütze Birgit aus Hammaburg /  Herrin des Frauenconvents Julia Piro / Schreiberin  Maria Hammertochter / aus Hammaburg  Tochter der Birgit  Anführerin der   Bogenschützen Melanie / Vertreterin der Birgit und Steuerfrau auf der Knorr Sophia / die Messerwerferin, ist für alle Sklaven verantwortlich Betty / die Sächsin führt die Sax wie ein Mann und kümmert sich um die Pferde Dara und Cahyra / Muslima - befreit von Sklavenhändlern Künstlerinnen mit  Nadel und Faden und mit dem Wurfmesser Isabella / die Pflanzenkennerin ( bereitet Aufgüsse und Heilsalben ) hasst  Waffen tötet mit Blicken und Worten Nadine / Tochter der Isabella, kümmert sich um die Hunde  Bogenschützin Judit / kennt viele Sprachen und dient oft als Übersetzerin, liebt den Kampf   mit dem Kurzschwert Simon / der Nowgoroder Rus  steuert das kleine Langboot Sasha /  Simons Schwester ist für die Vorratshäuser verantwortlich  kämpft mit  der Armbrust


8 Petja / Krieger und Händler Oleg / Segelmacher und Matrose Olgenija / Schmiedin und Schwertkämpfer Wladimir / Schüler der Olenija Andrei / Seemann/ Krieger und Schreiner Alana / Heilkundige Popeij / Priester und Schwertlehrer, schnitzt gerne Figuren Oronija / Seherin, Bogenschütze und Töpfer Askold / ehemaliger Waräger bei den Griechen und Krieger Silas / Schwertkämpferin ...hat sich einen Männernamen gegeben, ist die schön- ste Frau in der Siedlung Marija / geflohene Zweitfrau eines Nowgoroder Häuptlings, Bogenschütze und  Tuchweber Colja / Seemann und Krieger  Schreiner und Schiffsbauer Igor / Schiffsjunge und Schüler des Colja Namenlos / Köchin und beste Armbrustschützin   will keinen Namen haben Kapitel 4 21. Dezember 2015 kurz vor dem Morgengrauen Knorre erwachte, weil einer der Hunde anfing zu knurren. Dann knurrten alle  beiden Hunde und Knorre konnte sie nicht beruhigen. Das Knurren wurde  immer stärker und der Junge spürte, dass da etwas Unangenehmes bevorstand.  Er öffnete die Tür des kleinen Häuschens, wo er gerne die Nächte verbrachte  und die Hunde eilten immer noch knurrend nach draußen. Bei dem großen Tor  blieben sie stehen und begannen zu bellen. Knorre hätte gerne das Tor geöffnet  und nachgeschaut, aber das durfte er nicht und er konnte es auch nicht. Der  schwere Querbalken, der das Tor verschloss, war ihm zu schwer. Im Schneet- reiben sah er hinter sich im Hof  verschwommen ein paar Figuren vom großen  Haus weggehen und rannte auf  sie zu. Es war Sophia, Melanie und Birgit, die  auf  dem Weg zu den Schlafstätten der Knechte waren. Knorre rief  und Sophia  kam auf  ihn zu. Laut sprechend und heftig gestikulierend versuchte er Sophia  klar zu machen, dass vor dem Tor etwas passiert sei, was die Hunde mächtig  aufregen würde. Sie winkte den anderen beiden Frauen und schickte Knorre zu  Claus von Olsen weiter, dass man ihn am Tor erwarten würde. Die Hunde waren immer noch sehr aufgeregt, als sich alle am Tor versammelt- en. Claus kletterte auf  die kleine Plattform über dem Torwärterhäuschen und  schaute über die Mauer auf  den Platz vor dem Tor. Er sah undeutlich etwas, das  wie ein Kleidungstück aussah, aber der Schnee hatte alles so bedeckt, dass man  nichts klar erkennen konnte.  Claus, einer seiner Sergeanten und Sophia hoben den schweren Balken weg.  Bevor sie das Tor öffneten ergriffen Claus und sein Mitstreiter ihre Schwerter,  öffneten das Tor einen Spalt und ließen die Hunde nach draußen. Als sie diese 


weiter bellen hörten, öffneten sie das Tor ganz und gingen nach draußen. Die  Hunde gruben im Schnee und zerrten dann ein Stück Stoff  aus einer Schnee- wehe. Claus befahl Knorre, die Hunde zu verscheuchen und sie versuchten in  dem Schneehaufen zu ergründen, was denn da so Aufregendes liegen könnte.   Melanie hatte offensichtlich etwas gefunden. Sie zerrte verzweifelt an einer  Hand und förderte dann einen ganzen Oberkörper zu Tage. Claus half  ihr und  sie zogen den gesamten Körper aus dem Schnee. Der Sergeant beobachtete  inzwischen die ganze Umgebung und rief  laut, dass sich in etwas mehr als ein- hundert Schritte weiter irgendetwas bewegen würde. Das Schneegestöber und  das fahle Licht verhinderte allerdings eine genauere Angabe, was denn da sein  könnte. Sie zogen den gefrorenen Körper durchs Tor und schlossen es wieder.  Knorre musste Lars und Erik holen, während die anderen den Körper ins kleine  Wächterhaus schleppten. Claus untersuchte den Körper. “Ein Mann, harte Hän- de, tot, erfroren, aber er hat auch üble Verletzungen im Rücken, wahrscheinlich  von einem Messer oder einem Schwert. Ob er nur erfroren ist oder auch an den  Verletzungen gestorben ist, kann man nicht sagen. Er hat auch was auf  den  Kopf  bekommen, da hat er ordentlich geblutet. Er ist aber gut genährt. Also  war das kein einfacher Knecht oder so. Ich glaube, dass ich den Mann gesehen  habe. Ich glaube, das ist der Knecht von Mecht, der Frau die uns ihren Bauern- hof  überschrieben hat und zu uns in die Siedlung ziehen will.” Er schaute in die  Runde und Melanie bestätigte ihm das. “Da ist wohl etwas Schlimmes passiert.  Wilde Tiere waren das nicht. Ob da noch ein paar der Söldner draußen frei  rumlaufen? Aber ich war der Meinung, wir haben alle gefangen. Wir sollten die  zweitausend Schritte rübergehen zu dem Hof  von Mecht und nachschauen.”  Melanie hörte hinter sich etwas und sprach nicht weiter. In der Tür standen  Lars, Erik, und Gregorius. Lars nickte und meinte, dass man sich bewaffnen  sollte. Ohne Waffen und Hunde sollten sie nicht vors Tor gehen. Erst wollte er  feststellen, was da vorgefallen war. Knorre musste auf die Torplattform steigen  und das Eisen schlagen. Das war das Signal, dass alle sich bewaffnen sollten und  sich vor der großen Halle zu sammeln hatten.  Als alle vor der Halle standen, berichtete Claus von Olsen kurz von dem Toten  und was sie bisher wussten. Er beeilte sich, denn der Sturm hatte zwar nach- gelassen, aber keiner wollte so lange ruhig dastehen und frieren. Erik, Claus  und seine drei Sergeanten sowie Birgit machten sich auf  den Weg zum Hof  von  Mecht. Alle anderen suchten Schutz vor dem Wetter hinter den Palisaden und  Mauern. Alles war auf  Ungemach eingestellt. Was die Sechs auf  dem kleinen Hof  von Mecht fanden, erschütterte sie. Ein  Mann lag nackt und mit eingeschlagenem Schädel vor der Tür der Hütte. Die  Ziegen und Schafe standen dumpf  meckernd und blökend herum. Der Pelz der  Schafe war leicht rot. Mit gezogenem Schwert betrat Claus mit Erik zusam- men die Hütte. Es dauerte keine drei Atemzüge, als Erik wieder herauskam  und Birgit zu sich winkte. “Hier wird eine Frau gebraucht, ganz dringend.” Was  Birgit sah, ließ ihr kurz das Herz erstarren. Mecht lag mehr ohnmächtig als bei  den Lebenden nackt auf  dem Boden, ihre Tochter, die dreizehnjährige Gret,  lag ebenfalls nackt auf  dem Bauch liegend in einer Ecke. Das Mobiliar war 


0 zertrümmert und einige Becher - noch mit etwas Met gefüllt - standen neben  Mecht auf  dem Boden. Claus nahm seinen Umhang und bedeckte das Mäd- chen, während Birgit versuchte, die Frau aufzuwecken. Als das nicht gelang,  trugen sie zuerst Gret auf einen Heuhaufen, damit sie nicht mehr auf  dem  kalten Boden liegen musste. Dann suchten sie in dem Durcheinander nach ein  paar Kleidungsstücken für Mecht und Gret.  Als Melanie sie notdürftig gekleidet hatte, legten sie die beiden nebeneinander  auf  das Heu, das einer der Sergeanten aus einer Ecke geholt hatte. Erik machte  inzwischen ein Feuer unter dem Kamin. Brennholz war leider genug vorhanden.  Als Erik dann mit einem der Sergeanten die Tiere einfing und in den Stallbe- reich brachte, fanden sie noch zwei Knechte gebunden und ohnmächtig an  einen Balken gebunden. Beide hatte man niedergeschlagen und gefesselt.  Claus erhitzte ein wenig Wein, den er fand und flößte ihn Mecht ein. Langsam  kam sie wieder zu sich. Ihre ersten Worte galten ihrer Tochter Gret. Birgit  wusch sie mit lauwarmem Wasser ab und dann mit warmen und zuletzt wurde  sie mit etwas Schnee abgerieben. Das brachte auch ihre Lebensgeister wieder  zum Erwachen.  “Ist Blär weg? Was machen meine Knechte?” Es fiel ihr sichtlich schwer zu  sprechen. Erik schaute sie an. “Blär? Du meinst den Bürgermeister. War der das  hier?” Sie nickte nur. Dann nahm sie alle Kraft zusammen, um weiter zu beri- chten. “Er kam weit nach Mitternacht. Nehme ich an, es war zu dunkel draußen  und es schneite auch stark. Wir hörten zuerst die Schafe unruhig werden, dann  waren sie schon über uns. Die Tür hatten sie aufgebrochen. Es waren sechs an  der Zahl. Ich erkannte Blär an seiner Stimme. Das kleine Licht im Kamin war  nicht hell genug, um alles genau zu sehen, aber ich sah, dass er sein Gesicht mit  einem Tuch bedeckt hatte, nur seine Augen waren da zu sehen, wenn er sich  dem Licht zugewandt hat. Mit Knüppel erschlugen sie Arnulf  und Eilif. Arnulf   hatte einen Pelz an und den zogen sie ihm aus und schleppten seinen Körper  nach draußen. Eilif  ließen sie vor der Tür liegen. Ollo und Rollo schlugen sie  auch nieder und ich sah noch, wie sie die banden. Dann fielen sie über meine  Tochter und mich her. Blär sagte immer wieder, das sei die Strafe für mein wid- erspenstiges Verhalten. Dann sagte er etwas, was ich nie vergessen werde. Erst  Spaß - dann Tod. Während sich seine Schergen über mich und meine Tochter  hermachten, zertrümmerte er alles, was er fand. Dann bemerkten sie, dass Eilif   weg war. Blär nahm die Fackel und ging mit zwei seiner Burschen nach draußen.  Sie wollten ihn suchen. Er rief  noch laut, dass sie alles verbrennen sollten.  Irgendwann muss ich wohl in den Todschlaf  gefallen sein. Gret rührte sich da  schon lange nicht mehr. Und nun seid ihr hier. Hat euch Eilif  geholt?” Birgit  nahm ihre Hand und erklärte ihr, was da passiert war. Dass Eilif  tot aufgefun- den wurde, dass zwei ihrer Knechte gefesselt im Ziegenstall gefunden wurden  und dass ihre Tochter lebte, zwar noch etwas benommen und noch nicht ganz  wach, aber lebte.  Dann hörten sie draußen Rufe. Jose, Alberto, Gerretius, Maria und Julia kamen  auf  Pferden angeritten. Der Sturm hatte nachgelassen und sie waren losge- schickt worden, damit man Nachrichten zur Blauzahnsiedlung schicken konnte.


Maria und Julia fingen die Schafe und Ziegen ein, banden sie zusammen und  gingen dann gemeinsam mit einem der Sergeanten und den Tieren zurück zur  Siedlung. Jose fand einen Schlitten, bastelte einen Deichsel und spannte eines  der Pferde davor. Gret und Mecht wurden darauf  gelegt, alles was es an Fellen,  Tüchern oder Stroh noch gab, wurde unter und über sie gelegt. Die beiden  Knechte band man auf  Pferde. Was noch an Gerätschaften brauchbar war,  wurde auf  einen kleinen Handkarren gelegt und ebenfalls mitgenommen. Den  Leichnam des Knechtes legte man ins Haus und dann legte Claus Feuer an das  Gehöft und sie wanderten Richtung Blauzahnsiedlung. Claus war aufgebracht, das spürten alle, die ihn begleiteten. Er trug keine Hand- schuhe und jeder sah, dass er das Heft seines Schwertes krampfhaft umklam- merte.  In der Siedlung angekommen wurden die Verletzten sofort ins Versammlung- shaus gebracht und versorgt. Die beiden Frauen wurden mit vielen tröstenden  Worten und warmen Getränken bemuttert. Die Knechte jammerten zwar viel,  aber deren Verletzungen waren eher anderer Natur. Das sagte ihnen auch einer  der Sergeanten sehr laut. “Feigheit kann auch verdammt weh tun.” Das saß  und sie schwiegen danach und bedankten sich artig für alles, was man ihnen an  Gutem antat. Lars und Erik beriefen den Rat aller Freien in der Siedlung ein. Klar war nun,  dass der Bürgermeister keine Ruhe geben würde. Lars vermutete, dass er  irgendeine Schurkerei auch gegen sie vorhatte. Wenn er einen Brief  an den  König schicken würde und sie mit falschen Beschuldigungen vor das Gericht  des Königs zerren würde, dann hätten sie wenig dagegen auszurichten. Allen  war ihre Siedlung und ihr Lebensstil merkwürdig. Wo sonst lebten Heiden und  Christen, Frauen und Männer, Knechte, Sklaven und Herren so einträchtig bei- einander. Also mussten sie Maßnahmen ergreifen, um sich zu schützen. Mathias  wurde beauftragt, einen Brief an den König mit den gesammelten Fakten zu  schreiben. Unterwürfig ja, aber doch mit der notwendigen Stärke. Mathias war  ein guter Schreiberling und ein Kenner des Rechtes. Als Boten wurden Pe- ter, Marcus, Mathias ausgewählt. Sie sollten den Brief und auch die Aussagen  gegenüber König Knut Knutssen überbringen. Er war der erste König, der von  der Kirche gesalbt wurde, aber sein Widerwillen gegen die Gottesmänner war  allen bestens bekannt. Er war Christ, aber er akzeptierte auch noch die alten  Götter, wenn man sie nicht öffentlich anbetete. Und er war ein Mann, der Un- recht nicht gerne sah, denn ihm wurde schon als Kind zu viel Unrecht angetan.  Und er traute den Anhängern des alten Königs nicht, die hatten das Land zu  sehr gequält. Das war der wichtigste Punkt, den Mathias in seinem Schreiben  betonte. Dass der Bürgermeister wahrscheinlich absichtlich die falschen Wap- pen akzeptierte und es deshalb zu Verwüstungen und Schäden an menschlichen  Leibern gekommen war.   Einen Tag nach Weihnachten bemannten die Leute aus der Blauzahnsiedlung  heimlich die kleine Knorr und fuhren übers stürmische Meer in Richtung Fest- land, um den König zu suchen.  Nach vier Tagen auf  dem Meer konnten sie in einer kleinen Bucht in der Nähe 


eines Fischerdorfes vor Anker gehen. In der Bucht war das Wasser ruhiger als  auf  dem offenen Meer. Marcus, Peter, Mathias und zwei ihrer Knechte gingen  an Land. Unter der Bewachung von zehn Männern blieb die Knorr in der Bucht  zurück. Sie waren gut gerüstet und man begegnete ihnen in dem Fischdorf  sehr  unterwürfig und gab ihnen die Auskünfte, die sie geben konnten. Sie wussten  nicht, wo der König war. Sie wussten auch nicht, ob es in der Nähe eine Stadt  gab, sie wussten nicht, ob es in der Nähe ein Burg gab. Sie wussten nur, dass es  ein größeres Fischerdorf  etwa eine halbe Tagesreise zu Fuß in Richtung Süden  gab. Dort würden auch immer wieder Drachenboote landen, die Handel mit  den Dorfbewohnern trieben. Dort könne man gut Sklaven und auch mal ein  Pferd kaufen oder auch verkaufen. Ein merkwürdiger Dorfbewohner bot sich  ihnen als Führer an. Als Lohn für seine Dienste wollte er ein gutes Essen und  ein Messer haben. Peter machte ihm klar, dass er gerne ein Essen bekommen  könne, aber ein Messer, das sei zu viel als Lohn für solche einfache Dienste.  Peter mochte den Mann nicht und beriet sich mit den anderen, ob sie überhaupt  einen Führer benötigen würden. Marcus war dagegen, Mathias war es egal und  die beiden Knechte wollten nichts dazu sagen. Also beschloss Peter, ihn doch  mitzunehmen. Sie wollten einfach schnell und sicher in einen größeren Ort  kommen, um dort in Erfahrung zu bringen, wo der König war. Dann marschi- erten sie los. Der Mann ging voraus, blieb mal stehen und ließ die fünf an sich  vorbei, überholte sie wieder und ließ sie wieder an sich vorbei. Das wieder- holte sich ständig, bis Marcus misstrauisch wurde und ein Stück des Weges  zurück ging. Dort fand er mit Holz und Werk zusammen gebundenes Holz,  das einen kleinen Pfeil darstellte und ihren Weg markierte. Und dann sah er ein  paar Leute, die ein gutes Stück hinter ihnen her marschierten. Es waren Leute  mit Knüppeln und Messern, das konnte Marcus erkennen, neun an der Zahl.  Marcus nahm das Zeichen und zerstörte es, wobei er nicht glaubte, dass diese  Leute das benötigte, um sie zu finden. Als er die Blauzahnfreunde einholte,  führte sie der merkwürdige Mann, der sich Svensson nannte, über einen sehr  schmalen Klippenpfad ein Stück nach unten Richtung Strand. Plötzlich blieb  Svensson stehen und rief ihnen zu, dass sie zurückgehen sollten, er habe sich  verlaufen, sie seien eine Abzweigung zu früh nach unten gegangen. Sie drehten  um und wollten zurückgehen. Marcus informierte seine Freunde flüsternd, was  er entdeckt hatte und sie beschlossen, den Weg weiterzugehen und nicht ihren  Verfolgern entgegenzulaufen. Svensson war verschwunden und der Weg ging  auch auf  einmal nicht weiter, er endete über einer Klippe. Knapp zwei Männer  konnten nebeneinander stehen, aber an Kämpfen mit dem Schwert war dabei  nicht zu denken. Sie saßen, nein standen in der Falle. Dann wurden Steine nach  ihnen geworfen. Es traf  zwar keiner, wenn sie sich fest an die Steine lehnten,  aber sie konnten nun nicht mehr zurückgehen. Auf  dem schmalen Pfad sahen  sie die ersten Männer mit Knüppeln kommen. Zehn Schritte vor ihnen blieben  sie stehen. Sie riefen irgendjemand zu, wie man am besten die Steine nach den  Blauzahnleuten werfen sollte. Und bald traf  auch der erste Stein Marcus an der  Schulter. Sein dicker Lederwams verhinderte, dass er sich die Haut aufriss, aber  es schmerzte ordentlich. Er konnte seinen linken Arm nicht mehr bewegen.


Sie saßen fest.   Kapitel 5 29. Dezember 1215 gegen Mittag an der Küste von Schweden Wolfskopf  suchte nach dem Weg, den der ominöse Führer nach oben genom- men hatte. Hinter einem dicken Busch, der an der Felswand wuchs, fand er  ihn. Er schob den Busch zur Seite und schon war er nicht mehr zu sehen. Im  schwachen Licht, das irgendwie von oben kam, entdeckte Wolfskopf  einen  steilen, aber begehbaren Weg. Er kletterte hoch und konnte nach gut fünf  Me- tern, die er überwinden musste, den Kopf  durch einen Felsspalt schieben. Keine  sechs Schritte weiter sah er ihren Führer, der einen Stein in der Hand hielt und  nach unten schrie. Er bemerkte nicht, wie sich Wolfskopf  von hinten anschlich.  Der Dorfbewohner, der sie in diese missliche Lage geführt hatte, wollte gerade  wieder einen Stein werfen, als er von hinten gepackt wurde. Erschrocken sprang  er zur Seite und glitt auf dem eisigen Untergrund aus und stürze ab. Er fiel an  Peter vorbei in den Abgrund und brüllte so lange er im Fallen war. Dann war  Ruhe. Wolfskopf  legte sich auf  den Bauch und schaute über den Felsvorsprung  zu den seinen hinab. “Drückt den Busch zur Seite und steigt zu mir rauf. Hier  oben ist niemand.” Die anderen folgten seinen Rat und stiegen nach oben.  Dort angekommen nahmen sie so viel Steine wie sie nur finden konnten und  warfen diese nach unten. Dann rollten sie einen Felsen über das Loch. Offensi- chtlich war er dafür auch vorgesehen, denn er war nicht wie die anderen Felsen  am Boden festgefroren. Oder es war ganz einfach ein glücklicher Zufall, dass  die Blauzahnleute ihn bewegen konnten. Nun versuchten sie, sich zu orien- tieren. Sie mussten an der Küste entlang, blieben aber auf dem Hochplateau.  Sie mussten nur ein paar Schritte gehen und sie befanden sich im Schutz eines  kleinen Waldes. Sie machten sich nicht die Mühe, die anderen Verfolger zu  beobachten. Wenn diese bemerkten, dass sie den versteckten Gang nach oben  nicht benutzen konnten, mussten sie zurückgehen. Sie würden dazu viel zu  viel Zeit verlieren und die Verfolgung würde eher sinnlos werden. Zudem war  der Überraschungsmoment vertan  -die fünf waren zudem sehr gut bewaffnet  und konnten sich sehr gut gegen ihre Verfolger, wenn sie nun kommen sollten,  verteidigen. Wolfskopf  und Ulrich, die beiden Knechte gingen voraus.  Am späten Nachmittag sahen sie Rauch vor sich aufsteigen. Als sie auf die  Rauchsäule zugingen, sahen sie einige Häuser und Ställe in der Nähe des  Strandes. In einer Bucht lagen drei Langboote und auch ein paar Fischerkähne,  die man an Land gezogen hatte. Der Rauch entstieg dem Kamin des größten  Hauses in der Siedlung. Ein langes Haus, teilweise aus Stein mit einem stro- hgedeckten Dach. Vor diesem Haus entdeckten sie sechs Reiter, die noch auf   ihren Pferden saßen. Ulrich hatte die besten Augen. “Ich sehe eine kleine Fahne.  Die hat Ähnlichkeit mit der, die die Söldner hatten. Ist aber nur ähnlich, nicht  die gleiche. Einer von den Reitern ist sehr gut gekleidet.” Dann sahen sie alle,  dass man sie wohl entdeckt hatte. Drei der Reiter kamen mit gesenkten Lanzen 


4 auf  sie zu geritten. Als sie sahen, dass die fünf ebenfalls ordentliche Kleidung  trugen, aber auch bewaffnet waren, stoppten sie zehn Schritte vor ihnen und  fragten sie nach ihren Namen und ihrem Weg. Mathias antwortete für alle  wahrheitsgemäß. Die Reiter forderten sie auf, ihnen zu folgen. Zu folgen war  nicht so ganz das, was man darunter verstand. Einer ritt voraus und die beiden  anderen folgten der Fußgängertruppe mit gesenkten Lanzen.  Als sie die Gruppe erreichten, mussten sie die Köpfe vor dem Reiter neigen,  der um den Hals ein Siegel des Königs trug. Nochmals wurden sie befragt, wer  sie seien und was sie hier wollten. Mathias antwortete wieder, man sah sofort,  dass der Reiter mit dem Siegel aufmerksam wurde, als sie den Namen ihrer  Siedlung nannten. Nun stellte sich der Reiter selbst vor und stellte Fragen. “  Ich bin Sven von Olsen. Berater des Königs und Schreiber unseres Fürsten.  Wohnt bei euch ein Claus von Olsen? Das ist meines Vaters Bruder Sohn. Ich  hörte, dass er aus dem Heiligen Land zurück sei. Der Bruder meines Vaters  lebte in Rhodopolis ihr nennt es wohl Rotstoch. Weil sein Orden ihn aus dem  heiligen Lande zurückgerufen hat, musste er einem neuen Auftrage folgen. Er  sollte sich um Gotland kümmern. Und da ist er wohl bei euch gelandet. Mein  Herr und König wollte schon von mir wissen, was das für merkwürdige Leute  in der Blauzahnsiedlung seien. Und nun treffe ich euch. Wir müssen reden.  Später, wenn ich hier meinen Auftrag erledigt habe.” Ohne auf  eine Antwort  zu warten rief  er einen Namen und wartete, ob da jemand antworten würde.  Geduldig blickte er zum Tor des großen Hauses. Gerade wollte er einen Befehl  ausrufen, als sich das Tor öffnete und ein sehr großer Mann vor den Reiter  trat. Er schüttelte den Kopf. “Sie will nicht herauskommen Herr. Ich soll euch  sagen, dass sie nicht heiraten will und lieber ins Kloster gehen würde, als Jarl  Olberson zu heiraten. Er sei ihr zu alt und würde furchtbar stinken.” Sven von  Olsen lachte laut auf. “Alt ist er allemal, ob er stinkt mag ich nicht zu beurteilen  und ich bin auch nicht hier, um sie dem Manne zuzuführen, den sie nicht mag.  Das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin hier als Bote des Königs. Ihr Vater ist bei  einem Kampf  für den König zu Tode gekommen und da er nur sie gezeugt hat  und sie sein Nachkomme ist, muss ich sie zum König führen. Es müssen Dinge  geklärt werden. Ihr Vater hat sie zu seiner Nachfolgerin bestimmt. Das geht  nicht, sagen die Priester. Die anderen Jarl sagen das auch, aber der König sagte,  er wolle das prüfen. Sag ihr, sie soll herauskommen. Ich werde sie sicher zum  König bringen.” Der Riese lächelte und wollte durchs Tor zurück in das Haus.  Da öffnete sich das Tor von innen und eine Frau, die um die zwanzig Jahre alt  sein konnte, trat heraus. Sie hatte ein Schwert umgegürtet, trug ein Kettenhemd  und hatte einen ledernen Lendenschurz angelegt. Darunter trug sie Hosen.  Wäre da nicht ihr hübsches Gesicht und die langen blonden Haare gewesen,  hätte man sie eher für einen hübschen Jüngling gehalten. Aber das Kettenhemd  zeigte deutlich, dass da eine Frau vor Sven von Olsen stand. “Ihr garantiert  mir freies Geleit zum König? Darf  ich dort für mich sprechen? Und darf  ich  drei meiner Leute mitnehmen? Mehr Pferde hätte ich auch nicht. Die anderen  hat alle mein Vater mitgenommen. Ich weiß, dass er tot ist, er hat mir gesagt,  dass er nicht mehr wiederkommen wird. Er sagte mir auch, dass ihm jemand 


5 einen Dolch oder ein langes Messer in den Rücken stechen wird. Tore, der hier  neben mir steht, war bei ihm, als er starb. Er wurde nicht vom Feind getötet. Er  meinte, es war einer von Jarl Olbersons Männer. Er sah seinen Leichnam, seine  Wunden waren hinten am Hals und am Rücken und daran ist er gestorben. Ich  werde, wenn ich kann, sein Erbe antreten und ich will dann Gerechtigkeit, Herr  Sven von Olsen. Könnt ihr mir euer Wort geben, dass ich das dem König sagen  darf?” Sven von Olsen hatte genau zugehört und dachte nach. Dann schaute  er in die Runde und sein Blick fiel auf die fünf  aus der Blauzahnsiedlung. “Ihr  habt lesen und schreiben gelernt. Und du Mathias Schreiberling kennst doch  auch gut die Gesetze. Sie darf  ihre Sache nicht vor dem König vertreten. Das  darf  nur ein Jarl oder dessen Vertreter. Da du im Auftrage der Blauzahnsiedler  hierhergekommen bist, vertrittst du auch euren Jarl. Also könntest du sie vor  dem König vertreten. Willst du das?” Dann legte er seine linke Hand über  seinen Mund und zeigte Mathias und den anderen Blauzahnsiedlern, dass sie  schweigen sollten. Er stieg von seinem Pferd ab und führte, Mathias, Peter  und Marcus zur Seite. “Ich weiß, dass ihr keinen Jarl habt, aber es reicht, wenn  ich bestätige, dass ihr euren Jarl vertretet. Es hilft zudem, wenn ich sage, dass  meines Vaters Brudersohn bei euch lebt. Ein achtbarer Ritter des Deutschen  Ordens. Da der König auch neugierig ist, etwas über eure Siedlung zu erfahren,  kommt ihr mit und wir haben dann genügend Zeit miteinander zu reden.” Ohne  auf  eine Antwort zu warten, drehte er sich um und rief  laut. “Der Rechtsgeleh- rte Mathias, der Schreiberling, wird euch und eure Sache vertreten. Das ist so  ausgemacht. Besorgt Pferde für die Fünf hier, wir reiten morgen früh los. Marit  öffnet das Tor, ihr habt viele Gäste heute Nacht.”   . Dezember 5 am späten Abend in der Halle der Familie Birger   Marit Birger ließ ihre Gäste gut bewirten. Frisches Brot, Käse und ein wenig  kalter Braten. Dazu gab es gebackene Äpfel mit Honig bestrichen. Das  Außergewöhnliche war aber das kalte Wasser und das Met, das es zu trinken  gab. Das Met war gut, mit irgendeinem Kraut gewürzt und heiß gemacht.  Und das klare Wasser, das man den Gästen reichte, um den Durst zu löschen,  schmeckte nicht einfach nach Wasser, es schmeckte anders. Marcus meinte, dass  man es auch mit einem Kraut etwas gewürzt habe. Es war leicht bitter, aber sehr  gut.  In dem Kamin der Halle brannte ein Feuer und erwärmte etwas den Raum, aber  man musste sich trotzdem noch etwas warm anziehen, denn es reichte nicht aus,  um den ganzen Raum zu erwärmen. An einer der Wände prangte ein Bild, ein Bild aus Stoff gewebt. Es zeigte ein  Langboot ohne Ruderer, das über den Wellen schwebte und der Wind füllte  das Segel. Nur ein Mann und ein Kind waren auf  dem Boot zu sehen. Mathias  stand lange davor und bewunderte es. Marit trat neben ihn, während er immer  noch staunend darauf  schaute. “Das hat eine Frau aus dem Frankenland hier bei  uns im Hause gewebt. Mein Vater hat die Frau auf  einer seiner Reisen getrof- fen und einfach mitgenommen. Er hoffte, sie könnte meine Mutter ersetzen,  die bei meiner Geburt gestorben ist. Das konnte sie nicht, aber sie konnte gut  weben und sein Bett war nie kalt. Der Riese dort am Tisch hat mich erzogen. 


6 Ihr habt ihn am Tor gesehen. Er war sein Leben lang für mich da. Die Frau  aus Franken konnte leider keine Kinder bekommen und mein Vater wollte nur  sie haben und so blieb ich ohne Geschwister. Das Bild hat sie angefangen zu  Weben, als ich sieben Jahre alt wurde und war damit fertig, als ich neun Jahre  alt war. Es sollte zeigen, dass im Lebensboot meines Vaters nur eine Platz hatte,  nämlich ich. Nun ist er und sie tot und ich bin mit dem Riesen und ein paar  Familien hier alleine. Wir sind keine zwanzig Menschen hier. Fünfzehn Frauen,  drei Männer und zwei Kinder. Mir gehören gerade noch ein paar Felder und ein  kleines Langboot. Alles Wichtige hat mein Vater mit genommen und im Kampf   verloren. Dreißig Männer mit Waffen und einem Drachenboot. Alles verloren,  so sagte man es mir. Nur einer seiner Männer kam verletzt zurück. Und die  Hochzeit mit dem alten stinkenden Jarl sei noch auf  dem Schlachtfeld verein- bart worden. Ein Bote des Jarl Olberson kam ein paar Tage nach dem Gefecht  zu mir und überbrachte mir die Nachricht und den Armreif  meines Vaters. Das  sollte beweisen, dass dieser Bund beschlossen worden sei. Ich glaube das nicht.  Der Jarl braucht mein Land. Nördlich von hier liegt ein Fischerdorf  in einer  Bucht. Die Bucht eignet sich nicht besonders gut als Hafen, aber diese Bucht  hier schon. Und da Jarl Olberson gerne Handel mit den Dänen und mit der  Stadt Hammaburg betreibt, braucht er einen guten Hafen. Bisher mussten sie  immer hier landen und wir lebten gut von den Zöllen. Aber nun? Wenn er mich  heiratet, hofft er, dass er das Land mit dazu bekommt. Ich will ihn nicht und ich  muss mich um diese Menschen hier kümmern. Das ist doch die Aufgabe, wenn  man ein Jarl ist?” Mathias nickte zustimmend. Die Stimme der jungen Frau war  fest und doch klang sie ihm wie Musik. “Nördlich von hier sagtet ihr, sei ein  Fischdorf. Schäbig und eigentlich sind es nur ein paar Hütten, aber etwas abseits  steht eine große Scheune mit einem strohgedeckten Dach und einem grünen  Kreuz an der Hauswand. Meint ihr das?” Sie nickte und Mathias erzählte ihr  von dem Führer und den Verfolgern. Sie lachte auf, kein frohes Lachen. Ein  eher traurigen Auflachen. “ Ja das sind sie, wenn der Jarl davon erfährt, wird  er eure Knorr holen. Eines ist sicher, schnell wird das nicht passieren, denn so  etwas darf  nur er bestimmen und er ist beim König. Aber ihr solltet eure Leute  warnen.” Mathias bedankte sich bei Marit und ging zu seinen Freunden und  berichtete, was ihm Marit gesagt hatte. Sven Olsen hörte ebenfalls zu. “Ich werde morgen zwei meiner Männer dorthin schicken und euren Leuten  eine Botschaft überbringen. Kann jemand von euch eine Botschaft verfassen,  dass eure Leute das auch verstehen und glauben? Sie sollen die Küste noch  weiter Richtung Süden und Westen entlangfahren. etwas mehr als zwei Tages- ritte von hier liegt eine Bucht, dort hat der König eine kleine Burg und in der  Bucht müssten drei Drachenboot liegen. Ich werde ein Begleitschreiben verfas- sen, dass eure Knorr dort sicher ankern darf. Das Wetter wird noch ein paar  Tage ruhig bleiben. Kein Sturm in Sicht, also können sie dorthin gelangen.”  . Dezember 5 Blauzahnsiedlung später Nachmittag  Erik saß mit Lars und Claus von Olsen zusammen in der großen Halle. Sie  hatten alle Vorräte geprüft und mussten feststellen, dass diese gerade noch  bis zum Frühjahr reichen würden. Es durften aber keine weiteren Menschen 


oder Tiere dazu kommen, sonst würde es sehr knapp werden. Um aber etwas  sicher zu sein, beschlossen sie eine der Kühe zu schlachten und das Fleisch  zu räuchern oder in Salzfässer einzulegen. Mit seinem Knüppel, den Erik aus  welchem Grund auch immer an diesem Tage nicht aus der Hand legte, schlug  er als Zeichen der Zustimmung auf  den Boden. Zu fest wie es schien. Die Bret- ter auf  dem Boden barsten und das Holz verschwand im Boden. “Was ist das  denn? Ich dachte der Keller liegt dort drüben und hier unten ist nur Lehm. So  heftig war doch mein Schlag nicht, dass ich gleich ein Erdloch geschaffen habe.”  Erik wollte es nicht glauben und stand auf  und schaute sich das Loch im Boden  an. Tatsächlich war unter ihnen ein Erdloch. Lars nahm sich ein Fackel und  leuchtete in das Loch. “Das scheint ein Keller zu sein. Das müssen die Erbauer  gemacht haben und wir haben nichts bemerkt, als wie hier den Holzboden  gelegt haben.” Sie rissen noch ein paar Bohlen weg und dann sahen sie es.  Eine Stiege aus Stein führte nach unten. Claus holte sich auch eine Fackel und  vorsichtig stiegen die Drei nach unten. Die Decke war dick und fest, die Wände  waren aus Fels und teilweise mit festen Steinem gesichert. Der Boden war aus  Stein und ein kleiner Luftzug war zu spüren, wahrscheinlich war es deshalb auch  nicht sehr feucht da unten im Keller. In einer Ecke stand eine Holzkiste auf ein  paar morschen Holzbohlen. Daneben standen zehn Tongefäße mit Bienenwa- chs verschlossen. Und auf  der anderen Seite sahen sie einen Holzbalken oder  so etwas Ähnliches. Als Lars mit der Fackel näher kam, sah er genauer hin. Das  war ein Drachenkopf  aus Holz geschnitzt. Vorsichtig hoben sie das Gefundene  nach oben in den großen Saal. Der Drachenkopf  war so klein, nicht einmal halb  so hoch wie ein Mann, sodass Erik ihn alleine nach oben bringen konnte. Inzwischen hatten sich noch einige andere in der Halle eingefunden und  bestaunten das Loch im Boden und die gefundenen Dinge. Als erstes wollten sie die Kiste öffnen, aber sie war mit ein paar eisernen Nägeln  fest verschlossen worden und man musste aus der Schmiede Werkzeug holen,  um die Kiste zu öffnen. Vorsichtig zogen sie die Nägel heraus, die den Deckel  der Kiste festhielt. Erik wurde ungeduldig und wollte mit einem Beil den Deckel  zerschlagen, aber die anderen meinten, es könnte sich etwas Zerbrechliches in  der Kiste befinden und wenn er zu kräftig zuschlagen würde - und davon gingen  alle aus - könnte man etwas beschädigen. Also wurde mit einem Messer und mit  einer Zange Nagel für Nagel aus dem Holz gezogen. Als der letzte Nagel draußen war, wollte sich der Deckel immer noch nicht  von der Kiste lösen lassen. Mit sanfter Gewalt drückte Claus von Olsen das  Holz hin und her, bis der Deckel sich löste und man ihn abheben konnte. Ein  öliger und muffiger Gestank entwich aus der Kiste. Erik nahm seine Fackel und  leuchtete in die Kiste. Was ist denn das, riefen die aus, die hineinsehen konnten. 


8 Kapitel 6 29. Dezember 1215 - Dämmerung in der Blauzahnsiedlung Lars griff  in die Kiste hinein und zog ein schweres Kettenhemd heraus. So wie  es aussah, war es für einen großen Mann gemacht, sicher für einen Mann wie  Erik oder gar größer. Darunter lag ein Schwert in einer ledernen Scheide, ein  Messer und Handschuhe aus Hirschleder und darunter lagen einige Hölzer. In  diese waren Runen eingeritzt. Außer dem Geruch, der auf  ein gewisses Alter  schließen ließ, schien alles neu zu sein. “Kann jemand diese Runen lesen? Ich  bin da nicht so gut.” Lars schaute sich um und Steffen trat vor, holte sich die  Bretter und ging damit zum großen Tisch. “Licht, ich brauche gutes Licht.”  rief  Steffen aus. Carla brachte ihm zwei Öllichter und Maria steuerte noch  eine Kerze bei. Steffen konnte nun lesen, was da stand. “Ich muss die erst in  die richtige Reihenfolge legen. Hier steht, dass das Kettenhemd einem Olaf  gehört. Herr auf  Bonda. Bonda so hieß doch der Hof, den wir hier gekauft  haben.” Dann sortierte Steffen weiter. “Aha, er zog im Jahr des Herren   mit einem Heer weg von hier. Sein Weib Malvina und sein Sohn Bonde und  acht Knechte und Mägde blieben hier auf  dem Hof.” Dann suchte Steffen die  Fortsetzung. “Im Jahre 00 brachte man Malvina diese Gegenstände zurück  - sie meinten wahrscheinlich den Inhalt der Kiste. Herr Olaf  war gestorben. Ein  Fieber hatte ihn und die seinen dahingerafft. Alle auf dem Hof  bekamen bald  auch ein Fieber und einer nach dem anderen starb, bis auf  Jorik, der die Sachen  seines Herrn zurückbrachte. Das auf  den anderen Brettern ist nun schwer zu  entziffern.” Steffen holte sich ein Stück Holzkohle, das bei dem Kamin lag und  zeichnete damit die Runen auf  den weiteren Brettern nach. “Ich habe allen die  Herzen entnommen und ihre Körper verbrannt, ihre Herzen liegen im Essig des  Fasses. Die Karte und des Königs Worte auf  dem Ziegenfell lege ich in die Ton- behältnisse. Ich verstecke alles im Keller und verdecke den Zugang. Ich bleibe,  solange ich kann. Ich, Jorik, bewahre alles so, wie mein Herr es wollte. Wenn ich  den Tod kommen fühle, gehe ich zum Wasser und schenke dem Wasser meinen  Körper.  Jorik auf  Bonda am Christfest . Mehr ist da nicht. Vielleicht habe  ich das eine oder andere falsch gelesen, aber das sind die Worte. Also in einem  Fass müssen Herzen sein und in den Tonkrügen sollen Dokumente drin sein.”  Ein Fass mit Herzen war da nicht zu finden, aber die Tonkrüge waren da. Also  öffneten sie die Tonbehältnisse. Im ersten fanden sie auf einem Pergament  eine Karte der Insel und darauf  war auch eingezeichnet, was zum Gebiet des  Hofes Bonda gehörte. Der Hof  von Mecht gehörte damals dazu und auch das  von ihrem Nachbarn Willeman. Beigefügt war ein anderes Pergament. Auf   dem Karte stand, wer höriger Bauer war und dass diese Bauern dem Herrn von  Bonda Zins schuldeten. Der Herr Olaf  von Bonda muss ein sehr einflussreicher  Mann gewesen sein. In einem anderen Tonbehältnis fanden sie Schmuck aus Gold und Silber und  eine paar edle Steine. In einem weiteren war Hacksilber, mindestens sechs Hand  voll. Auch einige Münzen waren dabei. In drei weiteren Tonkrügen waren  Pergamente mit Bildern von Langbooten und angedeutete Städten oder auch 


Siedlungen. Über jedem Schiff  oder Gebäude standen Namen, die kannte aber  niemand. Auch eine Karte, wo die die Schiffe oder Orte waren, war dabei. Alle  Schriftstücke waren mit der Schrift der Klöster abgefasst. Steffen und Grego- rius konnten Latein lesen und schreiben, deshalb war es nicht schwer, das den  anderen vorzulesen. In den letzten fünf Tonkrügen lagen Ringe aus Eisen und  Armreifen aus einem anderen Metall, Gürtelschnallen oder auch Fibeln. Was sie  da gefunden hatten, war ein Vermögen, dem Vermögen eines Königs wert. “Als wir das von der Stadt Visby gekauft haben, hieß es doch, dass Bonda  gestorben sei und man als Stadt im Namen des Königs alles geerbt habe. Wir  wissen aber nicht, was der Herr Olaf  von Bonda getrieben hat. War er ein Mann  des Königs, ein Jarl oder einfach ein reicher freier Bauer. Und warum ist er mit  den Seinen weggegangen und wo ist er an der Seuche gestorben? Eigentlich  sollte uns das nicht interessieren. Das was wir gefunden haben, gehört uns.  Davon sollten wir niemandem erzählen. Noch mehr Neider können wir nicht  gebrauchen.” Lars hatte recht. Es ging niemanden etwas an, was sie gefunden  hatten. 0. Dezember 5 am frühen Morgen auf  dem Hof  von Marit In der Nacht hatte man noch fünf  weitere Pferde besorgt und so mussten die  Leute aus der Blauzahnsiedlung nicht zu Fuß zum König gelangen. Sven von  Olsen hatte seine zwei Reiter bereits losgeschickt, die Leute auf der kleinen  Knorr von ihrem Liegeplatz weg zu beordern, um Schutz in einer Bucht des  Königs zu suchen. Also machten sich nun Sven von Olsen mit seinen vier  Begleitern, die fünf  Blauzahnleute und Marit mit drei Männern aus ihrem Haus- halt auf  den Weg.  In der Abenddämmerung erreichten sie einen Gutshof mit einer kleinen Burg  aus Stein und mit Holzpalisaden um den Pallas. Das Gut und die Burg gehörten  dem Herrn von Olsen. Die Pferde wurden ein paar Dienern übergeben und da  es schon anfing zu schneien, beeilte man sich, um in das Haus des königlichen  Boten zu kommen. Das Haus war sehr reich ausgestattet. Kein Lehmboden  mit Stroh, sondern Steine und Holzbohlen waren in der großen Halle gelegt.  Ein großer Kamin erwärmte den Saal. Eine breite Treppe führte in das obere  Geschoss und dort gab es einige Kammern.  Zum Essen gab es Hafergrütze mit einem Mus aus Äpfeln, dazu frisches Brot,  Käse und gekochte Eier. Met hatte der Herr des Hauses keines, aber dafür Bier.  Alle waren hungrig, denn seit ihrem Aufbruch am Morgen hatten sie nur etwas  verdünnten Met getrunken, aber nichts gegessen. Bis auf  Marit, die eine eigene Schlafkammer bekam, nächtigten alle Gäste in  der großen Halle. Von Olsen verteilte an seine Gäste Felle und Decken und alle  machten es sich in der Nähe des Kamins bequem.  Ein Diener sorgte dafür, dass die ganze Nacht das Feuer brannte und die Halle  etwas erwärmte.  Am Morgen gab es wieder Hafergrütze, allerdings etwas mit Honig gesüßt und  stark verdünntes Bier. Bedienstete des Hausherrn brachten alle Pferde gesattelt  zum Pallas und man konnte nach dem frühen Mal sofort weiterreiten. Inzwisch- en waren auch die beiden Reiter, die die Nachrichten zur Knorr gebracht hatten, 


0 wieder zu ihnen gestoßen. Sie konnten nichts berichten, was beunruhigend sein  konnte. Es begann, kurz nachdem sie alle aufgebrochen waren, stark zu schneien, aber  Herr von Olsen meinte, dass sie es nicht mehr weit bis zum Aufenthaltsort  des Königs hätten. Mathias und Peter waren keine begnadeten Reiter und die  Schmerzen, die sie ertragen mussten, um etwas schneller voran zu kommen,  waren nicht nur lästig. Weit nach der Mittagszeit sahen sie in der Ferne einige Rauchfahnen und dann  das Dach eines Turms. Bald waren sie am Rande einer kleinen Stadt - in der  Mitte des Ortes sahen sie ein Langhaus und davor hatte man einige Zelte auf- gebaut. Die Bewohner dieses Ortes gingen ihren Geschäften nach und keiner  beachtete sie wirklich, wie die Gruppe in Richtung des Langhauses ritt. Am  ersten Zelt, das sie erreichten, wurden sie von Bewaffneten angehalten und  mussten von den Pferden steigen. Knechte kümmerten sich um die Pferde und  sie gingen im leichten Schneegestöber weiter in Richtung des großen Hauses.  Bevor sie eintreten durften, mussten bis auf von Olsen alle ihre Waffen abge- ben. Die Knechte von Marit, die beiden Sergeanten und die Begleiter von Ol- sens mussten warten. Sie durften sich in der Küche aufwärmen und etwas essen.  Merit und von Olsen waren die ersten, die eintraten, dann kam Marcus, Mathias  und Peter. Die Halle war gigantisch, mindestens zwanzig Schritte breit und  dreißig lang. Ganz vorne, gegenüber dem Eingangstor, war eine kleine Empore  errichtet und dort thronte der König. Rechts neben ihm saß ein Priester, links  saß ein junger, blasser und unscheinbarer Mann in einem grauen Kittel.  Als der König dem Besuch sah, rief  er erfreut den Namen des Herrn von  Olsen. “Du bist zurück. Wie ich sehe, hast du die widerspenstige Dame mitge- bracht. Soll ich ihren zukünftigen Ehemann rufen lassen, mein guter Ratgeber?  Und wer sind deine Begleiter? Die kenne ich noch nicht.”  Von Olsen senkte den Kopf  und wartete kurz, bis er seinem König in die  Augen schaute. “Ruft ihn noch nicht mein Herr. Ich möchte euch erst diese  Männer vorstellen und dann wollte ich euch die Bitte der jungen Dame vortra- gen, wenn ihr mir das erlaubt.” Die Mine von König Erik verfinsterte sich. Er  sollte sich die Bitte einer widerspenstigen Frau anhören. Er wusste, dass der  Herr von Olsen ein besonnener Mann war und duldete so etwas, aber nur von  ihm. “Hat sie jemand, der für sie sprechen wird?” Von Olsen wusste, dass diese  Frage kommen würde. “Ja mein König. Dieser Mann, Mathias aus der Blau- zahnsiedlung auf  Gotland wird für sie sprechen. Begleitet wird er von Marcus  dem Hammer und Peter von  zum Bärental.” Dann drehte er sich zu Peter um  und fragte etwas leise. “Heißt das nun von und zum Bärental oder zu Bären- tal?” Peter schaute kurz auf, denn alle hielten die Köpfe noch leicht gesenkt.  “Eigentlich von und zum Bärental, so steht es im Kirchenregister, aber manche  kürzen es auch mal ab und sagen nur Peter von Bärental.” “Dann lassen wir das  so.” antwortete ihm Herr von Olsen. Während von Olsen und Peter miteinander geflüstert hatte, besprach der König  Erik Knutsson sich mit dem blassen Jüngling. Dann schaute er auf  und rief   erfreut. “Aha Männer aus Gotland und dann noch von der Blauzahnsiedlung. 


Endlich lerne ich welche kennen, die sich dort niedergelassen haben. Eure  Steuern tun dem Reiche gut. Macht weiter so. Aber zuerst wollen wir das Thema  der jungen Dame besprechen. Tretet alle zu mir und dann sprich, Mathias aus  Gotland.”     Sven von Olsen schob Mathias vor sich her und die anderen folgten ihnen.  Fünf  Schritte vor ihnen gürtete der Ritter das Schwert ab und legte es auf einen  Tisch - zehn Schritte links von sich - und kam zu der Gruppe zurück. Das war  sein Zeichen der Unterwürfigkeit gegenüber seinem König. Er hätte das nicht  tun müssen, aber er verstand es gut, gewisse Handlungen zu machen, die seinen  König zufrieden stellten. Er trat hinter Mathias und zum Zeichen, dass dieser nun sprechen durfte, legte  er kurz seine Hand auf  dessen Schulter. Der König nickte und Mathias durfte  sprechen. “Mein Herr und König. Die Meid Merit Birger ist die Tochter eines eurer treuen  Begleiter, der im Kampf  für eure Sache starb. Seinen Lenden entsprang diese  Meid und kein männlicher Nachkomme. Sie kann das Schwert schwingen und  kann auch lesen und schreiben. Die Mitglieder ihres Haushaltes gehorchen ihr  und sie führt ein gerechtes, aber strenges Hauses Haus. Wenn ihr sie ruft, dann  wird sie mit Waffen und Pferden eurem Ruf  folgen. Sie möchte aber eines nicht,  dass sie den Jarl Olberson zum Manne nehmen muss, der nur ihren Besitz will  und der euch dann nicht mehr nützen wird wie vor der Heirat.” Kurz schwieg  Mathias und der König schien bereits genug gehört zu haben. “Mathias, reden  eigentlich alle aus der Blauzahnsiedlung so geschwollen daher? Wir wissen, was  wir Männer wollen. Uns sollte es weniger interessieren, was Frauen wollen,  denn ihnen geht das Ausbrüten von Kindern vor allem anderen in den Köpfen  herum. Schweigt Meid Merit, Tochter des Birger. Ihr werdet sagen, dass der alte  Jarl Olberson euch nicht glücklich machen kann. Aber ich brauche den Jarl und  er kann auf  seine Rechte beharren, deshalb muss ich mir überlegen, was ich tue.  Und im Andenken an meinen Kampfgefährten, euren Vater, will ich bedenken,  was ich für euch tun kann. Ich werde mich beraten, damit wir eine gute Lösung  finden. Mathias und Herr von Olsen kommt mit. Nein, Pater Marconius ihr  nicht. Ihr habt eine sehr wichtige Aufgabe zu erledigen. Ihr geht in die Kapelle  und betet so lange, bis der Herr Christus mir eine kluge und gerechte Eingabe  schenkt. Damit ihr nicht vom Gebet ablassen müsst, werde ich euch kein Essen  oder Trinken schicken und ihr könnt ganz ins Gebet vertieft mit unserem Herrn  im Himmel sprechen.” Dann drehte er sich zu dem blässlichen Gesellen um.  “Medicus, besorgt mir etwas gegen das schlimme Kratzen in meinem Hals. Ich  spüre, dass der Husten wieder kommt. Beeilt euch.” Dann stand er auf  und  winkte von Olsen und Mathias zu sich und gemeinsam gingen sie in eine durch  Möbel und Vorgänge abgeteilten Raum hinter dem improvisierten Thronsaal.  Dort war ein Kaminfeuer entzündet worden und es war warm genug, sodass  jeder seinen Mantel ablegen konnte.  Erst jetzt bemerkte Mathias, wie blass auch der König war. Eingefallene Wangen  und zittrige Hände zeigten, dass er krank war.  Knut Knutsson ließ sich auf  einen mit Fellen ausgelegten Sessel fallen. “Herr 


von Olsen, ihr habt doch sicher schon eine Idee, wie wir diesen Jarl ruhig stellen  können. Er macht mir einfach zu viele Ärger, aber ich kann mich nicht über  das Recht stellen und ihn ohne klare Anklage kann ich ihn auch nicht bestrafen.  Also muss ich mir seinen Willen erkaufen. Er hat zu viel Einfluss auf die an- deren Jarls und ohne Männer wie euch hätten wir schon längst einen Krieg hier  im Land. Also was können wir tun?”  Sven und Mathias schauten sich an. Sie hatten nicht erwartet, dass der König so  offen mit ihnen sprechen würde.  Sven von Olsen dachte kurz nach, dann nickte er seinem König zu und begann.  “Wenn wir Merit mit dem Jarl verheiraten, wir einer von beiden bald danach  sterben. Wahrscheinlich Merit. Das wird einige der weniger machtgierigen Jarl  verärgern und gegen den alten Jarl Olberson aufbringen. Also müssen wir eine  Lösung ohne die Verheiratung der beiden finden. Jarl Olberson benötigt das  Land der Birger für seinen Plan, einen Hafen zu bauen. Der Plan kommt dem  Reich sicher auch zugute. Wie wäre es, wenn der Jarl das Land kauft und Marit  weggeht. Mit der Heirat käme er zwar billiger zu dem Gebiet, aber ein wenig  sollte er eure Macht schon zu spüren bekommen, mein König. Er muss auch  das Land für viel Silber verkaufen und etwas mehr als die Hälfte davon gebt ihr  Merit. Wir können Silber gebrauchen, Merit wäre frei, Olberson etwas zufrie- den gestellt und ihr könntet eure Macht etwas ausbauen, wenn ihr sagt, dass  die Hälfte der Hafengebühren euch gehören. Wir sollten es dem Jarl nicht so  einfach machen. Er erkauft sich damit auch die Freiheit. Ihr wisst, dass wir den  Tod von Birger noch untersuchen müssen. Das mit der versprochenen Ho- chzeit, das Birger auf  dem Schlachtfeld dem Jarl gegeben haben soll, ist einfach  eine Lüge. Seine Wunden waren so stark, dass er niemandem mehr im Sterben  etwas sagen konnte. Ich habe seinen Leiche gesehen. Last ihn Silber bluten und  gebt der Merit die Freiheit. Sie darf  aber nicht hier bleiben, sie muss weggehen,  damit es keinen Ärger gibt.” Mathias verstand nicht alles, was da gesagt wurde. Wenn der König wusste, das  Olberson ein Lügner und Betrüger war, warum bestrafte er ihn nicht? Wusste  der König auch, dass Olberson Reisende überfallen und ausrauben ließ? War das  die Kunst des Regierens? Wenn der König einen mächtigen Räuber ungestraft  ließ, nur um ihm etwas Silber abzunehmen und ihn weiter für seine Zwecke zu  benutzen? Knut Knutsson schaute Mathias an. “Ja so ist es, wenn man ein Reich führen  will. Faule und stinkende Kompromisse die man Tag für Tag eingehen muss,  nur um des Ganzen Willen und um die eigene Macht zu erhalten. So ist das.  Ich bin mir nicht sicher, ob ihr das versteht? Nun aber zu Merit. Ich kann sie  so nicht einfach wegschicken. Sie muss spüren, dass sie einen König hat. Sie  wird heiraten und ihr Mann wird das Silbergeschäft abwickeln. Offiziell! Wie die  beiden, also ihr noch unbekannter zukünftiger Mann und Marit das machen, ist  mir egal. Danke euch Herr von Olsen. Habt ihr eine Idee, wer sie heiraten soll?”  Sven schüttelte den Kopf. “Holen wir sie dazu und verkünden ihr, was wir ma- chen werden. Vielleicht hat sie eine Idee, wer ihr Lager teilen soll.”  In der Kammer des Königs


Sven von Olsen verkündete den Spruch des Königs. Er erlaubte ihr auch, alles  bewegliche, Menschen Tiere und Hausrat mit zunehmen, das würde auch den  Silberpreis nicht verringern, den Olberson zu zahlen hatte. Schweigend nahm  sie den Spruch zur Kenntnis. Als sie aber hörte, dass sie zu heiraten hatte,  schreckte sie auf und zeigte dem König ihr trotzigstes Gesicht, das sie machen  konnte. “Wen soll ich heiraten? Wollt ihr mir den Mann auch noch vorsch- reiben?” Der König lachte laut auf. “Nein, das werde ich nicht tun, aber damit  ihr Demut lernt, werdet ihr bis morgen verheiratet sein oder ihr geht ins Kloster  und bekommt gar nichts. Das Recht, das zu tun, ist das meine. Wisst ihr, wen  ihr heiraten wollt?”  Ohne nachzudenken drehte sich Merit um und deutete auf Mathias. “Den oder  keinen!”    Kapitel 7 Otto von Kraz  31. Dezember 1215 in Hildesheim Nachdem er nun schon einige Wochen mit einem Begleiter des Deutschen  Ordens, den ihm Claus von Olsen zur Verfügung gestellt hatte, unterwegs war,  wollte er ein paar Tage in dieser Stadt verbringen. Leider waren alle Herber- gen besetzt und er und sein Begleiter fanden Unterkunft außerhalb der neuen  Stadtmauer in einer Hütte. Die Hütte gehörte einem Tagelöhner, der beim Bau  des Doms gerade arbeiten durfte. Die Münzen, die er für die Übernachtungen  bekam, würden ihm und seiner Familie helfen, in diesen harten Zeiten ihr Über- leben etwas länger zu sichern. Die Stadtherren und die Kirchenmänner waren  Tagelöhnern nicht gerade sehr zugetan und wollten, dass sie für einen Krumen  Brot arbeiten sollten. Tagelöhner und ihre Familien waren nicht mehr wert als  ein Stein in der Mauer. Man brauchte sie, aber man achtete sie nicht.   Otto hatte die Schlafstadt des Vaters bekommen, sein Begleiter Heinrich die der  Mutter. In der ersten Nacht lag Otto sehr lange wach. Immer wieder kreisten  seine Gedanken um die Freunde in Gotland. War es Recht zu gehen, einfach so.  Nur einen Brief  seinem Freund zu hinterlassen, mit ein paar warmen Worten,  aber ohne den wahren Grund seiner Abreise zu nennen. Claus von Olsen, ein  Cousin aus dem Stauferland, hatte ihm heimlich ein Schreiben zukommen las- sen, dass der Obere seines Ordens und der Abt des Klosters Lorch ein Mitglied  der Blauzahnleute gerne bei sich hätten, der die Verbindung zwischen dem Kai- serhaus und den Siedlern aufrecht erhalten sollte. Und Claus sollte ihn ersetzen,  ein Mann mit einem starken Schwertarm und vor allem mit Verbindungen zum  König von Schweden. Otto nahm gerne an, denn ihn zog es zurück in seine  Heimat in den aufstrebenden Ort Waiblingen. Das Kloster lag eine Tagesreise  zu Pferd entfernt und der Abt bot ihm Annehmlichkeiten an, die er nicht aus- schlagen konnte. Im Norden war es oft kalt und er war kein Freund von Kälte.  Und der Auftrag des Kaisers und des Abtes, ein Ereignisbuch über alles, was in  Lorch und auf  Gotland geschah, zu führen war eine Aufgabe, die genau zu ihm  passte. Er, der Mann des Geistes, des Kopfes, der Muse und des guten Wetters 


4 konnte es dort in der Heimat besser erledigen als im Norden. Im Norden, wo  man ständig gegen das Wetter, die Hungersnöte, wilde Krieger, missgünstige  Menschen und gegen Versuchungen der Völlerei zu kämpfen hatte, nein da war  die Heimat schon besser. Warum ausgerechnet er diesen Auftrag erhielt, war  nicht die Frage, die er sich jetzt stellte, aber das würde sicher noch kommen. Er  zweifelte schon nach ein paar Tagen nach seiner Abreise daran, dass es richtig  war, abzureisen. War das Leben im Süden besser? Und nun lag er hier in einer  Hütte, auf  einem Strohlager eines armen Mannes und sehnte sich nach der  Ordnung der Blauzahnsiedlung und seinen Freunden. Am nächsten Morgen besorgte er und sein Begleiter Heinrich einen Karren voll  mit Bauholz und sie begannen, die Hütte der armen Menschen so herzurich- ten, dass man darin, ohne dass ständig Schnee und Wind eindrangen, schlafen  konnte. Ebenfalls errichteten sie einen Unterstand für ihre Pferde, dann besorg- ten sie für arme Leute noch eine Ziege, damit die Kinder wenigstens einmal am  Tage einen Schöpfer voll Ziegenmilch bekamen.  Otto war hin- und hergerissen, zwischen der Idee umzukehren oder weiterzu- reisen. Also beschloss er, noch ein paar Tage mit Heinrich in Hildesheim zu  bleiben. In der Nähe des Dombaus fand er einen Pergamenthändler und erstand  ein paar Bögen. Darauf  wollte er das auf  der Reise Erlebte schriftlich festhalten.  Heinrich war zudem ein guter Zeichner und sie würden das, was man nicht gut  beschreiben konnte, in Bilder fassen.     31.12.1215 in der Blauzahnsiedlung Gerade hatten alle, die wollten, der Messe des Gregorius gelauscht. Es wollten  alle hören, was er da zu sagen hatte, war es doch der letzte Tag des Jahres und  in der Siedlung gab es so viele Veränderungen, dass sie sich auf  das neue Jahr  freuten. Keiner musste hungern, keiner war ernsthaft krank geworden. Ihre  Abordnung zum König war auf  dem Weg und ihre Gebete begleiteten sie und  zudem hofften sie auf gute Nachrichten, wenn ihre Freunde dann gesund  zurückkämen.  Für alle war nun eine Hafergrütze gemacht worden und sie genossen das warme  Essen an diesem Morgen. Keiner sollte heute schwere Arbeit verrichten, nur die  Tiere sollten versorgt werden. Alle andere Arbeit musste ruhen. Es herrschte  große Zufriedenheit an diesem Morgen in der Siedlung. ..5 hinter dem Audienzsaal des Königs am frühen Morgen Mathias hatte sehr unruhig geschlafen, die ganze Nacht hatte er sich mit Peter  und Sven beraten, wie er dem König und vor allem Merit antworten sollte.  Nun standen sie wieder vor Knut Knudsson und der wartete, bis man Merit zu  ihm führte. Man hatte sie ganz alleine in eine Kammer gesperrt, damit sie mit  niemanden sprechen sollte und sie sollte genügend Zeit haben, ihren Entschluss  zu überdenken. Auch der Priester des Königs war noch nicht da, der saß immer  noch in Gebete vertieft in der Kapelle fest und hoffte, dass sein König endlich  eine Eingebung hatte, damit er mit dem Beten aufhören konnte und endlich  etwas zu Essen und zu Trinken bekam. Dann kam Merit - sie lächelte Mathias an, was Mathias noch mehr verwirrte. 


5 Bevor Merit allerdings sprechen konnte, hob Knud seine Hand und gebot  Schweigen. “Ich habe heute Nacht noch zu unserem Herrn gebetet und er hat  mir eine Eingebung gesandt.” Er begann ein mehr als nur schelmisches Lächeln  aufzusetzen und sprach dann leise weiter, sodass alle etwas näher zu ihm gehen  mussten. “Ich glaube, dass du Mathias für Merit ein guter Ehemann sein wirst.  Ihr seid beide gewohnt, euren Verstand im richtigen Moment einzusetzen  und  Merit würde es sicher helfen, wenn sie von eurer Erfahrung und von eurer  Autorität etwas spüren würde. Ihr könnt sie gut leiden, denn das ist wichtig für  dieses Weib. Und weil ich davon überzeugt bin, dass ihr schon lange füreinander  bestimmt gewesen seid, werden wir nun ein Dokument aufsetzen, in dem wir  alle darin lesen können, dass ihr seit vierzig Tagen bereits verheiratet seid. Das  hilft mir gegenüber dem Jarl Olberson, ihn etwas zu zügeln. Ich überführe ihn  der Lüge, dass er auf  dem Schlachtfeld von eurem Vater, Merit, das Verspre- chen bekommen hat, euch seine Hand zu geben. Das geht nicht, denn ihr wart  da schon lange mit Mathias verheiratet. Und die Unterschrift eures Vaters habe  ich ja dann auf  dem Dokument, denn er wird mir diese Urkunde bestätigen.  Wie das lasst meine Sorge sein. Als gute Christen glauben wir doch alle an  die Auferstehung, auch wenn sie nur für ein paar Wimpernschläge wäre. Sven  von Olsen, ihr ward damals Trauzeuge! Ich habe euch den Auftrag für diese  Hochzeit gegeben. Und Jarl Olberson muss nun von Euch euer Gebiet kaufen,  wenn er es will. Er wird es wollen, glaubt mir. Ich hoffe -Mathias und Merit - ihr  verzichtet nun auf  große Hochzeitsfeierlichkeiten. Aber ihr werden euch trotz- dem das Jawort geben und das vor einem Priester. Weil ich bei eurer Hochzeit  nicht dabei war wünsche ich mir, euer Trauzeuge zu sein. Holt mir den Pfaffen  aus der Kapelle, er muss eine Trauung vollziehen. Danach lieber Mathias müsst  ihr mir berichten, was euch zu mir geführt hat. Das habt ihr immer noch nicht  vorgebracht, aber es gab ja Wichtigeres zu tun. Sagt jetzt nichts lieber Bräu- tigam, es genügt, wenn ihr die richtigen Worte mit dem Priester austauscht.  Danach solltet ihr gekonnt die Braut küssen.” Mathias zuckte nur noch die  Schultern, Marcus grinste hilflos vor sich hin und Peter schaute schweigend zu  Boden. Sven von Olsen sagte nur ganz kurz. “Das ist der Spruch des Königs,  sein Wille ist Befehl und zu unser aller Besten. Ich danke euch Knut Knutsson.”  Ein Diener bracht ein Dokument herein. Zeigte es Mathias, der darauf  seinen  Namen kritzeln musste, dann musste Merit unterschreiben, anschließend Sven.  Die Unterschrift des Königs und die von Merits Vater war schon auf  dem  Dokument.  Dann kam des Königs Beichtvater. Der König berichtete ihm, dass Merit und  Mathias schon lange verheiratet seien und sie deshalb gar nicht den Jarl Olber- son heiraten könne. Dann zeigte er ihm das Dokument und rollte es, ohne dass  der Priester es genau lesen konnte ein. “Schreiber kopiert das Schreiben und legt  es zu den anderen wichtigen Schriftstücken.” Dann wandte sich der König wie- der an seinen Priester und verlangte von ihm, dass er das Paar nochmals trauen  sollte, da er gerne deren Trauzeuge sein wolle und es würde ja nicht schaden,  wenn ein Paar zweimal den Segen des Herren bekäme. Und so wurden Mathias  und Merit “nochmals” getraut. Danach fragte der Priester etwas hinterhältig, ob 


6 die beiden schon das Lager miteinander geteilt hätten? Mathias war nun gefasst  genug, um eine passende Antwort zu geben. “Priester, ist es eure Aufgabe zu  fragen, ob wir Unzucht betrieben haben? Das braucht ihr nicht, denn wir haben  beieinander gelegen und mit dem doppelten Segen der Kirche werden wir das  nun mit großer Freude weiter tun.” Merit bekam große Augen, denn so perfekt  wie Mathias dem Priester geantwortet hatte, hätte sie es nicht geschafft. Ja sie  hatten beieinander gelegen, eher nebeneinander vor dem Kamin in ihrem Hause  und dass da mindesten drei Handbreit Platz zwischen ihnen gewesen war, ging  niemanden etwas an. Mathias war nicht dazu verdammt gewesen, eine Lüge zu  benutzen. Was jetzt geschehen würde, das musste sie freudig erdulden, oder  er. Ihre Gedanken ließen sie freudig lächeln, was alle anderen missverstehen  würden. Der Medicus des Königs kam herein und brachte eine Schale heißen Sud für  den König und zog sich dann wieder zurück, nachdem er beobachtete, dass der  König am Sud genippt hatte. Der Priester wusste, dass man ihn  missbraucht  hatte, aber für was wusste er nicht. Er neidete die Position des Herrn von Ol- sen, denn der stand dem König offenbar wesentlich näher als er, der Beichtvater  und Berater des Königs.  Als Mathias Knut Knutsson den Brief reichen wollte, lehnte dieser ab und  Mathias musste vorlesen, was darin geschrieben stand. König Knut ließ Mathias  den Brief  ganz vorlesen und unterbrach ihn nicht. Als Mathias aufhörte zu lesen, war es für ein paar Wimpernschläge ganz ruhig  im Raum. Der König schaute zu Sven und mit einem Nicken forderte er ihn  auf, zu antworten. “Liebe Freunde aus Gotland, wir wissen, dass der Bürger- meister dort ein sehr schwieriger Mann ist. Dass er manches Mal wohl aus  Angst oder eher Bequemlichkeit Dinge geschehen lässt, die nicht zum Nutzen  der Stadt oder des Königreiches passieren, ist dem König wohl bekannt. Aber er  hat beste Verbindungen zu den Deutschen Händlern, die sich inzwischen sehr  zahlreich in Visby ansiedeln. Wir benötigen diese Händler, zudem kommen aus  Kiew und Nowgorod auch immer mehr Händler und Handwerker auf  die Insel.  Ihr Silber ist uns wichtig und deshalb hat der Bürgermeister immer etwas mehr  Freiheit, wie er sie eigentlich haben dürfte. Das was mit dem Bauern, seiner  Frau und Tochter geschehen ist, missfällt uns sehr. Aber so wie ich die Sache  sehe, habt ihr keinen eindeutigen Beweis dafür, dass er an diesem Verbrechen  direkt beteiligt war. Und dass er die Söldner gewähren ließ, aus Dummheit  oder eher, weil er die königlichen Insignien nicht richtig erkannte, das ist sicher  eine Strafe wert. Wir werden ihn auffordern, aus seinem eigenen Vermögen  eine Strafe an die königliche Schatzkammer zu bezahlen und mindestens zwei  Goldstücke an die Bäuerin als Schadensersatz. Ihr habt richtig gehandelt, den  König davon in Kenntnis zu setzen, denn wenn so etwas nochmals passiert,  könnten die Händler und Handwerker sich entschließen zu gehen, das wollen  wir nicht. Er bekommt ein königliches Schreiben, dass ihr richtig gehandelt habt  und keine Strafe zu erwarten habt. Zudem wird er aufgefordert eure Sache zu  dulden und ihr untersteht direkt dem König.” Das hatte Sven ganz ruhig gesagt,  als ob er schon mit dem König diese Worte beraten habe und sie beschlossen 


worden seien.  “Genügt euch das?” fragte der König so, als ob er keine Antwort haben wollte.  Mathias, Marcus und Peter nickten nur und damit war die Sache wohl erledigt.  Der König wollte aber  noch ein Weiteres erledigen und sprach Sven von Olsen  an. “Habt ihr den Boten gestern noch zu Olberson geschickt? Oder war es  draußen mal wieder zu kalt für einen königlichen Reiter? Ihr seid einfach zu  nachsichtig mit manchen eurer Leute.” Sven von Olsen schaute seinen König  an, senkte sein Haupt, richtete sich zu seiner ganzen Größe auf, um seinem  Herren zu antworten. “Der Bote ist gestern noch losgeritten. Wie ich vermutet  habe, war er ganz in der Nähe und wird noch vor dem Mittagsgebet hier sein.  Ich habe ihm nur mitteilen lassen, dass sein Herr, der König ihn in dringenden  Angelegenheiten sprechen will. Ich würde deshalb empfehlen, dass sich unsere  Gäste zurückziehen und ich den Jarl, wenn er hier ankommt, ohne Unterbre- chung zu euch geleite. Ich möchte nicht, dass er Gelegenheit bekommt, mit  einem seiner Spione vorher zu reden. Er sollte im Wissen unschuldig vor euch  treten können.” Knut lachte laut auf und Sven sollte genau so handeln. Seine  Gäste mussten sich umgehend in eines der Häuser hinter dem großen Gut  zurückziehen und auf  seine Befehle warten.  Und da saß nun Mathias mit seiner Frau Marit, Peter und Marcus. Man brachte  ihnen eine Schüssel Hafergrütze mit etwas gedörrtem Obst und ein paar Tropen  Honig. Gemeinsam löffelten sie schweigend die Schüssel leer. Kaum hatte  Mathias seinen Mund geleert, als Marit ihn im Sitzen umarmte und einen Kuss  gab. Etwas erschrocken erwiderte er den Kuss. Dann nahm er ihre Hände in die  seinen und schaute sie lange an. “Marit bist du dir sicher, dass das gut für dich  ist? Ich werde dich zu nichts zwingen und wir müssen uns Zeit nehmen, uns  etwas näher kennenzulernen. Ich bin ein geduldiger Mann und ich werde dich  beschützen, wie ich es kann.” Peter unterbrach ihn etwas barsch. “Mathias wie  ich sehe, sind deine Erfahrungen nicht so groß mit Frauen wie mit Büchern.  Glaube mir eines, Frauen werden nicht immer nur durch Zuhören glücklich.  Wenn wir dich stören, gehen wir gerne raus aus dem Raum, aber bitte seid jetzt  solange wir hier sind, wie zwei Verliebte, wie Mann und Frau. Wenn wir weg  sind von hier und in der Siedlung, dann könnt ihr immer noch besprechen, wie  ihr euer Leben gestalten wollt. Aber bitte nicht hier und jetzt.” Natürlich hatte  Peter recht, denn wenn man schon dem Feinde etwas vorgaukeln wollte, dann  musste er es auch glauben. Jarl Olberson mag zwar ein alter Mann sein, aber er  sollte immer noch einen wachen Verstand haben und die Gabe besitzen, mit  einer gewissen Grausamkeit auf  Peinliches für ihn zu reagieren.  Merit lehnte sich an die Schulter von Mathias und nun warteten sie, was nun  geschehen würde. Nach einiger Zeit wurde die Tür zu diesem Raum grob auf- gestoßen und der Priester des Königs trat ein. “Ihr sollt alle vor den König tre- ten. Er hatte schwere Klagen gegen euch erhoben.” Der Priester setzt ein böses  Grinsen auf  und ging allen voraus, bis sie vor den  König traten. Ebenfalls vor  dem König stand ein Mann in Pelz gekleidet und mit einem langen, grauen Bart,  aber ohne Haare auf  dem Kopf. Als die Vier neben ihm zum Stehen kamen,  schaute er sie von der Seite an. “Ja, so hat man sie beschrieben, die Männer, die 


8 in meinem Fischerdorf  gewütet haben und auf der Flucht hierher einen meiner  Männer in den Abgrund gestoßen haben. Ihr Schiff  mit den Plünderern ist ge- flohen. Sonst hätte ich euch noch ein paar Gefangene oder Tote mitgebracht.”  Woher wusste dieser Jarl das alles? Herr von Olsen reagiert als erster. “Wer  brachte euch die Nachricht? Kann ich den Boten sehen und sprechen?” Diese  Frage verwirrte den Jarl. Er brauchte einige Momente, bis er seine Verwirrung  durch blinde Wut ersetzten konnte. “Wie könnt ihr mein Wort anzweifeln? Es  genügt, wenn ich euch das sage. Mein Wort hat immer noch Bedeutung beim  König.” Die Augen von Knut leuchteten kurz auf und dann sagte er ganz ruhig  zu dem Jarl. “Ja, das mag sein Jarl Olberson, dass eure Worte Bedeutung haben,  aber immer noch entscheide ich, der König, welche Worte für mich bedeutsam  sind oder nicht. Bringt mir umgehend den Boten. Das ist mir zu wichtig, um es  hier nur in einem Streitgespräch klären zu lassen. Ich will den Boten, offensich- tlich ein Zeuge der Geschehnisse, sehen. Jetzt Jarl Olberson, schickt nach ihm!”   Was hatte der König vor? Kapitel 8 1. Januar 1216 Hildesheim Otto von Kraz und sein Begleiter Heinrich waren seit einer Stunde in  Hildesheim unterwegs. Die eisige Kälte hatte den Schlamm und Dreck in  den Straßen gefrieren lassen und fast alle Arbeiten an Stadt und Mauer waren  eingestellt worden. Nur die Dombaumeister wollten die angelieferten Steine  für die Steinmetze von den Karren lassen. Ottos und Heinrichs Vermieter, der  sich selbst Carl nannte und sein neunjähriger Sohn Christian waren auf  der  Baustelle. Ein paar kleine Feuer waren auf  der Baustelle entzündet worden, damit man  sich die Hände immer wieder aufwärmen konnte, das Holz dafür hatten die  Tagelöhner gesammelt. Christian war für das Feuer verantwortlich. Immer wie- der begab er sich rund um den Bauplatz  auf  die Suche nach Brennbarem.  Gegen Mittag gelangten die beiden dann auf die Baustelle, dort sahen sie Carl,  wie er mit einem anderen Mann gerade versuchte, einen großen Steinquader von  einem Karren über eine Rutsche auf  den Boden gleiten zu lassen. Mit Seilen  versuchten die beiden Tagelöhner den Stein auf  einen Schlitten zu ziehen. Carl  war etwas kräftiger als der andere Arbeiter und versuchte, nachdem der Stein  sich mitten auf  der Rutsche nicht mehr bewegen ließ, diesen mit den Händen  weiter zu schieben. Er stand ganz nahe am Karren, als eines der Räder brach  und der Karren mit weiteren Steinen auf Carl stürzte. Heinrich und Otto eilten  zum Ort des Geschehens, als sie sahen, dass Carl liegen blieb. Drei andere und  Christin waren auch sofort bei dem umgestürzten Karren. Carl lag regungslos  unter dem umgestürzten Wagen. Ein sehr großer unbearbeiteter Felsblock lag  über seinem Körper, nur Brust und Kopf  und seine Beine waren zu sehen. Man  sah sofort, dass er sehr schwer verletzt sein musste, denn eine große Blutlache  hatte sich rund um seinen Körper gebildet. Vier Männer kippten den Felsblock 


weg von Carl. Otto sah, dass hier nichts mehr zu machen war. Carl war tot,  die Augen noch im Schreck weit geöffnet, aber ohne jegliche Regung. Christin  schüttelte in seiner Verzweiflung den Vater, aber nichts mehr konnte seinen Weg  in ein anderes Reich, ins Himmelreich aufhalten. Heinrich hob den Jungen weg  von dem toten Körper und drückte seinen Kopf  an seine breite Brust. Dort  sollte der Junge seine Trauer herausschreien dürfen. So stand die kleine Gruppe Menschen schweigend um den toten Carl. Der kle- ine Blutsee unter dem leblosen Körper wurde nicht mehr größer und langsam  gerann es oder gefror. “Was treibt ihr da? der Karren liegt auf  der Seite, die Steine herunter gekippt,  ein Durcheinander und ihr steht nur rum?” Ein Mann in einem dicken Mantel  gehüllt und eine Pfarrer kamen auf  die Gruppe zugelaufen. Als der Mann in  dem warmen Mantel sah, dass da ein blutbesudelter Mann auf dem Boden lag,  stoppte er und der Priester lief alleine weiter bis er bei dem Toten war. “Tot?”  fragte er ohne jedes Bedauern in der Stimme und als alle schweigend nickten,  schlug er das Kreuz über dem Körper und sprach ein paar lateinische Worte.  Dann legte er wie zum Gebt die Hände aneinander und sprach leise weiter.  “Jemand sollte ihm die Augen schließen.” sagte der Priester. “Dann bringt ihn  von hier weg. Ihr könnte aufhören zu arbeiten. Morgen machen wir weiter.”  Als er sich zum Gehen umdrehen wollte, packte ihn Heinrich an der Schulter.  “Euer Latein ist so scheußlich wie meine Suppe vor Jerusalem, die sich aus  alten Stiefeln kochen musste. Ihr seid nicht einmal im Angesicht des Todes in  der Lage, ein ordentliches Gebet für diesen Mann zu sprechen. Ihr habt ihn als  dummen Handwerker bezeichnet. Und das für einen Menschen, der mit vielen  anderen ein Haus Gottes errichten wollte. Was seid ihr für ein Priester?” Der  Mann in der dunklen Kutte erbleichte. “Ihr sprecht Latein?” fragte er irritiert.  “Ja, ich war Schüler in einer Klosterschule bis ich ein Kreuzfahrer wurde und  das Schwert nahm. Ich kann nicht nur töten, ich kann auch beten und Gott  versteht mich sicher besser als euch mit eurem furchtbaren Latein. Sprecht ein  ordentliches Gebet für ihn. Jetzt!” Heinrichs lauter Befehlston hatte noch einige  andere auf  das ganz Geschehen aufmerksam gemacht. Und bald standen fast  dreißig Menschen rund um den Karen und den toten Carl. Vor allem hatten alle  sehr gut verstanden, dass hier jemand war, der die geheime Sprache sprach, mit  dem die Priester mit Gott sprachen. Zudem war der Mann groß und hatte sogar  ein Schwert umgebunden, also musste er schon ein Mann von Bedeutung sein.  Der Priester schaute sich um, nach dem Mann im Mantel, der immer noch ein  paar Schritte hinter ihm stand. Man sah, dass dieser Mann etwas zornig war,  aber er nickte nur und der Priester sprach ein Gebet. Als er Amen sagte, wieder- holten es alle die dieses Gebet mit gehört hatten.  Jemand brachte einen Handkarren und man legte Carl darauf  und alle, die an  diesem Tag auf  der Baustelle mitgearbeitet hatten, begleiteten ihn. Heinrich und  Otto blieben stehen und schauten den Priester und den unbekannten Mann an.  “Wer seid ihr mein Herr?” fragte Heinrich bestimmt, aber nicht unfreundlich.  “Ich bin Jakob Flür. Mit gehörte der Grund und Boden, auf  dem dieses Got- teshaus entstehen wird. Ich habe es der Mutter Kirche übereignet, damit hier 


40 eine Haus für unseren Herren entstehen kann. Und wer seid ihr?” Heinrich  richtete sich zu seiner ganzen Größe aus und legte seine linke Hand auf  den  Schwertknauf. “Ich bin Heinrich von Seitersheim. Ein Ritter unseres Kaisers  und begleite hier den Herren Otto von Kraz, einen Chronisten und Schreiber  des Kaisers nach Lorch. Unsere Heimat ist der Stammsitz der Staufer. Wir  waren Zeugen dieses Unglücks. Der Wagen war zu schwach und das Holz des  Karrens schon sehr brüchig, deshalb kam es zu dem Unglück.” Erwartungsvoll,  wer nun weiterreden würde schauten sich Heinrich von Seitersheim und Jakob  Flür an. “Da kann man wohl nichts machen. Schlimm was da geschehen ist.  Ich werde für den armen Mann eine Messe lesen lassen, damit seine Seele im  Himmel wohlwollend aufgenommen wird. Ich wünsche euch noch einen guten  Tag.” Jakob Flür wollte nun das Gespräch offensichtlich mit diesen Worten als  beendet ansehen, doch Heinrich wollte noch etwas von ihm. “Wer bezahlt den  Tagelöhner noch für seine Arbeit, die er heute gemacht hat und wer bezahlt den  Jungen, seinen Sohn dafür, dass er hier gearbeitet hat?” Herr Flür schaute etwas  verdutzt drein und der Priester wurde trotz der kalten Röte seines Gesichtes  noch etwas bunter um die Augen herum. “Geht jetzt besser, bevor ich die Stadt- wache hole. Ihr werden unverschämt. Denn der Tode kann ja den Schaden, den  er verursacht hat, auch nicht bezahlen. Also sind wir quitt, oder?” Der Priester  war noch ein paar Schritte auf  Heinrich zugegangen und versuchte mit seiner  Rede seine ganze Autorität darzustellen. Heinrich war durch nichts zu beein- drucken. Er spielte etwas mit dem Knauf  seines Schwertes, zog es ein Stück aus  der Scheide und schob es wieder zurück. “Ja macht das, holt die Stadtwache.  Der Herr von Kraz wird das gerne aufzeichnen und unserem Kaiser und dem  Kloster in Lorch dann mitteilen, was hier geschieht. Mit schlechtem Material  soll hier ein Haus Gottes gebaut werden. Das ist eine Nachricht, die die Herren  in Rom und Lorch und auch der Kaiserhof  nicht gerne hören. Vor allem eines  dürft ihr nicht vergessen. Hier gibt es Priester, die nicht einmal in der Lage sind,  ein ordentliches Gebet zu sprechen.” Jetzt waren beide, der Mann im Priesterge- wandt und Jakob Flür mehr als nur betroffen. Beide schauten sich um, denn  sie wollten sicher sein, dass niemand das Ganze gehört oder gesehen hatte. Sie  konnten sicher sein, es war zu kalt, sodass sich alle in wärmere Ecken zurück- gezogen haben. Jakob Flür ging auf  Heinrich zu, holte einen Lederbeutel aus  seinem Mantel hervor und fragte. “Wie viel wollt ihr? Was ist denn diese Arbeit  überhaupt wert gewesen?” Für Heinrich war die Grenze des Erträglichen über- schritten, wenn Otto ihm nicht beruhigend seine Hand auf  die Schulter gelegt  hätte, wäre sein Schwert schon aus der Scheide gewesen. Deshalb packte Hein- rich die Geldbörse des Jakob Flür und entwand sie ihm. Er öffnete die Börse,  nahm zwei Münzen heraus und wog sie in seiner Hand. Als alle meinten, das  wäre das Geld für den Toten und seine Familie packte Heinrich die rechte Hand  des Jakob Flür und drückte ihm genau diese zwei Münzen in die offene Pranke.  “Der Rest ist für die Witwe und die beiden Kinder. Ich danke euch.” Er drehte  sich um, packte Otto am Arm und zerrte ihn weg. Sie ließen zwei verdutzte und  wütende Herren zurück, das war aber Heinrich vollkommen egal. Auf  dem Weg zurück zu der Hütte vor der Mauer begann Heinrich zu reden. 


4 “Diese beiden, das sind solche Menschen, die uns in den Kampf  getrieben  haben. Wir haben uns verleiten lassen, zum töten und zu rauben und haben  uns und unsere Brüder geopfert. Und was ist geblieben? Ein paar Fürstentümer  und kein Himmelreich in Jerusalem. Verzeiht mir Otto von Kratz, dass ich so  wirsch und unflätig wurde, aber was ist ein Mensch wert? Immer wieder stelle  ich mir die Frage. Ich habe zu viele sterben sehen für nichts. Ihnen wurde das  Paradies versprochen und ihre leblosen Körper lagen dann auf  heißem Sand  und vertrockneten stinkend. Ich bete jeden Tag zu unserem Schöpfer, dass es  das Paradies gibt und ich alle eines Tages wieder sehen darf, die mir wichtig  waren. Ich will viele wieder sehen und ihnen Fragen stellen dürfen. Aber genau  deshalb verachte ich den sinnlosen Tod, denn er hindert uns alle daran, Fragen  zu stellen, die wir als Lebende gerne beantwortet haben möchten. Und was ist  ein Mönch oder Priester mehr wert als ein Tagelöhner. Wir sind alle Gottes Ge- schöpfe. Reichtum und Latein macht uns nicht wichtiger als kräftige Hände. Ja  ich versündige mich mit diesen Worten an der Ordnung, die von Gott kommt.”  Dann versank er wieder in Schweigen, senkte seinen Kopf  und trottete neben  Otto her. 1. Januar 1216 Königshof   Jarl Olberson schaute sich hilfesuchend um. Er brauchte eine Lösung für die  Befehle seines Königs. Und diese Lösung konnte nur er erschaffen. “Ich gehe  los und hole ihn mein König. Aber er ist schon wieder weggeritten. Es wird  etwas Zeit brauchen bis er da ist.” Jarl Olberson wollte gehen, als er die zornige  Stimme von Knut hörte. “Ihr bleibt, ihr solltet bei diesem Wetter nicht selbst  gehen. Es ist zu kalt da draußen für einen wichtigen Mann wie ihr nun mal seid.  Ihr müsst euch schonen, denn ihr bekommt wichtige Aufgaben, die ihr erfüllen  müsst. Sagt Herrn Sven von Olsen, welchen Namen der Mann hat und wo er  ihn finden kann. Er wird einen Boten schicken.”  Mathias, Marcus, Peter und Merit waren jetzt nicht mehr so wichtig, wie es  schien. Es war ein Kampf  zwischen König Knut und Jarl Olberson, das war  inzwischen allen klar geworden. Der König hustete angestrengt, spuckte ein paar Schleimpfropfen aus und  schaute zu Sven. “Sorgt dafür, dass der Zeuge oder Bote bald zu mir kommt.  Ich will mich nicht länger mit so etwas beschäftigen. Wir haben alle Wichtigeres  zu tun. Tretet vor Jarl und nun den Namen bitte. Oder wollen wir uns unter vier  Augen unterhalten mein treuer Freund?” Jarl Olberson nickte und der König  und er verschwanden in einem Nebenraum. “Hört zu Olberson, ich weiß, was ihr in dem Dorf  macht. Ich könnte es be- weisen, denn einer redet immer, wenn ich es will. Also kürzen wir das alles ab,  ich habe einfach heute keine Geduld und morgen auch nicht. Erledigen wir es  heute. Ihr bekommt das Land von Merit und ihrem Vater. Dafür bezahlt ihr  mit Silber und einem Schiff, das ihr heimlich habt bauen lassen. Alles ist bereits  schriftlich festgelegt. Merit darf alles mitnehmen, was sich bewegen lässt. Sie  darf  nichts zerstören und muss euch das Haus unbeschädigt übergeben. Merit 


4 hat vier Tage Zeit, das Land zu verlassen. Was dann noch auf  ihrem Land ist,  gehört dir Jarl Olberson. Ab Morgen früh zum Morgengrauen läuft die Zeit.  Sven von Olsen überwacht alles, damit niemand sich störend verhält. Ist sie  oder die Blauzahnleute noch in vier Tagen auf  dem Land, müssen sie dafür  zahlen. Mit Silber versteht sich. Mein Lohn ist das Dorf  mit den Tagedieben  und Fischern. Alles was man dort findet und von Wert ist gehört mir, auch die  Dorfbewohner. Sven von Olsen hat schon zehn Krieger dorthin geschickt, also  müsst ihr euch nicht beeilen, jemanden zu warnen. So nun reichen wir uns die  Hände, denn jeder von uns beiden hat ein gutes Geschäft gemacht. Ihr habt  das Land, das ihr wolltet. Ich habe etwas für meine Schatztruhe, denn jeder  Zwanzigste, die ihr Merit zahlen müsst, gehört mir. Zudem nehme ich mir euer  Fischerdorf. Ich habe Kenntnis davon, dass hier einige geraubte Schätze liegen.  Und nun lasst uns beide wieder zu den anderen gehen und ich verkündige, was  wir beschlossen haben und ihr unterschreibt mir den Vertrag.” Jarl Olberson musste lächeln, der König verstand es, gute Geschäfte zu machen,  aber er hatte auch bekommen, was er benötigte. Der Verlust des Langbootes  traf  ihn am meisten, aber das konnte man ersetzten. Und was sollte schon  Wichtiges an Beweglichem in den Lagerhäusern der Merit liegen? . Januar 6 Blauzahnsiedlung Nachdem sich alle erholt hatten und Lars kleine Geschenke verteilt hatte, war es  an diesem Freitag ruhig in der Siedlung. Draußen stürmte es und der Schnee lag  inzwischen knietief auf  den Feldern und Wegen. Endlich hatte sich auch Jorg  Jorgssen zu ihnen gesellt. Er hatte sich fast vier Tage lang in seiner Kammer  eingeschlossen. Er setzte sich in eine Ecke und schaute sich schweigend um. Er  war nun schon einige Tage bei ihnen, aber irgendwie fühlte er sich noch nicht  dazu gehörend. Er wartete, dass jemand ihn ansprach, er wollte keinen von sich  aus ansprechen. Schüchtern war er nicht, aber irgendetwas hinderte ihn daran,  ein Gespräch anzufangen. Lars sprach inzwischen sehr laut mit Erik und Steffen Landratte. Die Pferde  mussten unbedingt bewegt werden, sie standen nun schon seit über drei  Wochen fast ohne Bewegung in den Ställen und langsam wurden sie unruhig  oder sogar böse. Immer wieder fingen sie an gegen die Bretter der Stallwände  zu treten. Steffen meinte, dass der Sturm nicht mehr lange andauern würde und  man die Pferde dann auf  die Weide treiben sollte, damit sie sich dort austoben  könnten. Dann kam Julia herein, aufgeregt ging sie auf Lars zu. “In den Vor- ratsräumen ist eingebrochen worden. Es fehlen mindestens drei Fässer gesal- zenen Fisch und von den Eiern sind auch ein ganzer Korb mit fünfzig Stück  weg.” Schweigend stand Lars auf  und folgte zusammen mit Erik Julia zu einer  der Vorratshäuser,  Zuerst merkte keiner, dass ihnen Jörg folgte.  Sie untersuchten den Vorratsraum und fanden nichts, was darauf  schließen ließ,  wer oder was die Fässer mit Fisch und den Korb mit Eiern entwendet haben  könnte. Jörg stierte herum, schob mal ein Fass weg oder auch eine Kiste mit  Körnern. “Die Fässer hat jemand weggerollt, hier sind die Spuren. Und hier  muss der Korb gestanden haben. Staub und ein paar Federn liegen noch da.  Die Spuren enden hier vor dieser Wand.” Er drückte kräftig gegen das Holz 


4 der Wand und die Bretter gaben nach und ein Stück der Wand fiel um. Um die  Ecke war der Weg auf  die Viehweide. “Über diesen Weg mussten die Fässer und  der Korb mit Eiern seinen Weg in die Freiheit gefunden haben.” Jörg musste  laut sprechen, denn der Sturm hatte an Kraft gewonnen und der Wind fegte  nun durch den Stall mit Vorratsplatz. “Wie viel fehlt wirklich. Ist das erst heute  aufgefallen oder fehlt noch mehr?” Julia dachte nach. “Es fehlt noch mehr, aber  mir ist es jetzt erst aufgefallen, weil ich eines der Fässer erst vor ein paar Tagen  geöffnet habe, das ist nun auch weg.” In der Blauzahnsiedlung wurde also gestohlen. Kapitel 9 1. Januar 2106 Blauzahnsiedlung in der Vorratsscheuer Jörg zog seinen Umhang etwas enger und ging hinaus. Er schaute durch den  Durchgang zur Weide hinaus. “Warum ist das Tor nicht verschlossen?” fragte  er eher sich selbst, aber Erik und Julia, die ihm gefolgt waren, hatten ihn trotz  der Windgeräusche gut verstanden. “Das Tor sollte geschlossen sein, aber hier  kommt niemand durch, weil keiner durch den Bach will und das Tor an der  Brücke ist geschlossen.” Erik schaute zum Tor an der Brücke, um seine Aussage  nun über einen Blick auf  das Tor zu bestätigen. Das Tor war offen, das sah man  trotz des Schneegestöbers. “Das Tor ist offen, aber dann ist ja immer noch die  kleine Mauer, die die Weide abgrenzt und nirgends offen ist. Wie also sollen die  Fässer verschwinden?” Lars kratze sich am Bart und dachte nach. Kam aber wie  die anderen zu keinem logischen Schluss. “Wir müssen die Mauer abgehen, ob  da irgendwo ein Durchlass ist, den wir beim letzten Rundgang übersehen haben.  Lasst und die Mäntel holen, es ist einfach zu kalt um ungeschützt weiter hier  draußen zu bleiben.”  Als sie alle wieder im großen Haus waren, sprach Birgit  Lars an. “Wir sind bestohlen worden? Wie kann das passieren?” Lars berichtete  ihr alles haarklein und stellte zum Schluss noch die Frage, wer denn die Örtlich- keiten, wo die Vorräte stehen, kenne?  Olivia trat zu den sechsen, die sich über den Diebstahl unterhielten. Sie hatte  die letzte Frage von Lars gerade noch verstanden, um ihnen etwas dazu sagen  zu können. “Die Bewohner von Lindeshelm, dem Dorf  im Süden der Insel.  Die haben doch vor etwas mehr als zehn Tagen drei Fässer Fisch gegen einige  Pelze und Wollfäden bei uns getauscht. Und sie waren mit in der Scheuer, um  die Fässer auf  ihre Schlitten zu laden.” Lars und Erik erinnerten sich noch  daran. Sie benötigten dringend ein paar Felle und Wolle für ihre Weberei und  sie hatten mit den Händlern aus Lindesheim darüber gesprochen und vor zehn  Tagen waren sie hier, um die Felle und Wolle abzuliefern. Lindeshelm war zu  Fuß an einem Tag zu erreichen und mit einem Schlitter, das von einem guten  Pferd gezogen wurde, vielleicht  nur einen halben Tag. Sie hätten aber durch das  Haupttor durchkommen müssen, um die Fässer und die Eier zu holen und das  hätten die Bewohner bemerkt.  Also kontrollierten sie zuerst die Mauer um die Weide, bevor sie weitere Vermu-


44 tungen anstellten. Und tatsächlich fanden sie einen Teil der Mauer eingerissen,  die Steine und das Holz waren gewaltsam beseitigt worden und ein Durchgang  in der Länge eines Mannes war dadurch entstanden. Dann stellte Jörg noch fest,  dass jemand den Riegel am Tor zur Brücke gelockert hatte, sodass man ihn von  außen ohne große Kraftanstrengung wegdrücken konnte. Die herausgerissene  Wand in der Scheune war ein altes Tor, das man einfach mit ein paar Seilen fes- tgemacht hatte - die Riegel waren entfernt. Jetzt wussten sie, wie die Diebe sich  Zugang verschafft hatten, aber wer das war, wussten sie noch nicht.  “Lasst uns morgen nach Lindeshelm reiten und dort sollten wir uns um- schauen.” Lars Idee wurde angenommen und für diesen Ausritt waren Gre- gorius, Juris, Claus von Olsen und Erik vorgesehen. Sophia, Melanie, Beatrice  und Julia wollten sich ihnen anschließen, dann konnten sie auch gleich eines  erledigen: Die Pferde bewegen, die schon zu lange in den Ställen tatenlos her- umstanden.  2. Januars 1216 Hildesheim zur Zeit der Frühmesse     Heinrich war schon sehr früh wach. Die ganze Nacht hatte die dreizehnjährige  Tochter des toten Carl geweint. Marta, so lautete ihr Name, war Magd im Hause  des Herrn Flür gewesen und als der nach dem Streit mit Heinrich und Otto  nach Hause gekommen war, hatte er sie einfach aus seinem Haus hinausge- worfen. Erst zu Hause erfuhr sie vom Tod ihres Vaters. Die Mutter der beiden  Kinder, Constanze von Breitenbach, saß die ganze Nacht schweigend vor dem  kleinen Holzfeuer in der Bretterbude und starrte in die Glut. Erst am Abend,  als sie mit dem toten Carl zurückgekommen waren, hatte sie sich Otto und  Heinrich offenbart. Constanze war von ihrem Vater, einem dauerbetrunkenem  Ritter, aus der Burg geworfen worden, weil sie den Mann, den sie heiraten sollte,  beleidigt hatte. Carl war so etwas wie der Waffenmeister auf der Burg Breiten- bach und wollte ihr helfen. Deshalb sprach er in ihrem Namen bei ihrem Vater  vor. Der Breitenbach war aber so wütend, dass er Carl mit einem Knüppel  verprügelte und ihn ebenfalls der Burg verwies.  Die beiden packten ihre Bündel und flohen aus dem Herrschaftsgebiet der  Breitenbachs. Breitenbach lag in der Nähe von Langenburg und da der belei- digte Bräutigam von Constanze ein Langenburger war und deren Einflussgebiet  sehr weit reichte, mussten sie sehr weit fliehen, bis sie sich einigermaßen sicher  fühlen konnten. Carl verdingte sich als Waffenmeister auf einer Burg bei Würz- burg und Constanze wurde Magd bei der Burgherrin. Sie behaupten vor allen,  die sie fragten, dass sie verheiratet seien. So lebten sie ein paar Monate auf der  Burg ihres Herren wie Mann und Frau. Aber doch nicht wie Mann und Frau.  Bis beide nicht mehr voneinander lassen konnten. Da ließen sie sich heimlich  trauen. Zwei einfache eiserne Ringe besiegelten den Bund ihrer Ehe, den Segen  dazu bekamen sie von einem Priester, der die Gemeinden und Dörfer der Burg  betreute. Carl hatte sich mit dem Priester angefreundet und der hatte gelernt  zu schweigen. So wurde ihr Betrug mit der Ehe auch nie bekannt, denn nun  bekannten sie sich beide vor sich selbst als Mann und Frau. Keine zehn Monate  später wurde Marta geboren und ein paar Jahre später kam der Sohn Christian 


45 zur Welt. Sie lebten glücklich in sehr einfachen Verhältnissen auf  der Burg. Da  Constanze etwas lesen und schreiben konnte, unterrichtete sie die Kinder des  Burgherren und ihre eigenen, was ihr ein paar Münzen zusätzlich einbrachte.  Bis zu dem Zeitpunkt, als der Bischoff  von Würzburg sein Gebiet etwas  erweitern wollte und der plötzliche Tod des Burgherrn dazu führte, dass die  Burgherrin und Witwe von ihrer Burg mit allen ihren Hörigen vertrieben wurde.  Mit ihrer Herrin wanderten sie zuerst zu deren Vater nach Fulda, der hatte  aber weder für seine Tochter und deren Kinder Platz und erst recht nicht für  ihre Hörigen. Die Gruppe, die der ehemaligen Burgherrin folgte, wurde immer  kleiner und als sie bei einem Onkel der Burgfrau ankamen, waren sie nur noch  zu acht. Der Onkel war ein praktisch denkender Mensch. Er verheiratete die  Burgfrau mit seinem Idioten an Sohn, der musste die drei Kinder der Burgfrau  adoptieren. Damit hatte er die ersehnten Erben und die stammten sogar noch  aus dem eigenen Familienstamm. Die Hörigen waren nun aber übrig und der  Onkel vertrieb Carl mit den seinen. Carl und Constanze hatten noch einigen  Dinge, die sie tauschten oder verkauften, damit sie überleben konnten. Also  zogen sie weiter bis sie in Hildesheim ankamen. Marta war eine fleißige und  hübsche Göre und fand schnell im Haus des Flür als Magd Arbeit. Der war  zwar mehr an der hübschen Kleinen interessiert als an ihrer Arbeit, aber seine  Frau achtete darauf, dass es der gute Jakob nicht zu bunt treiben konnte. Carl  fand als Tagelöhner Arbeit beim Dombau, wo auch sein Sohn immer wieder  mit aushelfen durfte. Constanze konnte im Stift aushelfen, wenn Näharbeiten  anfielen und so waren alle zwar mit schlecht bezahlter Arbeit versorgt, aber  es sicherte ihnen ein Überleben in Hildesheim. Die Hütte vor den Stadttoren  konnten sie sich von dem Verkauf  ihres letzten Pferdes und des Schwertes von  Carl kaufen und sie hatten noch ein wenig an Silber übrig, damit sie sich die  ersten Tagen Essen und Trinken kaufen konnten.  Und nun war das Unglück über die Familie hereingebrochen. Der Vater tot,  Tochter und Sohn ohne Arbeit und von dem Wenigen, das sie besaßen und  dem, was Constanze eventuell im Stift an Arbeit bekam, würden sie nicht über- leben können. Zudem hatten sie nun die Kirche und Herrn Jakob Flür zu Feinden. Es würde  einige Zeit dauern, bis man sich an ihnen rächen würde. Weil Heinrich Jakob  Flür die Geldbörse abgenommen und ihn auch noch beleidigt hatte. Aber der  Tag würde kommen - spätestens wenn Otto von Kraz und Heinrich weiterzie- hen mussten. Also machte sich Heinrich am frühen Morgen auf  und ging weg. Keiner wusste,  was er tun wollte - selbst Otto hatte er nicht informiert, was er vorhatte. Weit  vor dem Mittagsläuten kam er dann zurück. Er hatte einen Wagen und ein  Zugpferd erstanden. Hinter dem Pferdegespann kam noch ein Mann mit einer  merkwürdigen Mütze und einer der Steinmetze.  Heinrich nahm Otto zur Seite und sprach eindringlich und sehr lange mit ihm.  Der schüttelte immer wieder nur mit dem Kopf  und man sah, dass er im- mer wieder etwas ablehnte. Bis er den Kopf  senkte und die Hände gegen den  Himmel hob. Danach sahen beide die Familie an und dann den Mann mit der 


46 merkwürdigen Mütze und den Steinmetz. Otto von Kraz und Heinrich gingen auf  die Wartenden zu. “Wir beerdigen nun  Carl. Der Boden ist zwar gefroren, aber auf  dem Gottesacker am Westtor gibt  es eine Mulde. Dort können wir ihn hineinlegen und der Steinmetz hat dort  auch ein paar große Steine, damit können wir das Grab bedecken. Dann packt  ihr alles zusammen, was ihr mitnehmen wollt und müsst und packt es auf den  Wagen. Wir müssen heute noch weg. Der Steinmetz aus der Bruderschaft kauft  euch die Hütte ab, er braucht sie für seinen großen Sohn, der morgen heiratet.  Der Jude Jakob hier leiht ihm das Geld dafür. Damit bezahlen wir den Priester  und die Steine und haben noch etwas übrig. Beeilt euch, wir haben nicht viel  Zeit. Jakob Flür spricht mit dem Domherren und ich glaube, dass sie spätestens  heute Nacht oder morgen in der Frühe kommen werden. Bei Tage gibt es  zu viele Zeugen und die sind nicht gut. Wir schaffen es heute noch bis nach  Rheden, dort wohnt ein alter Freund meines Herren von Olsen. Ein Ritter, der  an vielen Schlachten teilgenommen hat und nicht unbedingt ein Freund der  Priester ist. Ich glaube, dort sind wir für den Anfang sicher.” Heinrichs Worte  ließen keinen Widerspruch zu. Otto blieb mit dem Steinmetz und dem Juden  zurück und sie erledigten den Geldhandel, während Heinrich die Leiche von  Carl mit der Witwe und den beiden Kindern zum Friedhof  mit dem Pferdewa- gen brachte.  Die Beerdigung war schnell beendet, die trauernde Witwe saß mit ihrer Tochter  auf  dem Wagen, während Heinrich und ihr Sohn das Pferd führten. Otto hatte  schon das Gepäck für Heinrich und sich selbst gepackt. Marta half  ihrer Mutter  beim Packen ihrer Habseligkeiten - sie besaßen nicht viel und deshalb waren sie  bald fertig. Kaum war der Wagen bepackt, kam auch der Steinmetz mit seinem  Sohn und nahmen die Hütte in Besitz. Constanze, Marta und Christian setzten  sich auf  den Wagen, Heinrich lenkte das Gefährt und Otto ritt voran. Heinrichs  Pferd hatten sie hinten an den Wagen gebunden. Anfangs war es dem Ross  noch angenehm, so dahin zu trotten, aber je länger es hinter dem Zug hergehen  musste, umso ungeduldiger wurde es. Irgendwann drohte es sogar den Wagen  umzuwerfen, weil es an seinem Zugseil zu heftig zog. Also musste Otto nun  den Wagen lenken und Heinrich bestieg seinen ungeduldigen Hengst und Ottos  geduldiges Ross wurde hinten an den Wagen gebunden. Bei Sonnenuntergang  sahen sie den Ort Rheden und fanden auch, nachdem Heinrich zweimal an  einer der Hütten nachfragen musste, das Haus des Freundes von Herrn von  Olsen. Sigfried vom Blau war ein alter Mann, aber er hieß die Flüchtlinge in sei- nem Haus willkommen und als er dann noch den kurzen Bericht von Heinrich  hörte, warum sie auf  dem Wege seien, waren sie ihm erst recht willkommen.  Siegfried vom Blau hatte eine zu junge Frau. Er war sicher weit über die vierzig  und seine Frau Frieda kaum mehr als zwanzig Jahre alt. Aber sie schienen  bestens miteinander auszukommen. Sie boten das wenige, was das Haus bieten  konnte, ihren Gästen an und in dieser Nacht konnten alle sich ausruhen. Nach  den ersten Tränen nach dem Abendgebet, welche Marta und Constanze in ihrer  Trauer noch vergossen, konnten sie unter dem Einfluss des Bieres, das ihnen  Frieda gab, schnell einschlafen.


4 Die Pferde und der Wagen waren in einer Scheuer gut untergebracht und der  aufkommende Wintersturm konnte niemandem etwas anhaben, bis auf  die Ver- folger, die ihre Suche nach den Flüchtlingen abbrechen mussten, weil es dunkel  wurde und der Schneesturm zu heftig war. 2. Januar 1216 Königshof   Sie waren zur Abreise bereit, Peter und Mathias führten den Zug an. Sie  mussten bis zum späten Nachmittag das Gehöft von Merit erreichen. Ein Bote  wurde zum Hafen geschickt, um dort die kleine Knorr und das Langboot von  Merit und das von Jarl Olberson auf  die gefährliche Winterreise auf  der Ostsee  vorzubereiten. Immerhin musste Vieh und Hausrat und einige Menschen auf   die Schiffe gepackt werden. Es würde etwas eng werden, aber sie mussten das  Land verlassen und hatten nicht sehr viel Zeit, um sich darauf  vorzubereiten.   Am dritten Tag nach ihrer Abreise vom Königshof  waren tatsächlich alle Boote  beladen. Es fehlte an Ruderern, aber alle Frauen packten mit an und so ging es  auf  die See hinaus. Zuerst eine halbe Tagesreis an der Küste vom Festland ent- lang, dann mussten sie eine Rast einlegen und übernachteten in einer Bucht auf   den Booten. Am nächsten Morgen war die See ruhig und der leichte Westwind  half  ihnen, die Überfahrt auf  die Insel Gotland ohne die Ruder zu bewältigen.  Merit wollte zwar auf  dem Langboot, das Mathias befehligte, mitfahren, aber  er wollte sie auf der Knorr haben - dort wo ihre wertvollen Güter verstaut  waren. Mathias war ein misstrauischer Mann, was das betraf. Er meinte, dass in  jedem Menschen auch ein Dieb versteckt lauerte und das, was sie besaßen, war  wertvoll genug um dieser Verführung auch nachzugeben. Aber Merits Riese  verhinderte schon bei seinem Erscheinen jeglichen Gedanken daran.  Gegen Mittag zog Nebel auf, aber die Seeleute auf der kleinen Knorr waren  erfahrene Leute und da die drei Schiffe mit langen Seilen aneinander gebunden  waren, verloren sie sich nicht. 2. Januar 1216 Blauzahnsiedlung Am frühen Morgen wurden die Pferde gesattelt und dann ging es los. Alle war- en froh drüber, dass es keinen Schneesturm gab, aber es war über Nacht noch  kälter geworden. Während Erik mit seiner Reitergruppe durch das Haupttor  davonritt, machte sich Lars mit ein paar Leuten daran, das Loch in der Mauer  und der Palisade zu reparieren. Es war zwar sehr kalt, aber man musste das  unbedingt machen, da sonst die Gefahr bestand, dass wieder jemand unerwartet  in die Siedlung eindringen konnte. Carlo und Luigi reparierten zur gleichen Zeit  die Scheune und Alberto nahm sich das Schloss am Brückentor vor. Lisa und Olivia waren bei den Kühen als diese unerwartet unruhig wurden. Sie  schauten sich um, konnten aber den Grund für diese Unruhe nicht feststel- len. Olivia holte deswegen noch ein paar andere Frauen. Sie wollten den Stall  gemeinsam untersuchen, was da für Unruhe gesorgt hatte. Judit rief  auf  einmal,  dass sie alle still sein sollten. Sie schwiegen, selbst die Kühe waren kurz ruhig.  Dann hörten sie es. Irgendetwas atmete hier sehr heftig, wie unter Schmerzen.  Es kam aus einer Ecke, wo man das Heu aufgestapelt hatte. Judit nahm ihr 


48 Messer, das sie immer bei sich trug aus dem Gürtel und ging leicht gebückt auf   die Ecke zu.  Erst sah sie im fahlen Licht, das durch die geöffnete Stalltüre eine kleine  Schleimspur. Dann erkannte sie, dass hier etwas Blut auf  dem Stallboden war.  Nicht viel, aber man erkannte es. Nun hörte sie ein ganz leises Fipsen. Sie  musste nachdenken, irgendwie kam ihr dieses Fiepsen bekannt vor, aber woher?   Kapitel 10 2. Januar 1216 Blauzahnsiedlung in einer der Scheunen Judit ging auf  Zehenspitzen weiter dem leisen Fiepen entgegen. Dann sah sie es.  Hier lag ein großer Hund der gerade seine Jungen zur Welt brachte. Allerdings  schien der Hund verletzt zu sein. Seine linke Schulter war blutverkrustet und der  Hund tat sich schwer mit der Geburt der Jungen, weil er offensichtlich schwach  war. Gret, die auch im Stall war, rief  laut auf. “Das ist Wolke, unser Hofhund.  Die müssen ihn bei dem Überfall auf  unseren Hof  verletzt haben, denn seit wir  von dort weg sind, habe ich ihn vermisst. Sie war schon trächtig, aber ich ahnte  nicht, dass sie uns gefolgt ist und sich hierher gelegt hat? Wir müssen ihr helf- en.” Die Frauensolidarität kam schnell auf  und man brachte der Gebärenden  eine Wasserschüssel und als die Jungen offensichtlich alle da waren, kümmerte  man sich um die Verletzung. Es sah aus, als ob jemand den Hund mit einem  Messer traktiert habe. Die Wunde war nicht tief doch leider sehr groß. Aber of- fensichtlich haben die Kraft einer werdenden Mutter und der Schnee geholfen,  dass sich noch keine Infektion ausgebreitet hatte. Dankbar nahm Wölkchen  auch das Futter an, das man ihr gab. Allerdings erst, nachdem sie ihre neuge- borenen Welpen alle abgeschleckt hatte. Wölkchen war ein sehr großer Hund,  grau und mit einem gewaltigen Gebiss ausgestattet. Sie sah den Hunden in der  Blauzahnsiedlung ähnlich, war aber die Größte unter den Hunden. Sie bekam  fünf  Welpen. Als man die Kleinen ebenfalls abgetrocknet hatte und sie sich an  die Zitzen der Mutter wagten, krampfte Wölkchen heftig. Alle Frauen, die rund  um sie standen, bekamen Angst und Judit stellte dem Hund sinnlose Fragen.  “Was hast du denn, kann ich was machen, wie können wir dir helfen? ...” Bis zu  dem Moment, als nochmals zwei wirklich winzige Welpen den Körper verließen.  Beide waren wesentlich kleiner als die anderen fünf, aber sie atmeten und ein  sehr leises Piepsen war zu hören. Vier Weibchen und drei Rüden lagen nun bei  Wölkchen. Man errichtete einen kleinen Wall aus Stroh um Wölkchen herum,  damit die Tiere geschützt waren. Dann kam Carla mit einer dicken Lederdecke  daher, schob Stroh zusammen, legte dies Decke darüber und ganz vorsichtig  wurde die immer noch schwache Wölkchen darauf  gelegt. Ihre Jungen brachte  man ihr auch. Aus ein paar Brettern und einigen alten Fässern wurde eine Art  Gatter um das Ganze gebaut. Dann beschlossen die Frauen Wölkchen in Ruhe  zu lassen.  . Januar 6 Rheden am frühen Morgen auf  dem Hof  von Siegfried von Blau   Alle hatten gut geschlafen und das Frühmahl, das ihnen Frau Frieda bereitete, 


4 war gut. Warme Grütze mit etwas getrockneten Äpfeln und ein paar Tropfen  Honig, dazu wurde ein heißer Kräutersud gereicht. Für die Herren wurde der  mit etwas Wein verfeinert. Zum Abschluss bekam jeder noch ein Stück Käse  gereicht. Siegfried hatte einer seiner Knechte am frühen Morgen ausgeschickt,  um die Straße von Hildesheim nach Rheden zu beobachten. Er kam bald wieder  zurück und konnte vermelden, dass der Schneesturm, der noch immer wütete,  es verhindern würde, dass irgendjemand die Straße benützen würde. Siegfried  ließ die Pferde seiner Besucher gut versorgen. Sie sollten kräftig genug sein,  damit sie bald möglichst ihre Reise fortsetzen konnten. Die Ziege, die sie mitge- bracht hatten, gab keine Milch mehr und man schenkte sie deshalb als Dank für  die gesicherte Aufnahme Siegfried und seiner Frau. Der sorgte dafür, dass sie  genügend Nahrung für die Weiterreise bekamen. Er sorgte auch dafür, dass im  Dorf  niemand die Gäste zu Gesicht bekam. . Januar 6 auf  dem Weg nach Lindeshelm Durch die Geschichte mit Wölkchen und dem immer noch etwas unsicheren  Wetter hatte sich der Ritt nach Lindeshelm um einen Tag verzögert. Jeder Reiter  hatte noch ein weiteres Pferd an eine Leine genommen. So viele Pferde wie  möglich sollten bewegt werden und das Wetter war gut. Die Sonne kam durch  und das Weiß des Schnees leuchte hell zum Himmel. Die Pferde waren deshalb  bestens gelaunt, als sie merkten, dass man mit ihnen ausreiten wollte. Erik  sorgte dafür, dass sie alle Waffen trugen, denn man konnte nie wissen, welchem  hungrigen Wolf  auf  zwei Beinen man an diesem Tage begegnen würde.  Der Wind hatte fast alle Wege verweht, aber der Schnee türmte sich an  Baumgruppen oder an kleinen Hügeln auf  und deshalb war der Weg auch nicht  zu tief  verschneit und sie kamen gut voran. Gegen Mittag kam Lindeshelm in  Sicht. Sie beobachteten die Ansiedlung einige Zeit, bevor sie auf  die Häuser und  Hütten zuritten. Man entdeckte sie erst, als sie bereits in der Mitte der Ansied- lung waren. Juris kannte den Dorfältesten, stieg von Pferd und ging auf  seine  Hütte zu. Die anderen blieben auf den Pferden und beobachteten, was sich  inzwischen tat. Einige Bewohner kamen aufgeregt angelaufen und wollten von den Reitern wis- sen, was sie hier wollten. Claus von Olsen beobachtete, dass sich die Blicke der  Bewohner, die sie sehen konnten, immer wieder zu einer der kleinen Scheunen  richtete. Dann ritt er los und stieg vor dem Holzgebäude ab. Einer der Dorf- bewohner stellte sich ihm in den Weg, als er auf  die Eingangstür zuging. “Was  ist in der Scheune?” fragte Claus höflich. Die Antwort war mehr als nur barsch.  “Nichts, was dich etwas angehen würde. Bleib weg von der Tür oder du bekom- mst Ärger.” Claus spürte, dass sich der, der ihm den Weg verstellte, nicht von  der Stelle rühren würde. Ohne Gewaltanwendung konnte er sehr wahrschein- lich keinen Blick in die Scheune werfen. Er nickte Erik zu, der angeritten kam,  abstieg und sich dann neben Claus stellte. “Seid ihr Diebe? Habt ihr hier etwas  versteckt, was uns gehört?” Eriks Ton war etwas zu freundlich, als dass man  diese Frage missverstehen konnte. Der Mann vor der Tür schüttelte den Kopf.  Hilfesuchend schaute er sich dann um und diesen Blick verstanden offensi- chtlich einige andere Siedlungsbewohner und kamen zu ihm, bewaffnet mit 


50 Mistgabeln und Knüppel. “Verschwindet, sonst müssen wir euch mit Gewalt  von hier vertreiben. Ihr habt hier nichts zu suchen.”  Erik und Claus blieben einfach stehen. Inzwischen war Sophia zu ihnen ge- gangen, ihre Armbrust hatte sie in der Hand, gespannt und sie war bereit zum  Abschuss. “Wie viele Hühner habt ihr denn in eurem Dorf?” fragte sie in einem  arglosen Ton. Einer der Männer, der vor der Scheunentür stand, antwortete sehr  schnell. “Keine, die sind alle an einer Krankheit im Herbst gestorben. Warum  fragst du das?” “Woher habt ihr dann die vielen Eier dort in der Scheune?” So- phias Frage traf  alle, die vor der Tür standen. Man sah ihren erschrockenen Ge- sichtern an, dass diese Frage wohl eine Geheimnis lüften konnte. “Wie kommst  du darauf, dass da Eier in der Scheune sind?” fragte ein anderer. Sophia setzte  gekonnt ihren Hexenblick ein. Die Augen durchdrangen dabei jeden, der vor ihr  stand und die Züge ihres Gesichtes bekamen etwas Brutales. “Weil ich es sehen  kann. Ich kann durch Wände sehen. Ich sehe einen großen Korb mit Eiern und  ihr habt keine Hühner. Das ist wohl eine Geschenk, aber von wem wohl?”   Laut rief  Gregorius von hinten. “Halt, wir wollen keinen Streit mit euch, aber  wir wollen unser Eigentum. Wenn sich jemand mit uns anlegen will, dann solltet  ihr wissen, dass wir gut mit den Waffen umgehen können. Als Schmuck tragen  wir die sicher nicht bei dieser Kälte mit uns.” Sophia drehte sich um und sah,  dass Gregorius einen alten Mann am Genicke gepackt hatte und zu der Gruppe  vor dem Stall schleifte. “Er hat gerade gebeichtet. Sie sind bei uns eingebro- chen, weil alle ihre Hühner tot sind und die Vorratsscheune vor eine paar Tagen  abgebrannt ist. Sie haben fast nichts mehr zu essen. Das ist aber sicher keine  Entschuldigung für einen Diebstahl. Gott kann euch das verzeihen, aber vorher  kommt die Buße.” Dann warf  er den alten Mann seinen Dorfmitbewohnern vor  die Füße.  Erik zog sein Schwert, die Dorfbewohner erschraken und alle traten weit weg  von der Eingangstür. Nicht besonders sanft öffnete Erik die Tür und betrat  die Scheune. Ganz vorne stand der Korb mit den Eiern. Man hatte versucht,  die Eier vor dem Frost mit etwas Heu zu schützen - das war aber schon weg- gerutscht. Vier Fässer standen noch da, alles andere in der Scheune war wert- loser Plunder. Etwas abseits saß eine Katze auf  einem Balken und beobachtete  den Mann mit dem Schwert in der Hand. In einer Ecke stand ein Schlitten, das  musste wohl die Transportmöglichkeit gewesen sein, mit denen sie die Fässer  hierher gebracht hatten. Erik ging wieder nach draußen. “Die Eier sind da und  die Fässer auch. ich kann aber nicht erkennen, ob das die gestohlenen sind oder  die, die sie bei uns gegen Wolle und Felle getauscht haben.” Beatrice ging mit  Melanie in die Scheune und kam bald wieder heraus. “Das sind die, die sie uns  gestohlen haben. Die anderen waren alte Fässer, die hier sind die neuen, die wir  für uns behalten wollten.” sagte Melanie so laut, dass alle sie verstehen konnten.  Die Dorfbewohner waren des Diebstahls überführt. Nun hatten alle aus der  Blauzahnsiedlung ihre Waffen bereit und warteten, was nun kommen würde.  Keiner der Dorfbewohner rührte sich. Eine kleine Ewigkeit geschah nichts, bis  Claus laut vernehmlich den Dorfältesten ansprach. “Warum habt ihr das getan?  Warum habt ihr uns bestohlen?” Geduldig warteten die Leute aus der Blauzahn-


5 siedlung auf  Antwort.  Eine junge Frau, offensichtlich schwanger trat vor. “Wir haben nichts mehr.  Vor ein paar Wochen wurden wir von den Leuten des Königs aufgesucht und  sie haben Steuern erhoben. Wir hatten nichts, außer unseren Hühnern und drei  Ziegen und drei Schafen. Die haben sie mitgenommen und als sie gingen, haben  sie unsere Vorratsscheune angezündet. Mein Mann wollte das verhindern und  sie haben ihn und noch zwei andere Männer, die ihm helfen wollten, erschlagen.  Als wir zu euch kamen, haben wir alles, was wir in den Verstecken an Wolle und  Fellen hatten, zu euch gebracht. Aber das, was wir bei euch eingetauscht haben,  würde niemals reichen, uns alle über den Winter zu bringen. Also dachten wir,  dass wir so schnell wie möglich noch mehr Vorräte brauchen. Solange wir noch  alle stark genug waren, haben wir uns auf  den Weg gemacht. Zwei Männer sind  auf  dem Weg zu euch erfroren, weil wir nachts los sind und sie sich verirrten.  Sie wurden auf  dem Rückweg gefunden. Nun nehmt euch das, was euch gehört  und geht. Wir werden hungern und sterben. Besser wäre es, wenn ihr uns alle  gleich erschlagen würdet, dann müssen wir nicht lange leiden. Ihr habt einen  Mönch bei euch, der könnte noch ein Gebet für uns sprechen. Und nun been- det es.” Tränen rannen der Frau über die Wangen. Sophia gab ihre Armbrust  an Gregorius und ging auf  die Frau zu, fasste ihre Hände und sagte leise zu  ihr: “Ist jetzt gut. Wir werden niemanden erschlagen.” Lauf  rief  dann Erik in  die Runde der Dorfbewohner. “Was ist mit eurem Jarl, Floki Lund? Ward ihr  bei ihm?” Der Dorfälteste stand wieder und befreite sich aus seiner Erstarrung.  “Wir waren an der Küste, wo seine Drachenboote liegen. Er ist tot, auch sein  Sohn Gerd und zwanzig seiner Schwertarme auch. Nur noch zwölf  Frauen und  zwei Männer leben dort. Geführt werden sind von Gund, der Frau des Gerd.  Ja und sechs Kinder leben auch noch. Alle anderen wurden von den Kriegern  des Königs erschlagen oder sind an ihren Wunden und dem Hunger gestorben.  Sie haben auch nichts mehr. Einer der Schwertarme von Floki hat ja die Krieger  zu uns geführt. Der hat auch, als sie weiterzogen, meine Tochter mitgenom- men. Er würde ihr den Hals durchschneiden, wenn wir verraten würden, dass  die Krieger bei uns waren. Der Jarl kann uns nicht mehr helfen. Gund hat einen  Boten nach Visby gesandt, aber der kam nicht zurück. Wir müssen sehen, dass  wir so überleben. Jagen geht nicht, die Krieger haben unsere Speere und Bögen  mitgenommen und mit den Mistgabeln ist nicht gut jagen.” Erik schüttelte den Kopf, auch Claus war mehr als nur verwundert. Was hat- ten diese Söldner alles an Verbrechen begangen. Waren das die Söldner oder  falschen Krieger des Königs, die sie erledigt hatten oder gab es eine weitere  Bande? “Es wird spät und wir können heute nicht mehr zurückreiten. Wir haben etwas  Mehl dabei, kocht eine Grütze für uns alle. Eines der Packpferde hat einen  Beutel mit Speck und Käse. Nehmt es euch und verteilt es. Wie viele leben denn  noch hier bei euch?” Melanies Stimme war freundlich und die Menschen des  Dorfes bekamen langsam Vertrauen zu den Bewaffneten. Sie waren Diebe, das  wussten sie und bestrafen würde man sie auch, aber sie lebten nur noch für den  Moment und der war gut zu ihnen. 


5 “Wo können wir lagern?” fragte Gregorius die Leute aus dem Dorf, die sich  schon über den Sack mit Käse und Speck hermachten. Die Schwangere deutete  auf  ein etwas größeres Haus, das einen großen Stall hatte. “Dort ist mein Haus.  Früher lebten dort zwölf  Leute,  jetzt bin ich alleine. Im Stall und daneben in  dem Unterstand könnt ihr die Pferde abstellen.” Der Stall war leer, nur ein paar verkümmerte Heuballen lagen noch da. Eine  abgemagerte Katze näherte sich Erik, als er seine beiden Pferde in den Stall  brachte. Er hatte noch einen Streifen Dörrfleisch in seinem Beutel, biss ein  Stück ab und gab es der Katze. Ohne lange an dem Gericht zu schnuppern,  packte sie es. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihre Beute wegzutragen,  sondern begann sofort zu fressen. Der Stall, die Unterstände und das Haus waren in gutem Zustand. Hier musste  ein sehr fleißiger Mann oder eine herrische und kluge Frau das Sagen gehabt  haben. Wo waren aber all die Leute geblieben? Im Dorf  gab es nur noch  sechs Männer und sieben Frauen mit fünf  Kindern. Die Frauen, außen der  Schwangeren, hatten sich alle wie Männer gekleidet und so viel Schmutz ins  Gesicht geschmiert, dass man ihre Gesichter kaum erkennen konnte. Brenda, so  lautete der Namen der Schwangeren, war die Tochter des Jarl gewesen und hatte  den wichtigsten Bauern im Gebiet des Jarl geheiratet. Gund, die Frau ihres toten  Bruders, war eine Freundin von ihr und beide Frauen versuchten mit wenig  Geschick das Gebiet des Jarl zu erhalten. Wie sollten sie das auch alles schaffen.  Nur drei Männer, die mit Waffen umgehen konnten, waren noch übrig, alles  Wertvolle und fast alle Nahrungsmittel waren geraubt. Brenda war eine kluge  Frau, das konnten alle erkennen, als sie am Abend an der kümmerlichen Tafel in  ihrem Hause saßen und ihre Geschichte hörten. Der Dorfälteste sprach nur in  ihrem Namen, denn er war gewählt worden, als die Söldner das Dorf  verlassen  hatten und Brendas Mann erschlagen dalag. Gut war für den alten Mann, dass  Erik ihm berichten konnte, dass man seine Tochter aus den Fängen der Krieger  befreit hatte. Er konnte das berichten, weil der Dorfälteste sie genau bes- chrieben hatte und sie im Rumpf  des Drachenbootes aufgefunden worden war,  als man die Söldner niederrang. Erik unterließ es aber, dem Mann zu berichten,  dass seine Tochter in einem erbärmlichen Zustand befreit worden war. Sie hatte  ihre Gedächtnis verloren. Er sagte ihm nur, dass sie leicht verletzt sei und man  sie in Visby versorgte. Erik und die anderen aus der Blauzahnsiedlung wussten nicht, wie sie mit der  diebischen Dorfgemeinschaft umgehen sollten. Sie wollten in dieser Nacht nicht  darüber beraten, aber sie mussten eine Lösung finden. 6. Januar 1216 vor der Küste von Gotland Die kleine Flotte hatte den schwierigen Übergang nach Gotland trotz Nebel  gut überstanden. Die drei Boote waren an diesem Morgen noch knapp drei  Rast entfernt von dem Liegeplatz, den sie anlaufen durften. In der Bucht, die  der Blauzahnsiedlung gehörte, war ein kleiner Kai für die Knorr und genügend  Ankerplatz für die anderen beiden Langboote.  Gegen Mittag machten die Boote eines nach dem anderen an dem Kai fest und 


5 wurden entladen. Ein Bote wurde zur Blauzahn Siedlung geschickt. Dort sollte  man so schnell wie möglich von ihrer Ankunft und von den Gästen erfahren.  Kapitel 11 4. Januar 1216  Rheden am frühen Morgen auf  dem Hof  von Siegfried von Blau   Otto und Heinrich schauten nach den Pferden, der junge Christian begleitete  sie. Er hatte die ganze Nacht offensichtlich wach gelegen, denn er sah noch sehr  müde aus, als er neben Heinrich herging. Heinrich schaute ihn von Kopf  bis  Fuß an. “Sag mal Junge, hast du keine Schuhe? Du kannst bei dem Wetter nicht  barfuß gehen, auch wenn wir uns nur im Haus bewegen und in den Stall gehen.”  Christian schüttelte den Kopf. “Nein Herr, die Holzschuhe, die ich hatte, sind  gestern zu Bruch gegangen, als ich vom Wagen gesprungen bin. Sie waren  schon recht alt und passten mir schon lange nicht mehr. Aber ich hatte keine  anderen und mit den Lumpen an den Füßen ist einfach schlecht zu laufen.”   Heinrich schaute Otto an, der nickte und schnappte sich den Jungen an der  Schulter und schob ihn zurück zum Wohnhaus. Er wühlte dort in einem der  Packsäcke und reichte dann dem Jungen zwei Lederbündel. “Das sind einfache  Schuhe zum Wickeln. Du bist schon sehr große für dein Alter und sie dürften  dir gut passen. Es sind alte von mir und ich trage sie eigentlich nur mit mir rum,  weil ich vielleicht einmal Ersatzschuhe brauche. Nun brauchst du sie. Ziehe sie  an, aber vorher solltest du dir ein paar Lappen um den Fuß wickeln, auch Leder  scheuert auf  der Haut. Ich schenke sie dir.” Christian schaute Otto von Kraz  mit großen Augen an und begann zu weinen. “Mir hat noch nie jemand etwas  geschenkt. Was muss ich dafür tun.” Seine Mutter trat zwischen Otto und ihren  Sohn. “Ich dachte Geschenke und Almosen gibt es nur für die Kirche und die  Priester? Was verlangt ihr von uns dafür, Herr von Kraz?” Otto war nun doch  sehr erstaunt über diese Reaktion, und fast wütend antwortete er. “Ich verlange  nichts, gute Frau. Es ist kein Almosen an Christian, es ist ein Geschenk. Ich will  keine Gegenleistung dafür, ich hoffe, das versteht ihr.” Dann drehte er sich zu  Christian um, zeigte ihm wie man diese Schuhe anlegte und ging dann mit ihm  in den Stall, wo Heinrich schon alle Pferde gefüttert hatte und sich um ihren  Zustand kümmerte. Das Zugpferd, das sie für den Wagen erstanden hatten, war  in sehr gutem Zustand und Heinrich merkte, dass es ein sehr freundliches Ge- müt hatte. “Wir müssen dem Jungen zeigen, wie man einen Wagen lenkt. Dann  kommen wir besser voran. Wenn wir zwei reiten können und nur drei Personen  auf  dem Karren sitzen, hat es das Pferd leichter. Vor allem, wenn die Wege  verschneit sind, wird es schwerer werden. Ich hoffe, dass wir morgen weiter- kommen. Es schneit leider immer noch und es wird kälter. Eis und Schnee sind  keine guten Wegbegleiter. Und hier gibt es Wölfe. Ich schaue nachher nach dem  Bogen und der Armbrust. Falls wir sie benötigen, haben wir sie griffbereit.” Über dem Feuer kochte eine dünne Grütze und der Hausherr hatte etwas Würz-


54 wein verdünnt und heiß gemacht. Als Heinrich beim Essen von der Armbrust  und dem Bogen, den er später inspizieren wollte, erzählte, gestand ihm Con- stanze von Breitenbach, dass sie und ihre Tochter Marta gut mit dem Bogen  und der Armbrust umzugehen verstanden. Ihr Mann hatte ihnen das auf  den  Reisen durch die Lande beigebracht, damit sie sich bei einem eventuellen Über- fall auch schützen konnten. Ihr Sohn konnte gut mit dem Messer und dem Beil  umgehen. Sie hatten alle lernen müssen, sich vor Überfällen zu schützen. Ihr  Mann war zwar ein guter Schwertkämpfer gewesen, aber das reichte nicht aus.  Constanze war gerne bereit, das unter Beweis zu stellen. Siegfried hob warnend  die Hände und meinte, dass das nicht gut sei, denn für so eine Demonstration  hätten sie ja außer Haus gehen müssen und da hätte man sie sehen können. Dann stand Siegfried auf, ging in die Ecke der großen Stube und brachte ein  Tuchbündel mit zum Tisch. Er entrollte es und hervor kamen zwei Bogen und  zwei Köcher gefüllt mit Pfeilen. “Ich kann damit nicht mehr umgehen, die  könnt ihr mitnehmen. Ich behalte nur noch mein Schwert, die Streitaxt und  mein Schild. Halten kann ich das alles nicht mehr, aber es gehört alles zu mir,  weil mich diese Dinge mein Leben lang begleitet haben.” Seine Frau lachte laut  auf. “Du und es nicht mehr halten. Natürlich kann er immer noch gut mit dem  Schwert und der Streitaxt umgehen. Und das Schild ist mehr Waffe bei ihm und  nicht allein sein Schutz. Nehmt es, er mag einfach den Bogen nicht. Ich habe  meine kleine Armbrust und einen Dolch, das reicht mir zu meinem Schutz. Und  der Jagdbogen liegt oben beim Heu, im Frühling werde ich damit auf  die Jagd  gehen. Er isst gerne Hirschbraten, den muss ich ihm dann erst schießen. Nehmt  also die beiden Bogen, ich mag diese Sarazenenbogen nicht, die haben Christen  getötet. Manchmal sogar die richtigen.” 4. Januar 1216 am Morgen in Lindeshelm Die Blauzahnsiedler hatten die Nacht im Hause der Brenda verbracht. Claus  von Olsen war in dieser Nacht sehr wachsam gewesen, konnte deshalb Erik  berichten, dass sich die ganze Nacht nichts im Dorf  getan habe. Alle waren in  ihren Hütten und Häusern geblieben.  Sie teilten mit Brenda ihre mitgebrachten Speisen und bekamen von ihr einen  heißen Sud aus Kräutern gereicht.  Nachdem es hell genug war, riefen Erik und Claus von Olsen alle Dorfbewoh- ner zusammen. Dann stellte sich Erik in die Mitte der Versammlung und sprach  alle an. “Ihr habt uns bestohlen und das muss bestraft werden. Wir werden  deshalb alle Kinder, die das zehnte Lebensjahr noch nicht erreicht haben,  mitnehmen, als Geiseln oder Pfand. Ihr werdet in fünf  Tagen zu uns kommen  und uns das geschlagene Holz, das ich hinter den Bäumen gesehen habe, brin- gen. Und dazu werdet ihr uns unsere Fässer, die ihr gestohlen habt, ebenfalls  bringen. Sie müssen leer sein, damit man sie wieder befüllen kann. Wir lassen  euch zwei Pferde hier, die sollen die Schlitten ziehen. Denkt daran, die Schlit- ten müsst ihr dann ohne Pferde wieder zu euch zurückziehen. Also sollten es  kräftige Leute sein, die zu uns kommen. Ihr werden den Schaden, den ihr an der  Mauer und am Tor gemacht habt, reparieren. Die Kinder bleiben bei uns bis der 


55 Schnee geschmolzen ist, dann könnt ihr sie holen. Zwei von euch, die mit den  Schlitten kommen, bleiben bei uns und werden bei uns bis zur Schneeschmelze  arbeiten. Das ist eure Strafe.” Alle waren empört über die Forderung des Erik,  aber Brenda war sehr schnell darauf  gekommen, dass das gar keine Strafe war,  sondern dass mal ihnen half, damit über den Winter zu kommen. Weniger Esser  im Dorf, die Kinder waren in Sicherheit und sie bekamen Arbeit in der Sied- lung, das würde ihnen helfen. Sie sprach deswegen leise mit dem Dorfältesten,  der zuerst nicht begriff, was Brenda ihm da versuchte, verständlich zu machen.  Dann aber musste er lächeln. Er ging auf  Erik zu, küsste ihm die Hand und  befahl allen, sich ebenfalls bei den Frauen und Männer für die Milde der Strafe  zu bedanken.  Brenda wollte sich besonders bei Sophia bedanken, weil sie sich am Abend  in ihrem Haus  gut verstanden hatten und ihr Gespräch sehr freundschaftlich  verlaufen war. Sophia schaute ihr in die Augen, hielt ihre Hände fest und sagte  leise, sodass es niemand hören konnte. “Wir hätten euch alle töten können, wir  hätten das Recht dazu gehabt. Ihr habt uns beraubt und unser Heim beschädigt.  Merke dir das. Haltet euch alle an das, was Erik euch gesagt hat. Ich hätte eure  Kinder genommen und in die Sklaverei verkauft und eure Häuser und Hütten  verbrannt. Aber die anderen waren dagegen.” Dann drehte sie sich um und  ging auf  Erik und Claus von Olsen zu. “Meint ihr, dass einige der Söldner, die  wir bei uns haben, zu den Mördern von Brendas Mann gehören? Die Kinder  werden diese Männer erkennen und was passiert dann? Was passiert, wenn diese  Menschen nach Visby kommen und dort auch die Männer- nun sind sie zwar  Sklaven - als die Mörder erkennen?” Erik nickte zustimmend und Claus antwor- tete. “Ja das könnte eine böse Überraschung geben. Heilende Wunden werden  da wieder aufgerissen und Rachegedanken könnten aufkommen. Du hast recht  mit dem, was du da gesagt hast. Sophia, wir müssen da eine Lösung finden.  Unsere Barmherzigkeit könnte uns da falsch ausgelegt werden. Am besten ist es,  wenn wir diese Männer alle zu unserer Bucht bringen und unter Aufsicht dort  arbeiten lassen. Am Meer sind sie nicht für alle so leicht zu entdecken. Die Ge- fahr ist allerdings groß, dass sie sich heimlich ein Schiff  nehmen und zu fliehen  versuchen. Es ist zwar Winter, aber unsere Boten zum König waren jetzt auch  unterwegs. Wir müssen uns in der Blauzahnsiedlung beraten.” Dann drehte er  sich um und rief  laut. “Bringt die Kinder, wir wollen bald losziehen. Gebt ihnen  warme Kleidung mit, damit sie nicht frieren müssen.” Bald standen alle Pferde bis auf zwei gesattelt und zur Abreise fertig bereit.  Man übergab ihnen fünf  Kinder. Da keines der Kinder reiten konnte, wurden  sie so verteilt, dass sie mit einem Reiter der Blauzahnsiedlung mit reiten durften.  Der Abschied von den Eltern war kurz und viele Tränen wurden vergossen.  Mussten sie doch mit unbekannten Reitern mitgehen und sollten so bald ihre  Eltern nicht mehr sehen.  Auf  halbem Weg wurden sie von einem wüsten Schneesturm überrascht und an  ein Weiterreiten konnte nicht gedacht werden. Sie ritten auf ein Wäldchen. Das  bot etwas Schutz vor dem eisigen Wind und dem Schnee. In kurzer Zeit fällten  die Männer ein paar Bäume und erreichten eine Art Schutzhütte, die sie mit 


56 vielen Zweigen so dicht machten, dass das Feuer, das sie entzündeten, sich im  Zugwind kaum bewegte. Die Pferde wurden dicht hinter diesem behelfsmäßi- gen Verschlag angebunden, sodass sie auf der windabgewandten Seite standen.  Die großen Bäume boten den Pferden genügend Schutz, dass sie dem Wetter  nicht ganz schutzlos ausgeliefert waren. Die Kinder durften sich ganz nah an  das Feuer setzen, das nur sehr wenig Wärme spendete, aber es war genug, um  die Kinder etwas Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Erst weit nach Mit- ternacht ließ der Sturm nach und es schneite nur noch wenig. Alle drängten sich  aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Die fünf Kinder waren so viel Für- sorge offensichtlich nicht gewohnt. Aus dem anfänglichen ängstlichen Gedränge  wurde bald ein entspanntes Anlehnen und alle schliefen bald tief und fest. Am nächsten Morgen ritten sie sehr früh los. Die Kälte hatte über Nacht die  letzten Wassertropfen zu harten Steinen gefrieren lassen und den Pferden wollte  man keinen längeren Aufenthalt in dieser bitteren Kälte zumuten. Gegen Mittag erreichten sie die Blauzahnsiedlung. Mit Erstaunen wurden sie  empfangen. Zwei Pferde weniger dafür aber fünf  Kinder. Mandolin fragte Erik,  ob sie die Pferde gegen Kinder eingetauscht hätten.  Die Kinder wurden Mecht und Agnes übergeben, die sich um die frierenden  und hungrigen Kinder kümmern sollten. Dann berichteten sie, was sie erfahren  hatten. Erik kam dann auf  die versklavten Söldner zu sprechen. Lars winke ab.  “Fünf  von denen sind auf  dem Hof  von Mecht unter Bewachung und repa- rieren, soweit es geht, die Gebäude des Hofes. Die fünf  anderen sind unten  in unserer Bucht am Meer und müssen dort den Fischern helfen. Wir haben  beim Kai noch einen Schuppen, den man herrichten kann, dort können wir  die zehn Männer unterbringen. Claus von Olsen wollte dort mit den Seinen  bleiben. “Den steinernen Turm kann man noch bewohnen, der kann dann auf   die Söldner aufpassen. Wir haben auch kein Problem mit Mehl, Fleisch und  Fisch. Es ist genug eingelagert. Was uns fehlt ist Feuerholz. Wie du erzählt hast,  bekommen wir das als Sühneopfer von den diebischen Bauern. Dann wäre das  auch geklärt. Was mir Sorgen macht, sind die Vorräte an Stroh und Heu. Da  haben wir für das Vieh zu wenig. Wenn wir uns nicht von den Pferden trennen  wollen, brauchen wir noch mehr Stroh und Heu oder wir schlachten eine Kuh  und zwei Schafe. Da wir nun Holz bekommen, können wir einen Teil kochen  und einen Teil räuchern, dann verdirbt uns das Fleisch nicht oder wir verkaufen  einen Teil und kaufen uns davon Getreide und Heu. Warten wir ab, was uns die  Diebe an Holz bringen. Aber warum habt ihr die Kinder mitgebracht? Wirklich  nur als Geiseln, da hätten auch zwei gereicht.” Erik und Sophia erklärten es  ihm. Einige der Blauzahnsiedler schüttelten den Kopf, als sie die Erklärung  hörten. Sie meinten, dass man nicht alle Hungernden der Insel mit ihren Vor- räten versorgen könne, da man selbst nicht unbedingt im Überfluss lebte. Lars  suchte nach einer weiteren Erklärung für dieses Handeln seiner Freunde. “Ich  hoffe, dass man uns das eines Tages vergelten wird. Und da wir nun etwas im  Streit mit Visby liegen, ist es ganz gut, wenn wir uns neue Freunde schaffen.  Wir alleine können der Macht des Bürgermeisters nicht lange standhalten, wenn  er gegen uns spricht. Und egal mit welcher Nachricht Mathias und die anderen 


5 vom König zurückkommen, der König ist nicht hier und kann uns nicht bes- chützen. Deshalb ist es gut, wenn wir mehr Freunde haben.” Jan Sternenkenner  schüttelte den Kopf. “So ganz kann ich das nicht glauben, was du sagst. Ein  paar halbverhungerte, diebische Bauern und fünf  Kinder sollen uns helfen, uns  gegen Visby zu wehren. Und dann müssen wir die auch noch vor dem Ver- hungern bewahren. Und ob die uns das wirklich danken werden, bezweifle ich.  Versprechen und Dankbarkeit ist wie Eis. Wenn es schmilzt ist es weg. Aber wir  haben nun diese Kinder hier, vielleicht sind sie auch zu etwas zu gebrauchen.  Ich hoffe, dass Odin oder dieser neue Gott sieht, wie freundlich wir zu seinen  Geschöpfen sind. Und wir werden ja sehen, ob diese Dorfbewohner dann zu  uns kommen und das Sühneopfer bringen. Wer passt denn auf  die Kinder auf,  wo sollen sie schlafen? Hat darüber schon jemand nachgedacht?” Erik hatte nachgedacht. Im Torhaus war eine Feuerstelle und es war Platz für  mindestens sechs Menschen. Dort könnten die hörigen Knechte schlafen. Da  Claus von Olsen mit den Seinen bald in den Turm in der Bucht ziehen wollte  und die Söldnersklaven dann auch weggehen würden, war wieder Platz genug  in der Siedlung. Und wenn der Hof  von Mecht wieder aufgebaut war, konnten  dort auch einige wohnen. Vor allem mussten sie das Vieh verteilen und der Hof   von Mecht war dazu geeignet, dort wenigstens Schafe und Ziegen unterzubrin- gen. Im Hof  war noch einiges an Heu, das hatte Erik gesehen.  Also wurde die Siedlung neu organisiert. Keiner murrte wegen der Umstände.  Irgendwie hatte man Spaß an etwas Zerstreuung vom eintönigen Alltag, die der  Umzug mit sich brachte. Die Kinder wurden bei den hörigen Frauen unterge- bracht und fühlten sich dort sofort wohl, denn so ein warmes Haus hatten sie  noch nicht gekannt. Und als sie dann die Hundewelpen kennen lernten, war  jegliche Angst von ihnen gewichen. Wölkchen nahm sich auch noch dieser  Menschenkinder an. Und auch Knorre hatte eine neue, zusätzliche Aufgabe,  großer Bruder sein. Am späten Abend saßen Lars, Erik, Jose, Alberto, Sophia, Beatrice, Melanie und  Olivia lange am Kamin im großen Saal zusammen. Dass Mathias, Peter, Marcus  und die beiden Sergeanten noch nicht zurück waren, machte sie besorgt. Aber  sie wussten nicht, wo der König gerade war und es konnte sein, dass sie sehr  lange nach ihm suchen mussten. 6. Januar 1216 in der Blauzahnsiedlung    Gegen Mittag kam der Bote aus der Bucht und berichtete, dass drei Schiffe voll  mit Menschen und Tieren und großen Mengen an Waren angekommen waren.  Peter, Mathias, Marcus und die Knechte waren mit der Knorre zurück. Auf  den  beiden Drachenbooten waren zusammen vierzig Menschen, Vieh und Gepäck.  Die würden gegen Abend alle in der Blauzahnsiedlung ankommen und natürlich  die fünfzehn, die auf der Knorr waren, auch noch. Da es sehr kalt war und man  keine Zelte aufbauen konnte, brachte es zusätzliche Probleme mit sich. Als man den Blauzahnsiedlern, die im großen Saal saßen, die Nachricht über- brachte, riefen Melanie und Erik laut auf. “Das geht nicht!”   


58 Kapitel 12 4. Januar 1216 - Rheden -  lange noch vor der Mittagszeit Constanze von Breitenbach und ihre Tochter saßen auf  dem Brett, das ihnen als  Bock auf  dem Wagen diente, die Zügel in den Händen - Christian saß dahinter.  Der Junge hatte das Pferd angespannt und den Wagen beladen. Otto und  Heinrich sattelten ihre Pferde und waren auch bald bereit, um ihre Weiterreise  anzutreten. Eigentlich wollten sie nach Alvelde weiterziehen, aber die Verbind- ungen nach Hildesheim und den dortigen Kirchenoberen war einfach zu  gefährlich für sie. Also würden sie etwas abseits der verschneiten Wege sich eine  Bleibe suchen müssen oder sogar im Freien übernachten. Gandersheim war ihr  nächstes Ziel. Es war zwar sehr kalt, aber die Wege schienen frei zu sein, denn  ein Händler war kurz vor ihrer Abreise aus Einbeck angekommen - er hatte die  Strecke unbeschadet in drei Tagen geschafft.  Unbeobachtet verließen sie Rheden und konnten noch eine gewisse Zeit einem  freien Weg folgen. Der Herr von Blau hatte ihnen eine sehr genaue Wegbesch- reibung gegeben, sodass sie sich trotz der zugeschneiten Wege ihren Pfad finden  konnten, der ihnen eine einigermaßen sichere Reise bot.  Leider mussten sie schon gegen Mittag eine Pause einlegen, da der Wagen zu oft  aus Löchern gezogen werden musste und das Zugpferd erschöpft war. Kaum  hatten sie das Pferd ausgespannt, entdeckten sie weit hinter sich auf  dem Wege,  den sie gekommen waren, zwei Reiter und ein Pferd ohne Reiter. Sie schienen  ihnen gefolgt zu sein. Marta und ihre Mutter holten die Bögen vor und legten  Pfeile auf, ohne die Bögen zu spannen. Heinrich zog sein Schwert und schob  es dann sofort wieder in die Scheide zurück. “ Legt die Waffen beiseite, das ist  niemand, der uns schaden will. Herr von Blau mit seiner Gemahlin ist das. Ich  erkenne ihn und sein Pferd.” Als die beiden Reiter noch dreißig Schritte entfernt  waren, erkannten auch die anderen den alten Ritter mit seiner jungen Frau.   Offensichtlich hatten sie viel Gepäck dabei, denn ihre Reitpferde und das  dritte Pferd waren gut mit Säcken und Satteltaschen bepackt. “Wir mussten  fliehen. Aus Hildesheim kamen Reiter, die nach euch suchten. Es waren gut ein  Dutzend Bewaffnete, die unter dem Banner der Stadtwache und des Bischofs  ritten. Die Dorfgemeinschaft gab ihnen keine Auskunft, weil sie nichts wussten  oder es einfach nicht sagen wollten. Ich konnte das alles beobachten, aber als sie  anfingen den Dorfältesten mit einer Rute zu schlagen, wusste ich, dass irgend- wann einer zu reden anfangen würde. Also packten wir unsere Habe zusam- men, sattelten die Pferde und ritten los. Vorher zündeten wir unseren Hof  an  und ließen die Tiere frei. Das wird sie einige Zeit beschäftigen. Ihr müssten  den Bischof  oder den Bürgermeister ganz schön verärgert haben, wenn man  euch gleich zwölf  Bewaffnete hinterher schickt. Egal was war, warum macht  ihr hier schon Rast?” Heinrich erklärte es ihm und Herr von Blau übernahm  sofort das Kommando. Sein Packpferd wurde zusätzlich vor den Wagen ges- pannt, die Säcke und Taschen auf  den Wagen verladen, damit waren die Pferde 


5 beweglicher und so konnten sie ihre Reise nach einer Rast fortsetzen. Con- stanze versuchte sich ein paarmal bei Herrn von Blau und seiner Gattin für das  Ungemacht zu entschuldigen, für das sie sich verantwortlich fühlte, aber beide  winkten nur ab. “Wir sind den Oberen immer schon ein Dorn im Auge gewesen  und nun haben sie einen Anlass uns zu quälen. Also ist es besser, wenn wir ge- hen. Derzeit gibt es kein Recht hier im Land. Die Staufer haben hier nicht allzu  viel an Macht und die Kirche und diese aufgestiegenen Kleinfürsten meinen nun  alles an sich reißen zu müssen. Ich hoffe, der Kaiser wird das bald wieder än- dern.” Damit gab sich Constanze zwar nicht zufrieden, aber sie schwieg einige  Zeit und grübelte sichtbar für alle vor sich hin. Es gab offensichtlich keine Zeit  zur Trauer um ihren geliebten Mann und nun waren noch Bewaffnete hinter  ihnen her. Sie wollte doch nur ihre Kinder schützen, aber wie konnte sie das. Sie  war nun auf  Fremde angewiesen, die das taten ohne etwas von ihr zu fordern.  So etwas kannte sie nicht. Noch vor der Abenddämmerung waren Pferde und Reiter so erschöpft, dass sie  sich einen Platz zum Lagern suchen mussten. Weit und breit war kein Gehöft  oder ein Dorf  in Sicht und so suchten sie sich in einem nahen Wald eine Mulde,  wo sie geschützt waren. Dort schlugen sie ihr Lager auf. Ein kleines Feuer  wurde entzündet, das man aber so bedeckte hielt, dass man es außerhalb des  Waldes nicht erkennen konnte. Die Pferde wurden abgesattelt und gefüttert und  auf  dem Wagen wurde ein Schlafplatz für den Jungen und die Frauen eingerich- tet.  Die erste Wache übernahm Otto. Um Mitternacht weckte er Heinrich, der die  nächste Wache übernahm. Kurz vor Morgengrauen wurde dann der alte Ritter  geweckt, der die Wache in der Morgendämmerung übernahm, so konnte sich  Heinrich noch ein wenig ausruhen. Kaum hatte er seinen Posten am Waldesrand  eingenommen, kam er schon ins Lager gelaufen. “Keine fünfhundert Schritte  von uns entfernt am Wegesrand lagern welche. Jemand hat ein Feuer neu  entzündet und ich konnte die Flamme und den Rauch sehen. Ein paar Pferde  stehen dort und ich habe zwei Menschen gesehen, die dort etwas suchen. Sie  schauten immer wieder auf den Weg und blickten hier zum Waldrand hinauf.  Wir haben hierher zwar unsere Spuren so gut es ging verwischt, aber ein guter  Fährtensucher kann trotzdem erkennen, dass hier ein Wagen und ein paar  Pferde den Weg genutzt haben. Macht euch bereit, um zu fliehen oder um zu  kämpfen.” Herr von Blau schaute grimmig drein. Das hatte er nicht erwartet.  Dass man ihnen so schnell folgen konnte. An Flucht war nicht zu denken, außer  man würde Wagen und Pferde zurücklassen, denn hinter ihnen wurde der Wald  dichter und durch das Dickicht konnte man nicht reiten. Otto unternahm den  Versuch, das Thema der Verhandlung anzusprechen. Merkwürdigerweise schüt- telten alle Anwesenden den Kopf. “Nein mein Freund, das ist sinnlos. Wenn wir  uns ergeben, dann wird man uns täuschen. Man wird warten, bis wir die Waffen  niederlegen und ihnen nahe genug sind. Und Männer würden man einfach er- schlagen, die Frauen schänden und dann wäre die Sache erledigt. Wenn man den  einen oder anderen Kopf  den Auftraggebern bringen würde, dann bekämen sie  noch ein paar Silberlinge, ansonsten würden sie sich an unserem Hab und Gut 


60 gütlich tun. Nein wir müssen laufen oder kämpfen. Weglaufen bei diesem Wet- ter ohne genug Nahrungsmittel wird uns nicht weit bringen. Oder man fängt  uns ein und dann? Lassen wir das, das hatte ich schon erklärt. Wir haben uns  mit ein paar Mächtigen angelegt und nun müssen wir uns zur Wehr setzten.”  Herr von Blau hatte sich in Rage geredet. Er postierte die Frauen hinter dem  Wagen, wo sie halbwegs in Deckung waren und einen guten Blick auf  den  Waldrand hatten. Armbrust, Bögen und Messer lagen bereit. Die drei Männer  mussten zu Fuß im Wald kämpfen. Sie hatten einen Vorteil und das war das  Überraschungsmoment. Sie versteckten sich unter den Bäumen, denn sie gingen  davon aus, dass die Verfolger zu Pferd auf  den Wagen losstürmen würden. Sie  rechneten nicht damit, dass jemand sich versteckte.  Heinrich schlich sich zum Waldrand, um das Geschehen im Lager zu  beobachten. Nach einiger Zeit sah er zwei Reiter, die auf  den Waldrand und  den Weg zukamen, wo sie ihr Lager eingerichtet hatten. Im trüben Morgenlicht  konnten sie offensichtlich nur schemenhaft etwas erkennen, aber sie schienen  sich doch sicher zu sein, dass sie etwas gesehen hatten, das sie suchten, denn  einer der Reiter winkte die anderen her. Sieben der Reiter stiegen am Waldrand  ab, drei ritten weiter in den Wald und zwei der Bewaffneten warteten am Wal- drand. Otto von Kraz hatte man auf  die linke Seite postiert, dort sollte er verhindern,  dass jemand ihre Linie und das Lager umging und sie von hinten angreifen  konnte. Rechts war das Dickicht zu kräftig, da konnte niemand hindurch. Otto hatte einen dicken Eichenknüppel, den er das Schwert vorzog, in der  Hand. Getarnt hinter einem kräftigen Stamm wartete er darauf, dass jemand  versuchte, an ihm vorbei zu schleichen. Heinrich und der Herr von Blau warteten etwa zwanzig Schritte vor dem Wagen  mit Schild und Schwert bewaffnet auf  ihre Gegner. Der Junge hatte seinen  Bogen gespannt und stand rechts hinter Herrn von Blau und die drei Frauen  waren auf  dem Wagen, Armbrust und Bogen bereit, um Bolzen und Pfeile auf  die Gegner loszuschicken.  Die Angreifer machten sich keine Mühe, ihre Anwesenheit zu verheimlichen,  Sie schlichen nicht in den Wald, sondern riefen sich laut kämpferische und  wüste Worte zu. Unter ihren Schritten knirschten nicht nur der gefrorene Sch- nee, sondern auch dünne Äste darunter. Die erste Feindberührung hatte Otto. Einer der Bewaffneten versuchte, sich  leise an ihm vorbei zu schleichen. Das war offensichtlich die Taktik. Die an- deren sollten durch ihr lautes Vordringen von ihm ablenken.  Ottos Knüppel landete auf seinem linken Knie und brachte den Mann sofort zu  Fall. Sein zweiter Schlag traf  den Mann an der rechten Schulter, damit war der  Krieger nun vollkommen kampfunfähig. Hinter sich hörte Otto ein Geräusch  und erschrocken fuhr er herum und schlug unbeabsichtigt dem Mann seinen  Knüppel genau auf  die Nase. Der ließ erschrocken und vor Schmerzen jam- mernd sein Schwert sinken. Dann traf  ihn ein Bolzen in die Schulter und warf   ihn um. Frida, die Frau des Ritters, hatte gut gezielt und den Mann niederg- estreckt. 


6 Im selben Moment schossen auch der Junge und die beiden anderen Frauen  auf  die Gegner. Keiner der Pfeile traf, aber der Angriff  verwirrte die Angreifer  kurz und sie versuchten, sich erst zu orientieren, von wo aus auf  sie geschos- sen wurde. Das nutzte Herr von Blau und Heinrich aus und begannen, den  Schwertkampf  mit dem nächststehenden Gegner. Beiden waren ihren Gegner  überlegen und nach ein paar kurzen Schlägen lagen zwei weitere Gegner schwer  verletzt auf dem Waldboden. Die anderen zogen sich an den Waldrand zurück.  Frida von Blau eilte zu Otto und suchte hinter einem anderen Baum bei ihm in  der Nähe Deckung. Von dort hatte sie ein gutes Schussfeld mit der Armbrust  und schoss einen weiteren Bolzen auf einen der Gegner, den traf  sie unter- halb seines Helm am Hals. Der Bolzen riss ihm ein großes Stück Haut ab und  offensichtlich hatte sie eine Ader getroffen, denn das Blut spritze sichtbar aus  der Wunde. Jetzt gingen alle in Deckung. Flüche und weitere Beschimpfungen  waren zu hören.  Einer der verletzten Angreifer bei Otto begann sich zu rühren und zu jammern.  Frida schlich zu ihm rüber und versetzte ihm mit dem Fuß einen ordentlichen  Tritt an den Kopf, dass er sofort wieder in Ohnmacht fiel. Otto war in seinem  tiefsten Inneren empört über so viel Brutalität, aber auch ihm war klar, dass  man sich im Kampf  auf  Leben und Tod befand und Feinfühligkeit jetzt nicht  angebracht war. Aber ihre Gegner ließen keine weiteren Gedanken zu, sie hat- ten beschlossen sich nicht mehr anzuschleichen, sondern rennend anzugreifen.  Sie nutzten jede Deckungsmöglichkeit und rannten so schnell es die schwere  Kleidung und Kettenhemden zuließen. Mit Pfeilen oder mit der Armbrust auf   sie zu zielen und zu schießen war fast unmöglich. Doch Frau Frida schaffte es  doch noch, einen der Gegner niederzustrecken. Auf  sechs Schritte Entfernung  durchschlug der Bolzen ihrer Armbrust das Kettenhemd ihres Angreifers und  schickte ihn direkt zum Tor Petri oder in den Höllenschlund. Otto nutzte den  breiten Baum als Deckung, als einer der Bewaffneten ihn angriff. Sobald der mit  dem Schwert zuschlagen wollte verschwand er hinter dem Baum und rammte  seinem Gegner den Eichenknüppel von hinten ins Kreuz. Inzwischen kämpften Heinrich und Herr von Blau mit den Schwertern gegen  je zwei Gegner. Geschickt hatten sie ihre Stellung gewählt, denn ihre Gegner  konnten sie nicht umrunden und mussten von vorne angreifen. Während Herr  von Blau sein schweres Schild gegen den einen einsetzte und mit dem Schwert  den anderen attackierte, wählte Heinrich eine andere Taktik. Er hatte in der  rechten Hand einen Morgenstern und in der anderen sein Schwert. Er war ein  absoluter Kämpfer, der Gedanken, Instinkt, Erfahrung und Training sofort in  die Tat umsetzten konnte. Seine Augen beobachteten seine Gegner genau, seine  Ohren nahmen jedes Geräusch wahr. Nach eine paar Augenblicken hatte er  schon den ersten Gegner mit dem Morgenstern entwaffnet und kampfunfähig  gemacht. Er hatte ihm mit der Gewalt des Eisens die rechte Hand zertrümmert  und in der gleichen Bewegung des Morgensterns das Schild aus der anderen  Hand gerissen. Mindestens zwei Finger waren dabei ausgekugelt worden. Der  zweite Gegner war nun etwas vorsichtiger geworden, denn ihm war klar, dass  Heinrich ihm weit überlegen war. Er griff  ihn nicht mehr an, sondern wart-


6 ete, dass ihm jemand zur Hilfe kommen würde. Heinrich war aber nicht nach  Warten zu Mute, er wollte das hier beenden und zwar schnell. Laut rief  er aus.  “Ich habe Hunger und jetzt ist Schluss mit dem Herumgerenne. Ich will jetzt  essen.” Das verwirrte seine Gegner noch mehr. Er hat Hunger? Will er vielleicht  Menschenfleisch haben. Und als ihn weitere Gegner beobachteten, wie er seinen  Gegner nun bedrängte und in Stücke hieb, war klar, dieser Mann hatte Hunger,  Hunger nach Blut. Herr von Blau tat sich etwas schwer mit seinen Gegnern.  Einer seiner Gegner hatte sich sein Schild gegriffen und hielt es fest während  der andere seine Schwerthand forderte. Frida sah das und wollte ihrem Mann  zur Hilfe kommen, doch ein weiterer Angreifer stellte sich ihr in den Weg. Die  Armbrust war nicht gespannt und der Dolch, den sie hatte zu kurz, um sich  gegen ein Schwert zu verteidigen. Der Augenblick des Schrecks dauerte nicht  lange für sie, über ihre Schulter flog ein Knüppel auf  den Gegner zu und traf   ihn genau am Kopf. Der Helm verhinderte Schlimmes, aber kurz war der Mann  benommen und Frida konnte mit ihrem Dolch eine üble Wunde im Gesicht  beibringen. Der Schnitt ging dem Mann quer über das Gesicht und er war nicht  mehr in der Lage, etwas zu sehen, da ihm sein eigenes Blut in die Augen lief.  Otto hob seinen Knüppel auf, klopfte dem Mann damit nochmals gegen den  Helm, nicht zu stark, aber es reichte, um ihn zu Boden gehen zu lassen. Er  eilte hinter Frida her. Sie sprang von hinten den Mann an, der das Schild ihres  Gatten festhielt und brachte ihn zu Fall damit. Ihr Mann konnte sich nun besser  gegen seinen anderen Gegner verteidigen.  Heinrich kämpfte wieder gegen zwei Gegner. Diese verteidigten sich eher gegen  den Kreuzritter, an ein Angreifen war da nicht zu denken.  Immer wieder flogen Pfeile durch den Wald. Das konnte aber nicht verhindern,  dass nun zwei Mann den Wagen erreichten und sich die zwei Frauen und den  Jungen greifen wollten. Constanze war aber nicht nur Mutter, sie zeigte auch,  dass sie die Witwe eines Ritters war. Als einer der Männer sein Schwert auf  sie  niedersausen ließ, wich sie aus und das Schwert verklemmte sich im Holz des  Wagens. Sie stach mit einem Pfeil auf den Mann ein. Der Pfeil rutschte unter  den Ärmel des Kettenhemdes und riss eine tiefe Wunde in den Schwertarm und  die Hand des Mannes. Als Constanze den Pfeil zurückzog schlitze sie die Haut  so tief  auf, dass sie Sehnen und Adern verletzte. Dann schlug sie mit dem Bo- gen zu und der Mann musste sich zurückziehen. Er setzte sich vor den Wagen  und versuchte verzweifelt, den Blutstrom zu stoppen. Er hatte noch gar nicht  bemerkt, dass die Sehne des Bogens eines seiner Augen verletzt hatte und er es  nie wieder zum Sehen benützen konnte. Ihre Kinder erwehrten sich inzwischen des anderen Angreifers. Da der Mann  nicht glaubte, dass ich ein junges Mädchen und ein Junge sich seiner erweh- ren konnten, bedrohte er sie nur mit dem Schwert. So ein junges Ding würde  ihm sicher viel Vergnügen bereiten. Als er dann im Augenwinkel sah, dass sein  Kumpan zurückweichen musste, war er kurz unaufmerksam und das junge Ding  sprang ihm mit gespreizten Beinen ins Gesicht und umklammerte mit ihren  Beinen seinen Kopf. Das brachte ihn zu Fall, der Junge sprang ebenfalls vom  Wagen und traf  mit seinem Gewicht genau sein Gemächt. Trotz Leder und 


6 Kettenhemd war der Tritt so heftig, dass es Nacht in seinem Kopf  wurde. Der Kampf  war fast zu Ende. Heinrich, Herr von Blau, seine Gattin und Otto  hatten die letzten im Wald niedergestreckt, nur die zwei Reiter draußen vor dem  Wald waren noch da. Immer wieder reifen sie in den Wald, stellten Fragen wie  der Kampf  stand und wollten wissen was nun geschehen soll?  Frida spannte ihre Armbrust und Heinrich holte sich einen Bogen und Pfeile.  Sie schlichen zum Waldrand und schossen zur gleichen Zeit auf  die Reiter.  Fridas Bolzen trafen den Kopf  des Pferdes und es ging mit einem grausamen  Schrei zu Boden und begrub den Reiter unter sich. Heinrichs Pfeil traf  den  Reiter am Unterschenkel, durchdrang diesen und bohrte sich in die Seite des  Pferdes und nagelte nun Reiter und Pferd zusammen. Das Pferd schreckte auf  und versuchte, den Reiter und den Schmerz loszuwerden. Es tänzelte wie wild  herum bis es ein weiterer Pfeil von Heinrich zum Stürzen brachte. Sie gingen  auf  die Wiehernden und Schreienden zu. Beide Pferde lebten noch, einer der  Reiter lag ohnmächtig unter einem der Pferde, der andere Reiter war tot. Er  hatte sich beim Sturz das Genick gebrochen. Heinrich erlöste mit seinem Schw- ert die Pferde von ihren Leiden. Den ohnmächtigen Mann entwaffnete er nur  und ließ ihn unter dem toten Pferd liegen. Als sie ins Lager zurückkamen, sahen sie, dass sich alle, bis auf  Otto, um den  am Boden liegenden Herrn von Blau versammelt hatten. Seine Frau saß auf   Knien neben ihm und hatte seinen Kopf  in ihren Schoss gebettet. Heinrich sah  sofort, dass der alte Ritter tot war. Seine Augen, die noch offen waren, starrten  gebrochen in den Himmel. Marta und Constanze hatten den Jungen in ihre  Mitte genommen und alle hielten sich an den Händen.  Otto schaute sich um, wer von den Angreifern noch lebte. Er sammelte alle  Waffen ein. Sollte noch jemand von den Leben, dann durfte keine Waffe zu  einem weiteren Angriff  herumliegen. Seinen Knüppel behielt er bei sich.     Kapitel 13 9. Januar 2016 Gotland, Blauzahnsiedlung Der Schock über die Neuankömmlinge und darüber, dass Mathias nun verhei- ratet war, verflog schnell, denn die Aufgaben, die Flüchtlinge aus Schweden  aufzunehmen und ein Dach über dem Kopf  zu bieten, waren wichtig. Niemand  würde bei dieser Kälte im Freien überleben können.  Alle waren überrascht,  dass die Neuankömmlinge aus Schweden so viele Vorräte mitgebracht hatten.  Das sicherte allen ein einigermaßen sicheres Überleben während der kalten  Wochen. Sie hatten Öl mitgebracht, ganze drei Fässer und dann noch Harz und  Talg.  Die Schwangere aus der Diebessiedlung war mit zwei weiteres Frauen und  einem Mann vor zwei Tagen angekommen. Wie zugesagt hatten sie Feuerholz  mitgebracht und sogar ein paar Felle. Zudem hatte die Schwangere Brende eine  Nachricht ihres weiblichen Jarl mitgebracht. Jarl Gund bot der Blauzahnsiedlung  ein Bündnis an und sie bat um deren Beistand. Insgesamt gebot sie gerade mal 


64 noch über zwölf  Männer, davon waren vier schon nicht mehr in der Lage, eine  Sense, geschweige denn einen Knüppel zu halten oder ein Ruder zu bewe- gen. Und dann gab es da noch einundzwanzig Frauen und zwölf  Kinder. Die  meisten Frauen waren nun ohne Mann.  Peter von und zu Bärental wurde mit Sophia, der namenlosen Köchin, Askold   und Colja losgeschickt, um mit Gund alles Nähere zu besprechen. Grund- sätzlich waren alle mit einem sogenannten Bündnis einverstanden, denn man  benötigte für die vielen Neuankömmlingen Unterkunft und es bot sich an, diese  auf  die unterschiedlichen Gehöfte und Siedlungen zu verteilen. Bis dahin wurden alle gut untergebracht. Claus von Olsen, seine drei Sergeant- en, Jorg Jorgssen  und seine Kriegersklaven wurden im Turm in der Bucht un- tergebracht, er musste dafür Sorge tragen, dass die Schiffe alle an Land gezogen  und gesichert wurden. In der kleinen Fischersiedlung waren noch zwei Hütten  frei, da die Bewohner im letzten Jahr an einer Seuche gestorben waren. Dort  wurden noch ein paar der Neuankömmlingen, zwei Fischer mit ihren Familien,  untergebracht.  Merit, zwei ihrer Mägde und der Riese blieben in der Siedlung. Vorläufig  wurden ein paar ihrer Leute in einer Scheune untergebracht oder im Torhaus.  Alle anderen wurden zum Gehöft der Mecht gebracht, wo sie wenigstens ein  Dach über dem Kopf  hatten und sich an einem Feuer wärmen konnten. Nah- rungsmittel waren nun genug vorhanden. Was Lars und Erik Sorgen machte,  waren die Pferde. Da Mathias noch zusätzlich vier Pferde und zwei Esel mit- gebracht hatte, würde das Futter bald knapp werden. Aber sie hatten noch ein  paar Tage Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Bei allen Überlegungen über die Verteilung und Versorgung aller Menschen  stellte sich heraus, dass Birgit und Melanie hier ein Talent besaßen, diese Prob- leme sinnvoll anzugehen. Lars und Erik holten sich gerne Rat bei den beiden.  Die schwangere Brenda fügte sich sehr schnell in den Tagesablauf  der Blau- zahnsiedlung ein und ihre mitgebrachten helfenden Hände hörten auf  sie.  0. Februar 6 - Gotland - die Reise zum Jarl  Pet machte sich mit den Seinen gut gerüstet auf. Er nahm den Mann aus der  Siedlung und eine der Frauen mit. Die Kinder waren in der Blauzahnsiedlung  gut aufgehoben und blieben unter der Aufsicht von Brenda. Pet musste nun mit  drei Schlitten Nahrungsmittel zuerst zur Siedlung der Diebe und dann weiter  zu der Jarl Gund bringen. Sie machten sich im Morgengrauen auf, da sie noch  am gleichen Tag ihr erstes Ziel erreichen wollten. Es war zwar kalt und etwas  windig, aber es schneite nicht und die Sicht war gut. Obwohl mit keinerlei  Ärger zu rechnen war, waren alle bewaffnet. So ein wenig Machtdemonstra- tion gegenüber dem Jarl konnte nicht schaden. Sie kamen schließlich nicht als  Bittsteller zu ihr. Sie kamen schnell voran und etwas mehr als dreitausend Schritte vor der Diebe- ssiedlung trafen sie auf frische Hufspuren. Colja prüfte die Spuren im Schnee.  “Das sind die Spuren von sechs Pferden. Tief eingedrückt, entweder schwer  beladen oder es waren Männer mit Rüstungen und Waffen. Die waren nicht  schnell unterwegs. Einer mit einem besonders schwerbeladenen Pferd bildete 


65 den Schluss. Der Wind konnte noch keine der Spuren verwischen. Die sind  nicht weit vor uns. Vielleicht haben sie den kleinen Wald vor uns schon hinter  sich gelassen und die Leute in der Siedlung können sie schon sehen. Askold  sollte vorausreiten und schauen, was das für Leute sind. Wir wollen doch keine  Überraschung erleben.”  Peter nickte. Askold war ein erfahrener Krieger und  geeignet für so eine Aufgabe. Zudem hatte er sehr gute Augen und war kein  Draufgänger, der, ohne es sich genau zu überlegen, etwas unternahm. Askold  nickte, die Armbrust spannte er während er sich umschaute und ritt los. Nicht  zu schnell, aber doch etwas schneller als die anderen vorankamen. Bald hatte er  den Waldrand erreicht und verschwand darin. Colja ritt nun auch etwas sch- neller und bracht zwischen Peters Karavane und sich einen Abstand von zehn  Pferdelängen. Auch er hatte seine Armbrust gespannt in einer Hand. Namen- los hatte bisher die Nachhut übernommen und kam nun auch langsam zu den  anderen. Nichts geschah, als sie den Wald durchritten. Kurz vor dem Waldrand stand  Askod. Er war von seinem Pferd abgestiegen und beobachtete etwas. Peter ließ  alle anhalten und absteigen. Sie sollten sich nicht dem Waldrand nähern.  Die fremden Reiter hatten die Siedlung schon erreicht und man hörte entfernt  Schreie. Die Reiter waren mit Lanzen bewaffnet und fuchtelten mit denen wild  herum, als ob sie jemanden damit beeindrucken wollten.  Askold berichtete allen anderen, was er beobachtet hatte. Klar war allen, dass  diese Reiter nichts Gutes im Schilde führten.  Ohne gesehen zu werden, schlichen sich alle aus dem Dorf  - bis auf  die Frau,   die bei den Pferden und Schlitten bleiben musste, näher an das Geschehen  heran. Der Mann aus dem Dorf  kannte sich bestens aus. So wie er zuerst auf  alle gewirkt hatte, etwas einfach und grobschlächtig, so geschickt bewegte er  sich nun. Wie ein Jäger, der ein schnelles Wild erlegen wollte. Lautlos und  geschickt führte er die kleine Gruppe immer näher an die ersten Hütten heran.  Sobald man nahe genug war, beobachtete Askold und Peter das Geschehen,  während die anderen sich in Position brachten. Der alte Dorfvorstand lag blu- tend im Schnee vor einem der Reiter, die anderen trieben die letzten Dorfbe- wohner zusammen. Kein Warum und Weswegen war zu erkennen, hier ging es  nur um Ausübung von Gewalt und, so erschien es Peter, sie wollten die Frauen.  Die Bäuche der Frauen wurden abgetastet und allen war klar, dass sie Brenda  wollten.  Peter gab das Zeichen und vier Armbrustbolzen flogen auf  die Reiter zu.  Drei trafen ihr Ziel. Zwei der Reiter stürzten von ihren Pferden und blieben  regungslos liegen. Der Dritte brülle herum und versuchte sich in seinem Sattel  zu halten. Der Bolzen war in seine rechte Schulter eingedrungen und hatte den  Arm regungslos gemacht. Die drei anderen Reiter waren etwas verdutzt, bis sie  begriffen, dass sie nun in der Rolle der Angegriffenen waren. Sie schauten sich  um und konnten nur Peter entdecken, der knapp zwanzig Schritte weit entfernt  vor ihnen stand und sich auf  sein Schwert stützte. Er wollte sie zu sich locken,  damit die anderen sie aus ihrer Deckung angreifen konnten. Nur einer war so  dumm, um auf  diesen Trick hereinzufallen. Er ritt auf  Peter zu. Der Anführer, 


66 wie es schien, rief  ihm nach, dass er stehen bleiben solle, aber der Reiter war  nicht zu stoppen. Erst als der Knüppel des Bauern ihn traf, kippte er ohne einen  Laut von sich zu geben vom Pferd. Das Pferd trabte noch ein paar Schritte auf   Peter zu und blieb vor ihm stehen.  Die beiden verbliebenen Reiter sahen sich nun drei Armbrüsten, einem dicken  Knüppel und einem Schwert gegenüber. Namenlos hatte sich gut versteckt,  denn ihre Armbrust wollte sich nicht spannen lassen. “Werft die Speere und Schwerter weg, steigt ab. Wir werden nicht schießen,  solange ihr dieser Anweisung folgt. Wir haben kein Problem, noch zwei weitere  Pferde in unsere Sammlung aufzunehmen. Wir brauchen keine Reiter dafür.  Also tut war ich sage.” Peters dunkle und feste Stimme bewies, dass hier nie- mand Angst vor ihnen hatte. Zudem hatten sie schon gezeigt, dass sie wussten,  wie man mit Waffen umgeht. Der verwundete Reiter war inzwischen auch vom  Pferd gefallen und jammerte furchtbar - im Schnee liegend. “Ich bin Perle, der Stadthauptmann von Visby. Ihr habt uns überfallen und  nun wollt ihr auch noch, dass ich vom Pferd steige. Wer seid ihr denn, dass ihr  euch anmaßt, mir Befehle zu erteilen?” Alle bemerkten, dass der Mann ver- suchte, Zeit zu gewinnen, aber wofür? Peter drehte sich nicht zu den Seinen um,  sondern sprach laut und vernehmlich in Richtung des Stadthauptmanns. “Wenn  der Kerl nicht bei drei vom Pferd ist und seine Waffen abgelegt hat, schießt ihr  ihn runter.” Und da sah Peter ein Leuchten in den Augen des Hauptmanns,  sein Blick war über Peter hinweg gerichtet und sah offensichtlich etwas, was  ihn erfreute. Ohne zu ahnen, dass da etwas hinter ihm geschah, bückte er sich  und drehte sich um. Da zischte etwas über ihn hinweg. Er sah hinter sich zwei  weitere Reiter, die er nicht kannte und einer davon hatte gerade seine Armbrust  auf  Peter abgeschossen. Beide Reiter grinsten etwas blöde und dann schauten  sie erschrocken über Peter hinweg. Der Bolzen, der für Peter gedacht war, hatte  das Pferd des Hauptmanns getroffen und  das brach mit dem Reiter noch im  Sattel zusammen. Als das Pferd den Reiter unter sich begrub, hörte er hinter  sich laute Aufschreie. Beide Reiter waren von Bolzen getroffen. Askold und  Colja waren so nahe bei den beiden, dass sie diese mit den Armbrüsten nicht  verfehlen konnten. Sie hatten beide so verletzt, dass sie kampfunfähig waren  und von den Pferden stürzten. Der Kampf  war beendet, denn der letzte Reiter,  der noch unverletzt auf seine Pferd saß, warf  seinen Speer weg und ließ auch  sein Schwert fallen. Die acht Reiter hatten in kürzester Zeit zwei Tote zu bekla- gen und fünf  Verletzte. Die hatten nicht damit gerechnet, in einem abgelegenen  Dorf  von anderen Kriegserfahrenen Widerstand zu erhalten. Keiner hatte eine  Rüstung oder ein Kettenhemd an. Sie waren nur mit Schwertern, Speeren und  Armbrüsten bewaffnet gewesen. Bei diesem Ritt zu dieser Jahreszeit war ihnen  ein wärmender Mantel wichtiger gewesen als ein Kettenhemd. Der Hauptmann,  dessen rechtes Bein immer noch unter dem toten Pferd eingeklemmt war,  versuchte sich verzweifelt zu befreien. Der mit dem Knüppel bewaffnete Arn  ging auf  ihn zu und bevor ihn jemand davon abhalten konnte, erschlug er ihn.  “Du hast meinen Onkel umgebracht und ich nun dich. Damit sind wir wohl  Quitt.” Dann ging er weiter zu dem am Boden regungslos liegenden alten Mann 


6 und nahm ihn in seinen Arme. Man hatte dem Alten offensichtlich mit einem  Speer direkt ins Herz gestochen und ihn so getötet. Arne, so war der Name des  Bauern, weinte laut und zitterte am ganzen Körper. “Jetzt bin ich ganz alleine.  Meine Frau und meine Kinder sind tot und nun du auch noch. Warum? Töten  ist so einfach und doch so dumm.”  Peter schüttelte sich immer wieder, als ob er dies Ereignis von sich wegschütteln  wollte. Sophia stand ein paar Schritte weg von ihm und war kreidebleich. Askold  schaute zu ihr und rannte los, sein Schwert schwingend. Hinter Sophia stand  ein Junge, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt und hob einen blutigen  Dolch in den Händen. Peter sah, dass er mit der Klinge zustechen wollte, als  ihn Askold erreichte und ihn mit der linken Faust niederstreckte. Er ließ das  Schwert fallen und fing mit beiden Armen die fallende Sophia auf. Offensich- tlich hatte der Junge schon auf  Sophia eingestochen, denn sie blutete stark an  der rechten Schulter. Noch immer kniete Arne neben seinem Onkel, während die anderen Dorfbe- wohner alle Waffen einsammelten und den toten wie die verletzten Krieger auf   den großen Platz neben den toten Dorfsprecher legten. Nur den Hauptmann  ließen sie unter seinem Pferd liegen.  Namenlos und Peter kümmerten sich um Sophia, sie blutete sehr stark an der  verletzten Schulter. Sie wollten sie nicht bewegen, deshalb schnitt und riss er ihr  die Kleider von der Schulter bis die Wunde sichtbar war. Es war eher ein tiefer  Schnitt. Der Junge hatte offensichtlich das Messer nicht richtig gehalten, hatte  nicht zustechen können und Sophia einen Handbreit langen Schnitt über dem  Schulterblatt beigebracht. Trotz der offensichtlich großen Schmerzen lächelte  sie Peter an. “Du hast nur den Mut, mir die Kleider vom Leibe zu reißen, weil  ich mich nicht wehren kann.” Dann wurde sie ohnmächtig. Peter, Namenlos,  Askold und eine Frau aus dem Dorf  trugen sie in eine Hütte  In Hütte wurde Sophia nun in alle Ruhe behandelt, die Wunde gesäubert,  genäht und verbunden. Draußen sammelten die Dorfbewohner unter der  ordnenden Hand von Colja und Askold alles ein, fingen die Pferde ein und  verbanden notdürftig die verletzten Angreifer.  Die Frau, die die Schlitten und Pferde im Wald gehütet hatte, kam etwas später  mit allem,  was man ihr zum Bewachen gegeben hatte. Klug hatte sie alle Pferde  mit langen Stricken hintereinander zusammengebunden und so alles sicher ins  Dorf  gebracht.   Als Sophia versorgt war, ging Namenlos nach draußen. Sie wollte sich den  Jungen vornehmen, der versucht hatte, Sophia rücklings zu ermorden. Der lag  immer noch ohnmächtig in der Mitte seiner Kameraden. Die Verletzung, die  ihm Askold beigebracht hatte, war nicht so schlimm. Namenlos untersuchte den  Jungen, warum er noch so da lag, bis sie merkte, dass der sich verstelle. Er war  gar nicht mehr ohnmächtig, er verstellte sich nur. Sie gab ihm eine schallende  Ohrfeige, da riss er die Augen auf  und starrte sie an.  Namenlos riss ihn hoch und stieß ihn weg von den anderen. “Wer bist du, dass  du so was tust? Du bist kein Söldner und gehörst nicht zur Stadtwache von  Visby. Was suchst du hier und warum hast du den Bewaffneten geholfen, ein 


68 Dorf  mit wehrlosen Menschen zu überfallen? Gib mir schnell eine Antwort, ich  bin heute nicht sehr geduldig und Kinder, die Frauen ermorden wollen und das  auf  so heimtückische Weise, kann ich nicht leiden. Also antworte.” Sie schüttelte  ihn noch ein paar Mal bis sie aufhörte und die Luft in ihre Nase etwas kräftiger  als sonst einsog. Sie merkte, dass der Junge sich in die Hosen gemacht hatte. Er  stank etwas säuerlich und scharf. Namenlost stieß ihn von sich weg und er fiel  auf  seinen Hintern. Fragend schaute sie ihn weiter an. Er zitterte nicht alleine,  weil es so kalt war, der Junge hatte furchtbar Angst. “Ich bin der Sohn des Hufschmieds und man hat mich mitgenommen, damit  ich die Pferde versorge.” Dann hörte er auf  zu sprechen. Namenlos merkte,  dass das eher nicht die Stimme eines Jungen war oder er war jünger als er aus- sah. Irgendetwas stimmte nicht. Sie packte den Jungen wieder und schleppte ihn  in eine der Hütten. Ein kleines Feuer an der Kochstelle erhellte den Raum et- was. “Zieh deine nassen Sachen aus und hänge sie hier zum Trocknen auf.” Sie  drehte sich zur Seite und konnte trotzdem sehen, wie er sich auszog. Sie hatte  recht, das war ein Mädchen. Das was sie bei einem Jungen zwischen den Beinen  vermutete, war nicht bei ihm vorhanden und als sie auch noch das Hemd über  den Kopf  zog, war alles klar. Das war ein Mädchen, etwas mehr als dreizehn  oder vierzehn Jahre alt. Etwas zu mager, aber doch langsam erblühend. Warum  war sie hier und warum war sie bewaffnet gewesen?             Kapitel 14 4. Januar 1216 in der Nähe von Gandersheim Herr von Blau war tot. Ein Dolchstich hatte ihn so schwer am Hals getroffen,  dass er, während er noch kämpfte, so viel Blut verlor, dass er schnell schwach  wurde und dann niederstürzte. Heinrich war ein harter Mann, übersät mit vielen  Wunden an Geist und Körper. Er war es gewohnt, dass neben ihm Freunde,  Kameraden oder auch Unbekannte starben. Aber jetzt, hier und heute an  diesem Ort war es, als ob er selbst eine tödliche Verletzung bekommen hätte.  Dieser Mann war ihnen selbstlos zu Hilfe geeilt und hatte ihm geholfen, die  Feinde zu schlagen. Tiefe Trauer überkam ihn. Zugleich stieg die Wut in ihm  über diesen sinnlosen Angriff. Was waren das für Männer, die ein paar Reisende  im Namen eines Bischoffs oder auch des Bürgermeisters von Hildesheim nach  dem Leben trachteten?  Otto und auch Frau Constanze zerrten und schleppten die Toten und Verletzten  zum Wagen. Die beiden Reiter vor dem Wald ließen sie noch liegen, da sie zu  schwer waren, um sie die einhundert Schritte zum Wagen zu zerren.  Ungeachtet der Trauer über den Tod des Herrn von Blau wollte Heinrich die  Sache nun beenden. “Wir könne keinen am Leben lassen. Irgendwann findet die  Nachricht über diesen Kampf  seinen Weg nach Hildesheim und dann müssten  wir uns vor dem bischöflichen oder vor einem kaiserlichen Gericht verant- worten müssen. Es darf  keine lebenden Zeugen geben. Egal wie ihr alle darüber 


6 denken mögt, wir waren im Recht, aber man wird uns nicht glauben. Man wird  behaupten, dass wir auf  der Flucht waren und wir die Städtischen hier ermor- det hätten. Die Männer einer Stadtgarde und Männer des Bischofs zu töten ist  ein Vergehen, das mit dem Tod bestraft wird. Wir waren in keiner Fehde oder  befanden uns in keinem Krieg. Herr von Blau wäre als Brandstifter angeklagt  worden, uns als Fluchthelfer von Frau Constanze und ihren Kindern hätte  man auch bestraft. Was man mit Constanze von Breitenbach und den Kindern  gemacht hätte, mag ich jetzt nicht laut aussprechen. Wir sind Wegelagerer in  den Augen der Obrigkeit. Constanze, nimm die Kinder und führe sie mit dem  Wagen zum Waldrand. Ich kümmere mich um unsere Angreifer. Zum Schluss  müssen wir noch die zwei da draußen versorgen. Otto kannst du mir helfen?”  Otto stand wie erstarrt da. Hatte Heinrich gerade gemeint, dass man alle nun  töten sollte und ihre Leichen verschwinden lasse müsse?  Zwei der Leichtverletzten, die wie alle anderen auf dem Boden lagen, begannen  um Gnade zu betteln. Heinrich wollte Ruhe haben und versetzte jedem einen  kräftigen Faustschlag ins Gesicht, um sie zum Schweigen zu bringen. Frau Con- stanze von Breitenbach war sicher, dass Heinrich recht hatte. Ihr ging es um den  Schutz ihrer Kinder und es war das Beste, wenn Heinrich nun dafür sorgte, dass  sie für eine gewisse Zeit in Ruhe weiterreisen konnten.  Constanze sorgte dafür, dass ihre Kinder die Pferde einsammelten und an den  Halftern wegführten. Frida versteckte ihre Trauer und fing an, mit Constanze  zusammen den Wagen anzuspannen. Sie verluden alles, was sie fanden, auf  den  Wagen. Rüstungsteile, Helme, Waffen, Kettenhemden und auch Umhänge, die  man nicht mit diesen Leuten in Verbindung bringen konnte, packte er auf den  Wagen. Die Sättel, die sie nicht benötigten, warf  er auf  einen Haufen. Heinrich  war stark, das konnten nun alle sehen. Mit Leichtigkeit hob er einen Toten nach  dem anderen auf  und trug sie zu den Sätteln und legte die Toten darauf.  Otto warf  seine Erstarrung ab und half  bei den Pferden und dem Wagen. Dann  luden sie den Leichnam von Herrn von Blau auch noch auf  den Wagen. Seine  Frau wollte ihn nicht in der Nähe dieses Ortes beerdigen. Das war auch nicht  möglich, denn selbst der Waldboden war gefroren.  Heinrich bat Otto, ein kleines Feuer zu entzünden, denn er benötigte später eine  kräftige Flamme. Als sich alle gerüstet und bereit für die Weiterreise am Waldrand einfanden,  packte Heinrich die beiden Toten am Waldrand auf  ein Pferd und brachte sie zu  den anderen. Frida folgte ihm in den Wald hinein. Bis auf  einen der Angreifer  waren alle anderen Verwundeten ohne Bewusstsein. Dafür hatte Heinrich schon  gesorgt. Er packte jeden am Schopf, zerrte ihn hoch und schnitt dann den Hals  auf. Als er den Angreifer, den Otto niedergestreckt hatte, packte, schrie der  auf. “Bitte nicht, bitte nicht den Hals aufschneiden. Bitte im Namen Jesu. lasst  mich gehen, ich sage nichts und niemand etwas.” Heinrich stutzte, kurz aber  das sollte seinem Handeln keinen Einhalt gebieten. Aber da fiel ihm Frau von  Blau mit einer Hand in den Arm. Mit der anderen zog sie das Tuch weg, das der  am Boden liegend über Mund und Nase trug. “Das ist doch kein Mann, das ist  doch noch ein Kind. Er ist etwas groß, aber schaut euch dieses Gesicht an Herr 


0 Heinrich.” Im langsam schwindenden Tageslicht konnte man sehr wohl noch  erkennen, dass sich hinter der Maske aus Tuche ein Kindergesicht versteckt  hatte. “Und jetzt? Was sollen wir tun? Warten bis er erwachsen ist und ihm  dann den Hals durchschneiden? Frau Frida, wir können ihn nicht leben lassen.”  Dann stieß er den Jungen weg und er plumpste heftig mit dem Kopf  auf  den  gefrorenen Waldboden. Heinrich packte den nächsten und schnitt auch dem  den Hals durch. Dem Letzten, der noch war, hieb er erst heftig mit dem Knauf  seines Dolches an die Stirn, dass er ohnmächtig wurde und schnitt er auch ihm  den Hals durch. Dann schleppte er alle, bis auf  den Jungen zu dem Haufen aus  Sätteln und packte darüber Holz, das er gesammelt hatte.  Während er den Scheiterhaufen vorbereitete, sah er aus dem Augenwinkel, dass  Frida sich mit dem Jungen unterhielt. Dann zog sie ihn hoch und holte von  ihrem Pferd, das etwas abseits stand, eine Decke und wickelte den fast nackten  Jungen damit ein. “Wir nehmen ihn mit und entscheiden später, was mit ihm  geschehen soll. Zündet den Scheiterhaufen an und lasst uns verschwinden.” Das  war keine Bitte von Frieda, das klang wie ein Befehl und Heinrich gehorchte,  zwar widerwillig aber er sagte nichts dazu. Verwundert sahen die anderen, die am Waldrand gewartet hatten, dass drei Per- sonen zurückkamen. Frida rief  den anderen nur zu, dass sie jetzt keine Fragen  beantworten wolle und sie sich schnell auf  und davon machen sollten.  Sie hatten nun zwar mehr Pferde, aber der Wagen war nun sehr viel schwerer als  vorher. Sie hatten noch für einige Zeit Tageslicht und das mussten sie nutzen.  Hinter sich sahen sie, dass es im Wald brannte und das Feuer immer größer  wurde. Es sah fast so aus, als ob der Wald anfangen würde zu brennen.  Sie ritten so schnell wie es ging. Erst als sie das Feuer hinter sich nicht mehr  sahen, bewegten sie sich langsamer. Bald war es trotz des hellen Mondes so  dunkel, dass sie anhalten mussten, denn ein Weg war nicht zu erkennen und ein  sicheres Gehen für die Pferde war nicht mehr möglich. Am Wagen hatten sie  eine Fackel angebracht, die wenigstens ein klein wenig Licht gab, aber sie sollte  dazu dienen, ein größeres Feuer zum Wärmen zu entfachen. Als es noch dunkler wurde, suchten sie sich einen Platz für ein Nachtlager. In  einer Ruine mit Steinmauern ohne Dach fanden sie Schutz vor dem stärker  werdenden Wind und dem beginnenden Schneetreiben. Herr von Blau wurde  abgeladen und in eine Ecke der Ruine gelegt. Alle Pferde fanden in den Mauern Schutz und selbst der Wagen konnten  hineingezogen werden. Das Feuer, das sie entzündeten, war vom Weg, den sie  gekommen waren, nicht zu sehen. Das versprach etwas mehr Sicherheit. Dann setzten sie sich rund um das Feuer und ihr Gefangener wurde in die Mitte  gestellt. Marta stand auf  und schaute sich den Jungen genau an. “Ich kenne  dich doch. Bist du nicht der Pferdejunge, der dem Bürgermeister Flür immer  die Jagdhunde und die Pferde gebracht hat, wenn der Bischof  auf  die Jagd  ging. Du hast die doch begleitet, wenn sie ausritten und hast die Pferde und  Hunde versorgt. Ist dein Name nicht Lorentz und bist du nicht der Sohn des  Schmieds? Deine Mutter war oft bei Herrn Flür. Ich habe sie gesehen. Sie ist  eine sehr schöne Frau.” Der Junge nickte. “Ich kenne den Jungen, er kann gut 


mit Hunden und Pferden umgehen und wenn sie krank sind, kann er sie heilen.”  Marta war ganz aufgeregt, sie hatte jemanden erkannt und konnte helfen, etwas  zu klären. Heinrich stand auf  und führte Marta zurück auf  ihren Platz. Zu viel  Nähe konnte hinderlich sein, wenn man sich doch von dem Jungen trennen  musste.  “Dein Name ist also Lorentz. Was hast du bei den Söldnern zu suchen gehabt?  Erzähle uns alles.” Heinrichs Stimme hatte jetzt sogar etwas Freundliches an  sich. Lorentz nickte und begann im Stehen zu erzählen. “Mein Vater war Schmied am Hof  des Bischofs. Meine Mutter Magd beim  Domherrn. Dort gab es zu wenig Nonnen und so mussten ein paar Mägde  dort dienen. Ich war Pferdeknecht in den Ställen des Bischofs. Ich kümmerte  mich oft auch um seine Hunde. Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man bei  Tieren Verletzungen behandelt oder kleinere Leiden wie Husten oder Bauch- grimmen mit Kräutern beseitigt. Als der Bischof  meine Mutter einmal sah,  wollte er immer wieder, dass sie ihm dienen soll. Was er wirklich von ihr wollte,  kann ich nicht sagen, aber er verfolgte sie immer wieder und bestellte sie immer  wieder zu sich. Sie musste zu ihm gehen, denn er war ja der Bischof. Meinem  Vater missfiel das aber sehr und einmal ist er mit einem großen Hammer zum  Bischofspalast gestürmt, weil der Kirchenmann Mutter sehr geärgert hatte. Er  kam zurück, vollkommen betrunken und starb dann einen Tag später. Er hatte  ganz blau Lippen bekommen und seine Augen schienen gelb zu werden. Ein  paar Wochen nachdem Vater tot war, bestellte der Bischof  meine Mutter wieder  zu sich. Spät in der Nacht kam sie weinend zurück. Ihre Kleider waren in Un- ordnung und auch schmutzig. Sie wollte mir nicht erzählen, was geschehen war.  Ich konnte es mir denken. Sie sprach nie wieder ein Wort mit jemandem. Auch  nicht mit mir. Sie wusch nur noch die Wäsche für den Haushalt beim Bischof   und sonst machte sie nichts mehr. Sie aß immer weniger. Bald hatten wir fast  nichts mehr zu essen und so musste ich mir überlegen, was ich tun konnte. Der  Burgvogt fragte mich einmal, ob ich einer seiner Leute werden wolle und ich  wollte, da ich dann wieder etwas zu essen bekommen würde und Mutter konnte  ich davon etwas abgeben. Mutter sollte nie erfahren, dass ich zu den Waffen- knechten gegangen war. An dem Tag als ich den Spieß bekam, stürzte sich sie  vom Kirchturm und war tot. Das war vor zehn Tagen. Ich durfte Mutter nicht  beerdigen. Der Henker hat sie draußen auf  dem Schindacker verscharrt. Ich  kenne nicht den Ort, wo ihr Körper liegt. Am gleichen Tag wurde ich zu dem  Reitertrupp gerufen, den der Hauptmann angeführt hat. Ich hörte nur, dass ich  nicht mehr zurückkehren sollte. Das hat mir Johannes, einer der anderen jungen  Söldner gesagt, als ich mich von ihm verabschiedete. Ich wollte ihm nicht  glauben. Ich merkte nur, dass etwas nicht mit mir stimmte, weil ich immer weni- ger zu Essen bekam als die anderen. Einmal sagte einer der Waffenknechte, dass  es sich nicht lohnen würde, mich zu füttern. Was er meinte, begreife ich jetzt  erst. Ich sollte sterben, entweder durch euch oder wenn ihr das nicht geschafft  hättet, dann durch einen der Männer des Bischofs.” Die Tränen standen dem  Jungen in den Augen, aber er blieb in der Mitte stehen, ohne zu wanken. “Ich  weiß nicht ob ich besser tot wäre oder ob ich leben soll. Aber nun entscheide 


ich nicht mehr darüber, das müsst ihr wohl tun.” Dann schwieg er und alle  schauten ihn an. Peter konnte ihn gerade noch auffangen, als er zu stürzen drohte. Sie setzten  ihn zwischen Marta und Heinrich. Der schnitt ihm die Fesseln durch und gab  ihm ein Stück Brot und einen Becher mit Wasser. Heinrich wartete bis der Junge  das Brot gegessen und ein paar Schluck Wasser getrunken hatte - dann fragte er  ihn. “Was sollen wir mit dir machen? Wir sind keine Mörder, aber wir müssen  uns schützen. Das verstehst du doch? Also sage uns, warum wir dich leben  lassen sollen.” Der Junge dachte nach, das konnte man ihm ansehen. “Ich gehe  mit euch. Ich kann nach den Pferden schauen. Und mein Vater hat mir einiges  gezeigt, wie man das Eisen bearbeitet.” Ein hoffnungsvoller Blick zeichnete  sich auf  seinem Gesicht ab. “Und wenn man dich erkennt. Wenn ein Händler  aus Hildesheim dich sieht und es dem Bischof  berichtet, wo er dich mit wem  gesehen hat. Das Risiko ist zu groß für uns. Und warum sollten wir dir trauen.  Warum sollten wir glauben, dass du uns nicht verrätst.” Heinrich hatte einen  anklagenden Ton angeschlagen. Ohne Gefühl ohne Mitleid, als ob das Schicksal  von Lorentz entschieden sei. Der Junge schluckte schwer. Heinrich hatte recht  mit der Frage, warum sie ihm trauen sollten. “Ich kann nicht zurück, das wisst  ihr sicher. Und warum sollte ich euch verraten? Es gibt einen Grund dafür.  Der Bischof  will meinen Tot, auch wenn ich euch verrate, werde ich sterben.  Vielleicht segnet er mich vorher, aber das nützt mir wenig. Und alle, die mich  kannten, sind tot. Oder glaubt ihr, dass eine der Nonnen mich genau angesehen  hat, die Mönche oder der Bürgermeister oder der Bischof  selbst. Für den war  ich eine lebende Mistgabel, die seinen Pferden das Heu gab.” Dann stockte er  und schaute Marta an. “Nein, nicht alle sind tot, die mich kannten. Marta lebt  noch und die wird euch oder mich nicht verraten.” Er lächelte sie an, als ob er  einen Scherz gemacht hätte und sie damit zum Lachen bringen wollte. Heinrich wartete kurz und stand dann auf. “Soll er mit uns reisen? Seid ihr  dafür?” Schweigend bis auf  Heinrich selbst nickten alle. “Ich bin dagegen, aber  Otto hat eigentlich das Sagen und er hat genickt und du darfst bei uns bleiben.  Aber ich schwöre, dass ich dir bei der ersten Dummheit, die du begehst, den  Hals durchschneide. Und davon kann mich keiner abhalten.” Otto nickte. “Er  hat recht. Vom Todfeind zum Freund ist eigentlich ein langer Weg, den man ge- hen muss. Der Weg für dich war schnell, beweise uns jeden Tag, dass wir richtig  entschieden haben.”   Dann stand Otto auf. “Wir müssen noch eine Sache klären. Ich habe nur einen  Geleitbrief des Kanzlers für mich und Heinrich. Wir müssen uns etwas einfallen  lassen, wie wir weiterreisen und erklären, warum ihr bei uns seid. Zwei Frauen  und drei Kinder. Man würde uns die Reisebegleitung der Frauen abnehmen,  aber drei Kinder oder besser gesagt, drei junge Menschen, die nicht unsere  Kinder sind? Schnell kommt man in Verdacht und das sollten wir vermeiden.  Also wir brauchen eine Geschichte, die man nachprüfen könnte und uns glaubt.  Sonst können wir so nicht weiterreisen. Und mit den Pferden müssen wir was  machen. Drei haben Brandzeichen und die anderen haben gemalte Zeichen.  Hier könnte man uns Fragen stellen, die wir besser nicht ehrlich beantworten. 


Denkt alle nach und morgen müssen wir einen Plan entwickeln. Jetzt sollten wir  versuchen zu schlafen.” Otto war sich klar darüber, dass es nicht einfach sein würde, im Winter durch  das Land zu reisen ohne aufzufallen. Aber sie mussten so glaubwürdig wie  möglich wirken. Das wird nicht leicht werden. Aber auch er musste jetzt  schlafen. Denn es war jetzt wichtig einen klaren Kopf  zu behalten.  Der Schlaf  wollte nicht kommen. Frida lag neben ihm und konnte offensi- chtlich nur im Schlaf  und ihren Träumen um den verlorenen Gatten trauern.  Lorenz lag auf  der anderen Seite von ihm und rückte immer näher, seine  Wärme suchend. Bald waren beide so nahe bei ihm, dass er ihre Wärme spürte.  Constanze lag mit ihren Kindern auf  der anderen Seite des kleinen Feuers.  Schützend hatte sie ihre Arme um die beiden gelegt. Er sah immer wieder zu  Heinrich, der am Torpfosten saß und der immer wieder zu ihm herübersah.  Wann schlief  dieser Mann eigentlich? Wann hungerte er oder hatte Schmerzen.  Für Otto war Heinrich von Olsen ein Freund und doch ein geheimnisvoller  Mann. Ein geschickter Kämpfer, ein wacher Verstand  und doch so verschlos- sen.  Es begann zu schneien und Otto zog sich seine Kapuze weiter ins Gesicht.  Irgendwann schlief  auch er ein.  Kapitel 15 14. Januar 1216 Blauzahnsiedlung Peter von und zu Bärental war nun schon einige Zeit weg und soweit es möglich  war, wareen alle Neuankömmlinge gut versorgt verteilt worden. Da Mathias von  seiner Reise mehr als genug neue Vorräte mitgebracht hatte, war keiner vom  Hunger bedroht. Was allen Sorge bereitete, war der Frost, der nun zunahm. Das  Wasser im Bach und im Brunnen war gefroren und man musste das Eis mit  Beilen aus dem Bachbett schlagen und auftauen. Da sie immer noch nicht genug  Brennholz hatten, wurden die Bottiche mit dem Eis in die große Halle gestellt  und man wartete, dass das Eis schmolz. Die große Halle war der Ort, der  beheizt wurde, alle anderen Räume mussten ohne Feuerkelche oder Kaminfeuer  auskommen.  Lars und Erik beschlossen, dass man doch noch einige Bäume im nahen  Uferwald schlagen sollte, damit genügend Feuerholz vorhanden war. Mit vier  Zugpferden, einem Schlitten und fünf Männern marschierte Erik los, um ein  paar Stämme zu schlagen und zur Siedlung bringen zu lassen. Der Weg, der auch zur Fischersiedlung und zur Bucht führte, war einigermaßen  frei und so kamen sie schnell voran. Erika fand etwas abseits vom Weg ein paar  Birken und auch Fichten, die sich zum Feuerholz eigneten und diese wurden  gefällt. Laut hörte man die Axtschläge durch den Wald und auch die warnenden  Rufe der Männer, wenn ein Baum fiel, waren weit zu hören. Andrei und Petja  waren geschickt im Bäume fällen, die anderen hackten Äste und Zweige von 


4 den gefällten Bäumen und sammelten diese auf einem der Schlitten. So kamen  sechs Bäume zu Fall. Andrei schlenderte zu Erik, der dabei war, mit den drei  anderen die Äste kleiner zu kacken, damit sie diese auf den Schlitten laden  konnten. “Wir werden beobachtet. Etwas mehr als fünfzig Schritte von hier  Richtung Meer haben sich drei oder auch vier Männer versteckt. Sie beobachten  uns schon einige Zeit. Ich glaube, dass sie Armbrüste dabei haben. Sie bemühen  sich auf  jeden Fall sehr, dass wir sie nicht sehen können. Es ist ihnen aber nicht  gelungen. Zwei von ihnen haben unter den grauen Umhängen rote Jacken an  und die kann man leicht entdecken, wenn sie weiter an uns heranschleichen.  Was wollen wir tun?” Erik schaute nicht in die Richtung, wo Andrei sie vermu- tete. “Gehe zu unseren Leuten und sage ihnen, dass keiner die Axt oder seinen  Dolch beiseitelegen soll. Und nun gehe zuerst ein paar Schritte in die Richtung,  wo die Schleicher sind, damit ich dir ohne deren Argwohn zu erregen nach- schauen kann. Wir sollten uns hinter dem Schlitten treffen. Rufe laut aus, dass  es jetzt erst mal ein Bier gibt. Die glauben dann, dass wir dort etwas trinken und  essen wollen. Unter der Decke, vorne auf  dem Schlitten sind ein Bogen und  eine Armbrust, hole die unbemerkt runter. Macht euch bereit auf  einen Kampf.  Ich werde als letzter zu euch kommen. Das lenkt ihre Aufmerksamkeit vom  Schlitten etwas ab.”  Andrei tat, was man ihm gesagt hatte. Und Erik entdeckte hinter einem Strauch  ein Gesicht und tatsächlich auch einen kleinen roten Streifen. Er hackte weiter  an einem Ast herum, bis er die Stimme von Andrei hörte. “Komme jetzt  endlich Erik, sonst gefriert uns noch das Bier.” Erik nahm die Axt hoch und  schlenderte zum Schlitten. Kurz bevor er diesen erreichte, hörte er das Sirren  eines Pfeiles. Er konnte sich gerade noch zu Boden werfen, sodass das Ge- schoss nur seinen Umhang traf. Erik brüllte aus, als ob er getroffen worden sei.  Gekonnt gab er Andrei ein Zeichen, dass es ihm gut gehen würde und dass die  anderen sich ruhig verhalten sollten. Petja rief  laut in die Richtung, wo Erik lag.  “Bist du schon betrunken, bevor du das Bier trinkst. Bleib liegen, dann haben  wir alle etwas mehr.” Gekonnt spielten sie die Ahnungslosen. Hermon, To- men und Willin, die drei anderen waren sicher kräftige Kerle, aber mit Pfeile  und Bogen oder mit der Armbrust konnten sie nicht umgehen, das überließen  sie Andrei und Petja. Durch einen Spalt im Holzstapel beobachtete Petja, wie  sich drei Männer mit gespannten Armbrüsten auf der Seite, wo Erik lag, dem  Schlitten näherten. Ein vierter Mann stand an einem Baum gelehnt mit einem  Schwert in der Hand da und gab mit Handzeichen Anweisungen an die drei.  Andrei kroch auf  der anderen Seite vorsichtig weg und schlich sich in die Nähe  des vierten Mannes, ohne dass der das bemerkte, denn er war zu sehr mit dem  Beobachten seiner Männer und des Schlittens beschäftigt oder er war sich seiner  Sache einfach zu sicher, dass er besser war als die Menschen, die er offensich- tlich überfallen wollte. Die drei Angreifer warteten darauf, dass sich jemand  zeigte und warteten. Andrei war noch etwas mehr als fünf  Schritte entfernt von  dem Mann, als er hinter ihm aufstand und ihm zurief. “Sag deinen Leuten, dass  sie ihre Armbrüste wegwerfen sollen, oder du bekommst einen Bolzen in den  Hals geschossen.” Erschrocken drehte er sich um und sah die Armbrust genau 


5 auf  sich gerichtet. Er konnte weger nach links noch nach rechts ausweichen,  denn er stand genau zwischen zwei Bäumen. Flucht war also nur nach vorne  oder zurück nach hinten möglich. Das war keine gute Position, um zu flüchten  oder anzugreifen. Wenn der Mann vor ihm schießen würde, dann würde der  Bolzen ihn auch treffen. Zuerst ließ er sein Schwert aus den Hand gleiten, dann  rief  er seinen Leuten zu, dass sie zurückkommen sollten. “Nein, sie sollen dort  stehen bleiben wo sie sind und die Armbrüste in den Schnee fallen lassen.”  Nach kurzem Zögern wiederholte er den Befehl von Andrei laut, damit ihn  seine Leute hören konnten. Nach ein paar Wimpernschlägen taten sie, was  man ihnen gesagt hatte. Sie wunderten sich darüber, dass ihr Anführer sich von  ihnen weggedreht hatte und ihnen so die Befehle zurief, sie konnten Andrei  nicht sehen. Kaum waren die Armbrüste im Schnee, stand auch schon Erik  neben dem Mann, der ihm am nächsten gestanden hatte. Er packte ihn warf  ihn  zu Boden und packte die Armbrust. Die beiden anderen beobachteten das alles,  mit Verzögerung wollten sie sich bücken und die Armbrüste wieder aufnehmen,  da waren aber die anderen schon zu nahe und so mussten sie die Armbrüste  einfach liegen lassen und sich ergeben. Schnell waren die drei mit ein paar Led- erbändern gebunden und an einen Baum gefesselt.  Erik hatte es nicht eilig zu dem Anführer zu kommen, er wusste, dass sie  gewonnen hatten und das ohne Blut zu vergießen. Er packte den Mann, hob  ihn hoch und warf  ihn zu Boden. Dann schaute er ihn von oben herab an und  fragte ihn. “Wer bist du und warum wolltet ihr uns überfallen?” Der Mann  versuchte mit einer gewissen Arroganz zu antworten. “Ich erkläre dir das, wenn  ich aufgestanden bin. Im Liegen ist es mir zu kalt.” Erik lächelte freundlich und  reichte dem Mann eine Hand, um ihm auf  zu helfen. Kaum war er wieder auf   den Beinen, rammte ihm Erik seine Stirn aufs Nasenbein, dass der Mann sofort  unter Stöhnen wieder zu Boden ging. “Jetzt solltest du deine Nase besser mit  Schnee und Eis kühlen, damit es nicht ganz so übel anschwillt. Und beschwere  dich besser nicht, dass dir jetzt zu kalt ist.” Dann bekam der Mann noch einen  ordentlichen Fußtritt in die Rippen. Erik drehte sich um. “Dann frage ich halt  jemand anderen, was ihr hier macht.” Das Schwert des Anführers in der Hand  marschierte Erik auf  den Baum zu, wo die drei gefesselt und gebunden lagen.  “Wer von euch kann mir meine Fragen beantworten. Einer reicht mir. Und nur  einer spricht mit mir. Einigt euch, wer mit mir spricht. Jetzt.” Das letzte Wort  hatte er gebrüllt, dass selbst seine eigenen Leute zusammenzuckten. Der Älteste  der drei Männer hob den Kopf, reckte das Kinn etwas trotzig nach vorne und  begann zu reden. “Wir sind von der Stadtwache von Visby und waren auf  der  Suche nach ein paar Pferdedieben und Pferden, die sie in Visby gestohlen hat- ten. Es waren Zugpferde so wie die hier. Wir wollten uns so gut es ging euch  nähern, damit ihr nicht flüchten könnt, wenn wir euch gestellt hätten.” Erik  bückte sich etwas und gab dem Mann eine Maulschelle, dass ihm sogar etwas  Blut aus der Nase tropfte. “Lügner. Ich schießt auf  mich, ohne zu wissen, ob  ich ein Pferdedieb bin. Macht man das so in Visby? Für wie blöde haltet ihr  mich eigentlich.?” Erik drehte sich um ging zu dem Anführer der leise fluchend  auf  dem Boden saß. “Ihr tut mir so leid, Mann von der Stadtwache. Ihr habt 


6 leider ein paar Esel mitgenommen anstatt richtige Kerle mit Verstand. Der hier  in der Mitte erzählt mir nur Kuhscheiße und meint sogar, dass er klug dabei sei.  Jetzt zu euch. Überlegt genau, was ihr mir hier für eine Geschichte auftischen  wollt. Wer seid ihr und warum seid ihr hier?” Mit dem Handrücken wische sich  der Mann den Rotz und das Blut von der Nase. “Wir sind wirklich von der  Stadtwache und wir suchen wirklich ein paar Pferdediebe. Die Pferde wurden  einem Lübecker Händler gestohlen. Und der hat uns einiges Silber versprochen,  wenn wir die Pferde zurückbringen. Leider haben wir die Spur der Diebe ver- loren, aber wir dachten, als wir euch entdeckten, wenn wir ihm drei Zugpferde  zurückbringen, bekommen wir trotzdem das Silber. Und der Bolzen ist sicher  nicht mit Absicht auf  euch zugeflogen. Das solltet ihr uns glauben. Scheiße  Mann, du hast mir die Nase gebrochen, das tut höllisch weh.” Dann nahm er  eine  Hand voll Schnee und kühlte sich den Nasenrücken.   Jetzt mussten alle aus der Blauzahnsiedlung lachen. So einen tollen Märchener- zähler könnten sie in der Siedlung gut gebrauchen. Ein Bolzen, der zufällig auf   Erik zufliegt, weil man sich ein paar Pferde holen will.  Erike drehte sich um und dann wieder zurück zu dem Anführer der Stadtwache.  “Ich glaube euch, ganz sicher. Aber ihr solltet wissen, dass ihr auf dem Gebiet  der Blauzahnsiedlung seid und hier kein Recht ausüben dürft. Aber ich darf   das. Und ich bestrafe euch wegen Dummheit - das ist bei uns ein strafwürdiges  Vergehen.” Was hatte Erik vor? Andrei und die anderen schauten ihn verwun- dert an. “Zieht ihnen die Stiefel und die Hosen aus. Ihre Hemden und Wämse  dürfen sie behalten. Und nehmt ihnen alle Waffen ab. Ihr könnt das in ein paar  Tagen bei uns abholen. Außer den Hosen, die behalten wir. Da machen wir für  unseren Abtritt eine Fahne draus, dass jeder weiß, dass man da die Hosen runter  lassen kann, wenn man sich nicht in die reinscheißen will. Also runter mit den  Sachen und dann verschwindet von hier. Ich  nehme an, dass ihr eure Pferde  irgendwo versteckt habt. Dann könnt ihr euren, na ihr wisst schon, beim Heim- reiten warm reiten.” Hermon löste die Fesseln und die drei Männer legten die  Schuhe und ihre Hosen ab. “Vergesst nicht die Leibbinde abzulegen. Ihr reitet  heute mit nackten Schenkeln und was da sonst noch darüber ist in Visby ein.  Und beeilt euch, sonst bekommt ihr oben und unten vielleicht einen Schnup- fen.” Selbst der Anführer beeilte sich, seine Kleidung abzulegen, dann rannten  die vier los in die Richtung, wo Erik ihre Pferde vermutete.  Als sie weg waren lachten bis auf  Erik alle lauthals. Erik schaute aber grimmig  den vieren hinterher. Es war schon dreist von den Wachen aus Visby auf  ihrem  Land Menschen zu jagen und vor allem auf  ihn zu schießen. Dazu hatten sie  keine Erlaubnis. Das musste geklärt werden. Die Demütigung der Vier war  nicht so schlimm, das würde Visby verschmerzen, die Vier nicht. Es würde aber  niemanden töten, denn ihre Hemden und Wämse waren lang und warm. Erik  ärgerte sich über die verlogene Dreistigkeit des Anführers. Das musste er mit  den anderen besprechen.  Sie kamen mit dem Schlitten und den Stämmen am späten Nachmittag in der  Siedlung an. Knorre kümmerte sich um die Pferde, während Erik zu Lars eilte  und ihm von dem Vorfall berichtete. Er war genauso besorgt wie Erik. Diese 


Dreistigkeit bedeutete, dass der Bürgermeister oder auch andere aus Visby sie  nicht respektierten. Kein Respekt bedeutete aber auch, dass sie in Gefahr waren.  Weil es schon dunkel wurde, konnten sie keine Boten zur Bucht und zum Gut- shof  schicken, um die Leute dort zu warnen. Peters Delegation war weit weg,  denen würde nichts geschehen. 4. Januar 6 in Brendas Dorf   Sie konnten nicht weiterreisen, weil Sophia noch zu schwach war und Peter sie  nicht alleine lassen wollte. Namenlos hatte angeboten, bei ihr zu bleiben, aber  das erschien allen anderen als zu riskant. Es war noch nicht klar, wer diese Re- iter waren, die das Dorf  überfallen hatten. Der Junge, der nun doch eine junge  Frau war, schwieg beharrlich. Immer wieder hatte Namenlos versucht, mit ihr  zu reden. “Ich schätze sie auf  vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Sie hat einen guten  Körperbau, hat aber so wie sie sich bewegt und gibt, nie körperlich gearbeitet.  Sie hat zarte Hände und wie mir scheint ist sie noch unberührt. Gestern bekam  sie ihre Blutung und war nicht verwundert darüber, als kenne sie den Zustand.  Sie muss uns erzählen, wer diese Leute wirklich sind und wer sie ist.” Namenlos  konnte Peter von und zu Bärental nichts neues berichten. Er nickte nur und  schaute sich in der Hütte der Brenda um. Diese hatten sie bezogen, nachdem sie  beschlossen hatten, zu bleiben. Sie hatten Glück gehabt, dass die Reiter einiges  an Proviant dabei hatten, damit konnten sie sich gut selbst versorgen und fielen  den Dorfbewohnern nicht zur Last. “Wir müssen sie zum Reden bringen.  Ich suche Afra. Sie ist ein kluges Mädchen. Sie hat gut unseren Schlitten und  die Pferde im Wald bewacht und ich glaube, dass man mit ihr etwas erreichen  kann.”  Peter fand Afra bei Sophia und bat sie ihn zu begleiten. Lange besprach  er mit ihr seinen Plan, wie er das Mädchen zum sprechen bekommen würde.  Namenlos hörte ihm zu und musste dabei lächeln selbst Afra musste beim  zuhören immer wieder das Lachen unterdrücken. Es war ein verrückter Plan.  Afra und Namenlos gingen aus der Hütte, nachdem ihnen alles erklärt wurde  und suchten die Gegenstände, die Peter für seinen Plan brauchte.  Askold bekam von Peter eine unangenehme Aufgabe. Die toten Söldner lagen  etwas außerhalb des Dorfes, es war zu kalt und der Boden gefroren, deshalb  konnte man sie noch nicht begraben. Als Askold seine Sache erledigt hatte und  das Gewünschte in einem Tuch eingewickelt zu Peter gebracht hatte, ging er in  den Stall, wo die überlebenden Söldner gefesselt lagen. Einen von ihnen packte  er und brachte ihn zu Peter in die Hütte. Auf  dem Weg dorthin, schubste und  stieß er den Mann sehr heftig, sodass der immer wieder laut aufschrie und man  das im ganzen Dorf  hörte. Namenlos holte inzwischen das Mädchen und führe  die vor die Hütte. Afra ging vor den Augen der beiden hinein. In den Händen  hatte sie ein paar saubere Tücher. Und dann wurde es laut in der Hütte. Peter von und zu Bärental brüllte herum  und der Gefangene  stöhnte immer wieder auf und der eine und andere Schrei  war auch noch zu hören. “Rede endlich oder ich hacke dich in Stücke.” brül- lte von Bärental. Und wieder schrie der Gefangene laut auf. Zitternd stand das  Mädchen gemeinsam mit Namenlos vor der Hütte. Namenlos zeigte blankes 


8 Entsetzten. “Wenn der Herr Bärental so wütend ist, dann wird es schlimm. Ich  dachte der will den Mann nur ärgern, aber der wird ihn totschlagen. Das wäre  nicht das erste Mal, dass er das in seiner Raserei macht. Jetzt kann ich dich nicht  mehr schützen.” “Vor was?” fragte das Mädchen mit zitternder Stimme. Dann  hörte man aus der Hütte einen furchtbaren Schrei und danach war Ruhe. Kapitel 16 5. Januar 1216 in einer Ruine bei Gandersheim Sie hatten alle gut geschlafen. Die Glieder waren wohl etwas steif, aber im- merhin hatte keiner irgendwelchen Schaden davon getragen, obwohl sie im  Freien übernachtet hatten. Die vielen Umgänge, Pferdedecken und Felle, die  sie bei den Söldnern erbeutet hatten, waren sehr nützlich gewesen. Lorentz war  gemeinsam mit Heinrich der Erste der aufgestanden war. Er suchte Feuerholz  zusammen, während Heinrich sich umschaute, ob irgendwelche Menschen oder  Behausungen in der Nähe waren. Er fand nichts und er sah auch ihre Spuren,  die sie hinterlassen hatten, nicht. Das war gut so. Trotzdem alles Holz leicht  feucht war, konnte Lorentz ein ordentliches Feuer entfachen und als Heinrich  von seinem Rundgang zurückkam, saßen alle um das Feuer herum und wärmten  sich.  Alle kauten an etwas Dörrobst oder einem harten Kanten Brot herum. Keiner  wollte von dem getrockneten Fleisch oder von dem geräucherten Schinken  essen. Der 5. Januar war zwar ein Dienstag, aber keiner hatte Lust auf Fleisch,  es lag wahrscheinlich daran, dass der kalte Leichnam des Herrn von Blau keine  sechs Schritte von ihnen in einer Ecke lag. Man hatte ihn mit der Decke seines  Rosses bedeckt, das auch sein Wappen trug.  “Hundert Schritte von hier ist eine verfallene Kapelle oder so etwas. Nur noch  ein paar Steine sind da aufeinander und ein Turm, vielleicht noch ein Mann  hoch oder etwas mehr, aber im Innenraum gibt es ein paar Bodenplatten, die ein  paar Gräber bedecken. Ich habe eine etwas angehoben. Da ist nichts mehr drin.  Dort könnten wir den Herrn von Blau hineinlegen. Um ganz sicher zu gehen,  legen wir dann noch ein paar Steine drauf. Ich finde, das ist würdig für ihn. Auf   der Bodenplatte, die das Grab bedeckt, ist ein einfaches Kreuz- kein Name oder  so etwas ist eingemeißelt.” Heinrich hatte das sehr langsam gesagt. Offensich- tlich wollte er der Situation damit etwas Würde verleihen. “Zeig es mir bitte,  Heinrich.” Frieda stand auf  und ließ sich von Heinrich dorthin führen, wo sie  ihren Mann beerdigen sollte.  Die Ruine war sehr klein. Vielleicht fünfzehn Schritte in der Länge und nicht  mehr als zehn in der Breite. Der ehemalige Altarraum wurde von einem Turm  oder besser von dessen steinerner Andeutung bedeckt. Keine Steine lagen im  Inneren, alles war ordentlich, als ob jemand die Würde der fünf  Gräber, die sich  im Inneren befanden, erhalten wolle. Das sechste Grab war geöffnet. Heinrich 


hatte die Platte ein paar Handbreit zur Seite schieben können. Frieda schaute  sich die anderen Gräber an. “Das ist die Grabeskapelle derer von Grandern. Sie  waren mit meinem Gatten verwandt. Vor ein paar Jahren hat man die Familie  bei einer Fehde ausgelöscht. Ich wusste nicht, dass sie hier beerdigt sind. Mutter,  Vater und drei der Söhne. Die Grabstelle der Tochter Freyja ist leer. Sie konnte  noch vor der Fehde zu uns fliehen. Zog aber schon ein paar Tage, nachdem  sie bei uns war, weiter. Ich weiß nicht wohin. Sie war damals sechzehn Jahre alt  und war in Begleitung von zwei Knappen der Grandern. Ja, das ist eine würdige  Grabstelle für meinen Gatten. Lass uns das schnell zu Ende bringen. Ich bin  froh, dass ihr das gefunden habt, Herr Heinrich. Lasst uns seinen Körper holen  und hier in die Erde hinab senken. Gebt mir etwas Zeit, um dann noch ein  Gebet für ihn zu sprechen. Ich weiß, dass wir weiter müssen.” Es dauerte nicht lange, bis der Herr von Blau in diesem Grab seine letzte  Ruhestädte fand. Ein paar große Steine wurden noch über seinen Körper  gelegt, da man ihn in keinen Sarg legen konnte. Frau von Blau bat darum, am  Grab noch eine Weile alleine stehen zu dürfen, dann könnten sie weiterziehen.  Heinrich und die anderen beteten erst vor der Kapelle und gingen dann weiter.  Als Frau von Blau kam, hatten man alles zur Abreise bereit gemacht und sie  konnten sofort weiterziehen. Bei Anbruch der Abenddämmerung erreichten  sie Gandersheim. Auch dieser Ort war sehr bevölkert, aber etwas außerhalb  fanden sie eine Scheune, die ihnen ein Bauer für etwas Silber als Lager anbot.  Nebenan war eine alte Schmiede, die ebenfalls leer stand. Denn die Schmiede  war nun in der Nähe des Stifts angesiedelt, wo der Schmid schneller und bessere  Aufträge für sein Gewerbe erhielt. In den zwei Gebäuden, die noch gut erhalten  waren und dem Bauern in guten Jahren für das Lagern seiner Vorräte diente,  konnten sie alle Pferde unterstellen und für sich selbst wenigstens ein trockenes  Nachtlager herrichten. Peter und Heinrich gingen noch zum Stift und meldeten  dort ihre Ankunft. Der Vogt dankte für die schnelle Meldung und erhielt auch  von Otto eine Silbermünze. Manchmal muss man sich Wohlwollen erkaufen. Vom Bauern erstanden sie für einen horrenden Betrag Heu für die Pferde.  Hafer hatten sie noch etwas und so waren die Pferde versorgt. Im alten Schmie- deofen hatte Lorentz ein Feuer gemacht und sie konnten sich eine Grütze  kochen. Mit ein paar Trockenfrüchten und etwas Honig schmeckte die wässrige  Grütze passabel und Otto hatte noch einen Schlauch gefüllt mit Rotwein. Bis  auf  die drei Kinder nahm jeder einen großen Schluck daraus. Seele und Körper  brauchten etwas mehr Wärme.   Die Nacht verlief  ruhig und alle waren am nächsten Morgen sehr entspannt.  Lorentz kümmerte sich um die Pferde, das Geschwisterpaar versuchten sich  als Grützenköche. Heinrich und Otto gingen in den Ort. Heinrich wollte etwas  Pergament, Tinte und eine paar Federkiele erstehen. Sie mussten sich um ihre  Dokumente kümmern. Ein Weiterreisen war ohne die richtigen Dokumente  nicht möglich. Ein Geleitbrief  des Kaisers wäre da sehr hilfreich. Für Otto und  Heinrich hatte sie diesen, aber die andern mussten auch in irgendeiner Form ein  paar Dokumente bekommen. Dokumente beeindruckte die des Lesens Un- kundigen immer und wenn man dann noch ein paar Siegel an den Dokumente 


80 hafteten, dann war das schon etwas Besonderes.  Während die beiden durch Gandersheim gingen, um diese Utensilien zu besor- gen, bastelte Lorentz ein Brandeisen für die Pferde. Es hatte viel Ähnlichkeit  mit dem Wappen von Otto von Kraz, zwei Schwingen und eine Kralle. Es war  einfach, damit die alten Brandzeichen zu verändern. Kraz war klar, bedeutete  es etwas krallen oder kratzen und Otto war nun mal der Begriff  für Besitzen.  Warum waren aber auf  seinem Wappen zwei Schwingen? Lorentz nahm sich  vor, das zu fragen und machte weiter. Bald gehörten die Pferde nach dem Bran- dzeichen alle Otto von Kraz. Lorentz war zufrieden mit sich.  Obwohl es kalt war, versuchten die Frauen die Wäsche zu ordnen und auch  etwas zu waschen. Und Christian reparierte die beschädigte Deichsel ihres Kar- rens. Zur Mittagszeit kamen Heinrich und Otto zurück. Gebrauchtes Pergament und  Tinte hatten sie bei einem Schreiber gefunden. Siegelwachs und auch Wachs  hatten sie bei einem Rechtsgelehrten bekommen. Blei konnten sie bei einem  Glasschneider kaufen. Nun hatten sie soweit wie möglich alles zusammen, was  sie für die Erstellung ihrer Uhrkunden benötigten. Zuerst bereinigten sie das das gebrauchte Pergament. Kratzten die alten Schrift- zeichen herunter und beschrieben es neu. Frau Constanze von Breitenbach  wurde mit ihren Kindern Marta und Christian zu offiziellen Begleitern von  Otto von Kraz. Sie bekam den Titel Freifrau von Breitenbach und war für seine  persönlichen häuslichen Angelegenheiten zuständig. Da es im Reich mindestens  zehn Breitenbachs gab und nicht jeder Pfalzverwalter und Kirchenvogt wissen  konnte, wer oder was nun Breitenbach sei, war sie hier sehr sicher mit diesem  Dokument. Frida von Blau wurde dann zur Hofdame der Familie Breitenbach  ernannt und war damit eine offizielle Begleiterin von Constanze. Eine Frau  mit zwei Herren konnte gar nicht ohne zusätzliche weibliche Begleitung reisen.  Mit dieser Kombination war man gegen sittliche Anschuldigungen gut gefeit.  Lorentz wurde zum Junker und ein Neffe von Heinrich von Olsen. Das passte  gut, dann würde man auch eine gewisse familiäre Nähe, die man auf  Grund  ihrer Reiseumstände manches Mal hatte, besser erklären können. Mit dem  Bienenwachs wurde ein Abdruck des Siegels, das dem Reisedokument für Otto  und Heinrich anhaftete, gemacht. Und dann mussten sie dieses Bienenwachssie- gel noch auf  einen Lehmbatzen pressen. Dieser wurde dann mit einer dünnen  Schicht aus Siegelwachs überzogen, der Sand abgekratzt und die untere Hälfte,  die man auf  die gleiche Weise hergestellt hatte, gepresst. Aber vorher wurde ein  rotes Band eingelegt und mit dem Dokument verbunden. Heinrich und Otto  wussten, dass auf das Fälschen von kaiserlichen Dokumenten die Todesstrafe  stand, aber dieses Risiko war geringer, als von einem Landvogt oder Grafen in  Gewahrsam genommen zu werden und in einem Kerker zu verhungern. Und  der Kaiser war derzeit irgendwo bei Braunschweig und getraute sich nicht weit  weg von der Stadt. Wichtig war es, so schnell wie möglich ins Staufergebiet zu  kommen, dann waren sie in Sicherheit. Als sie damit fertig waren vernichteten sie alles, was man für Fälscherwerkzeug  halten könnte und begannen, die neuen Dokumente so herzurichten, als ob sie 


8 bereits durch viele Hände gegangen waren. Am Abend dieses Tages gingen dann Heinrich und Otto zum Vogt und legten  dort ihre Dokumente vor. Alles war in Ordnung und sie durften mit der Erlaub- nis des Vogts noch bis zum 0. Januar nach dem Kirchgang bleiben. Wollten sie  noch länger in der Scheune verweilen, dann mussten sie sich nochmals bei Vogt  melden. Wären sie nur Händler oder einfache Reisende, dann würde es genügen,  sich beim Hauptmann der Wachen zu melden, aber da Otto nach seinen Doku- menten ein Rat der Staufer war und damit zum Adel gehörte, war das anders.  Der Titel und ein paar Silbermünzen waren da schon hilfreich, um von unlieb- samen Machenschaften der Obrigkeit in Ruhe gelassen zu werden. Am nächsten Morgen wurde Lorentz ausgeschickt. um bei den Händlern und  Marktleuten vielleicht Neuigkeiten, die sie betreffen konnten, zu erfahren.  Natürlich musste er auch ein paar Besorgungen machen. Sie brauchten Hafer  für die Pferde und Brot, Fleisch und Eier für sich selbst. Gerne begleitete ihn  Marta und Christian. Sie brachten alles, was sie besorgen sollten, aber keine  Neuigkeiten. Das wiederholten sie jeden Tag mit wechselnden Personen und so  konnten sie ihre Vorräte auffüllen und eventuelle Neuigkeiten erfahren, ohne  dass das jemand auffiel. Am Sonntag gingen sie zur Messe in der Kirche. Lorentz musste als Wache  zurückbleiben. Danach besuchte Heinrich den Vogt und sagte ihm, dass sie am  kommenden Tag abreisen würden. Dort erfuhr er, dass man auf  dem Weger  hierher zwei Pferdkadaver gefunden habe. Allerdings ohne Sättel und die Wölfe  hätten schon einiges an Fleisch von den Tieren gezupft. Von den Reitern würde  jede Spur fehlen. Heinrich meinte nur, dass er vermutete, dass diese Tiere  irgendwo entlaufen und dann aber vor Erschöpfung verendet seien. Der Vogt  war für diese Erklärung dankbar, denn seine Phantasie reichte nicht so weit, so  eine Erklärung seinem Herrn zu geben.  Als Heinrich zu den anderen zurückkam, berichtete er von dem, was ihm der  Vogt erzählt hatte. “Es wird wirklich Zeit, dass wir weiterziehen. Nicht dass  jemand kommt und von dem Scheiterhaufen erzählt. Wir sind hier zwar schon  auf  stauferfreundlichem Gebiet, aber ganz sicher sind wir nicht vor dem Welf- en.” Am . Januar 6 bei Sonnenaufgang zogen sie weiter. Petrus meinte es  gut mit ihnen, es war zwar immer noch sehr frostig, aber es schneite nicht und  die Sonne war immer wieder durch das Grau des Himmels zu sehen. Lorentz  war ein geschickter Kerl, er hatte Kufen für den Wagen gemacht, sie konnten  die Räder blockieren und darunter die Kufen anbringen. Und das war mehr  als nur nützlich. Der Schnee war zu hoch für die Räder und mit den Kufen  konnten sie schneller weitereisen. Sie erreichten Kalefeld am späten Nachmittag  und konnten ihr Lager auf  dem Hof  eines Bauern aufschlagen. Dort erstanden  sie zwei Hühner, die sie noch am Abend verspeisten. Schon früh am Folgetag  reisten sie weiter nach Northeim. Sie durften in die Stadt einreisen, ohne dass  man ihre Dokumente einer Prüfung unterzog.  . Januar 6 Northeim am späten Nachmittag  Sie fanden Unterkunft beim Stadtvogt, der nebenbei eine Herberge betrieb.  Lorentz und Christian sollten im Stall bei den Pferden übernachten, da sich 


8 in der Stadt einige herrenlose Söldner herumtrieben und der Vogt sie vor  Diebstahl warnte. Otto und Heinrich fragten sich, warum der Vogt sie vor  Diebstahl warnte, wenn das Haus und der Stall doch durch das große Tor zum  Hof  gesichert werden konnte. Der Vogt meinte dazu, dass Diebe über Mauern  stiegen und durch Fenster in Häuser und Höfe eindrangen. Noch konnte die  Stadtwache die Ordnung einigermaßen aufrecht erhalten, aber wie lange noch.  Man habe bereits einen Boten nach Goslar geschickt, um einige Mannen aus der  Kaiserpfalz zur Verstärkung zu bekommen, aber leider war der Bote nun schon  seit fünf Tagen weg und sie hatten keine Nachricht aus Goslar. Jetzt verstanden  auch die beiden, warum der Vogt sie gewarnt hatte.  Constanze, Marta und Frieda hatten einen Raum für sich, Heinrich und Peter  schliefen im Amtszimmer auf  dem Boden. Als sich Lorentz und Christian  nach dem Abendmahl im Stall ihr Lager herrichteten, gesellte sich ein großer  schwarzer Hund zu ihnen. Er legte sich zu Füßen von den beiden Jungen und  vertreiben wollten ihn die Buben nicht.   Gegen Mitternacht bemerkte Lorentz, dass der Hund aufstand und anfing, leise  zu knurren. Er konnte nichts sehen oder hören, was die Aufmerksamkeit des  Hundes erregt hatte. Als der Hund immer lauter knurrte, weckte Lorenz Chris- tian vorsichtig. Er flüsterte ihm ins Ohr, was er bemerkt hatte. Beide griffen sich  ihre Dolche, die neben ihnen lagen und verharrten dann wieder regungslos auf  ihrem Strohbett. Dann begann der Hund laut zu bellen und das klang sehr wüt- end und aggressiv. “Halts Maul, du blöder Köter!” hörten Lorentz und Christin  jemand sagen. Dann sahen sie im Schatten des Mondlichtes ein paar Gestalten  in den Stall kommen. Es waren mindestens fünf Gestalten die sie sahen. Immer  noch bellte der Hund und dann sah Lorentz etwas aufblitzen. “Nein.” schrie er  laut auf.   Kapitel 17 15. Januar 1216 Blauzahnsiedlung im Morgengrauen Nach dem Vorfall vom Tage vorher beschloss man, Tag und Nacht eine be- waffnete Wache im Torhaus aufzustellen und alle Tore vorläufig geschlossen zu  halten. Lars schickte Boten zum Gutshof und zur Bucht, um alle zu warnen,  dass entweder jemand aus Visby oder einfach Räuber unterwegs waren. Er und  Jan Sternenkenner ritten dann nach Visby. Sie wollten prüfen, ob jemand diese  Wegelagerer kannte oder ob sogar jemand diese Leute ausgeschickt hatte.  Schon kurz vor Visby begegneten sie einigen Kaufleuten, die gut bewaffnet auf   dem Weg nach Väskinde waren. Dort hatten sie Stallungen für Schafe und auch  Handelswaren gelagert. Sie hatten gehört, dass sich marodierende Söldner auf   der Insel befinden würden. Sie sollten zuerst die Ostküste und nun die West- küste etwas nördlich von Visby unsicher machen. Gestern seien ihnen ein paar  Reiter ohne Hosen weit außerhalb von Visby gemeldet worden. Nach dem was  man bisher wisse, seien es zwei Langboote mit Söldnern. Sie lagerten wahrs- cheinlich in der Bucht von Slite. Pferde und Lebensmittel waren ihnen durch 


8 ihre Raubzüge an der Küste in die Hände gefallen.  Lars und Jan ritten weiter in die Stadt. Auf  dem Markt trafen sie einige Bürger  und Kaufleute, die sich aufgebracht unterhielten. Grund für diese laut geführten  Gespräche waren Seeräuber, die ein paar Fischerdörfer und Gutshöfe überfallen  hatten. Verwunderlich war daran, dass es ausgerechnet um diese Jahreszeit passi- erte. Im tiefsten Winter, wo man eigentlich zu Hause am warmen Herdfeuer  sitzen sollte. Einer der Händler meinte, dass in Norwegen und Schweden eine  Hungersnot herrschen würde und dass man dort nichts mehr rauben konnte.  Lars und Jan schwiegen dazu, wussten sie es doch besser. Mathias junge Gattin  Merit hatte genug Vorräte mitgebracht, so dass sie nicht annahmen, dass es  eine Hungersnot an der Küste geben würde. Was sie allerdings aufhorchen ließ,  war die Bemerkung dieses Kaufmanns, dass man gesehen habe, dass auf  den  Schiffen sehr viele junge Krieger waren. Ältere Krieger würden die meist an  den Ruderbänken sitzen, jüngeren aufpassen. Ein anderer Kaufmann, offensi- chtlich einer aus Nowgorod, forderte vom Bürgermeister, dass man Bewaffnete  ausschicken sollte, um diese Gefahr zu beseitigen. Der winkte ab. “Leute es ist  Winter und da führt man keinen Krieg, auch keinen gegen Räuberbanden. Ich  müsste beim König um Erlaubnis fragen, ob wir eine bewaffnete Streitmacht  aufstellen dürfen. Und wer fährt im Winter übers Meer und weiß jemand, wo  der König ist?” Lars und Jan war klar, dass der Bürgermeister einfach nichts tun  wollte. Er war ein Feigling und versuchte nur, seine persönlichen Vorteile zu si- chern. Also mussten die Kaufleute selbst tätig werden. Lars und Jan gingen zum  Deutschen Viertel und suchten den Handelsmeister. Michael von Dornekamp  war ein älterer und besonnener Mann, der schon lange die Deutschen Händler  in seinem Hause beherbergte und auch ein paar Lagerräume hatte. Er empfing  die beiden mit etwas säuerlicher Miene. Hatte er doch gerade erfahren, dass ein  paar seiner Weinfässer zerschlagen worden waren und der Wein nun auf  dem  Boden und der Gasse langsam gefror. Irgendjemand hatte versucht, drei Fässer  aus einem der Lagerhäuser zu rauben und hatte dabei die Fässer so beschädigt,  dass der Wein ausgelaufen war. Bisher konnte noch kein Schuldiger gefunden  werden. Aber der Schaden war beträchtlich und er war sehr verärgert. In seinem  Ärger hatte er einen seiner Knechte, die das Lagerhaus bewachen sollten, or- dentlich mit dem Stock bearbeitet. Der arme Jungen saß auf  dem Boden - mit  blutiger Nase und Verletzungen an den Händen - als Lars und Jan zu Herrn von  Dornekamp geführt wurden. Seine Wut war verrauscht und er forderte den Jungen auf, sich zu waschen und  in der Küche einen Becher Milch geben zu lassen.  Sie stellten sich gegenseitig vor und Michael von Dornekamp forderte seine  Besucher auf, sich zu setzen. Jan erzählte dem Deutschen, was sie gehört hatten  und was gestern ihren Leuten im Wald beim Holzholen passiert war. “Ja der  Bürgermeister. Seit der Sache mit den falschen Königsleuten ist er mehr als nur  verunsichert. Er war schon immer feige und nun ist er auch noch übervorsi- chtig geworden. Gestern soll er einen Brief  vom König bekommen haben, der  ihm beim Lesen einen riesigen Schrecken bereitet hat. Keiner kennt den Inhalt  und vor allem keiner weiß, wie der Brief im Winter zu ihm gelangt sein kann. 


84 Ist mir auch alles egal. Ich fürchte ebenfalls, dass sich hier auf  der Insel eine  Räuberbande befindet. Vor allem habe ich erfahren, dass es einhundert oder  sogar mehr Mannen sein sollen. Das ist eine Gefahr für uns alle, vor allem wenn  es Frühling wird und die mit ihren Langbooten auf  dem Meer unsere Schiffe  aufhalten können.”  Herr von Dornekamp überlegte, ob er noch mehr zu sagen  hatte, entschloss sich dann aber, seine Gäste reden zu lassen. Vorher rief  er aber  nach einem Krug Wein und drei Bechern. Der geschundene Junge kam zitternd  herein und brachte den Krug und die Becher.  Lars richtete nun seine Worte sehr vorsichtig an den Kaufmann. “Was habt ihr  vor? Oder habt ihr noch nicht mit euren Kaufmannkollegen gesprochen. Die  Nowgoroder Rus scheinen sich auch nicht damit abfinden zu wollen, dass sie im  Frühjahr ausgeraubt werden könnten. Habt ihr keine Wachmannschaft?” Der  Kaufmann nickte. “Doch ich habe fünf  Kämpfer und die Nowgoroder haben  gut acht Söldner. Ein paar kräftige Knechte haben wir alle und die zwanzig  Leute von meinen Schiffen, auf  die könnte ich auch zählen. Die Schweden in  ihrem Quartier haben auch ein paar Leute, die sicher mit Knüppeln und Schw- ert umgehen könnten. Was uns fehlt ist jemand, der die Leute anführt. Und wir  wissen nicht genau, wo sich die Bande herumtreibt. Auf  die Stadtwache können  wir nicht zählen, die will der Bürgermeister nicht aus der Stadt lassen. Die sollen  die Stadt beschützen. Das ist sicher richtig und auch nicht. Die Leute müssen  die Zölle und Steuern eintreiben, sonst können die nichts. Halt, das stimmt  nicht. Saufen können die auch sehr gut und ein paar der Mägde haben sich auch  schon über die beschwert. Aber dagegen sind wir leider machtlos.” Lars dachte nach. Er sah ein große Gefahr darin, dass sich so eine große Räu- berbande oder Seeräuber auf  der Insel festsetzen konnte. Er schaute Jan an,  dann den Kaufmann. “Wir könnten auch ein paar Kämpfer mitbringen. Vor  allem Leute, die sehr gut mit dem Bogen oder der Armbrust umgehen können.  Ich werde ein paar Boten durchs Land südlich und östlich von hier schicken,  könnt ihr den Norden und den Westen auskundschaften?” Der Kaufmann  nickte sofort. “Das kann ich. Sind wir damit verbündete in dieser Sache?” Lars  und Michael reichten sich die Hand, wusste er doch, dass bei den Deutschen der  Handschlag mit einem Kaufmann wie ein besiegelter Vertrag galt.   Im Gehen sagte Lars noch. “Es ist Winter und es wird dauern, bis wir die Kerle  aufgespürt haben. Wir treffen uns in acht Tagen wieder. Ihr sprecht mit den  euren und ich mit meinen Leuten.” Lars und Jan gingen ein Stück des Weges schweigend dahin. Bis Jan das Sch- weigen brach. “Der Wein war nicht besonders gut. Sauer und dazu noch dünn.  Aber das ist nicht das, was ich für wichtig halte. Du willst also in den Krieg  ziehen. Mit wem willst du das tun? Wenn ich das so rechne, haben wir eine  Streitmacht bei den Kaufleuten von vielleicht vierzig Leuten zu rechnen, davon  sind wahrscheinlich fünfzehn, die mit Waffen umgehen können. Und wir?  Willst du die Söldner einsetzen, die wir in unserer Bucht im Turm sitzen haben?  Und dann noch wir selbst. Wir können, wenn wir alles riskieren, auch noch gut  zwanzig Leute mit Waffen aufbringen. Die Neuen, die Mathias mitgebracht  hat, kennen wir zu wenig. Sind da auch ein paar Kämpfer mit dabei?” Lars ging 


85 ohne zu antworten voran. Als sie die Pferde holten und aus der Stadt ritten  sprach Lars endlich. “Ich bin vorsichtig. Vielleicht haben diese Kerle Augen und  Ohren ist der Stadt. Und zu deinen Fragen mein Freund. Ja wir ziehen in den  Krieg. Man hat uns überfallen und Gott sei Dank ist nichts Schlimmes passiert.  Aber so eine große Horde mit Waffen muss man kontrollieren. Denn wenn die  ihr Gewerbe erfolgreich weiter betreiben, lockt das andere an. Und dann stehen  wir eines Tages einer noch größeren Bande gegenüber. Es ist mehr als nur  tragisch, dass es Winter ist. Wenn wir warten bis es Frühling ist, haben die sich  noch mehr geholt und bald leidet die Bevölkerung Not. Wir sollten das noch  heute im Rat besprechen.” Und es wurde besprochen, und ohne Ausnahme stimmt alle dafür, dass man  dieser Gefahr begegnen musste. Alle Waffen sollten überprüft werden und  am kommenden Morgen wurden weitere Boten zur Bucht und zum Gutshof   beschickt.  16. Januar 1216 später Nachmittag in der Blauzahnsiedlung  Claus von Olsen war mit einem der Söldner gekommen. Er meinte zu wissen,  wer diese Leute waren. “Wir haben vor sechs Jahren gegen ein paar Seeräuber  gekämpft. Die kamen aus Norwegen und haben die Küste rund um Kalmar  auf  dem Festland geplündert. Vor allem wurden die Kaufleute beraubt. Wir  haben sie an der Nordspitze von Öland erwischt und konnten von den vier  Langbooten zwei auf  den Meeresboden schicken und zwei sind uns entwischt.  Sie mussten große Verluste an Mannen hinnehmen. Wir haben dann gehört,  dass sie nun seit zwei Jahren die Küste bei den Litauern unsicher machen. Dabei  sollen sie einige junge Burschen entführt haben, um ihre Reihen an den Rudern  wieder aufzufüllen.” Der Mann dachte nach und dann sprach er weiter. “Die  Schiffe gehörten einem Jarl der Norweger. Den Namen habe ich vergessen.  Aber die Krieger waren unzufrieden, weil der Jarl sich mit den Franken verbün- det hatte und die verjagten sie einfach ohne Bezahlung und Beute, nachdem  man sie nicht mehr brauchte. In der Heimat wurden sie verspottet und sie sind  dann mit den Langbooten einfach davongefahren.” Lars dachte nach und fragte  weiter. “Wie viele Kämpfer sind denn damals entkommen? Und wie groß waren  die beiden Langboote denn?” Der Mann dachte nach. “Das eine war eines mit  dreißig Ruderplätzen auf  jeder Seite und wie ich mich erinnere, waren da noch  auf  jeder Seite vielleicht zehn Männer, denn die Höllegard, so war der Name  des Schiffes, musste alle Verletzten aufnehmen. Die Toten hatte sie über Bord  geworfen. Nackt und ohne Waffen. Das andere Schiff  war eher ein Knorr und  mit zwanzig Mann besetzt. Auf  der Knorr befand sich die ganze Beute. Damals  kam Nebel auf, deshalb konnten wir sie nicht verfolgen. Ich kann nicht sagen,  wie viele der Verletzten geheilt werden konnten, aber so wie wir gekämpft hat- ten, glaube ich nicht, dass das viele überlebt haben.” Als Dank bekam der Mann  einen Becher Wein und ein Stück Käse und durfte sich ans Feuer setzten.  “Claus von Olsen, wie schätzt du die Loyalität dieser Söldner ein? Können wir  ihnen trauen und werden sie für uns kämpfen?” Claus lächelte, schaute sich  um und gab dann seine Antwort. “Glaube mir eines, die sind froh, bei uns zu 


86 sein. Hier eine Heimat gefunden zu haben und am Leben zu sein. Sie arbeiten  hart ohne zu murren, sind genügsam und ein paar davon sind sogar Christen.  Sie sind mir gegenüber loyal und ich denke auch der Blauzahnsiedlung. Keiner  von ihnen will nach Hause, alle wollen hier bleiben. Zwei von ihnen trinken  etwas zu viel, aber die anderen schauen drauf, dass da nichts passiert. Und es  sind wirkliche Kämpfer. Ich habe sie mit scharfen Waffen getestet. In der Linie  hinter den Schilden und auch als Einzelkämpfer sind sie zu gebrauchen. Aber  was ich festgestellt habe, einige sind Bauern und Kämpfer. Die Vorratsfässer,  die wir aus Schweden bekommen haben, verstehen sie richtig zu lagern und alles  wird genau begutachtet. Sie haben bei uns eine neue Heimat gefunden.” Lars  war noch immer skeptisch. “Gab es schon mal Ärger mit den Fischern oder an- deren Leuten?” fragte Lars Claus von Olsen und schaute ihm dabei sehr tief in  die Augen. “Ja, die beiden Trinker haben versucht, ein Mädchen eines Fischers  zu vergewaltigen. Die anderen haben sie davon abgehalten und so verprügelt,  dass beide drei Tage nichts essen konnten und seitdem sehr vorsichtig sind. Sie  mussten zur Strafe alleine auf dem Turm schlafen. Es war zwar bitterkalt, aber  sie bekamen dicke Decken, damit sie nicht erfrieren. Das hat sie beide gekühlt  und hoffentlich auch geheilt. Und zur weiteren Strafe mussten sie die Hütte des  Fischers reparieren. Das hat mir den Respekt der Dorfgemeinschaft eingebracht  und allen meinen Leuten gezeigt, dass wir Gerechtigkeit walten lassen.” Kurz  stoppte Claus und sprach dann weiter. “Die Christen unter ihnen beten mit mir  jeden Morgen und diese Heiden, diese Tor -und Wotananhänger sitzen dabei  schweigend hinter uns. Es klappt gut, am Anfang haben die noch laut gelästert,  jetzt kehrt Ruhe ein.”  Damit hatten sie also schon vierzehn Kämpfer. Claus von Olsen, seine drei  Sergeanten, die zehn Söldner. Mathias Frau wollte drei ihrer Leute mit da- zugesellen. Der Riese und zwei Knappen ihres getöteten Vaters. Und von der  Blauzahnsiedlung wollten acht Frauen und acht der Männer an dem Kriegszug  teilnehmen.  Am kommenden Morgen wurden nochmals zwei Männer losgeschickt, um  Spuren der Piraten zu suchen. 14. Januar 1216  Brendas Dorf      Askold schleppte den blutenden und ohnmächtigen Söldner aus der Hütte, wo  ihn Peter gerade verhört hatte. Das Gesicht war rot und blau und eine Hand  war mit einem blutigen Lappen verbunden. Er schleppte den Mann an Na- menlos und dem Mädchen vorbei. Da sahen sie Peter unter der Tür, wie er ein  Bündel hinter Askold herwarf. Es landete vor den Füßen der beiden Frauen. Da  lag nun das Stoffbündel und drei abgeschnittene Finger kullerten denen vor die  Füße. Namenlos schlug sich die Hände vor den Mund und das Mädchen begann  hemmungslos zu weinen.  Peter winkte ungehalten und die Frauen folgten ihm zitternd in die Hütte. “Lege  deine Hand auf  den Tisch. Heute schneide ich dir nur zwei Finger ab, wenn du  nicht redest. Und dann jeden Tag wieder einen, bis du keinen Finger mehr hast,  dann kommen die Zehen dran. Das mache ich so lange bis du redest oder tot 


8 bist. Also lege jetzt die Hand auf den Tisch oder muss ich dich erst schlagen?”  Das Mädchen fiel vor Peter auf  die Knie und hob bittend die Hände. “Ich  werde reden. Nicht die Finger abhacken. Ich rede.” Peter und die Namenlose  warteten, bis sich das Mädchen beruhigt hatte, dann setzte Namenlos sie auf  den wackligen Hocker und forderte sie auf, jetzt zu sprechen.  “Mein Name ist Cristina. Mein Vater ist Jakob von Bärental. Als meine Mut- ter vor Jahren starb, nahm mein Vater mich und meinen Bruder mit auf  seine  Reisen. Wir hatten zwar eine kleine Burg bei Bärental, aber Vater vertraute  dem Vogt nicht sonderlich. Also nahm er uns mit, was er nicht durfte. Denn  eigentlich war er im Auftrag der Staufer unterwegs und Friedrich erlaubte das  nicht, denn mein Vater sollte einen Händler darstellen und Händler nahmen  keine Kinder mit auf ihre Reisen. Er war aber kein Händler, er war Berichter- statter und Kundschafter für den Staufer. Im Herbst waren wir unterwegs zum  König der Schweden, aber vor dieser Insel erlitten wir Schiffbruch und mussten  uns aufs Land retten. Wir konnten vieles von dem Schiff  retten, das noch  tagelang auf  einem Felsen hing, aber nun waren wir hier auf  diesem Eiland.  Um mich zu schützen, musste ich mich schon auf  dem Schiff  kleiden wie  mein Bruder und sah bald aus wie ein Junge. Niemand vermutete, dass ich ein  Mädchen bin. Vor Wochen wurde das Dorf, wo wir Unterkunft gefunden hat- ten, überfallen. Unsere Knechte tötete man, meinen Vater habe ich seit diesem  Tag nicht mehr gesehen. Meinen Bruder und mich nahmen die Bewaffneten  mit und dazu unsere ganzen Sachen. Vater hatte vorsichtshalber alle Doku- mente für den Staufer vergraben, deshalb wussten sie nicht, wer wir waren. Ich  wurde Pferdeknecht und Wasserträger und mein Bruder wurde an die Waffen  gewöhnt. Dieses Mal sollte ich nicht nur auf  die Pferde achten, man wollte,  dass ich jemanden töten sollte. Wenn ich das nicht tun würde, so sagte einer der  Waffenmänner, würde man mich auskleiden und auspeitschen und mein Bruder  und ich sollte dann nur noch die halbe Ration zu essen bekommen. Dann hätte  meine Verkleidung als Junge nichts mehr genützt und was dann geschehen  würde, daran wollte ich nicht denken. Und meinem Bruder zuzumuten, dass er  nur noch die Hälfte zu essen bekommen sollte? Es war schon immer sehr wenig  gewesen.” Peters Gesichtsausdruck wurde freundlich. Er legte die Haltung des  Folterers ab und das Erstaunen war ihm anzusehen.  Sollte dieses Mädchen eine  Verwandte von ihm sein? Ihr Vater ein Agent der Staufer? Was suchte der hier  auf  die Insel? Und warum war sie hier? “Wie alt bist du? Und wo liegt das Bärental, wo bist du geboren und wer ist dein  Vater wirklich?” Cristina schaute Peter verwundert an. Seine Stimme klang auf einmal sehr  freundlich. Sie verlor langsam die Angst, denn Peter legte das Schwert aus der  Hand und setzte sich auf  einen Schemel gegenüber von ihr. Auch die Na- menlose entspannte sich sichtlich, legte ihre Hand auf  Cristinas Schulter und  flüsterte ihr ins Ohr. “Jetzt wird alles gut, sei ehrlich zu ihm und verschweige  nichts.”


88 Kapitel 18 13. Januar 1216 - Nordheim kurz nach Mitternacht Lorentz Schrei war kaum verklungen, da wollte Christian schon aufspringen, als  er etwas Kaltes und Spitzes an seinem Hals spürte. Auch Lorentz konnte nicht  bewegen, denn jemand hatte sich auf  ihn gesetzt und drückte seine Kehle zu.  Es war wieder ruhig - bis auf  den Hund, der irgendwo in der Dunkelheit brum- mte und manchmal auch winselte. “Ruhig ihr beiden, wenn einer nur einen Laut  von sich gibt, schneiden wir euch beiden die Kehle durch.” Das war die Stimme  eines Mannes, der irgendwo in der Dunkelheit war. Die beiden Jungen spürten,  dass der, der auf  Lorentz saß, den Dolch an die Kehle von Christian drückte.  “Bodo bring den Köter zum Schweigen.” - “Ich kann nicht, ich muss das Netz  mit beiden Händen festhalten, sonst springt das Vieh raus. Seine Zähne habe  ich schon zu spüren bekommen. Sichere ihn ab, lange kann ich das Netz nicht  mehr festhalten.” Die Stimme klang angestrengt und nervös und kam irgendwo  vom Tor zur Scheune her. Christian konnte sehen, dass ein Schatten ins Mondli- cht trat, das durch das geöffnete Scheunentor leuchtete. “Ich komme und dann  müssen wir uns beeilen. Sichel bring die Jungs zum Schweigen und komme  dann rüber zu mir.” Lorentz kapierte, der Mann der auf  ihm saß war Sichel.  Sichel drückte wieder fester die Kehle von Lorentz zu, bis er plötzlich den Griff   lockerte und sich dorthin umdrehte, wo er ein Stöhnen hörte. “Bodo was ist?  Hat dich der Köter gebissen?” Keine Antwort kam aus der Richtung, sondern  das Geräusch von brechenden Knochen und dann ein unterdrückter Schrei.  Sichel nahm seine Hand ganz von Lorentz Kehle. “Bodo? Klinge? Was ist los?  Was macht ihr da?” Nichts außer dem Schmatzen und Knurren des Hundes  war zu hören. Gerade wollte Sichel aufstehen, um sich nach seinen Kumpanen  umzusehen, als er gepackt und nach oben gerissen wurde. Jemand drosch ihm  mit einem gewaltigen Schlag ins Gesicht und schmetterte ihn zu Boden. Der  Aufprall und der Schmerz im Gesicht raubte ihm den Atem. Benommen spürte  er einen Fuß auf seiner Brust. “Bleib unten, sonst musst du für immer so liegen  bleiben.” Die Stimme klang nicht freundlich für Sichel. “Heinrich, bist du da?”  fragte Christian ins Dunkel hinein. “Ja. könnt ihr aufstehen? Holt die Fackel  vor dem Tor. Ich habe die in den Ring gesteckt. Und dann befreit erst mal den  Hund, bevor er den Kerl, der mit ihm jetzt im Netz festhängt, noch ganz frisst.” Die Fackel erleuchtete etwas den Stall. Am Eingang lag ein Mann gekrümmt am  Boden, ein paar Schritte weiter war in einem Knäul aus Netz ein Mann mit ei- nem Hund gefangen. Das Knäul zappelte heftig, da der schwarz Hund verzweif- elt, versuchte sich zu befreien. Und vor Heinrich am Boden lag jemand auf  dem  Rücken, der krampfhaft versuchte zu atmen und einem Schmerz zu entgehen,  der in seinem Kopf  war.  Christian befreite den Hund aus seiner verzweifelten Lage und wickelte Bodo  noch etwas fester ins Netz ein. Der Hund zeigte überschwänglich seine Dank- barkeit und zwang Christian, ihn zu streicheln. Der Mann ihm Netz strömte  einen sehr unangenehmen Geruch aus. Offensichtlich hatte er sämtlich Aus- scheidungsorgane entleert. 


8 Lorentz saß mit der Fackel am Eingang zum Stall auf  dem Boden und musste  immer wieder husten. Otto hatte sich neben ihn gesetzt, nahm ihm die Fackel  ab und drückte ihn tröstend fest an sich.  Dann kamen auch die anderen Bewohner und Gäste des Hauses. Der Stadtvogt  hatte sich über den nackten Oberkörper eine Decke geworfen und stand mit- ten im Hof  mit einer Fackel in der Hand. Constanze eilte zu ihrem Sohn, der  stand vollkommen gelassen und ruhig da, kraulte den Hund und wie es schien,  hatte er nicht begriffen, was da gerade geschehen war. Als ihn seine Mutter in  den Arm nehmen wollte, musste sie ihn auffangen, da er in diesem Moment  weinend auf  die Knie fiel. Der Hund blieb still neben ihm stehen.  Für den Vogt und seine drei Knechte gab es nicht mehr viel zu tun. Sie sahen  sofort, was geschehen war und nahmen die drei unbekannten Eindringlinge in  Gewahrsam. So blutend und stinkend wie sie waren, wurden sie in den Keller- raum der Vogtei gebracht, der für solche Fälle hergerichtet war. Dunkel, kalt  und mit Haken an den Wänden und mit einer festen Tür versehen, war es das  Gefängnis der Vogtei. In diesem Kellerloch waren bereits drei andere Gefan- gene, die auf  ihren Prozess wegen Diebstahl und gotteslästerlichem Verhalten  warteten. Und wie man das kannte, konnte das Warten sehr lange andauern. Als der Vogt wieder im Hof  war, fragte er Heinrich und Otto, ob jemand ernst- haft zu Schaden gekommen sei. Otto verneinte, denn bis auf  die paar dunkel- roten Flecken am Hals von Lorentz war niemand verletzt worden. “Was haben  die hier gesucht?” wollte der Vogt noch wissen. “Habt ihr Handelswaren oder  irgendetwas Wertvolles bei euch, dass sich gleich drei von diesen Marodeuren  hier eindringen wollten?” Heinrich schob Otto sanft zur Seite, um dem Vogt  zu antworten. “Ja und nein, aber das sollten wir morgen früh besprechen. Wir  sind alle müde und es ist kalt. Morgen nach dem Frühstück und der Messe  wollen wir euch gerne sagen, was die Räuber vielleicht gesucht haben könnten.”  Heinrich sprach sehr leise dabei, als ob niemand anderer als sein Gegenüber ihn  verstehen sollte. Dann drehte er sich um, zog die beiden Jungen hinter sich her  und ging mit ihnen in den Stall. Alle anderen gingen ebenfalls wieder zu ihren Schlafplätzen und dann war  wieder Ruhe in der Vogtei aber keiner fand noch Schlaf  nach dieser Aufregung  - außer dem großen schwarzen Hund.  . Januar 6 am frühen Morgen in der Vogtei Am nächsten Morgen fanden sich alle Bewohner des Hauses im großen  Amtszimmer des Vogtes ein. Das Frühstück bestand wie so oft aus Grütze mit  etwas getrockneten Früchten, heißem, verdünntem und gewürztem Wein oder  Wasser aus dem Brunnen.  Danach gingen Heinrich, Otto und der Vogt hinaus auf  den Hof  zum Wagen.  Heinrich schob die alten Decken, die ihr Gepäck und die Waffen verdeckten,  nach hinten. “Das ist es, was sie vielleicht gesucht haben. Einen Teil davon  wollten wir verkaufen, denn wir brauchen keine zehn Schwerter oder sechs  Lanzen. Auch einen Teil der Armbrüste werden wir gerne für ein paar Silberlin- gen verkaufen oder gegen für Nützliches eintauschen. Wir haben auch noch  fünf  Pferde, die wir gerne abgeben würden. Alles haben wir erworben, entwed-


0 er im Kampf  oder auch gekauft. Diese Dinge gehören uns und sind nicht  gestohlen. Woher sie wussten, was da auf  dem Wagen ist, bleibt mir ein Rätsel.  Denn einfach so, ohne etwas zu wissen, dringen die doch nicht bei euch in die  Vogtei ein?” Der Vogt nickte und man sah ihm an, dass er sehr wütend wurde.  “Da könntet ihr recht haben und mich interessiert es auch, wer hier spioniert  hat und uns diese Bande ins Haus gebracht hat. Aber ich denke, dass wir das  von den dreien im Keller erfahren werden. Man wird sie auch etwas zwicken  müssen, wenn sie sich verstockt geben, aber da habe ich den richtigen Mann  dafür. Der bringt jeden zum Reden, auch Stumme.” Dann rief  er nach einem  seiner Knappen, dass man die drei Gefangenen von heute Nacht in die Waffen- kammer bringen solle. Heinrich folgte dem Vogt zur Waffenkammer, denn den  Weg dorthin kannte er nicht. Er konnte sich auch nicht daran erinnern, dass er  die Tür zu so einem Raum gesehen hatte. Die Waffenkammer lag auf  der  anderen Seite des Amtszimmers, war aber nur durch die Küche im Unterge- schoss zu erreichen. Heinrich wunderte sich über die Anordnung der Räume,  wollte aber keine Frage dazu stellen. “Herr von Olsen, ich sehe, dass sie sich  etwas verwundert umschauen. Wir sind nicht mehr im Gebäude der Vogtei,  sondern im Nachbarhaus. Das war das Haus meines Vaters und als ich Vogt  wurde und dieses Haus für mein Amt bekam, habe ich den Durchbruch zu dem  Gebäude schaffen lassen. Die Existenz dieser Waffenkammer kennen nur  wenige Menschen und so soll es auch bleiben. Wer hier hereingebracht wird, ist  entweder für immer mein Freund oder tot. Und ihr seid sicher ein Freund und  ich möchte, dass ihr hier wieder lebend hinausgeht.” Die Stimme des Vogtes  hatte ihren bisherigen tumben Ton verloren. Hart und selbstbewusst hatte er  jedes Wort gesagt und dabei Heinrich genau im Auge behalten. “Die Waffen  und einige andere Dinge habt ihr den Leuten des Bischofs von Hildesheim  abgenommen. Ich weiß davon, also müssen wir uns nicht länger darüber  unterhalten. Hildesheim ist eine Stadt des Löwen. Heinrich der Löwe, der  Stauferverächter. Und ich bin ein Mann der Staufer und die drei Männer die ihr  heute Nacht niedergemacht habt, waren Männer des Löwen. Das waren keine  marodierenden ehemaligen Söldner. Aber das sollen sie uns selbst erzählen,  wenn sie hier sind.” Kaum hatte er seine kleine Ansprache beendet, wurden die  drei gebracht. Sie schleppten sich herein, denn ihre Verletzungen und die  Fesseln hinderten sie daran, aufrecht  und ohne Hilfe zu gehen. Hinter den  Knechten und Gefangenen betrat ein kleiner unscheinbarer Mann den Raum.  “Aha Meister Zange ist auch schon hier. Ihr habt geahnt, dass es Arbeit für euch  gibt. Ich hoffe es geht schnell, denn ich habe nicht vor, mich mit den Dreien  allzu lange zu beschäftigen. Ihr seid darüber informiert worden, was wir wissen  wollen? Beginnt sofort mit der Befragung. Ich will das Gold meines Herren  nicht verschwenden und drei nutzlose Gesellen lange in meinem Haus verkösti- gen.” Der Mann nickte nur kurz, ging auf  den Mann zu, der mit dem schwarzen  Hund im Netz gefangen war. Die Bisswunden an seinen Händen und an der  rechten Schulter waren deutlich zu sehen und dass der Mann Schmerzen hatte,  war ihm ebenfalls an zu sehen. Man hatte ihn von seiner stinkenden Kleidung  befreit und ihn mit einem Lendentuch bekleidet. Mehr hatte der Mann an 


Kleidung nicht erhalten. Meister Zange nahm sich diesen Gesellen als ersten  vor. “Deinen Namen und deinen Auftrag hätte ich gerne von dir gewusst.” Die  Stimme passte nicht zu seinem unscheinbaren Aussehen. Tief und sehr  eindringlich klang sie. Der Mann schüttelte den Kopf. “Ich kann euch nichts  sagen, weil ich nichts weiß.” Kaum waren die Worte gesprochen, packte Zange  mit der rechten Hand den Mann am Hals und drückte mit seiner Hand auf den  Boden hinunter. Offensichtlich hatte Meister Zange keine Mühe damit. Der  Gepeinigte versuchte zu schreien, aber es gelang ihm nicht. Als die Hand sich  von seinem Hals löste, hustete das Opfer des Angriffs heftig und wie es schien,  konnte er nicht richtig atmen. Zuckend und strampelnd warf  er sich auf  den  Boden. Und schon war Meister Zange beim nächsten und stellte ihm die gleiche  Frage. Der Blick dieses Mannes war nun voller Panik und Verwunderung über  das, war mit seinem Kumpanen gerade passiert war. Hatte er Daumen- schrauben, Peitschenhiebe oder auch eine Feuerzange erwartet, so war es  einfach nur eine kräftige Hand, die offensichtlich einem Menschen unsagbare  Schmerzen bereiten konnte. Ihm war klar, wenn er nicht antwortete, erwartete  ihn ein ähnliches Schicksal. Man hatte ihn schon auf  einiges vorbereitet, nicht  aber auf  das, was er nun sah. Der Mann am Boden schäumte aus dem Mund,  seine Augen weitete sich immer mehr und die Schmerzen mussten unmen- schlich sein, denn er krümmte sich trotz der Fesseln immer mehr. Die Fesseln  schnitten im bereits so tief in die Haut, dass er blutete und trotzdem zerrte der  Gepeinigte immer mehr daran. “Soll ich dich auch am Holz liebkosen oder  möchtest du mit mir reden?” Die paar Worte von Meister Zange genügten, um  ihn aus seiner Erstarrung zu lösen. “Ich bin Hannes Walkers und einer der  Schreiber des Bürgermeisters von Hildesheim. Wir würden geschickt, um zu  erkunden was hier im Ort passiert. Wir haben uns gewundert, dass ein paar  Leute mit so vielen Pferden im tiefsten Winter und bei der Kälte hierher gereist  sind. Wir wollten ergründen, was denn auf  dem Wagen ist. Zudem habe ich  Lorentz erkannt und die junge Frau Marta. Wir wollten nachschauen, was auf   dem Wagen ist und entweder Lorentz oder Marta entführen und befragen, was  sie hier machen. Wir haben gesehen, dass sie hier bei Euch sind.” Der Mann  atmete schwer und mit jedem Wort geriet er mehr in Panik.”Wenn ich euch alles  erzähle, lasst ihr mich gehen? Ich werde nicht mehr nach Hildesheim zurück- kehren, wenn ihr mir das befehlt.” Meister Zange schaute kurz über seine  Schulter nach hinten zum Vogt, der nickte nur und Meister Zange antwortete  Walkers. “Du musst nicht mehr nach Hildesheim zurück, das kann ich dir  zusichern. Du wirst hier eine neue Heimat finden, wenn du uns alles berichtest,  was wir von dir wissen wollen. Wer sind die beiden anderen und was sollten sie  hier machen?” Hannes Walkers war offensichtlich erleichtert, da er nicht mit  dem Tode bedroht wurde, sondern hier bleiben durfte. “ Der am Boden ist  Matheo aus Mailand. Er wurde von den Lombarden hierher geschickt, um  Briefe an den Bürgermeister zu überbringen. Er hat sich mir angeschlossen, als  ich in Goslar war, um dort die Nachrichten aus Italien für meinen Herrn in  Empfang zu nehmen. Er kann sehr gut mit dem Messer umgehen, das war  nützlich für meine weiteren Aufgaben. Ich sollte einen Herrn von Blau zum 


Schweigen bringen und wir waren auf  dem Weg zu dem Mann, als ich mich am  Fuß verletzt habe und nicht weiterreisen konnte. Und der neben mir ist  Bernardo. Mein ständiger Begleiter und wenn ihr wollt mein Leibwächter. Er ist  ein guter Handwerker, kann lautlos Türen öffnen, Schränke und Truhen lautlos  durchwühlen und ist in der Lage, keine Spuren dabei zu hinterlassen. Zudem ist  er ein guter Kletterer. Er ist über die Mauer hinter dem Stall geklettert und hat  uns die kleine Seitentüre geöffnet und das ohne ein Geräusch zu machen. Wenn  der blöde Hund nicht gewesen wäre, dann hätten wir unser Ziel wohl erreicht.”  Meister Zange nickte freundlich, tätschelte dem Mann die Wangen und fragte  weiter. “Wo sind die Briefe und Nachrichten der Lombarden? Und habt ihr  schon eine Nachricht nach Hildesheim geschickt? Und habt ihr noch mehr  Leute hier oder seid nur ihr drei im Auftrag des Hildesheimers hier?” Etwas  entspannter antwortete Walkers. “ Die Briefe sind in unserem Quartier beim  Brunnenwirt in meinem Reisesack. Wir waren zu dritt, mehr sind nicht hier.  Wenn wir hier das erledigt hätten, was wir machen wollten, dann wären wir nach  Hildesheim gereist, deshalb habe ich keine Nachricht dorthin geschickt.” Zufrie- den nickte Meister Zange und wandte sich dann zu dem am Boden liegenden  Matheo, der sich nicht mehr rührte. Man sah nur, dass er nun sehr flach atmete  und offensichtlich in eine Art Tiefschlaf  verfallen war. Bernardo hatte bisher  geschwiegen, er war einfach froh, bisher keine Qualen erleiden zu müssen.  “Hast du dem etwas hinzuzufügen? Hat Hannes etwas vergessen?” Die Frage  von Zange traf  ihn wie eine Ohrfeige. Bernardo hatte gehofft, dass man ihm  keine Beachtung schenken würde und nun war er auf  einmal der Befragte. Er  schüttelte den Kopf  und kleinlaut antwortete er. “Nein ich habe nichts dazu zu  sagen. Ich führe nur das an Aufgaben durch, was mir Hannes sagt. Um mehr  kümmere ich mich nicht. Das würde mich auch davon abhalten, ordentlich was  zu trinken. Er denkt für mich, das reicht doch.”  Der Vogt beauftragte eines der Knechte die Zimmer beim Brunnenwirt zu un- tersuchen. Eigentlich lautete der Name des Gasthofes „Zum vollen Fass“ - da  der Wirt aber den Wein mit reichlich Wasser vermischte, sagten alle am Ort nur  noch zum Brunnenwirt, wenn man nach der Schenke fragte.  Meister Zange holte sich einen Hocker und setzte sich gegenüber den dreien  und schaut sie sich in Ruhe an. Auch Heinrich und der Vogt setzten sich und  unterhielten sich leise über das, was sie gehört hatten. War das glaubwürdig,  was ihnen der Hannes erzählt hatte? Ein Spion hier im Ort.? Was für  ein Spiel  trieb der Bürgermeister hier, dass er sogar Briefe aus der Lombardei bekam?  War der Bischof  auch daran beteiligt? Und warum sollte der Herr von Blau  beseitigt werden? Gut, diese Aufgabe hatten schon ein paar andere Männer des  Bürgermeisters erledigt, aber einen Schreiber mit solchen Aufgaben zu betrauen  war nicht gerade klug. Oder war das gar kein Schreiber? Heinrich stand auf   und schaute sich die Hände des Mannes an. Trotz der Verletzungen und des  Schmutzes konnte er erkennen, dass es keine Hände eines Handwerkers oder  Kriegers waren. Das konnten Hände eines Schreibers sein. Und was Heinrich  noch interessierte, war die Namensgebung von Meister Zange, warum wurde  der Mann so genannt?  


Otto war die ganze Zeit schweigend am Eingang zur Waffenkammer gestanden.  Was geschah hier gerade? Anstatt  Antworten zu bekommen, die ihn klüger  gemacht hätten, waren nun noch mehr Fragen offen. Eines war ihm auch  wieder klar geworden, er war mal wieder eine Schachfigur im Spiel der Könige.  Unterhaltsam für den Adel, aber eigentlich sinnlos für ihn selbst. Was für eine  Aufgabe hatte ihm das Schicksal denn zugedacht, sollte er hier erfüllen. War er  nicht auch ein Schreiber und Sammler von Wissen? Mehr wollte er doch nicht  sein.    Kapitel 19 14. Januar 1216 später Nachmittag in Brendas Dorf Cristina holte tief  Luft und versuchte sich zu fassen. Namenlos nahm sie an der  Hand und führte sie zu einer Bank nahe dem kalten Kamin und setzte sie dort  hin. Peter drehte sich dorthin um und wartete, dass das Mädchen endlich zu  sprechen begann.  “Ich bin sechzehn Jahre alt, oder besser, das werde ich in fünf  Tagen. Gebo- ren wurde ich bei Lorch in einem der großen Lagerhäuser des Klosters. Mein  Vater und meine Mutter waren vor meiner Geburt gezwungen dort zu bleiben,  denn der Winter war sehr kalt und mein Vater wollte nicht, dass meine Mutter  auf  dem beschwerlichen Weg ins Bärental die Wehen bekommen sollte. Mein  Vater hatte mir erzählt, dass er zum Hofe der Staufer gerufen worden war, um  neue Aufträge seines Herrn entgegen zu nehmen. Und meine Mutter war mit  ihm gezogen, da ihre Schwester in der Nähe einen Ritter geheiratet hatte und  dort auf  einer Burg, den Namen habe ich vergessen, lebte. Die Gespräche mit  den Staufern und meinem Vater dauerten sehr lange und so mussten sie dort  lange verweilen. In einem der Lagerhäuser, die man als Herbergen umgebaut  hatte, wurde ich geboren und natürlich auch mein Bruder. Das Bärental liegt am  Neckar in einem der Seitentäler nahe dem Stutengarten, das dem Markgrafen  von Baden gehört. Das Bärental gehört zum Staufischen Gebiet. Es gibt dort  zwei Linien der Bärentaler. Die eine, also die meines Vaters, sind die von Bären- taler und die anderen die von und zu Bärental. Das „zu“ haben die sich gege- ben, damit sie von den anderen Bärentalern unterschieden werden konnten und  weil sie alle Wegerechte im Bärental und bis zum Neckartal besitzen. Es gibt  dort keine Bären, aber zwei Felsen, die aussehen wie stehende Bären und weil  einer der Vorfahren stark wie ein Bär gewesen sein soll. Vater übernahm immer  wieder Dienste und wurde dafür immer reichlich belohnt. Er bekam Weinberge  und ein Dorf, das genau an der Grenze zu den Badenern liegt. Das durfte er  befestigen und hat dort auch eine kleine Burg angelegt. Unser bescheidener  Reichtum kam von den Erträgen der Weinberge, der Fischerei im Neckar und  vom Holz der Wälder. Und Vater hat sich auch gut mit den Deutschen Rittern  des Ordens verstanden. Immer wieder kamen Ritter des Ordens zu uns und in  einem der Lagerräume hinterließen sie Truhen, die dann von anderen Rittern  des Ordens geholt wurden. Die beiden Bärental Familien lebten in Eintracht 


4 miteinander und zwei der Söhne des von und zu Bärentalers gingen zu den  Ordensrittern. Als unserer Mutter starb, wollte mein Vater uns in die Obhut des  Hugo von und zu Bärental geben, aber wir wollten nicht und so nahm er uns  auf  diese Reise mit. Es sollte eine ungefährliche Reise sein, denn Vater sollte nur  ein Botschaft zu dem König von Schweden bringen. Er sollte sich den Mann  anschauen und dann sollte er über Gotland zurück nach Lorch reisen. Hier auf   der Insel sollte er zu einer Siedlung bei Visby gehen und gemeinsam mit einem  Otto von Kraz nach Lorch zurückreisen. Aber nachdem wir auf  der anderen  Seite der Insel gestrandet sind, konnte Vater den Auftrag nicht mehr erfüllen  und das Schicksal meines Bruders und meines nahm einen anderen Verlauf,  wie es unser Vater sich für uns gewünscht hatte.”  Mit jeden Satz, den Cristina  sprach wurde ihre Stimme fester. Peter schaute das Mädchen sehr eindringlich  an, er konnte sich nicht an das Bärental oder diese Familiengeschichte erinnern.  Diese Erinnerung fehlte ihm gänzlich. Er hatte seine Gedächtnislücken nur auf   Grund der Dokumente, die er bei sich trug und gelesen hatte, schließen kön- nen. Aber wenn das stimmte, was dieses Mädchen berichtete, dann war das eine  Verwandte von ihm. Und nun musste er sich wohl dazu bekennen. “Nun liebe  Cristina, bei allem Unglück, das dir und deiner Familie wiederfahren ist möchte  ich dir ein klein wenig Trost geben. Ich bin Peter von und zu Bärental und dein  Onkel. Du bist nicht alleine hier und ohne Schutz.” Dann stand er auf  und  nahm das Mädchen in seine Arme. Namenlos starrte die beiden erst verwundert  an und ging dann wortlos nach draußen.  Es war schon am späten Nachmittag, als Jarl Gund mit einem Mann und zwei   Kindern ankam. Sie waren überfallen worden, alle Männer bis auf  Gerd und  die beiden Kinder waren ermordet worden. Junge Frauen wurden gefangen,  die älteren alle erschlagen. Sie konnte nur fliehen, weil sie sich mit den Pferden  und Gerd am anderen Ende des Tales befunden hatte. In der Nacht waren sie  dann mit Gerd und den Pferden durch die Siedlung und die anderen Gehöfte  gezogen. In einem der Gehöfte fand sie die beiden Kinder in einem Erdloch  versteckt. Ihre tote Mutter lag über dem Erdloch und hatte damit den Kindern  ein Versteck geboten. Namenlos und eine andere Frau aus dem Dorf  nahm sich  der Kinder an. Gund hatte nicht gemerkt, dass eines der Kinder schon tot war  und das andere, ein Junge - vielleicht ein Jahr alt - auch nicht überleben würde.  Als das Gund hörte, brach sie weinend zusammen. Peter und Askold trugen sie  in die Hütte, die sie für sich beansprucht hatten und legten sie auf eine der Lie- gen neben der verletzten Sophia. Askold berichtete ihr von dem, was er gerade  gehört hatte. Nun wurde allen klar, dass sie hier nicht mehr lange sicher waren.  Wenn diese Krieger immer weiter in den Süden und Westen vordrangen, dann  würden sie hier bald auftauchen.  In dieser Nacht stellten sie Wachen auf. Am nächsten Morgen würden sie alles  zusammenpacken, was die Bewohner benötigten und sich auf  die Blauzahn- siedlung zurückziehen. Hier waren sie einer größeren Gruppe von Bewaffneten  schutzlos ausgeliefert.  5. Januar 6 am frühen Morgen in Brendas Dorf   Hektisch packten die Menschen des Dorfes alles zusammen. Die Pferde wur-


5 den nicht mehr zum Reiten fertiggemacht, sie sollten die wichtigsten Dinge  der Bewohner tragen. Sophia wurde auf  den Schlitten gepackt und bald nach  Sonnenaufgang machten sich alle bis auf  Askold auf  den Weg. Er blieb gut  bewaffnet mit einem Pferd zurück. Seinen Vorschlag, den er Peter in der Nacht  gemacht hatte, stimmte der Bärentaler sehr zögerlich zu. Aber um den Rückzug  zu schützen, musste das wohl sein, was Askold vor hatte. Der Zug war weit außer Sichtweite, als Askold begann, das zu tun, was er mit  Peter besprochen hatte. Die Gefangenen wurden an die Türpfosten der Hütten  gebunden, die Toten legte Askold in die Mitte des Dorfes und rammte ihnen  jeweils einen Holzpflock in die Brust. Das war eine sehr schwierige Aufgabe,  denn die Toten waren bereits steif gefroren, aber es gelang ihm dann doch. Die  Gebundenen sahen das und begannen sehr aufgeregt und schreiend an ihren  Fesseln zu zerren. Askold war sicher, dass die Gefesselten sich nicht befreien  konnten. Er wollte eine sichtbares Zeichen setzen, was den Kriegern passieren  konnte, wenn man sie fassen würde und wer würde in der Aufregung schon  merken, dass er diese Holzpflöcke ein paar Toten eingerammt hatte. Dann  begann er vor den Gefangenen etwas Holz aufzuschichten und das Holz mit Öl  zu befeuchten. Nun begannen die Gefesselten zu merken, was Askold vor hatte.  Einer begann zu brüllen, aber ihr Wächter brachte ihn sehr schnell zum Sch- weigen. Mit einem Stich ins Herz tötete er jeden der Gefangenen, bevor er die  Hütten und die Holzstapel anzündete. Als alles brannte, stieg er auf sein Pferd  und zog einen kleinen Stapel Holz hinter sich her, das er mit einem Seil an sei- nem Sattel befestigt hatte. Kaum war er losgeritten, begann es auch zu schneien.  Gut so, dachte er bei sich. Er wollte für die Krieger, die vielleicht bald kommen  würden, eine falsche, sichtbare Spur in eine andere Richtung legen.  Es dauerte sehr lange bis Askold die Flammen und den Rauch nicht mehr sehen  konnte. Er ritt bis zum späten Nachmittag und befreite das Pferd dann von der  Last des Holzes und suchte im Unterholz eines Waldes Schutz. Als er sicher  war, dass man ihm nicht gefolgt war suchte er sich im fahlen Mondlicht seinen  Weg, weg von der Stelle, wo er gewartet hatte.  16. Januar 1216 auf  dem Wege zur Blauzahnsiedlung Da die Flüchtlingen mit den vielen Menschen und Gepäck nicht schnell voran  kamen, hatten sie sich in einem Waldstück, weit ab von der verschneiten Straße  zu ihrem Ziel, ein Lager eingerichtet. Alle hatten frierend die Nacht überstan- den, alle waren soweit es ging ohne großen Schaden bis hierhergekommen.  Namenlos unternahm im Morgengrauen eine Erkundungstour in die Umge- bung, offensichtlich waren sie nicht verfolgt worden, denn sie hatte keine Spur  von Menschen, Pferden oder andere Anzeichen von Verfolgern gefunden. Dann  suchte sie einen Weg, den sie etwas verdeckt weiterreisen konnten.   Sie mussten weiter nordwestlich ziehen, denn auf  direktem Wege waren sie  durch das offene Gelände weithin sichtbar. Es hatte aufgehört zu schneien  und die Sonne schien etwas. Sie kamen sehr langsam voran. Cristina kümmerte  sich um die fiebernde Sophia, aber sie konnte ihr wenig helfen. Die Wunde  hatte sich entzündet und musste dringend behandelt werden. Aber auf  dem 


6 schwankenden Schlitten war das nicht möglich und einfach stehen zu bleiben  und eine längere Behandlung vorzunehmen, würde alle in Gefahr bringen. Sie  mussten weiterziehen. Gegen Mittag stieß Askold zu ihnen. Er nickte Peter nur  zu, der wusste nun, dass er alles erledigt hatte. Aber er brachte auch schlechte  Nachrichten mit. Die Krieger waren zwar seiner Spur gefolgt, aber als sie seine  verloren hatten, kamen sie auf die Idee, dem Weg nach Visby und damit auch  dem zur Blauzahnsiedlung zu folgen. Es waren etwas mehr als fünfzehn Män- ner, er hatte genau beobachtet, dass alle gut bewaffnet waren und die Pferde  brutal antrieben. Sie waren etwas mehr als einen halben Tagesritt von ihnen  entfernt, aber sie entfernten sich von ihnen, weil sie dem Weg nach Visby und  der Blauzahnsiedlung folgten. Sie mussten also die Richtung Nordosten genau  beobachten und wenn möglich noch etwas weiter westlich ziehen. Askold, der Bärentaler, den manche nun immer öfters nur noch Pet nannten,  Colja, Namenlos und auch Gund, die sich wieder stark genug fühlte, übernah- men abwechselnd die Sicherung zur gefährdeten Seite hin. Sie kamen nicht  schnell genug voran und würden auch an diesem Tag die Blauzahnsiedlung nicht  erreichen. Die Magd, die sie aus der Blauzahnsiedlung mitgenommen hatten,  kannte die Gegend gut und führte sie in ein kleines Tal noch weiter abseits von  allen Siedlungen. Ein paar Felsen und dichter Wald bot ihnen Schutz genug.  Namenlos prüfte von einigen hundert Schritt Entfernung, ob man die Flam- men des Feuers, das sie entfacht hatten, sehen konnte. Man sah und hörte selbst  in einer Entfernung von dreißig Schritten nichts. Also konnten sie nun alle an  ein paar kleineren Holzfeuern, die entfacht worden waren, wärmen. Wegen  der Gefahr, dass man riechen konnte, wenn sie sich etwas an warmer Nahrung  zubereiten würden, machten sie sich nur heißes Wasser, das sie mit etwas Wein  verdünnten. Aber es half  doch, die Glieder und die Köpfe zu erwärmen. Cris- tina, die sich etwas auf  Wundversorgung verstand, behandelte nun die Wunde  von Sophia. Sie musste ausgebrannt werden. Namenlos brachte die Klinge eines  Dolches rotglühend und ließ sich von Cristina anweisen, was sie tun sollte. Peter  gab ihr genug an Wein, damit sie etwas benommen war. Dann nahm er sie fest  in den Arm, steckte ihr ein Stück Holz in den Mund und als die Glut näher  kam, drückte er ihr kurz noch einen Lappen auf  den Mund, damit kein Schrei  zu hören war. Keine vier Wimpernschläge lang drückte Namenlos die Klinge  auf  die Wunde, dann kühlte Cristina die Wunde mit Schnee, den sie in einen  frischen Stofffetzen gepackt hatte. Sophia drückte Pet heftig die Hand weg von  ihrem Mund. Stöhnend giftete sie ihn an. “Du sollst mich festhalten und nicht  ersticken. Männer, brutal und dumm. Ich habe dich genau beobachtet. Dir hat  es wohl Spaß gemacht zu sehen, wie man mir das Eisen auf die Wunde drückt.”  Dann wurde es dunkel um sie herum. Sie war ohnmächtig geworden.  17. Januar 1216 auf  dem Weg zur Blauzahnsiedlung  Namenlos und Colja hatten im Umfeld von fünfhundert Schritten alles abge- sucht. Keine Spur ihrer Verfolger. Sie zogen weiter, die noch leicht fiebernde  Sophia lag immer noch schläfrig auf  dem Schlitten. Es ging nun besser voran,  denn der Wald war nicht mehr so dicht und der Schnee war nicht mehr so tief. 


Pet und Askold ritten etwas mehr als sechs - bis siebenhundert Schritte weit  weg und sicherten nach Nordosten ab. Gegen Mittag sah Askold einen Reiter,  der auf  dem bekannten Weg nach Süden ritt. Als der Reiter Askold sah, ritt er  auf  ihn zu. Der machte sich auf  einen Kampf  bereit, sah aber dann, als der Un- bekannte nahe genug war, dass es Oleg war, sein Freund aus der Blauzahnsied- lung. Sie begrüßten sich freudig und Askold berichtete kurz, was geschehen war.  Als Peter das sah, ritt er zu den beiden. Oleg kannte von einigen Jagdausflügen  die Gegend gut und bot sich an, die Flüchtlinge auf  dem schnellsten Wege zur  Blauzahnsiedlung zu führen. Und tatsächlich weit vor Sonnenuntergang trafen  alle wohlbehalten dort ein.  Noch am Abend musste Peter allen berichten, was geschehen war und Gund  konnte viele wichtige Fragen, die ihre Gegner betrafen, beantworten. Noch vor  Mitternacht kam der zweite Mann, Conlin zurück. Er hatte sich auf  Schleichwe- gen zurückkämpfen müssen. Keinen halben Tagesritt von ihnen entfernt lagerte  an der Weggabelung nach Visby ein Reitertrupp von fast dreißig Kriegern. Sie  hatten einen der Bauernhöfe, die am Wegesrand lagen, überfallen, alle Be- wohner gefangen genommen und sich dort niedergelassen. Er hatte dort auch  Packpferde gesehen, die Vorräte und Kriegsmaterial tragen mussten. Sie waren  eindeutig auf Kriegs- oder Beutezug. Erik, Peter, Lars, Melanie und Birgit saßen noch in der großen Halle vor einem  der Kaminfeuer zusammen und berieten, was man tun sollte. Gund kam zu  ihnen und bat, an der Beratung teilnehmen zu dürfen. Man sah ihr an, dass  sie sehr erschöpft war, aber sie wollte unbedingt ihren Beitrag leisten, wenn es  darum ging, diese Krieger zu vertreiben. Diese Mörderbande hatten ihre ganzes  Leben auf  das grausamste verändert. Was alle umtrieb war die Tatsache, dass sie  im tiefsten Winter solch einen Kriegszug unternahmen. Melanie saß lange Zeit  schweigend da. Aber als sie aufblickte und ihre Hand hob, wurden alle anderen  sofort ruhig. “Die wollen hierbleiben. Sie sammeln alles, was man für eine Sied- lung, die Bestand haben soll, braucht. Männer brauchen Frauen, sie brauchen  Nahrungsmittel, sie brauchen Werkzeug. Die wollen hier ein Reich aufbauen.  Die wollen hier sesshaft werden und für immer bleiben. Bevor man sie angreift,  vernichten sie alles, was man gegen sie verwenden kann. Männer in den Dör- fern, Lebensmittel, Pferde. Sie sammeln Waffen ein und vor allem sie verbreiten  Angst und Schrecken, damit man sie nicht einfach angreift. Peters Verwandte,  das Mädchen Cristina weiß, wo sie sind und wo sie ihr Lager haben. Sie meint es  sind um die dreihundert Krieger, vielleicht auch etwas mehr und dreißig män- nliche, meist jüngere Rudersklaven haben sie auch schon. Und wenn sie richtig  berichtet hat, kamen sie ohne Frauen hierher und nun sollen es schon mehr als  fünfzig oder mehr sein. Warum sie Rudersklaven erwähnte, weiß ich nicht, das  ist für diese Langboote doch nicht üblich oder?” Alle stimmt Melanie zu und sie  hatte recht mit der Frage, warum sie Rudersklaven hatten. Und vor allem, was  sie auch wunderte, warum sie einige jüngere Männer in ihre Reihen aufnahmen  und sie zum Krieger ausbildeten, so wie bei dem Bruder von Cristina. Lars stand auf  und schaute sich in der Runde um. “Die zu besiegen wird nicht  leicht. Die haben nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Also werden sie kämpfen 


8 ohne Gnade und ohne die auch zu erwarten, wenn sie sich ergeben würden.  Was das bedeutet wissen wir alle.”          Kapitel 20 13. Januar 1216 Nordheim um die Mittagszeit Heinrich, der Vogt und Otto hatten sich in das Amtszimmer zurückgezogen.  Meister Zange war bei den drei Gefangenen geblieben. Man wartete, was der  Knecht des Vogts für Dokumente, Schriftstücke oder anderes aus dem Quartier  der drei Einbrecher mitbringen würde. Kaum war um die Mittagszeit das Geläut  der Kirche verklungen, wurde ein Mann in die Stube geführt. Als er die Kappe  vom Kopf  zog, erkannte der Vogt ihn und stand auf. “Berthold, wo kommst du  her? Ich dachte du bist noch in Gandersheim, um mit dem Bauherrn zu verhan- deln. Wird es nichts mit den Holzlieferungen im Frühjahr?” Berthold schüttelte  den Kopf. “Nein Herr, das ist nicht der Grund, warum ich hier bin. Gestern  Abend kamen Reiter aus Braunschweig nach Gandersheim. Sie sind auf  der  Suche nach einem Herrn von Blau und einem Otto von Kraz. Die sollen zehn  Reiter aus Hildesheim verschleppt oder gar ermordet haben. Und die hätten  noch eine Magd des Bischofs entführt. In Gandersheim haben sie erfahren,  dass Otto von Kraz hierher nach Nordheim unterwegs ist. Und nun wartet man  noch auf  Reiter aus Hildesheim. Bisher sind es fünfzehn Kriegsknechte und es  werden sicher mehr werden. Der Braunschweiger sieht mal wieder einen Anlass,  sich Goslar und Nordheims ganz zu bemächtigen und alle Staufer Freunde zu  vertreiben.” Der Vogt stand auf  und reichte Berthold die Hand. “Danke mein  Freund, das ist gut, dass du mir über die Geschehnisse berichtest. Gehe in die  Küche, stärke dich und mache dich dann bereit, weiteres zu tun.”   Henrich und Otto schauten sich verwundert an, denn sie konnten sich nicht  vorstellen, was das zu bedeuten hatte. Sie sahen, dass der Vogt kurz überlegte  und sich dann wieder zu den beiden setzte. “Es ist nun Eile geboten. In der  Stadt kann ich euch schützen, aber nicht auf  dem Land oder auf  eurer Reise.  Also müsst ihr bald abreisen. Ich kaufe euch die Waffen ab, die kann ich ge- brauchen. Hier in der Waffenkammer sind die gut verborgen. Die Pferde, die  ihr zu viel habt, nehme ich auch und will euch gerne etwas Silber dafür geben  - oder wenn ihr Proviant braucht, dann gebe ich euch Proviant. Macht euch  bereit, abzureisen. Ich gebe euch einen Führer mit, der euch um Grona herum- führt. Dort bei Göttingen sitzt immer noch ein Vertrauter des Löwen und ihr  müsst über die Straßen bis Nordhausen. Dort versuchen die Braunschweiger  und die Staufer in Eintracht zu leben. Also seid ihr dort weniger in Gefahr.  Betreten die Stadt nur, wenn ihr müsst. Den Mann den ich euch mitgeben,  kennt die Gegend gut und es gibt im Umland einen großen Hof, dort wird man  euch Unterkunft geben. Ihr werden drei Tage dorthin brauchen. Das Wetter ist  gut, um euch die Verfolger noch etwas vom Halse zu halten. Aber sie ist auch  für euch bei dem Schneetreiben im Harz sehr beschwerlich. Ich muss mich nun  um die drei in der Waffenkammer kümmern. Die sind jetzt nicht nur lästig, die 


könnten mir jetzt auch noch nützlich werden.” Kaum hatte er den Satz beendet,  kam der Knecht, der das Quartier der drei Möchtegerndiebe untersucht hatte,  mit einem Lederbeutel zurück. Schnell schauten sich Otto, Heinrich und der  Vogt die Pergamente an und der Vogt entschied, dass Otto von Kraz die mit  nach Lorch und ins Stauferland mitnehmen sollte.  Dann verriet der Vogt seinen beiden Gästen, was er vorhatte, um ihre Verfolger  in die Irre zu führen. “Die drei in der Waffenkammer werden sowieso sterben.  Ob wir sie dem Richter übergeben oder wenn sie durch einen sehr unglückli- chen Zufall sterben. Wir können sie nicht leben lassen. Wenn die Braunschwei- ger hier auftauchen, gibt es Ärger, wenn sie die drei finden. Also werden sie sie  finden, aber sie werden nichts mehr erzählen können. Ich werde ihnen ein paar  Pergamentfetzen in die Tasche legen, die sie auf eine falsche Spur lockt. Wir  bringen sie zum Brunnenwirt, dort gibt es einen alten Hühnerstall, den der Wirt  an Huren und lustwillige Gäste vermietet. Wir legen sie dort hinein und zünden  den Stall an. Die Brandwunden müssen so sein, dass man sie noch erkennt, aber  ihre Verletzungen nicht mit dem in Verbindung bringt, was hier geschehen ist.  Wir löschen aber alles so schnell es geht, damit wir ein Unglück vorzuweisen  haben. Ich habe noch eine unbekannte Tote, die legen wir mit hinein, dann  sieht es so aus, als ob die im Rausch und bei der Hurerei den Stall angezündet  hätten. Die Ledertasche wird auch ein wenig Schaden nehmen, aber es wird so  viel noch zu lesen sein, dass die herausfinden, wo ihr offensichtlich hingerit- ten seid. Also dahin, wo ihr nicht seid.” Der Vogt atmete tief durch und sprach  dann weiter. “Geht jetzt und packt alles zusammen, was ihr mitnehmen müsst.  Macht eure Pferde bereit und wenn ich die Straßen frei habe, weil alle zu dem  Brand beim Brunnenwirt rennen, dann wird mein Mann euch aus Nordheim  hinausführen. Das Silber und ein paar Vorräte liegen bald in der Küche für  euch bereit. Geht nun, ich habe einiges zu erledigen!” Otto starrte empört den  Vogt an, aber Heinrich legte ihm seine Hand auf die Schulter und schob ihn  aus der Amtsstube. “Otto ich weiß, wie du denkst, aber für unserer Sicherheit  ist das Beste.” Otto schaute nun auch Heinrich wütend an. “Ohne ordentliches  Gericht jemanden zum Tode zu verurteilen und ihn in einem Hinterzimmer zu  ermorden und dann würdelos zu verbrennen ist das Beste für uns?” Jetzt packte  der Herr von Olsen mit seinen kräftigen Händen Otto an beiden Schultern und  hielt ihn fest. “Otto! Ein ordentliches Gericht, gibt es das? Wir haben Kodizes,  Gesetze und Verfügungen unserer Fürsten und der Kirche, aber glaubst du  denn wirklich, dass das hilft, die Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen? Der  Kaiser wird nur durch den Papst gebändigt, wenn der gerade mal stark und klug  genug dazu ist. Der Papst handelt selbstsüchtig und machthungrig und nicht  nach Gottes Willen. Die Kirche regiert durch Angst vor dem Fegefeuer. Der  Kaiser kann durch kein weltliches Gericht belangt werden und der Kaiser hat  Schwierigkeiten, seinen Adel zu bändigen. Die Macht geht vom Adel aus, weil  der die Mittel dazu hat. Recht wird da gesprochen, wo es dem System der Macht  dient oder wo es notwendig ist, die Bürger und Bauern ruhig zu stellen und die  gottgewollte Ordnung zu erhalten. Und daran wird sich nie etwas ändern. Nie li- eber Otto. Wer die Macht hat, hat das Recht! Wir retten uns selbst und bestrafen 


00 damit ein paar Lumpen, ist das nicht gerecht genug?”   Und so geschah es dann auch. Meister Zange erledigte die drei Delinquenten  schmerzfrei im Hühnerstall, sie wurden mit etwas Öl übergossen. Die Tasche  mit ein paar Fetzen legte man neben die Toten, die unbekannte Tote legte man  dazu und übergoss sie mit viel Wein und ihr Gesicht und die Haare mit Öl.  Dann zündete man das alles an, wartete eine Weile, bis man sicher war, dass  man das erreicht hatte, was man wollte. Dann rannte der Brunnenwirt auf  die  Straße und brüllte laut Feuer. Das Feuer war bald gelöscht, aber viele Bürger des  Ortes hatten sich dort eingefunden. Aus Neugierde oder weil sie helfen wollten,  das konnte man nie so genau wissen. Ungesehen kamen die Flüchtenden aus  Nordheim hinaus, allerdings hatten sie nun neue Begleiter. Der Mann des  Vogtes, Harald, ein Veteran der Kreuzzüge führte den Zug an, dahinter kam der  Wagen, wieder als Schlitten hergerichtet, jetzt von zwei Pferden gezogen. Auf   dem Bock saß Frau von Breitenbach und ihre Tochter Marta. Ihr Sohn Christian  ritt gemeinsam mit Lorentz hinter dem Schlittenwagen, zwischen den beiden  ging der große schwarze Hund, der sich nicht mehr von den jungen Männern  trennen wollte. Dann kamen Frida, Otto und Heinrich. Sie hatten guten Provi- ant erhalten, Silber und eine Nachricht für den Abt von Lorch. Zudem hatte  man ihnen zusätzliche  Decken, Mäntel und Felle mitgegeben, damit sie ohne zu  erfrieren auch draußen im Freien übernachten konnten. Der Schlittenwagen war  nun etwas leichter, weil die Speere, Schwerter und Kettenhemden der Söldner  nicht mehr mitreisen mussten und sie zwei Pferde vorgespannt hatten. In einem  Tongefäß führten sie eine Flamme mit, damit sie sich schneller Feuer machen  und wenn es sein musste, damit auch eine Fackel  entzünden konnten. Am . Januar 6 erreichten sie unbeschadet den besagten Hof bei Nordhau- sen. Sie wurden freundlich empfangen. Es stellte sich heraus, dass dieser Hof   eher einer Kaiserpfalz entsprach als einem größeren Bauernhof. Eine Mauer  umschloss alle Gebäude und die Stallungen boten genug Platz, um alle Pferde  einzustellen. Allerdings konnte man ihnen zum Schlafen nur einen Raum anbi- eten, aber sie konnten diesen mit den vielen Fellen und Decken gut unterteilen.  Der Raum maß gute zwölf  Schritte in der Länge und sieben Schritte in der  Breite. Allerdings war der Aufgang zu einem Turm mit in diesem Raum. Aber  der Boden war aus Holz und ein Kamin erwärmte das Ganze etwas.  In diesem großen Hof  lebten drei Familien mit ihren sieben Kindern, sechs  Knechte und zwei Mägde. Hier wurden oft die Boten der Staufer empfangen  und mit Proviant und wenn notwendig mit frischen Pferden versorgt. Der  vermeintliche Bauer war ein Ritter, der mit seinen früheren Kriegsknechten für  gute Dienste dieses kleine Lehen vom Kaiser bekommen hatte. Er lebte sehr  unauffällig, sodass man ihn in Ruhe ließ und er in Frieden ein wenig Land- wirtschaft betreiben konnte. Seine wahre Passion war aber die Pferdezucht. Er  züchtete Schlachtrösser und bildete sie auch manchmal selbst aus. Das Geschäft  mit diesen Pferden war sehr einträglich und bildete auch den Grundstein für  diese Gemeinschaft. Seine Treue zu den Staufern bewahrte er still in sich. 8. Januar 6 bei Sonnenaufgang in der Blauzahnsiedlung    Man sammelte sich beim Tor. Zwölf  Reiter, Lars, Erik, John, Jose, Alberto, Ju-


0 ris, Jorg, Wolfskopf, Willin, Betty, Silas und Colja. Sie ritten gut gerüstet auf der  Straße. Namenlos und zwölf  Bogen- und Armbrustschützen wurden mit Schlit- ten und Wagen etwas mehr als tausend Schritte von der Weggabelung gebracht.  Peter folgte später mit neun weiteren Reitern und sollte den Weg zur Blauzahn- siedlung schützen - zudem waren sie als Reserve vorgesehen. Sie würden sich in  einen Hinterhalt bei den Schlitten, Wagen und Pferden, die die Bogenschützen  dorthin gebracht hatten, legen.  Gegen Mittag hatten alle ihre Positionen bezogen. Die Reiten kamen über einen  Hügel auf  das eroberte Gehöft zu. Zuerst ritten sie hintereinander und dann  fächerten sie sich auf. Dann blieben sie etwas mehr als vierhundert Schritte vor  dem Gehöft stehen und beobachteten das, was da bei den Söldnern passierte.  Etwas mehr als zwanzig Reiter machten sich bereit, dazu kamen noch ein paar  Männer zu Fuß, die in einem lockeren Schildwall leicht nach links versetzt hinter  den Reitern hergingen. Rechts von ihnen mussten sie in einem Abstand von ein- hundert Schritten einen kleinen Wald passieren, den beobachteten sie aber nicht.  Als sie auf  etwa zweihundert Schritt an den Kämpfern der Blauzahnsiedlung  heran waren und ihre Pferde zum Galopp antreiben wollten, schwirrten Bolzen  und Pfeile auf sie nieder.  Namenlos und zwei ihrer Freundinnen hatten sich hinter einer Schneewehe ver- steckt, die etwas weniger als zwanzig Schritte von den Reitern entfernt war. Sie  hatten die besten Erfolge, denn jeder ihrer Bolzen warf  einen der Reiter vom  Pferd. Nur ein Pfeil traf einen der Reiter direkt und fünf weitere trafen Pferde  und verletzten diese allerdings erheblich. Ein Teil der verletzten Pferde brach  aus und versuchte den Schmerzen, den die Pfeile verursacht hatten, zu entkom- men. Daraufhin schoben sich die Fußsoldaten in Richtung des kleinen Wäld- chens, während die Reiter mit Verzögerung auf  die Blauzahnreiter zustürmten.  Sie wurden von den Pfeilen weiter dezimiert, denn noch mindestens zwei der  Reiter wurden getroffen und konnten nicht weiterkämpfen.  Dann ritten die Blauzahnleute an und der Kampf  von Reiter zu Reiter begann,  währenddessen sich die Fußtruppen gut durch ihre Schilde geschützt den  Bogenschützen näherten. Die drei mit den Armbrüsten hatten sie noch nicht  entdeckt. Kaum waren sie an der Schneewehe vorbei, brachen schon drei der  Krieger mit Bolzen in den Rücken zusammen. Jetzt sahen sie in einer Entfer- nung von knapp zehn Schritten die drei hinter sich. Sie drehten sich zu ihnen  um und öffneten dabei ihre Flanke. Nun traf  jeder Pfeil der Bogenschützen.  Nur zwei der Schildträger erreichte die Schneewehe. Namenlos konnte einen  noch mit einem Bolzen erledigen, der andere wurde von ihren Mitkämpferinnen  umkreist und nach einem sehr kurzen Kampf  ebenfalls niedergestreckt.  Sie sahen, dass sich der Feind von ihren Reitern löste und zum Hof  zurückritt.  Dort kamen aber nur vier Reiter an, alle anderen waren tot oder kampfunfähig.  Auf  dem Hof  sah man, dass sich mindestens dreißig Krieger bereit machten.  Schild an Schild standen zehn in der Front. Speere bereit und in der zweiten  Linie waren die Schwertkämpfer und in der dritten dann nochmals Krieger mit  Speeren zum Wurf  bereit. Etwas weiter dahinter sah man etwa fünf  Bogen- schützen.  Sie hatten ihre Reihen so aufgestellt, dass sie in den Flanken ein paar 


0 der Gebäude hatten und hinter sich einen Hügel.  Jon, Jose und Alberto waren verletzt und konnten nicht mehr in den Kampf   eingreifen. Namenlos blies in ihr Horn, das war das Zeichen für Peter, vor- zurücken.  Rechts war nun Namenlos mit den Schützen, in der Mitte Lars mit den Reit- ern und links kam Peter mit den Seinen. Schilde, Speere und Morgenstern und  Schwerter waren die Waffen der Reiter zur linken Seite.  Namenlos rückte bis auf einhundertzwanzig Schritte an die Söldner heran und  Lars bildete bald eine Linie mit ihnen Die Bogenschützen wurden von den Re- itern geschützt. Dann wurden fünf  Pfeilsaven auf  die Linien abgefeuert. Einige  Pfeile trafen, aber die Schilde waren gut und konnten den Pfeilen größtenteils  widerstehen. Peter rückte noch weiter nach links und in einer Entfernung von  einhundert Schritten ließ er anhalten. Fünf Reiter stiegen ab und hantierten an  großen Bündeln herum. Die Söldner auf  dem Hof  waren etwas irritiert. Sollten  sie angreifen, sie waren doch diesen Leuten aus der Blauzahnsiedlung überlegen,  zudem sahen sie viele Frauen in deren Linien und die waren doch leichter zu  überwinden als die paar alten Männer auf  ihren Pferden.  Dann sahen sie, dass die Reiter zur linken Feuer gemacht hatten und damit son- derbare Pfeile entzündeten. Der Bärentaler gab das Zeichen und fünf  Brand- pfeile flogen auf  die Schildreihe zu und bohrten sich in ein paar Schilde. Aber  das Feuer der Pfeile ließ sich nicht so einfach löschen. Die Schildreihe wurde  unruhig und es entstanden Lücken und die Pfeile von Namenlos Schützen  wurden genau in diese Lücken abgeschossen. Und immer wieder trafen Brand- pfeile Schilde oder nun auch die Dächer der Gebäude in den Flanken. Trotz des  Schnees auf  den Dächern entzündete sich eines der Dächer und die Flammen  suchten sich ihre Nahrung.  Die Söldner mussten nun entweder fliehen oder angreifen, einfach nur zu  warten, bis ihren Gegnern die Pfeile ausgingen konnten sie nicht. Also rückten  sie vor und mit ihnen auch ihre Bogenschützen. Und diese Männer verstanden  ihr Handwerk, Peter verlor mit den ersten Salven dieser Schützen zwei Pferde  und einen Mann, auch bei Namenlos gab es Verluste und Lars verlor sein Pferd  durch einen Pfeil. Das Pferd begrub ihn unter sich und er konnte sich aus dieser  Lage nicht befreien. Mit seinem linken Bein lag er unter dem sterbenden Tier,  das ihm im Todeskampf  drohte, sich noch weiter zu verletzen. Mit seinem  Schwert, das er nicht verloren hatte, tötete er im Liegen das Tier und befreite es  von den Schmerzen.  Peter rückte weiter nach links vor und befand sich bald auf  der Höhe der an- rückenden Söldner. Sie deckten sich nun mit ihren großen Schilden, die sie mit- gebracht hatten und nun kam ihr bester Schütze zu Einsatz. Innerhalb von nur  einer Minute streckte der die Pfeilschützen nieder und begann nun aus seiner  Deckung heraus auch die Schildträger zu attackieren. Der Schildwall wurde  immer lockerer und nun konnten auch die Armbrustschützen ihre Bolzen loss- chicken. Namenlos und ihre beiden Freundinnen wurden nun ebenfalls durch  Schilde geschützt und konnten gezielt ihre Gegner bekämpfen. Als der Schild- wall nur noch zehn Schritte von der Linie entfernt war, griffen alle mit Speeren 


0 und Schwertern an und der Schildwall war schneller durchbrochen als gedacht.  Der Bärentaler bekämpfte im Rücken des Walls die Gegner und bald waren alle  kampfunfähig oder gar tot. Aber es gab auch Verluste bei den Blauzahnsiedlern.     Kapitel 21 18. Januar 1216 in der Nähe von Göttingen, am frühen Morgen Otto hatte mit seinen Begleitern zum ersten Mal seit langem sehr komfortabel  nächtigen können. Der Raum, den ihnen der Gutsherr zur Verfügung gestellt  hatte, war groß genug und sehr gut ausgestattet, dass alle in ihm auf Betten  schlafen konnten. Keiner störte sich daran, dass Männer, Frauen und Kinder in  einem Raum nächtigten. Als Heinrich und Otto bei Morgengrauen aufwachten,  schliefen alle anderen noch tief  und fest. Leise schlichen sie sich aus dem Raum  hinaus, zogen sich ihre Wämse vor der Tür an und gingen in das Pferdegehege  hinunter, das teilweise überdacht war. Alle Pferde waren bestens versorgt, je- mand hatte sogar ihre Hufen gereinigt und ein paar wunde Stellen, die durch die  Sättel verursacht wurden, waren auch schon behandelt worden. Ihr Wagen stand  etwas abseits, gut geschützt vor den Blicken von Fremden, sollten welche in den  Hof  des Gutes kommen. “Riechst du das auch? Es duftet herrlich nach frischem Brot und heißen Würz- wein.” Heinrich hob seine Nase wie ein Wolf  in die Höhe und sog den Duft in  sich ein. Beide drehten sich in die Richtung um, wo sie die Ursache des Duftes  vermuteten. An der Türe zum Haupthaus stand ein Mann, mit einem grauen  Bart, dem Waffenrock eines Ritters und mit dem Wappen auf  seiner Brust,  das ihn als Staufer kennzeichnete. Er winkte den beiden. Als sie nahe bei ihm  waren, erkannten sie, dass dieser Mann zwar einen grauen Bart hatte, aber seine  Augen waren hellblau, wach und sahen eher sehr jung aus. Auch seine Bewe- gungen wirkten nicht so, wie man es bei einem älteren Menschen vermutete.  Gemeinsam traten sie ins Haus ein und da nahm der Unbekannte seine Mütze  ab und wallende, feste und graue Haare fielen ihm auf  den Nacken. “Ich bin  Gernot von Breitenbach, ein Onkel von Constanze von Breitenbach. Habt ke- ine Bedenken, ich will ihr und den Kindern nichts Böses. Ich war in Göttingen,  als ich hörte, was in Hildesheim geschehen ist. Der Vogt von Nordheim hat  Boten ins Land  geschickt, damit ihr sichere Reise habt, sofern das überhaupt in  diesen Zeiten geht. Leider ist einer davon in Göttingen von Löwenanhängern  fast gefangen genommen worden. Und ich konnte trotzdem von ihm erfahren,  welche Route ihr nehmen würdet. Nun der Bote ist, sagen wir mal einfach,  entkommen.” Gernot lachte laut. “In Göttingen sucht man einen kleinen  Mann mit einer Narbe an der rechten Wange. Den gibt es nicht mehr, es gibt  nur noch eine hübsche jungen Frau, die mit ihrem Onkel, also mir auf  Reisen  ist. Ich bin als Bote des Klosters Lorch unterwegs. Und nun bin ich wieder ein  Stauferbote. Verwandlung ist alles. Ja der Braunsbacher, ein Ritter der Staufer,  hat so seine Ideen, wenn es darum geht, ungesehen durch die Lande zu reisen.  Wie ich höre, hat der Herr von Bärental euch nicht erreicht. Ihr wisst nicht wo 


04 er ist. Es ist sehr wichtig für uns zu wissen, ob er auf Gotland angekommen  ist. Er hat wichtige Dokumente bei sich, die wir benötigen.” Dann hörte er auf   zu reden, schaut die beiden erstaunt an bis er dann weiterredete. “Entschuldigt,  es sprudelte einfach so aus mit heraus. Ihr seid jetzt sicher hungrig und würdet  gerne dem Duft von frischem Brot folgen und sehen wollen, ob es das wirklich  gibt. Folgt mir, die anderen aus eurer Reisegruppe sind sicher schon wach und  warten auf  euch.” Sie folgten Gernot, der voraus ging, in einen Saal. Dort saßen  schon viele Menschen. Der Hausherr mit all seinen Familienmitgliedern und  seinen Leuten und auch Constanze, Marta und Christian, Frida, Lorentz und ihr  Führer, der sie hierher begleitet hatte.  Als Constanze Gernot sah, wurde sie zuerst etwas nachdenklich und dann  wirkte sie sogar ängstlich. Gernot schaute sich um und als der Constanze  entdeckte, hob er beide Hände hoch. “Frau von Breitenbach, ich komme als  Freund und Beschützer. Ihr müsst keine Angst vor mir haben. Ich habe nichts  mit eurem Vater zu tun und auch nichts mit seinem Cousin, meinem Vater  oder seinem Bruder. Ich bin vor ihnen wie ihr geflohen. Bitte lasst mich euch  die Hände reichen.” Vorsichtig machte er ein paar Schritte auf  sie zu und blieb  dann stehen. Otto und Heinrich spürten deutlich, dass es Gernot sehr wichtig  war, Constanze friedlich und vorsichtig zu begegnen. Er wollte ihr keine Angst  machen und durch sein vorsichtiges Auftreten ihr Vertrauen gewinnen. Sie  stand auf  und ging langsam auf  ihn zu, sie musste wirklich keine Angst haben,  denn sie war von Freunden umgeben, die ihr jederzeit beistehen würden. Aber  es war trotzdem eine Überraschung, einen Verwandten hier weit weg von Burg  Breitenbach zu sehen. Stumm und erstaunt schauten sie sich an, bis sie langsam  aufeinander zugingen und sich dann in die Arme nahmen. Fest drückte Gernot  Constanze an sich. Es dauerte fast ein wenig zu lange bis er sie wieder freigab,  denn so eine Umarmung zwischen Mann und Frau, auch unter Verwandten,  war nicht sehr schicklich. Alle im Saale schauten nur auf  die beiden. Es war  leise geworden, nur das Feuer im Kamin war zu hören, sonst nichts. “Wo ist  dein Gatte Constanze? Ich sehe nur dort zwei junge Menschen, die neben dir  saßen. Sind das deine Kinder?” Nur Constanze konnte verstehen, was Gernot  sie gerade fragte, so leise sprach er. Sie deutete auf Marta und Christian und  gab ihm zu verstehen, dass das ihre Kinder wären. “Mein Gatte ist tot, Gernot.  Ein Unglück in Hildesheim nahm uns den Vater und Gatten. Wir reisen unter  dem Schutz der Herrn von Kraz und Heinrich von Olsen, Frida von Blau und  dem jungen Lorentz. Ich möchte es auch nicht versäumen, unseren vierbeini- gen Beschützer vorzustellen, der Graf  von Hund.” Dabei deutete sie auf ihren  neuen Begleiter, den großen schwarzen Hund, den die Kinder den Namen Graf   von Hund gegeben hatten. Die Sache mit dem Hund brach den Bann der äng- stlichen Spannung. Gernot nahm ohne Scheu nochmals Constanze in den Arm  und eilte dann auf  die Kinder zu. Da hatte er aber offensichtlich vergessen, dass  der Graf  von Hund, das nicht so ohne weiteres zuließ. Keine drei Schritte vor  den Kindern wurde er durch den Schwarzen gestoppt. Knurrend und zähnef- letschend stellte sich das Fellknäul vor Gernot und versperrte ihm den Weg zu  den Kindern. Marta stand auf, legte beruhigend eine Hand auf  den Kopf  des 


05 Tieres und nahm mit der anderen eine Hand von Gernot und führte diese zu  seiner Schnauze. “Das ist ein Freund Herr Graf, der darf  zu uns.” Dann reichte  sie Gernot ihre andere Hand und verbeugte sich dann schicklich vor ihm.  “Herrn von Breitenbach. Es freut uns ihre Bekanntschaft zu machen. Darf  ich  euch zu uns an den Tisch bitten, zu meinem Bruder und zu ...” Dann stockte  sie und konnte nicht mehr weitersprechen. Irritiert schaute sie ihren Onkel an,  seine tiefblauen Augen waren feucht und eine Träne lief  ihm über die Wange  und versank in seinem Bart. Ein Ritter, ein Mann der weinte und sich dessen  nicht einmal schämte oder sich verstecken wollte. Marta war nicht klein und  Gernot musste sich deshalb nicht tief beugen, um ihr einen Kuss auf  die Stirn  zu geben. Händchen haltend gingen sie die paar Schritte zum Tisch, wo sich  Christian schon erhoben hatte. Schweigend begrüßten sich die beiden, Gernot  legte seine Hände auf  die Schultern des Jungen. Dann drückte er ihn zurück auf   die Bank und setzte sich zwischen Marta und Constanze. Ein weiterer Bruch er  Sitten, an dem sich aber keiner störte, denn alle waren einfach überrascht und  bewegt, welche Gefühle sie da gerade sehen und spüren durften. Der Herr Graf   legte sich unter den Tisch und das allgemeine Schweigen löste sich wieder auf.   Eigentlich war dieser Montag ein Arbeitstag wie jeder andere, aber auf  diesem  Gutshof  wurde er zum Feiertag. Außer dem Versorgen der Tiere und ein paar  Arbeiten an den Stalldächern war wenig zu tun. Das Wetter gestattete es nicht,  dass man draußen tätig sein konnte, denn es schneite sehr stark und so blieb  man redend und ein wenig feiernd lange an der Tafel sitzen.  8. Januar 6 Gotland, auf  dem Schlachtfeld Bei den Reitern waren John, Erik und Lars schwer verletzt, Silas und Willis tot.  Bei den Bogenschützen waren drei Tote zu beklagen. Die beiden Begleiterin- nen von Namenlos waren erschlagen worden und zwei der Bauern, die sich ihr  angeschlossen hatten, in ihrer Reihen zu kämpfen, auch. Keiner von den an- deren Schützen war unverletzt geblieben. Der Bärentaler hatte drei seiner Leute  verloren, darunter den Riesen, der mit Merit, Mathias Frau mitgekommen war  und zwei Männer aus dem Fischerdorf. Der Bärentaler hatte einen üblen Streich auf  die linke Schulter erhalten, er  konnte den Arm nicht mehr bewegen. Namenlos blutete am Kopf, weil einer  der Kämpfer, der sich schon ergeben hatte, sie heimtückisch mit einem Pfeil an- gegriffen und sie an der linken Schläfe verletzte, bevor sie ihn mit einem Dolch  niederstrecken konnte. Schlimm stand es auch um einige Pferde, acht der Tiere waren tot oder mussten  von ihren Schmerzen durch das Schwert befreit werden. Vier waren verletzt,  konnten aber noch gehen und ihre Wunden waren nicht so schwer, als dass man  sie nicht behandeln konnte. Bei den Gegnern der Blauzahnleute sah es anders aus. Bis auf  neun Verletzte  und zwei Unverletzte hatte keiner überlebt. Von den neun Verletzten würden  wahrscheinlich zwei das Abendrot nicht mehr sehen.  Was Peter, Juris und Jorg wunderte, als sie die toten und verletzten Gegner  anschauten, war, dass die in der ersten Linie des Schildwalls mit denen in der  zweiten Reihe durch kurze Stangen aneinander gebunden waren. Als ob man die 


06 erste Linie dadurch zum Gehen zwingen wollte. Diese erste Line hatte aus- nahmslos aus sehr jungen Männern bestanden. Juris befragte einen der unver- letzten Söldner nach dem Grund für diese Stangen. Seine Antwort war etwas  merkwürdig. “Die sind neu zu uns gekommen und hatten noch keine lange  Ausbildung an den Waffen. Damit sie nicht umdrehen und davonlaufen können,  haben wir uns das ausgedacht. Sie mussten kämpfen und konnten sich auch  nicht ergeben. Hätten sie das versucht, wären sie von hinten erschlagen worden.  Fünf  haben wir ganz aus der Reihe herausgenommen, die waren einfach zu  dumm, zu erkennen, dass sie nun zu kämpfen hatten, die wollten wir nach  der Schlacht aufhängen, nun aber sind sie verbrannt.” Dabei schaute er zum  brennenden Gehöft hinunter. “Da sind oder waren noch Menschen in diesen  Gebäuden?” fragte Juris. “Ja, die fünf  und noch ein paar Frauen, mit denen  wir noch nach dem Gemetzel an euch unseren Spaß haben wollten. Der Bauer  und die Knechte sind schon hinüber.” Voller Wut knallte ihm Juris den Knauf   seines Schwertea an den Schädel und der Mann brach ohnmächtig zusammen.  Dann rannte er und Peter los und beide riefen laut. “Da sind noch Menschen  in den brennenden Gebäuden. Kommt schnell, wir müssen sie befreien.” Das  Feuer war noch nicht auf  alle Gebäude übergesprungen. Als sie näher an das  Feuer kamen, hörten sie auch Schreie. Schreie von Menschen in Todesangst.  Sie kamen tatsächlich aus dem Stall, der noch nicht brannte. Juris und Peter, der  nur seine rechte Hand benutzen konnte, versuchten die verbarrikadierte Tür  aufzubrechen. Erst als noch drei Männer hinzukamen, gelang es ihnen, den nun  brennenden Stall zu öffnen. Was sie sahen, war selbst für die durch die Schlacht  abgestumpften Augen furchtbar anzusehen. Fünf  nackte, gefesselte  Frauenkör- per lagen auf  dem Boden und fünf  junge Männer, ebenfalls nackt, waren mit  den Händen nach oben an einem Balken aufgehängt, die Füße eine Handbreit  vom Boden entfernt. Der Stall füllte sich schnell mit den Rauchschwaden und  die Helfer mussten sich beeilen. Peter der durch seine verletzte Hand nichts  tragen konnte, durchtrennte die Seile mit dem Schwert. Die Gepeinigten schlu- gen auf  den mit Heu bedeckten Boden auf und wurden dann nach draußen  getragen. Kaum hatten sie alle ins Freie gebracht, brannte die Scheune lichter- loh. Sie hatten vier tote Frauen und drei tote junge Männer geborgen. Erstickt  oder durch die Folter und Qualen elendiglich zu Tode gekommen,  die anderen  waren dem Tode sehr nahe. Gregorius, Gerretius, Isabella, Sasha, Cristina  und einige Mägde waren inz- wischen auch auf  dem Schlachtfeld angekommen und kümmerten sich um die  Verletzten. Isabelle eilte gemeinsam mit Cristina von Bärental zu den Verletzten  beim brennenden Hof. Schreiend rannte Cristina auf  einen der beiden noch  lebenden jungen Männer zu, kniete sich nieder und nahm ihn in die Arme. “Das  ist mein Bruder, bitte helft ihm, bitte!” Mehr konnte sie nicht sagen. Der Junge  hatte seine Augen aufgemacht und sie waren auf  seine Schwester gerichtet. Sie  sah nicht, dass sein gesamter Körper von dunkelroten Flecken bedeckt war. Of- fensichtlich hatte man ihn mit Knüppeln malträtiert. Zwei, drei Mal hustete er,  dann brachen seine Augen und sein Blick wurde stumpf. Er war tot, im selben  Moment gestorben wie der andere Junge, den man lebendig aus dem Inferno 


0 geborgen hatte. Isabelle konnte nur dem Mädchen helfen. Sie hatte nur ein  blaues Auge und einen wunden Rücken und  ihr Sitzfleisch war ebenfalls mit  roten Striemen überzogen. Offensichtlich hatte man sie ausgepeitscht, denn sie  wollte niemanden zu Willen sein und hatte sich heftig gewehrt, so berichtete sie  auf  jeden Fall. Isabella wickelte sie in ein paar Felle ein und gab Anweisung sie  auf  einen Wagen zu packen. Hier mussten diese Wunden nicht versorgt werden  und die anderen Wunden, die man nicht sah, konnte man an diesem Ort schon  gar nicht heilen oder behandeln.  Man stellte ein paar Wachen auf, die den Ort des Geschehens absichern sollten  und dann wurden alle Verwundeten entweder auf  Pferde gesetzt oder auf Wa- gen gepackt. Einige konnten auch noch gehen und man setzte sich in Richtung  Blauzahnsiedlung ab. Die drei verletzten Söldner, die zum Schluss noch am  Leben waren, nahm man mit, ebenso den toten Bruder von Cristina.  Nur die Wächter des Schlachtfeldes und die toten Söldner sowie die toten  Bewohner des Gutshofes blieben da liegen, wo sie gestorben oder niedergelegt  worden waren.   Es war bereits dunkel, als die Karawane mit den siegreichen Kriegern und  Verletzten in der Siedlung ankam. Alles war auf  das Versorgen der Verletz- ten eingerichtet und Verletzt waren alle, die an diesem Tage eine Waffe in der  Hand gehalten hatten. Dass es aber so viele Verwundete gab, das hatte niemand  gedacht. Selbst die verletzten Tiere wurden mit großer Sorgfalt behandelt. Viele blutige  Tücher wurden in dieser Nacht verbrannt oder gewaschen. Niemand konnte  oder wollte schlafen. Immer wieder waren Schreie von Verletzten zu hören,  wenn die Schmerzen sie zu sehr quälten.  In der kleinen Kapelle hatte man die Toten aufgebart. Peter kniete mit Cris- tina neben dem Leichnam ihres Bruders. Gregorius stand am Altar und sprach  Gebete für alle. So ergriffen und geschockt hatte man ihn schon lange nicht  mehr erlebt. Es quälte ihn sehr, denn für ihn wie auch für viele andere in der  Blauzahnsiedlung war jeder Verletzte oder  gar Getötete einer solchen Aus- einandersetzung eine Verschwendung an Leben und Gesundheit. Sinnloses  Sterben, sinnloses Streiten und sinnloses Vernichten, immer wieder sprach er es  aus und betete zu seinem Gott, dass er es nicht zulassen solle. Der Bärentaler  hatte einmal zu ihm gesagt, wenn man die Kräfte, die man für Schlachten und  Kriege aufwenden würde, dazu benützte, Felder zu bestellen, Tiere zu hüten  und Häuser zu bauen, müsste niemand frieren oder hungern. Aber es gab of- fensichtlich niemand, der die Menschen dazu brachte, darüber nachzudenken  und es anzupacken. Dem Bärentaler war es bald sehr unangenehm, als sich die junge, trauernde  Frau an ihn klammerte, weil sie hoffte, bei ihm Trost und Schutz zu finden. Er  war doch selbst verzweifelt, er hatte getötet und Menschen durch sein Anleiten  in den Tod geschickt. Er musste mit jemanden darüber reden, er konnte jetzt  keinen Trost spenden. Er löste sich vorsichtig von Cristina und schlich sich aus  der kleinen Kapelle. Cristina folgte ihm, wie in Trance lief  sie hinter ihm her.  Peter ließ es zu.  


08 Kapitel 22 20. Januar 1216 Gutshof  bei Göttingen Otto, Heinrich und Frieda berieten, wie sie denn ihre Weiterreise gestalten  sollten. Gernot von Breitenbach entwickelte sich in seiner Anhänglichkeit  zu  Constanze und ihren Kindern zu einem Hemmnis. Constanze wollte unbed- ingt weiter nach Lorch, aber die Kinder waren inzwischen so vernarrt in ihren  Onkel, dass es ihnen sicher schwerfallen würde, sich von ihm zu trennen, wenn  sie weiterreisen sollten. Selbst Lorentz hatte einen Narren an dem Ritter und  Stauferboten gefressen oder besser an seiner weiblichen Begleitung. Melusine,  so lautete der Name der jungen Frau, war zwar schon einiges älter als Lorentz,  aber das störte ihn offensichtlich nicht. Und Melusine schien auch Gefallen an  dem jungen Mann gefunden zu haben.  Am späten Nachmittag dieses Tages kam ein Bote aus dem Staufergebiet. Aus  Lorch über das Michaelskloster bei Heidelberg war er zuerst in Fulda gestran- det. Dort musste er auf Nachrichten aus dem Norden warten, die nicht kamen.  Deshalb machte er sich auf, um Gernot und Melusine zu suchen. Er wusste,  dass er sie hier im Gutshof finden würde oder besser gesagt, dass man hier  wusste, wo er zu finden war. Fünfzig Tage hatte er auf eine Nachricht des  Jakob von Bärental gewartet und die war nicht eingetroffen. Deshalb sollte er  nun Gernot und Melusine den Auftrag übermitteln, Jakob zu suchen. Gregor  der Suewenknoten, so nannte sich der Bote, war ein drahtiger, großer Mann.  Seine langen, rotblonden Haare hatte er auf  seinen linken Hinterkopf  zu einem  Knoten zusammen geflochten. Und wie es schien, war er ein sehr mutiger Bote.  Er trug offen auf  seinem Wams und auf  seinem Schild das Wappen der Staufer.  Was hier an der Grenze zum Braunschweiger nicht ganz ungefährliche war.  Als Gregor Gernot und Melusine die Aufträge seines Herren übermittelt  hatte, begannen die beiden unvermittelt, sich auf  ihre Abreise vorzubereiten.  Sie wussten nur, dass Jakob von Bärental mit seinen beiden Kindern unter- wegs nach Gotland war, um sich dort eine Siedlung, die von den Bewohnern  Blauzahnsiedlung genannt wurde, anzuschauen und einen Herrn von Kraz zu  suchen. Gernot hatte nun den Herrn von Kraz gefunden, aber die Siedlung  hatte er offensichtlich nie erreicht. Und Jakob hatte Dokumente bei sich, die  man besser nicht einfach irgendjemand zeigen sollte. Diese waren für den Herrn  von Kraz bestimmt.  Der Abschied am kommenden Morgen war zwar herrlich, aber für Lorentz viel  zu schnell. Melusine schaute den Jungen an, umarmte ihn schnell und schwang  sich auf  ihr Pferd. Gernot schaute seine Cousine nur an, streichelte ihren beiden  Kindern kurz über den Kopf  und saß schnell auf  sein Pferd. Ohne sich umzus- chauen ritten beide davon.  “Was war das denn?” frage Otto Constanze verwundert. Sie lächelte ihn etwas  verlegen an. “Der Kaiser verlangt von seinen Leuten unbedingte Treue und  den Willen, sich seinen Wünschen ganz und gar unterzuordnen. Alles was sie  von ihren Aufgaben ablenken könnte, müssen sie vergessen, wenn sie ihre  Aufträge erhalten. Und wir würden die beiden mit einer langen Abschiedsszene 


0 nur ablenken.” Sie zwinkerte Otto zu, lächelte etwas kräftiger und verschwand  dann aus seinen Augen. Das sollte sie mir mal erklären, war die Meinung von  Otto und wollte hinter ihr hergehen. Heinrich hielt ihn aber zurück. “Lass ihr  etwas Zeit, ihren Schmerz wegzulächeln. Die beiden waren die ganze Nacht  zusammen und haben geredet. Ich habe versehentlich etwas lauschen können.  Es hat Constanze gut getan, mit ihm zu reden. Die Trauer um ihren Mann  trägt sie noch immer mit sich und sie konnte Gernot alles erzählen, was sie so  bewegt. Und was ich noch erfahren habe: Melusine ist ein Balg unseres Kaisers.  Gezeugt mit einer Hofdame des Braunschweigers. Dieser Mann muss doch  überall Spuren hinterlassen. Und nun setzt er dieses arme Wesen gegen ihre  eigene Familien ein. Aber so ist er. Er trägt alle charakterlichen Züge eines zum  Herrscher Geborenen in sich. Von gerecht, rechtschaffen bis zu selbstgerecht.  Von einfühlsam bis zu ungezügelt, von naiv bis zu unsagbar gebildet und klug  ist alles in ihm zu finden. Er ist ewig hungrig nach Wissen und Macht. Und  wenn er gerade mal keinen Krieg führt, zeugt er Nachkommen.” Otto musste  über diese Analyse des Kaisers lachen, Heinrich hatte sehr wahrscheinlich recht.  Machthunger, Gier, Grausamkeit, Selbstverliebtheit und Kinderzeugen waren  für viele der Fürsten der Inhalt ihres Lebens. Und alle die ihnen dienen sollten  waren Schachfiguren in ihrem Spiel, deren Regeln sie selbst bestimmen wollten.  Wäre da nicht die Mutter Natur, die Kirche und ein paar andere Schachspieler,  die ihnen etwas entgegensetzten konnten.  Am . Januar 6 machte sich nun die Reisegruppe auf  in Richtung Fulda.  Sie planten diese Reise sehr genau, sie wollten unterwegs so wenig wie möglich  anderen Menschen begegnen und so packten sie alles, was sie für die Reise  benötigten, auf den Wagen oder auf  die Pferde. Nach dem Morgengebet ritten  sie los. Ihr neuer Führer Gregor kannte den Weg sehr genau und so reisten sie  die ersten Stunden ohne die kleinsten Beschwernisse. 22. Januar 1216 Gotland, Blauzahnsiedlung  Knorre hatte sich seit zwei Tagen in den Turm am Tor zurückgezogen. Es tat  ihm einfach leid und er war auch wütend, dass er den Verletzten nicht helfen  konnte und durfte. Er war nur einmal ganz kurz bei Sophia, die hatte ihn aber  nach ganz kurzer Zeit wieder weggeschickt, weil sie alleine sein wollte. Aber er  musste sehen, dass Peter und dieses Mädchen Cristina dann zu ihr gingen und  sehr lange bei ihr bleiben durften. Und den anderen konnte er nur Wasser zum  Trinken bringen und den Heilerinnen durfte er nicht beim Wechseln der Ver- bände helfen. Er kam sich nutzlos vor. Also nahm er einen Speer, ein Schild und  stieg auf den Turm und hielt dort bei eisiger Kälte Wache. Niemand glaubte,  dass sie Besuch bekommen würden oder dass sie angegriffen werden konnten,  aber Knorre wollte etwas Nützliches tun - also hielt er Wache. Er redete sich  ein, dass alle viel zu schwach seien und nur er noch genügend Kraft dazu besaß,  die Siedlung zu bewachen. Ganz unrecht hatte er damit nicht. Es gab zu viele  Verletzte und die anderen waren erschöpft vom Kampf  oder sie waren müde,  weil sie sich um die Verwundeten kümmerten. Er hatte sich einen kleinen Feuer- korb geholt und den auf  dem Turmplateau aufgestellt. Ein großes, schwarzes 


0 Fell, das er sich umgelegt hatte. ließ ihn kräftiger erscheinen als er war.  Nur einmal musste er den Turm verlassen, als der Zug mit der Beute und den  Wächtern des Schlachtfeldes kamen. Drei Schlitten voll mit Waffen, Rüstungen  und auch ein paar anderen Beutestücken von großem Wert waren durch das Tor  gezogen. Dann war es wieder verschlossen worden und Knorre bezog wieder  seine Stellung auf dem Turm. Eine Magd brachte ihm zweimal am Tage etwas  zu essen und trinken. Den Eimer mit seinen Verdauungshinterlassenschaften  kippte er einfach über die Brüstung der Brustwehr nach draußen.  Manchmal musste er die Augen schließen oder einfach nur auf  den Boden  schauen. Vor allem dann, wenn das Sonnenlicht durch die Wolken auf  den Sch- nee schien. Dann brannten ihm die Augen und er musste sich davon abwenden.  In der beginnenden Dämmerung meinte er an diesem Spätnachmittag etwas auf   dem verschneiten Weg zum Tor zu sehen. Ganz weit weg, fast am Waldrand sah  er ein paarmal Bewegungen, die er nicht einordnen konnte. Er schaute lange  sehr intensiv dort hin. Dann erkannte er es, was sich da bewegte. Das waren  Reiter, die nur kurz aus dem Dunkel des  des Waldrandes herausritten, um dann  sehr schnell wieder zu verschwinden. Als die Magd ihm sein Essen brachte, gab  er ihr den Auftrag, einen der Herren zu bitten zu ihm zu kommen, da er etwas  gesehen hatte.  Jorg Jorgsen und Juris kamen zu ihm auf  den Turm um befragten Knorre, was  er denn gesehen habe. “Da am Waldrand ist etwas. Ich habe mindestens drei  Reiter gesehen. Ein schwarzes Pferd mit einem Reiter, der so etwas wie einen  roten Umhang trug. Ein Reiter auf  einem schwarzen Pferd ohne einen roten  Umhang und noch einen Reiter auf  einem weißen Pferd. Sie ritten immer  kurz aus dem Wald, dort bei dem drei Tannen. Dann verschwanden sie bei der  umgestürzten Eiche, wo der Weg in den Wald führt wieder ins Dunkle. Zuerst  konnte ich es nicht richtig sehen, weil das Licht nicht gut war, dann aber habe  ich es mindestens fünfmal gesehen, dass da jemand herausgeritten kam und wie- der verschwand.” Jorg und Juris schauten rüber wo Knorre hindeutete, aber es  war inzwischen viel zu dunkel, als dass man da etwas entdecken konnte. Lange  starrten sechs Augen in Richtung Wald. “Seht ihr das auch? Es hat schon zweimal etwas Helles dort aufgeleuchtet. Da  hat jemand Feuer gemacht und will es verdecken, aber es scheint so, dass es  immer wieder zu hoch loderte und sie es nicht ganz verdecken konnten.“ Jorg  Jorgsen deutete dort hin, wo er das Licht gesehen hatte. Und tatsächlich konnte  man immer wieder einen leichten Lichtschimmer erkennen. “Wer das wohl sein  mag, der dort draußen im Wald ein Feuer entzündet hat.” fragte Juris die beiden  anderen. “Ich verständige mal Lars, Erik und den Bärentaler. Obwohl die gerade  nicht gut zu Fuß sind, sollten die sich das anschauen.” Gesagt und schon ver- schwand er nach unten.  Lars, Erik, der Bärentaler, Melanie und Lisa stiegen auf  den Turm und bald  sahen auch sie den schwachen Lichtschein eines Feuers aus dem Wald. Bewe- gungen waren nicht mehr zu sehen, dazu war es inzwischen zu dunkel. “Das sollten wir uns anschauen, bevor wir von jemanden, der uns nicht leiden  kann, überrascht werden.” Alle nickten zustimmend. Nur - wer sollte zu dieser 


Stunde sich dort anschleichen und auskundschaften, was dort los war?  Der Bärentaler hatte zwar noch Schmerzen, bot sich aber an, die Kundschafter  zu führen. Nadine sollte ihn mit den Hunden, Judit, Oleg und Simon begleiten.  Sie mussten sich über den Bach über die linke Seite heranschleichen. Der Bä- rentaler sollte sich von rechts mit Jorg Jorgsen und Wolfskopf  heranschleichen.  Alle bewaffneten sich gut, umwickelten aber ihre dunklen Kleider mit weißen  Tüchern, damit man sie nicht so schnell entdecken konnte.  Besorgt schauten Melanie mit Erik und Lars lange Zeit vom Turm in Richtung,  wo sie das Feuer gesehen hatten. Es dauerte sehr lange bis sie sahen, dass das  Feuer unvermittelt höher aufflackerte. War das ein gutes Zeichen? Mit dem Bä- rentaler hatten sie vereinbart, dass sie wenn möglich eine Fackel anzünden und  ihnen damit ein Zeichen des guten Gelingens geben sollten. Dieses Zeichen gab  man ihnen nun. Dreimal wurde eine Fackel nach oben gehoben und zweimal  nach links. Das Zeichen, dass man Hilfe benötigte, blieb aber aus. Also schauten  sie weiter in Richtung des Feuers.  Dann sahen sie, wie ein Fackelzug sich aus dem Wald heraus auf  das Haupttor  der Blauzahnsiedlung zubewegte. Man sah nur das Licht der Fackeln und ein  paar Schatten, die sich bewegten. Lars und Melanie waren zu besorgt, als dass  sie einfach nur den Fackelzug auf  sich zukommen lassen wollten. Es wurde  Alarm gegeben und wer konnte, bezog seine Position auf  den Palisaden und  Mauern. Der Fackelzug bewegte sich sehr langsam, langsamer wie ein Mensch  laufen konnte.  Es dauerte eine kleine Ewigkeit bis Simon aus erste im Schein der Lichter vor  dem Tor auftauchte. “Es besteht keine Gefahr. Wir bringen ein paar Verirrte  und Verletzte.” Dann sah man die anderen aus dem Dunkel ins Licht der Fack- eln und Kerzenlampen kommen. Auf  drei Pferden saßen sechs Menschen und  auf  zwei Tragen lagen weitere Personen.  Melanie war als erste vom Turm nach unten gerannt. “ Das sind doch alles  Kinder! Oder? Was ist das denn?” Der Bärentaler schüttelte den Kopf. “Nein  nicht nur Kinder, aber alle junge Menschen. Wir müssen uns um die Verletzten  kümmern. Auf  den Tragen liegen zwei Mädchen oder junge Frauen und auf   einem der Pferde sitzen noch zwei Jungs, die auch ordentlich zugerichtet sind.”  Helfende Hände halfen den Reitern von den Pferden und die Tragen wurden zu  Haupthaus gebracht.  Erst im Licht der großen Halle, wo immer noch viele Verletzte lagen, sah man,  dass keines dieser jungen Menschen unverletzt war. Man brachte sie alle, acht  an der Zahl, zum Kamin, wo es am wärmsten war. Schnell wurde Honigwasser  warm gemacht und ihnen zum Trinken gegeben. Dann schaute sich Melanie,  Sylvia und Beatrice die Mädchen an und Gerretius und Gregorius sahen sich die  beiden Knaben an. Sie waren alle durchgefroren und von blauen Flecken und  Striemen überseht.  Melanie nahm Peter zur Seite. “ Was ist denn mit denen passiert? Die haben  alle ordentlich Prügel bezogen oder? Das sind bis auf  die beiden Knaben aber  keine Kinder mehr. Die Mädchen sind alle zwischen dreizehn und sechzehn  Jahre alt. Die Knaben vielleicht zehn oder elf. Wir untersuchen als erstes einmal 


die beiden Mädchen auf  den Tragen. Weißt du was denen passiert ist? Fragen  können wir die jetzt nicht. Die weinen sich bald in eine Ohnmacht oder in den  Schlaf.” Peter deutete auf eine der jungen Frauen. Sie war offensichtlich die  Größte und Älteste. Sie war um die sechzehn Jahre alt und die Einzige von den  Neuankömmlingen, die einigermaßen ordentliche Kleider anhatte.  Melanie schaute sie an. Stumm schaute sie sich um und schien tief  betroffen zu  sein. Sie weinte nicht, aber man sah ihr an, dass sie bald keine Kraft mehr hatte,  zu stehen oder auch nur eine weitere Bewegung zu machen.  Melanie und Peter gingen auf  sie zu. Rechtzeitig waren sie bei ihr, um sie auf- zufangen, als ihr die Beine einknickten. Halb in der Ohnmacht sagte sie leise zu  Melanie. “Helft den anderen, ich bin nur müde.” Dann war keine Kraft mehr in  ihr. Melanie und Peter legten sie auf eine der Decken auf  dem Boden. Jemand  reichte dem Bärentaler ein blankpoliertes Stück Metall, das als Spiegel diente. Er  prüfte ihren Atem. Das Metall vor ihrem Mund und Nase beschlug etwas. “Sie  atmet noch.” Melanie schob ihre Hand unter das Kleid um den Herzschlag zu  fühlen. Sie nickte nur. Also lebte die junge Frau.  Was war da geschehen? Wer waren die jungen Menschen? Kapitel 23 26. Januar 1216 vor Eschwege in einem Wald  Otto und seine vielen Begleiter kamen nur langsam voran. Es schneite seit  einem Tag nach ihrer Abreise vom Gutshof  heftig und sie mussten in einem  dichten Waldstück eine längere Rast einlegen. Sie hatten einen geschützten Platz  gefunden, dort waren Menschen und Tiere weitgehend geschützt vor dem dich- ten Schnee und dem eisigen Wind. Aber bis auf  Heinrich und Lorentz beka- men alle eine Erkältung. Husten, Schnupfen und auch leichtes Fieber machten  sich breit. Vor allem Constanze fieberte heftig und man legte sie in Decken  eingepackt neben das Feuer, das man seit Stunden nicht ausgehen ließ. Heinrich  kümmerte sie liebevoll um die Fiebernde. Er hatte genug Erfahrung auf  seinen  langen und beschwerlichen Reisen gesammelt und wusste mit Fiebernden um- zugehen. Allerdings hatte Heinrich bisher nur männliche Kameraden behandelt  und so bat er Frida, ihn zu unterstützen. Das konnte sie aber nicht allzu lange,  weil auch bei ihr das Fieber immer heftiger wurde.  Heinrich schickte Lorentz los. Er sollte nach einer festen Bleibe suchen. Hier  im Wald, auch wenn ihr Lagerplatz gut geschützt war, wollte er nicht lange mit  den Fiebernden ausharren.  Lorentz war nicht allzu lange weggeblieben. Als er  zurückkam berichtete er Heinrich von einem verfallenen Mauerstück und einem  Turm. Feste Mauern und ein Dach, das weder Regen noch Schnee durchlassen  würde, wäre sehr komfortabel. Unter Mühen wurde der Wagen gepackt, die  Kranken mussten alle sitzen, sonst hätte man sie nicht transportieren können.  Die Waffen und ihr Gepäck mussten sie zurücklassen. Otto war kräftig genug,  um alleine mit diesen Dingen in ihrem Waldversteck zurückzubleiben, bis man  ihn zusammen mit dem Gepäck abholen würde.


Lorentz hatte das Gelände und die Ruine schon gut ausgekundschaftet und sie  mussten nur ein paar Bretter und etwas Geröll zur Seite schaffen, sodass sie  bald einen Raum von acht auf  zehn Schritte hatten. Nur ein kleines Loch in  der steinernen Decke des Turms war offen und darunter legten sie ihre Feuer- stelle an. Die Pferde konnten sie alle in einem kleinen Hof hinter dem Turm  unterbringen. Der war allerdings von einer Mauer umgeben und sie mussten die  Pferde durch den Turm hindurchführen, um dort die Pferde einstellen zu kön- nen. Ein altes Holzdach bot den Tieren genügend Schutz vor dem Wetter. Hein- rich und Lorentz benötigten für den Aufbau des Lagers länger als sie dachten  und erst kurz vor der Dämmerung konnte der Herr von Olsen losziehen, um  Otto und die Waffen zu holen. Otto fütterte die Flammen des kleinen Lagerfeuers ständig, aber das Holz, das  er zum Nachlegen fand, war sehr feucht und brannte nicht mehr sehr gut. Die  Feuchtigkeit bildete einen dicken Nebel in der Kuhle, wo Otto saß und bald  musste er immer heftiger husten. Er war durch das Husten, den rauchigen  Nebel so abgelenkt, dass er nicht merkte, dass er beobachtet wurde. Zuerst  waren es zwei hellgelbe Augen die ihre Blicke auf  ihn richteten. Dann waren es  sechs Paare, die ihn versuchten zu beobachten. Auch diese Augen wurden durch  die Rauchschwaden an einem guten Sehen gehindert. Otto wurde erst durch  ein auffälliges Niesen auf die Beobachter aufmerksam. Einer der Beobachter  musste unentwegt niesen, die beiden anderen standen etwas weiter abseits.  Dann entdeckte Otto die drei Observierer. Etwa zehn Meter entfernt sah Otto  den ersten Wolf, genau in den Rauchschwaben niesend stehen, die beiden an- deren standen weiter rechts von ihm auch etwas mehr als zehn Schritte von ihm  entfernt und beobachteten ihn einfach neugierig. Gegen drei Wölfe war Otto  machtlos, das war ihm sofort klar. Also musst er dafür sorgen, dass mindestens  zwei sich davon machten. Er bewarf  die beiden rechts von ihm mit ein paar  rauchenden und glimmenden Stücken aus seinem Feuer. Die beiden sprangen  zur Seite und wichen des Geschossen geschickt aus. Sie vergrößerten ihren  Abstand zu Otto um einige Schritte, machten sich aber nicht davon. Der Wolf   mit dem Niesanfall hatte sich inzwischen hingelegt und versuchte seinen trän- enden Augen mit den Pfoten zu säubern. Otto verstand nicht, dass dieser Wolf   nicht einfach vor den Rauchschwaden davonlief. Er nahm ein Schwert und ging  langsam aber laut schreiend auf  diesen Wolf  zu. Der reagiert nicht auf  ihn,  sondern musste weiter niesen und rieb sich die Augen. Als Otto nur noch drei  Schritte von diesem Wolf  entfernt war sah er, dass eines der Hinterbeine stark  blutete und so etwas wie ein Draht oder eine Schlinge an diesem Bein hing. Das  Ende dieser Schlinge hatte sich an einem Ast verfangen und der Wolf  konnte  sich kaum wegbewegen. Dieses Untier würde ihm nicht gefährlich werden  können. Die beiden anderen Wölfe warteten in einem Abstand von gut zehn  Schritten immer noch darauf, dass etwas geschehen würde. Die beiden waren  wesentlich kleiner als der der Nieser. Das ist eine Mutter mit ihren Welpen,  dachte Otto bei sich.  Dann schaute sich Otto um. Wenn der gefangene Wolf  noch weiter so  strampelte, würde er sich die Pfote noch abschneiden oder sich so verletzen, 


4 dass er nie wieder gehen konnte. Soll ich ihn töten und die beiden Welpen  würden dann wohl des Hungers sterben oder jemand anderes erlöste sie vorher  vor dem Hungertod. Otto konnte sich nicht entscheiden. Es wäre ein Leichtes  gewesen dem Wolf, der sich nicht richtig wehren konnte, mit dem Schwert zu  erschlagen. Aber wollte er das? Der Wolf  jaulte voller Schmerzen auf  und die  beiden Welpen näherten sich der Mutter.  Dann wurde ihre Aufmerksamkeit von etwas abgelenkt, das Otto voller Erleich- terung einen freudigen Seufzer entströmen ließ. “Heinrich, ich bin froh, dass du  kommst. Hier ist eine Wölfin, leider in einer Schlinge gefangen und verletzt und  dort drüben sind ihre Welpen. Was soll ich tun?”  Heinrich sprang vom Wagen und kam auf  Otto und den Wolf  zu. Er schaute  sich die Wölfin aus einem sicheren Abstand an. “Normalerweise würde ich den  Wolf  erschlagen, aber ich kann nicht eine Mutter erschlagen, wenn die Welpen  da sind. Ich hole eine Decke und ein Paar Sticke. Wir werden den Wolf  fesseln  und ihn dann von der Schlinge befreien. Den Rest überlassen wir der Natur.”  Heinrich war so geschickt mit der Decke und den Seilen, dass er schnell den  Wolf  soweit fesselte, dass er niemanden verletzten konnte. Dann befreite er die  Hinterpfote von der Schlinge. Regungslos ließ der Wolf  alles über sich erge- hen. Er zerrte nicht an den Seilen, versuchte nicht die Decke von seinem Kopf   wegzuziehen, fast regungslos lag er da. Heinrich eilte in die Kuhle und holte von  dort einen großen Lederbeutel. Eine Nadel aus einer Fischgräte und einen dün- nen Wollfaden hatte er schnell zur Hand und nähte die Wunde zu. Nur einmal  zuckte die Wölfin vor Schmerzen zusammen, brummte böse unter der Decke  hervor, war aber sofort wieder ruhig, als Heinrich sie beruhigend ansprach  und sie vorsichtig durch die Decke streichelte. Dann musste Otto den letzten  brennenden Knüppel von der Feuerstelle holen. Heinrich löste vorsichtig die  Fesseln, nahm die Fackel und stellte sich an den Kopf  des Wolfes. Dann zog er  die Decke weg und hielt zwei Handbreit entfernt von den Augen des Tieren die  Fackel hin. Das Feuer vor Augen sprang das Tier auf  und rannte hinkend ein  paar Schritte weg. Das Tier merkte schnell, dass er frei war und suchte sofort  die Welpen. Die rannten jaulend auf  ihre Mutter zu. “ So mein lieber Otto, vor  denen haben wir garantiert Ruhe. Die Mutter muss sich erst mal ein oder auch  zwei Tage lang erholen, vorher wird sie keine Jagd auf  uns machen. Also packen  wir unsere Sachen auf  den Wagen. Es ist bald dunkel und wir haben noch einige  hundert Schritte bis zu unserem neuen Lager.” Es war schon dunkel, als die beiden im neuen Lager ankamen. Lorentz hatte  schon Feuer gemacht und die Kranken und Fiebernden lagen in einem Kreis  rund um das wärmende Feuer. Constanze redete im Fieber leise und rief immer  wieder nach ihren Kindern und ihrem verstorbenen Mann.  Heinrich flößte ihr einen Becher mit gewürztem heißen Wein ein. Das zeigte  bald Wirkung und sie schlief  dann traumlos weiter. Otto fand einen Platz in einer Lücke im wärmenden Kreis. Im Halbschlaf   erzählte er das Abenteuer mit der Wölfin und den beiden Welpen. Es dauerte  nicht lange, bis auch er einschlief.  Keiner musste Wache halten, denn der schwarze Hund, der Herr Graf, legte 


5 sich an den Eingang und es würde niemand wagen, die Schlafenden zu überra- schen. Der Herr Graf  war in der Nacht derjenige, der über alle wachte. Ein paarmal schreckte der große schwarze Hund auf, knurrte etwas und legte  sich wieder nieder.  In dieser Nacht schneite es sehr heftig und am nächsten Morgen waren keine  Spuren mehr zu sehen. Alles war mit mindestens fünf Fuß hohem Schnee  bedeckt.  im Morgengrauen, das nicht enden wollte, schmolzen Heinrich und Lorentz  Schnee und bemühten sich, heißes Wasser zu machen. Sie wollten aus ein paar  Kräutern und Honig einen Sud zum Trinken für alle machen. Es dauerte sehr  lange, bis sie das schafften und jeder bekam einen Becher davon ab. Essen  wollte außer Lorentz und dem Herrn Graf  niemand etwas.  “Wir werden hier wohl einige Tagen warten müssen bis wir weiterreisen kön- nen. Ich werde später auf  die Jagd gehen. Vielleicht kann ich was Frisches zum  Essen jagen. Ich hoffe nicht, dass sich ein Adliger oder einer seiner Aufseher  hier herumtreibt. Ich weiß wirklich nicht, wem das Stück Land hier gehört?  Hier wechseln doch die Grassoden schneller ihre Besitzer wie das Gerstenkorn  wachsen kann.” Heinrich sagte das zu Lorentz während er seinen Bogen und  die Pfeile in Augenschein nahm. “Wenn wir im Stauferland sind, dann kann uns  unser Führer ja verteidigen. Er ist im Auftrage von denen mit uns unterwegs.  Wenn es aber zum Braunschweiger gehört, dann sterben wir nicht am Fieber,  sondern durch den Strick.” Lorentz kannte sich inzwischen gut aus, was die  Politik und die Eigenheiten des Adels anging. Er hörte jeden Tag Heinrich gut  zu oder bat Otto des Öfteren, ihm das eine oder andere zu erklären. Er war ein  sehr gelehriger Schüler.  27. Januar 1216 Blauzahnsiedlung  Die zwei Knaben und die drei jungen Frauen hatte man mit Mühe dem nahen- den Tod entreißen können. Nur bei einem der Knaben, sein Name war Baltius,  war Gerretius noch nicht sicher, ob er es überleben würde. Der elfjährige Knabe  war Sohn eines unfreien Bauers auf  einem großen Gut bei Stettin. Nachdem  sein Vater bei einem Unfall ums Leben kam, verkaufte sein Herr ihn an einen  Händler aus Stettin. Der nahm ihn als Schiffsjungen mit auf  seine Seereisen  in der Ostsee. Der Kaufmann machte schlechte Geschäfte und verkaufte den  Jungen an einen Händler in Visby. Dort wurde er von seinem neuen Herrn oft  misshandelt und landete dort zum Schluss im Keller. Ähnlich erging es Brome,  der als elternloser Knabe ins Haus des Kaufmanns in Visby kam und dort für  niedrigste Dienste missbraucht wurde. Oft wurde er willkürlich geschlagen  und kam zum Schluss so wie Baltius in den Keller. Offensichtlich was das der  Ort, wo unliebsame, unverkäufliche menschliche Ware sterben sollte. Sabrina  war eine vierzehnjährige Venezianerin, die bei einem Raubzug in Italien von  Normannen oder anderen Seeräubern entführt wurde und auf einem der  Menschenmärkte der Rus an einen Kaufmann ging. So ging es auch der fün- fzehnjährigen Sorbi aus Lübeck. Bei einer Schiffsreise mit ihrem Vater geriet sie  in Gefangenschaft von Seeräubern und wurde an den gleichen Rus verkauft wie 


6 Sabrina. Der musste sie als Pfand einem Kaufmann aus Visby überlassen, als der  seine Schulden bei diesem nicht bezahlen konnte. Weil sie diesem nicht freiwillig  zu Willen waren, wurden sie in den Keller gesteckt, wo die beiden Knaben auf   den Tod warteten.  Das Schicksal der Ältesten bewegte alle genauso wie das der anderen vier. Es  war anders, aber ebenfalls grausam. Johanne von Bernbach, war siebzehn Jahre  alt. Sie hatte an dem Tag Geburtstag, als sie in die Blauzahnsiedlung kam. Sie  war die Tochter eines reichen Hamburger Seehändlers. Sie wurde auf einem  Marktgang in Hamburg, den sie mit einer Zofe machte, entführt. Die Zofe  wurde geschändet und dann mit einem Schnitt durch die Kehle getötet. Johanna  wurde auf  ein Schiff  gebracht, das zu einer Siedlung bei Leer fuhr. Ihr Vater  sollte durch einen Boten eine Nachricht erhalten, dass er seine Tochter ge- gen eine Zahlung von zehn Pfund Silber wieder bekommen könne. Der Bote  ertrank auf  seiner Reise nach Hamburg und Johanne musste mit ihren Ent- führern nun eine beschwerliche Reise nach Visby antreten. Dort sollte sie an  jemanden verkauft werden. Der Kaufmann, der bereits die beiden Buben und  die Mädchen in seinem Keller hatte, lagerte Johanna auch dort noch mit ein.  Als er allerdings erfuhr, wer Johanne war, konnte er nicht mehr sicher sein, dass  es gut für ihn war, Johanne zu verkaufen oder das Risiko einzugehen, dass der  Vater sie fand und sie ihm dann erzählte, wer sie verkauft hatte. Sein Freund,  der Bürgermeister von Visby, riet ihm einfach, sich mit ihr zu vergnügen und  dann für immer verschwinden zu lassen. Und so fanden die fünf  sich in diesem  Keller zusammen. Johanne von Bernbach war eine intelligente junge Frau, die  auch körperlich nicht nur vorzügliche weibliche Reize besaß, sie konnte sehr gut  mit einem Messer oder mit einem Kurzschwert umgehen. Der Kerkermeister  des Kaufmanns holte sie eines Abends aus dem Keller, weil der Kaufmann  durch viel Wein seiner Gelüste auf ein frisches Ding nicht mehr beherrschen  konnte. Johanne machte dem Kerkermeister, dessen bescheidener Verstand und  körperliche Leistung ebenfalls durch sehr viele Wein außerordentlich einge- schränkt war, auf  dem Weg zum Gemach des Kaufmanns schöne Augen. Als er  sie anfassen wollte, entwand sie dem Arglosen den langen Dolch und rammte  ihm diesen in den Hals. Er starb ohne einen Laut von sich geben zu können,  polterte aber laut, als er zu Boden fiel. Als der Kaufmann erbost seine Kam- mertüre öffnete, wurde er ebenfalls durch einen schnellen Stich ins Herz zu sei- nem Schöpfer und später nach der Prüfung durch Petrus sehr wahrscheinlich in  die Hölle geschickt. Da alle Bediensteten in einem andern Haus waren, konnte  Johanne die vier anderen befreien. Sie stahlen vier Pferde und konnte unbe- merkt entweichen. Unterwegs stürzte eines der Pferde mit den beiden Buben  die sich dabei noch mehr verletzten. Das Pferd starb nach dem Sturz. Die fünf  schlugen sich bis zu dem Wald durch. Die Pferde wurden durch etwas aufge- schreckt und versuchten immer wieder wegzulaufen. Das war offensichtlich die  Szenerie die Knorre von seinem Turm aus gesehen hatte.  Lars, Peter von und zu Bärental, Claus von Olsen und Erik berieten lange, was  sie tun sollten. Eigentlich müssten sie nach geltendem Recht die fünf  nach Vis- by ausliefern. Denn dort war ein Kaufmann ermordet worden. Baltius, Brome, 


Sabrina und Sorbi waren rechtlos. Sie waren flüchtige Sklaven, würden ein paar  Peitschenhieb bekommen und dann verkauft werden. Das würden die Knaben  sehr wahrscheinlich nicht überleben. Johanna von Bernbach würde man hin- richten. Es war vollkommen egal, wie sie ins Haus des Kaufmann gekommen  war. Sie war eine Mörderin. Wer Mörder und entlaufenen Sklaven Unterschlupf   gewährte, machte sich als Mitwisser schuldig. Das konnte sehr teuer werden,  wenn man ihnen das nachweisen würde.  Was sollten sie tun? Ihre ganze Kraft benötigten sie für den Kampf  gegen die  Piraten und die Mörderbande. Einen Streit mit den Bürgern von Visby konnten  sie sich eigentlich nicht erlauben.    Was Lars noch mehr beschäftigte war die Geschichte der Johanne. Eine junge  Frau, gerade siebzehn Jahre alt geworden, verteidigte sich so kaltblütig gegen  einen Waffenknecht, betrunken hin oder her, aber der Mann konnte doch nicht  so betrunken gewesen sein, dass er sich entwaffnen ließ und dann noch mit  der eignen Waffe getötet werden konnte Und der Kaufmann, wurde mit einem  gezielten Stich ins Herz getötet. Das war doch sehr ungewöhnlich. Er teilte den  anderen seine Gedanken mit und sie beschlossen, sich in Visby umzuhören.  Vielleicht erfuhren sie dort mehr über die Ereignisse, die man ihnen berichtet  hatte.   Kapitel 24 Sonntag 31. Januar 1216 in der Nähe von Sontra Bis auf  Constanze ging es allen wieder einigermaßen gut. Sie war noch schwach  und fieberte immer noch leicht. Heinrich hatte am Vortage heimlich einen  Hirschen erlegt und sie hatten fast den ganzen Samstag damit zugebracht, das  Fleisch haltbar zu machen. Gekocht, angebraten und ein Teil davon geräuchert.  Sie hofften, dass niemand den verräterischen Geruch wahrnehmen würde oder  den Rauch ihres Feuers sehen konnte. Der leichte Schneefall und der starke  Wind verhinderte wohl, dass jemand in ihrer Umgebung etwas sehen oder  riechen konnte.  Der große schwarze Hund, Herr Graf, freute sich über die Knochen mit viel  Fleisch daran und auch ihre neuen Begleiter waren über die Reste, die sie beka- men, mehr als nur glücklich. Die kleine Wolfsfamilie hielt sich in einem Abstand  von etwas mehr als zweihundert Schritte von ihnen entfernt. Heinrich legte  ein paar Knochen und Innereien abseits ihres Lagers aus und die hungrigen  Wölfe genossen mit viele Knurren und Schmatzen das Geschenkte. Schädel und  Geweih warf  Heinrich tausend Schritte weiter in ein tiefes Tal. Niemand der  sie versehentlich aufstöberte, sollte so leicht darauf  kommen, dass er ein Wild  geschossen hatte.  Gegen Mittag hörten sie weit entfernt eine Kirchenglocke läuten. Irgendwo  musste wohl eine Ortschaft mit einer Kirche und einer Glocke sein. Heinrich  schickte deshalb Lorentz in Richtung Süden los, um zu erkunden, ob dort  eine Stadt oder ein Dorf  war. Er kam kurz vor der Abenddämmerung zurück. 


8 “Etwas mehr als viertausend Schritte von hier gibt es eine kleine Stadt mit einer  Kirche. Die Stadt ist mit einem Erdwall und Palisaden befestigt. Die haben  sogar ein Tor und einen Turm. Gesehen habe ich vor dem Tor ein paar Leute  mit einem Karren. Die brachten wohl Holz in diesen Ort. Sonst habe ich nichts  gesehen. Keine Spuren von Pferden oder Menschen in der Nähe. Merkwürdig  war nur eines. Rauch stieg nur aus zwei Hütten und beim Turm auf. In alle  andern Häusern oder Hütten brannte wohl kein Feuer.” Heinrich dachte nach,  auch ihr Führer, der Staufermann versuchte sich daran zu erinnern, wie der Ort  wohl heißen könnte. Beide wussten nun nicht, wo sie waren. Hatten sie sich  verirrt? Waren sie von ihrem Weg abgekommen? Lange konnten sie ihren Über- legungen nicht nachgehen. Herr Graf  begann zu knurren und die Wölfin heulte  laut auf. Knurrte der Hund nur, weil die Wölfin heulte oder hatte er und seine  neue wilde Freundin etwas gewittert? 31. Januar 1216 Blauzahnsiedlung Gregorius hatte am Morgen eine kleine Messe gelesen. Selbst Dara und Cahyra,  die Muslime waren, nahmen daran teil. Sie sangen und beteten mit. Beide hatten  sich in den letzten Tagen sehr um die befreiten Sklaven gekümmert. Baltius war  am Samstag in den Armen von Dara für immer eingeschlafen. Seine Verlet- zungen waren einfach zu groß und die Entbehrungen der letzten Tage oder  Wochen hatten ihn zudem so geschwächt, dass er nicht mehr die Kraft aufbrin- gen konnte, weiterzuleben. Es war nicht der erste Tote, den Dara sah oder  berührte, aber es traf  sie dieses Mal tief in ihrem Herzen, dass dieser Junge in  ihren Armen sterben musste. Es fiel vor allem den alten Blauzahnsiedlern auf,  dass sie selbst so betroffen waren und es sie sehr schmerzte, dass sie ihm nicht  helfen konnten. Die, die dazu gekommen waren, Claus von Olsen, die Knechte  und Mägde, trauert zwar, aber es traf  sie nicht so tief wie die Freunde in der  Blauzahnsiedlung. Selbst Johanna von Bernbach vergoss schuldbewusst ein paar  Tränen, aber danach versuchte sie, sich anderweitig zu beschäftigen. In Gesprächen hatte Lars, Melanie und Beatrice herausgefunden, warum  Johanna so kaltblütig zwei Menschen erstechen konnte. Ihr Vater hatte von  einer Reise ins Frankenreich aus Marseille einen jungen Muslim mitgebracht.  Den hatten die Templer mitgebracht und dort als Sklaven verkauft. Es stellte  sich heraus, dass der Junge sehr gut mit dem Messer umgehen konnte und bald  war er ein ständiger Begleiter des Herrn von Bernbach. Nicht immer durfte  er seinen Herrn begleiten, das galt vor allem für Reisen nach Köln oder nach  Trier und Fulda. Überall, wo sich ein Bischoff  oder eine starke katholische  Verwaltung befand, missfiel es den Händlern, dass ein Sarazene den Handels- mann begleitete und er machte da keine guten Geschäfte. Also bewachte er zu  der Zeit das Haus seines Herren und suchte sich auch weitere Beschäftigung.  Und so wurde er Lehrer für Johanna. Er brachte ihr bei, wie man sich mit dem  Messer verteidigte, wie man lautlos tötete und lehrte sie auch das Rechnen. Er  lehrte sie auch etwas vom Islam, von seinen Gebräuchen und sie entwickelte  eine sehr eigene Philosophie, was das Verhältnis Islam und Christen zu Frauen  und Menschen im allgemeinen betraf. Sie begann sich immer selbstbewusster 


und selbstständiger zu verhalten. Und auf  einem ihrer Ausflüge auf  den Markt,  die sie ohne zu fragen unternahm, wurde sie entführt. Fast fünf  Monate war sie  in den Händen ihrer Entführer. Dass sie nicht geschändet wurde, war selbst ihr  ein Rätsel. Offensichtlich bekam man für eine blonde Jungfrau bei den Rus oder  auch bei den Normannen doch noch sehr viel mehr Gold oder Silber wie für  eine bereits gebrauchte Frau.  Nun hatte sie im tiefsten Winter und in einem fernen Land wieder die Freiheit  erlangt. Freiheit bei fremden Menschen, weit von ihrem Vater entfernt. War das  Freiheit?  Auf  die Frage von Lars, ob man versuchen sollte, im Frühjahr mit  ihrem Vater in Verbindung zu treten oder ob sie mit einem Händler mitreisen  wollte, um in ihre Heimat zu kommen, konnte sie keine Antwort geben. Noch  war sie von allem, was sie erlebt hatte, etwas mehr als nur überrascht. Sie hatte  nicht erwartet, bei freundlichen Menschen zu landen. Das war neu für sie. Sie  musste für Freundlichkeit nichts geben. Kein Gold, kein Silber, nichts von sich  selbst. Sie durfte sich frei bewegen und sie musste nur die Regeln der Bewohner  der Siedlung einhalten. Dann war alles gut.  Als Lars ihr dann noch versuchte zu erklären, dass mit der Aufnahme von ihr  und den anderen Kindern sie sich alle hier in Gefahr gebracht hatten, dass man  sie aber auf  keinen Fall ausliefern würde, war sie einfach so überrascht, dass ihr  bisheriges Weltbild ins Schwanken kam. Das hier auf  Gotland in dieser Sied- lung war alles anders wie sie es bisher kannte und kennen gelernt hatte. Diese  Gemeinschaft stand fest zueinander, fast wie Klosterbrüder oder Ordensritter,  aber sie lebten ehrlicher zusammen, als sie es jemals gehört oder auch erlebt  hatte. Dann fiel es ihr auf, dass diese Männer größtenteils alles alte Männer  waren. Aber sie waren anders als die Männer, die sie bisher kennengelernt hatte.  Die hier hatten alle gesunde Zähne, stanken nicht nach Pisse oder hatten andere  üble Gerüche an sich. Sie bewegten sich auch kräftiger und nicht so demütig  oder auch arrogant wie die Männer, denen sie bisher begegnet war. Diese Män- ner aber auch die Frauen waren  grundverschieden zu denen, die sie bisher ken- nengelernt hatte. Nicht alle, denn ein paar Mägde und Knechte oder auch dieser  Claus von Olsen waren wie die Menschen, denen sie bisher begegnet war. Aber  wie anders? Warum, das konnte sie sich nicht erklären.  Der Rat der Siedlung beschloss, bis auf  Johanna die drei anderen bei der Mecht  und Jarl Gund unterzubringen, sofern sie dem zustimmten. Mecht und die  Jarl hatten sich angefreundet und so entstand eine starke Gemeinschaft auf   dem Gut. Zudem waren sich die Blauzahnleute im Klaren, dass sie nicht mehr  Menschen aufnehmen konnten, denn ihre Nahrungsmittel würden für sie alle  hoffentlich bis zum Frühjahr reichen, aber nicht länger und nicht für mehr  Menschen. Sie würden etwas an Stockfisch und Getreide mitgeben müssen und   sie hofften, dass sie dort weit genug von Visby entfernt waren und man würde  sie dort auch eher nicht vermuten. Johanna wollte man in der Siedlung behalten,  bis man sich sicher war, was tatsächlich mit ihr war. Sie hatte sich sehr christlich  verhalten, als sie die Kinder aus dem Kerker befreit hatte, aber ihre Entführung  und die beiden kaltblütigen Morde warfen doch mehr Fragen auf. Erst wollte  man sehen, wie sich Johanna weiter verhalten würde. Die drei Pferde würde 


0 man nach Visby bringen. Man konnte ja behaupten, dass man sie gefunden  habe. Man konnte eventuell damit auch die Spur der Kinder verwischen. Wich- tig war es, dass man die Vermutung, dass die Kinder bei den Blauzahnleuten  waren, nicht aufkommen ließ.  Am . Februar 6 nach dem Aufgang der Sonne, die um die Jahreszeit sich  sehr rar machte, wurde der noch etwas schwache Brome auf  einen Schlitten  gepackt, auf  einen anderen Schlitten wurden Sabrina und Sorbi gesetzt. Andrei,  Alana und Petja begleiteten die drei auf ihrer Reise. Simon und Askold ritten  voran, um bei der Jarl die Flüchtlinge anzukündigen. Sie und ihre Dorfmitglie- der waren inzwischen alle im Hof  der Mecht untergekommen, da ihre eigene  Siedlung und ihre große Halle durch die Piraten zerstört worden war. Vor ein  paar Tagen waren auch die Sergeanten des Claus von Olsen dort gewesen, um  die die Stallungen und das Haupthaus mit Hilfe der Leute auf dem Gut für die  vielen Menschen bewohnbar zu machen. Die beiden Sergeanten Johannes und  Baltus trauerten noch sehr wegen dem in der Schlacht tödlich verwundeten Silas  und brauchten Beschäftigung, um die Trauer etwas zu vergessen.  Mit Holzbalken verbanden sie die beiden Hütten der Knechte mit dem  Haupthaus und machten die Stallungen für Menschen bewohnbar. Der Guts- hof  war nun mit einer hohen Palisade umgeben, in den man nur durch ein gut  gesichertes Tor gelangen konnte.  Inzwischen hatte Claus von Olsen mit seinen Söldnern eine ständige Patrouille  eingerichtet. Drei Reiter waren ständig zwischen seinem Turm am Meer, der  Blauzahnsiedlung und dem Gutshof der Mecht unterwegs. Der Gutshof   gehörte offiziell zur Blauzahnsiedlung und musste auch geschützt werden. Die  schwangere Brenda hatte inzwischen Quartier im Zimmer der Sophia genom- men. Sophia konnte sich immer noch nicht gut bewegen, denn die Wunde auf   ihrer Schulter wollte nicht heilen und schmerzte offensichtlich immer noch sehr.  Die ersten Wehen kamen in der Nacht zum . Februar. Nach einem sehr  anstrengen Tag für Brenda kam ein gesunder und etwas großer Junge nach  einem sehr langen Gebet, das Gregorius sprach, in der Nacht zum . Februar  6 zur Welt. Das erste Kind, das in der Siedlung geboren wurde. Trotz ihrer  Probleme war Sophia die ganze Zeit bei Brenda gesessen. Sie meinte später,  dass sie ebenfalls immer mitgepresst habe und auch irgendwann spürte sie auch  Wehen in ihrem Unterleib. Auf  jeden Fall waren beide Frauen am Morgen zum  . Februar so müde, dass sie tief und fest schliefen. In der Siedlung gab es so  viele helfende Hände, die sich um den kleinen Mann kümmerten, dass Brenda  sich gut erholen konnte. Außer zu den Zeiten, wo der Junge nach seiner Mutter  schrie, weil er Hunger hatte.  6. Februar 1216 am Fischweiher in der Nähe der Blauzahnsiedlung  Milly, Juris und Wolfkopf  waren schon ganz früh an diesem Tag losgezogen.  Sie wollten im alten Fischweiher ein Loch ins Eis schlagen. Fische waren dort  eher selten, aber sie hofften, dass sie trotzdem ein paar fangen konnten. Der  Weiher maß etwas mehr als dreißig Schritte in der Länge und war an der breit- esten Stelle fünfundzwanzig Schritte breit. Er hatte die Form einer Mondsichel, 


deshalb nannte man ihn auch Halbmond. Er hatte einen kleinen Zufluss von  der Inselmitte und einen Abfluss zu dem Bach, der den Graben der Blauzahn- siedlung mit Wasser speiste, sofern der nicht wie jetzt zugefroren war und das  Wasser sehr spärlich floss. Das Eis war dick genug sodass sich alle drei ohne Angst auf  dem Eis bewegen  konnten. Der Himmel war immer noch grau, aber es schneite nicht mehr und  der eisige Wind hatte auch nachgelassen. Als Juris mit einem Beil versuchte,  ein Loch in das Eis zu schlagen, tauchten drei Reiter am Ufer auf. Wolfskopf   erkannte einen der Reiter. “Das sind die Patrouillenreiter des Herrn von Olsen.  Aber warum winken die uns so aufgeregt zu. Warum rufen die uns nicht?”   Gerade wollte Wolfskopf  ihnen etwas zurufen, da hielt ihm Milly die Hand vor  seinen Mund. Sie hatte gerade rechtzeitig gesehen, dass man ihnen mit Han- dzeichen deutlich machen wollte, nicht zu rufen. Also packten sie ihre Sachen  zusammen und gingen auf  die Reiter zu.  “Hinten im Wald sammeln sich fremde Reiter, sie sind alle gut bewaffnet. Wir  haben sie lange beobachtet und vermuten, dass sie auf dem Weg zum Gutshof  der Maut sind. Wenn ihr hier Krach macht oder laut gerufen hättet, wären sie  auf  euch aufmerksam geworden. Es sind zehn Reiter und wie es mir scheint,  kommen die aus Visby. Geht zurück zur Siedlung und warnt eure Leute, wir  reiten weiter zum Gutshof.” Ohne auf  eine Antwort zu warten, ritten die drei  weiter.  Juris schwang sich auf  sein Pferd und ritt der Patrouille hinterher, während  Wolfskopf  und Milly ihr Zugpferd vor den Schlitten spannten und sich schnell  in Richtung Blauzahnsiedlung aufmachten. Dort angekommen berichteten sie von dem, was ihnen die Leute des Herrn von  Olsen gesagt hatten. Erik entschied, sich umgehend mit zwei anderen dorthin  auf  den Weg zu machen. Sobald er und seine Reiter weg waren, wurden die  Tore geschlossen und der Torturm mit drei Bewaffneten besetzt. Knorre war  etwas wütend darüber, dass er seinen wichtigen und geliebten Posten verlassen  musste, aber Lars und Peter konnten ihn davon überzeugen, dass er nun die  mehr als nur verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen musste, innerhalb der  Siedlung dafür zu sorgen, dass überall genügend Feuerholz vor den Kaminen  bereit lag, denn es würde ein sehr kalter Tag und eine noch kältere Nacht geben.  Leider hatten sie damit mehr als nur recht. Gegen Mittag begann es wieder zu schneien und ein sehr kalter Wind kam auf.  Aus dem Wind wurde ein Sturm und die Kälte drang durch alle Ritzen der Hüt- ten und Häuser nach drinnen. Auf  dem Gutshof  der Mecht  Gerade als Erik mit seinen Reitern eintraf, begann der Sturm. Das Tor wurde  geschlossen und dann die Pferde sicher untergestellt. Es war nun sehr beengt  auf  dem Gut, aber jeder hatte es sicher und warm. Juris und Erik teilten sich die  Wache und gingen gewissen zeitlichen Abstand draußen herum, schauten durch  die Ritzen der Palisaden, ob sie etwas entdeckten. Begleitet wurden sie von zwei  Hofhunden. Die großen Wolfshunde begleiteten die beiden dauernd und sorg-


ten dafür, dass auch die kleinsten Abweichungen sofort bemerkt wurden.  Selbst in der Nacht, während der Sturm wütete, begleiteten die beiden die Wa- chen. Es passierte nichts. Niemand klopfte an das Tor, niemand wurde gesehen.  Wo waren die zehn Reiter abgeblieben? Hatte sich die Patrouille des Claus von  Olsen geirrt? Hatten die zehn Reiter eine andere Richtung eingeschlagen und  waren ganz woanders. Der Weg, den sie benützen konnten, führte etwas mehr  als einhundert Schritte am Gut vorbei zu einer Weggabelung. Dann führte der  Weg weiter an die Küste oder am Hof  vorbei zur Blauzahnsiedlung. Erik bes- chloss, dass sie am nächsten Morgen zur Weggabelung reiten sollten. Vielleicht  würden sie dort Spuren der Gruppe finden.    Kapitel 25 7. Februar 1216 in der Ruine bei Sontra Immer wieder beobachtete Heinrich, wie kleinere Söldnertruppen oder Händler  etwas mehr als sechshundert Schritte von ihrem Lagerplatz entfernt vorbeizo- gen. Seit drei Tagen waren etwas mehr als dreißig Reiter und drei Händlerwagen  diesen Weg entlang gekommen. Sie kamen offensichtlich aus dem Norden und  wollten nach Südosten und kreuzten damit genau ihren Weg in den Süden.  Einige der Bewaffneten hatten auf ihren Schilden oder auf  ihren Umhängen  ein Kreuz. Also vermutete Otto, dass es sich um Kreuzfahrer handeln könnte.   Bisher waren sie unentdeckt geblieben, aber sie konnten nicht weiterziehen,  denn mit diesen lockeren Gruppen an Bewaffneten war nicht zu spaßen. Im  Namen Christi oder Gottes unterwegs zu sein bedeutete nicht sofort, dass  da nur guten Menschen sich auf  den Weg gemacht hatten. Hunger und Gier  waren immer schon schlechte Reisebegleiter gewesen und Heinrich kannte die  Moral der Kreuzfahrer. Zudem waren diese Bewaffneten nicht ohne Grund im  Winter unterwegs. Wahrscheinlich gab es dort, wo sie herkamen, nicht mehr viel  zu essen. Deshalb mahnten sie sich zur Vorsicht. Sobald sie den Wald verlas- sen würden, konnte man sie sehr weit sehen. Dieses Risiko wollten sie nicht  eingehen. Ihre Nahrungsmittel würden noch für etwas mehr als sechs Tage aus- reichen. Otto und Heinrich beschlossen also, dass man den Weg noch drei Tage  lang beobachten sollte und sie spätestens am 0. Februar um Morgengrauen  aufbrechen sollten.  Die Wölfe kamen nun immer näher heran. Bis auf  dreißig Schritte waren sie  schon nahe herangekommen und nachts lagerten sie im Schutz der Außenmau- er. Die Wölfin hatte sich inzwischen von ihren Verletzungen erholt und konnte  inzwischen wieder den einen oder anderen kleinen Nager erbeuten. Das reichte  gerade zum Überleben für die kleine Wolfsfamilie, den Rest steuerten die Men- schen bei, denn das, was der Herr Graf  nicht verspeisen wollte, das bekamen  die Wölfe. Aber es gab auch Grenzen und die besetzte der Graf. Das Eingang- stor und das war die Grenze für die Wölfe, die sie nicht überschreiten durften.  Diese Koexistenz zwischen Wildtieren, dem großen schwarzen Hund und den  Menschen sollte sich einige Zeit später als sehr nützlich erweisen.  


7. Februar 1216 Gutshof  der Mecht Die ganze Nacht hatte der Sturm gewütet. Niemand konnte bei diesem Wetter  - ohne Schaden zu nehmen - nach draußen gehen. Erst gegen Mittag wurde  der Wind etwas schwächer und der Schneefall ließ ganz nach, bis auf  ein paar  Flocken, die sich noch aus den Wolken auf  die Reise zur Erde machten. Erik  war als erster draußen vor der Palisade und schaute sich um. Nichts war zu  sehen, kein menschliches Wesen irgendwo. Wo waren diese Reiter abgeblieben?  Er wagte sich nicht weiter als einmal rund um den Gutshof  zu gehen. Der  Sturm konnte sich wieder aufmachen, an den Häusern und Hütten zu rütteln  und man erfror bei diesen Temperaturen mit diesem Wind schneller, als man  den Gedanken an ein wärmendes Feuer zu Ende denken konnte.  Erst gegen Abend war sicher, dass der Sturm mit seinem Wüten aufhören  würde. 7. Februar 1216 abends in der Blauzahnsiedlung   Hier in der Siedlung war es sicherer und wärmer wie in manchen Hütten auf  dem Land oder auf  den Gutshöfen. Und trotzdem musste das Feuer in den  Kaminen und Feuerkörben gut gefüttert werden, damit etwas Wärme erzeugt  werden konnte. Lars war mit Peter und Marcus die halbe Nacht unterwegs  gewesen, um sicher zu stellen, dass alles in der Siedlung in Ordnung war. Vor al- lem in den Ställen mussten sie immer wieder bei den nervösen Tieren für Ruhe  sorgen. Jan, Mathias und Alberto wurden in die Ställe geschickt und sollten  dort ständig bleiben, damit hier keine Panik ausbrach und sich eines der Tiere  verletzen konnte.  Im Haus war es bis auf  das eine oder andere Mal, wenn das Kind der Brenda  anfing zu weinen, ganz entspannt. Sofia und, Brenda lagen eng aneinander ge- drückt im Bett. Brenda hatte das Kind aus dem Korb genommen und es neben  sich gelegt. So musste sie nicht aufstehen, wenn es anfing, seinen Hunger laut- stark zu verkünden und gestillt werden wollte. Manchmal fasste Sophia vorsich- tig über den Körper von Brenda hinweg das Kind vorsichtig an. Etwas neidisch  war sie schon. Ein Kind zu bekommen war eines ihrer größten Wünsche, den  sie hatte. Eine eigene Familie, mit einem Mann, der für sie da war und Kinder,  die sie behüten durfte.  Bis zum späten Nachmittag stürmte es und erst gegen Abend beruhigte sich  das Wetter. Um diese Zeit stieg Knorre auf  seinen Turm und schaute nach  draußen. Nichts war zu sehen - außer dem Grau des Himmels und dem Weiß  des Schnees.   In den Ställen wurde es auch wieder ruhiger. Jan, Mathias und Alberto konnten  in die große Halle zurückkehren. Mathias wollte zu seiner Frau Merit. Sie war  mit ihm vor zwei Tagen vom Hof  der Mecht in die Blauzahnsiedlung gekom- men, um Tran und Wachs zu holen. Sie hatten kein Öl mehr für ihre Lampen  und das Wachs benötigten sie, um Kerzen zu machen. Sie hatten ein paar Schafe  geschlachtet und brachten die Felle mit, die man in der Siedlung benötigte. Nun  saßen sie hier fest, weil der Sturm zum Reisen zu heftig war und sie mit Erik  nicht mitreiten wollten, der sich nun schon auf  dem Gutshof  befand. Sie hoff-


4 ten, dass sie sich am nächsten Morgen wieder auf den Weg machen konnten.  Auch die Nachricht über die unbekannten Reiter hatte sie beunruhigt. Am nächsten Morgen waren die Wolken verschwunden. Die Sonne schien  auf  die kalte und mit viel Schnee bedeckte Erde. Mathias, Merit und einer der  Knechte machten die Schlitten bereit, sie wollten schnell zum Hof  zurück,  bevor es wieder zu stürmen anfangen würde. Mandy meinte, die Anzeichen  dafür seien da. Sol, eine der Asen, die in der Sonne ihren Wohnsitz hatte, wollte  nur kurz auf  die Erde schauen, um zu sehen was Uller, der Ase, der den Winter  machte, angerichtet hatte. Sie sollte recht behalten, denn am Abend wurde es  wieder stürmisch. Da hatten aber Mathias, Merit und der Knecht den Hof  mit  dem Schlitten schon erreicht.  Erik hatte seinen Ausritt noch einmal verschoben, denn auch er traute Uller  nicht. Also blieben die unbekannten Reiter weiterhin verschwunden, weil keiner  sie suchte oder auch sehen konnte. Uller war müde und schon nach Mitternacht legte er sich schlafen und es wurde  still auf  der Erde, denn die Kälte reichte aus, alles Leben still zu halten. So wie  die verschollenen Reiter, die erfroren keine tausend Schritte vom Turm des  Claus von Olsen im Schnee lagen. Drei ihrer Pferde hatten mit letzter Kraft den  Weg zum Turm gefunden und wurden dort von den Söldnern eingefangen und  im wärmenden Stall versorgt.  Erst am 0. Februar 6 fand eine andere Patrouille durch Zufall die Reiter  und die Pferde. Sie waren in eine kleine Schlucht gestürzt und ein Teil war ihren  Verletzungen erlegen - ein anderer Teil einfach erfroren. Offensichtlich hatten  drei Reiter vor dem Abgrund anhalten können. Sie waren, so schien es, von  ihren Pferden abgestiegen, um ihren Kameraden zu helfen. Dabei müssen auch  sie in den Abgrund gestürzt sein. Die herrenlosen Pferde konnten sich aus den  leichten Fesseln befreien und ihr Instinkt hatte sie dann zum Turm geführt.  . Februar 6 Turm des Claus von Olsen Das Wetter wurde besser, der Wind hatte vollkommen nachgelassen, die Sonne  erhellte für ein paar Stunden die Erde. Claus von Olsen machte sich mit zwei  seiner Leute auf den Weg über den Gutshof von Mecht zur Blauzahnsiedlung.  Es war Zeit, die Wege zu kontrollieren um zu schauen, ob außer den drei Pfer- den noch andere Tier oder Menschen sich verirrt hatten und Hilfe benötigten.  Und er fand zehn tote Menschen und sieben Pferde, die seiner Ansicht nach  durch einen Sturz von den Klippen ums Leben gekommen waren. Ob die Men- schen auch durch den Sturz umgekommen waren, konnte er nicht feststellen.  Manche Anzeichen sprachen dafür und manche dagegen, denn alle waren sie  steif gefroren und so konnte er nicht feststellen, was die wirkliche Todesursache  war. Er konnte nichts mehr für die Leute tun. Er und seine Begleiter sammelten  die Toten ein und legten sie zusammen hin. Sie bedeckten die Toten mit den  Decken, die sie bei den Pferden fanden und beschwerten alles mit etwas Geäst  und den Sätteln von den Pferden. Eine kleine Flagge und ein Siegel, das sie in  einer der Satteltaschen gefunden hatten, nahmen sie mit. Alles andere ließen er  liegen. Da er bei den zehn Leichen spontan keinerlei Dokumente fand, nahm er an, 


5 dass sie aus Visby gekommen waren und sich im Schneesturm verirrt hatten.  Es war schon spät geworden und so ritten sie nur noch bis zum Hof  der Mecht.  Dort berichteten sie von ihrem Fund.  Es wurde eng auf dem Hof, aber auch die drei Reiter fanden für diese Nacht ein  Quartier.  Am nächsten Morgen ritten sie nun zu siebt zu der Unglücksstelle. Erik nahm  noch einen Schlitten und drei der Knechte vom Hof  der Mecht mit und Claus  von Olsen begleitete sie mit den Seinen. Sie hatten vor zwei Schlitten kräftige  Zugpferde gespannt. Vielleicht mussten sie die Toten mitnehmen und beerdi- gen. Da kein Schnee gefallen war und der Wind nur noch sehr seicht die Wolken  bewegte, fanden sie die Stelle schnell, wo Claus die Leichen abgelegt hatte.  Nichts hatte sich verändert. Kein Wildtier hatte an den Körpern oder Kadavern  genagt. Jetzt, wo sie alle Zeit hatten, um sich das Unfassbare anzusehen, wurde  Claus und seinen Begleitern bald klar, was da geschehen war. Sie waren mit den  Pferden bis an den Rand des Abgrundes geritten, dann war offensichtlich der  Untergrund unter ihnen abgerutscht und hatte sie nach unten stürzen lassen.  Drei Reiter wurden dabei nicht mit nach unten gerissen. Diese banden Ihre  Pferde an einen Ast nicht weit von der Unglücksstelle und gingen zu Fuß an  den Rand des Abgrundes. Und dabei muss ein weiterer Teil des Randes abge- brochen sein und hat die drei dann ebenfalls nach unten gerissen. Diese zweite  Lawine an Eis, Schnee und Steinen muss allen, die noch eventuell gelebt hatten,  den Todesstoß versetzt haben. Es gab keinen der Reiter, der nicht schlimmste  Verletzungen aufwies. Eins der Pferde muss noch schwer verletzt gelebt haben  und in seiner Panik mit den Hufen so um sich geschlagen haben, dass zwei  Reiter Spuren an ihren Körpern von Huftreffern aufwiesen. Ob sie diese noch  lebend oder tot abbekommen hatten, konnte niemand sagen.  Sie sammelten alles Wertvolle  ein. Schwerter, Sättel, einige Kettenhemden,  Helme, Lanzen, und sie fanden in den Satteltaschen Lebensmittel und Wein.  Im wertvollsten Sattel war versteckt ein kleiner Holzkasten eingearbeitet, dort  fanden sie versiegelte Briefe. Das Siegel stammte vom Braunschweiger, aber wer  der Empfänger war, stand nicht auf  den Dokumenten. Einer der Reiter hatte  noch einen goldenen Ring am Finger mit einem Wappen. Dieses Wappen war  aber niemand bekannt. Claus beschloss nun alles auf  die Schlitten zu packen  und die Leichen mit den Steinen und mit kleinerem Geröll zu bedecken. Mehr  konnten sie nicht tun. Sie würdig in einem Erdloch zu beerdigen war nicht  möglich und trockenes Holz für eine Feuerbestattung war hier nicht genug  vorhanden.  Kurz vor der Dämmerung waren sie fertig, nichts würde mehr an diesen Un- glück erinnern, nur die Geröllhafen deuteten darauf hin, dass hier eine Stein-  und Erdlawine in den Abgrund gestürzt war. Reich mit neuen Waffen, und mit  Helmen und Sätteln machten sie sich auf  den Weg zu Mecht´s Hof.  Gefahr bestand offensichtlich nicht und am nächsten Morgen ritten Claus  zusammen mit seinen Leuten und Erik mit den Seinen in Richtung Blauzahn- siedlung. Dort würden sie die Dokumente öffnen, um sich hier Klarheit über 


6 den Schreiber und den Empfänger der Briefe zu verschaffen.  Es schneite nicht mehr und der Wind hatte vollkommen aufgehört zu blasen.   Sie kamen schnell und ohne Verzögerung am späten Nachmittag in der Siedlung  an.  Dort erwartete sie bereits eine Überraschung. Zwei Boten aus Visby waren dort  hin gekommen. Man vermisste eine Abordnung des Braunschweigers, der schon  etwas länger in Visby gelagert hatte und sich in den letzten Wochen einige  Söldner gekauft hatte. Er wollte die Mörder und Diebesbande ausfindig machen  und war vor einigen Tagen in Richtung Osten aufgebrochen. Seitdem fehlte jede  Spur von ihm und seinen Leuten. Man wisse zwar, dass sie nicht auf  dem Weg  von Visby in den Ostteil der Insel lagen, aber vielleicht hatte jemand aus der  Blauzahnsiedlung diese zehn Reiter gesehen.  Sollten sie nun sofort die Wahrheit sagen oder über ihren Fund berichten. Noch  waren Erik und Claus diesen Boten in der Siedlung nicht begegnet. Sie berieten  sich mit Lars, Birgit und Peter. Sie waren alle der Meinung, dass man das nicht  verschweigen konnte. Zu viele wussten darüber Bescheid und man konnte nicht  allen hier in der Siedlung den Mund verbieten oder auf  Mechts Hof. Dass sie  mit jemanden aus dem Turm in Kontakt kommen würden, war eher unwahrs- cheinlich, denn Claus von Olsen hatte die Seinen in guter Zucht. Also einigte  man sich auf  eine Version, die ihnen nicht schaden würde und die sie auch  glaubwürdig berichten konnten. Erik und Claus trafen die Boten in der großen Halle vor einem der Feuer. “Ihr  Herren aus Visby. Ihr sucht ein paar Reiter? Wir haben welche gefunden.” Erik  trat sehr selbstbewusst gegenüber diesen Boten auf. Er baute sich in voller  Größe vor ihnen auf. “Zehn Reiten, sieben tote Pferde und ein wenig Gepäck.  Sie sind ein kleine Schlucht auf  dem Wege zur Küste abgestürzt. Dort hatte  sich wohl eine Lawine aus Eis, Stein und Erde gelöst und sie mit in die Tiefe  gerissen. Wir haben sie beerdigt. Den ganzen Tag haben wir Steine und Geröll  eingesammelt und ihre Körper damit bedeckt. Und der Meister Claus von Olsen  hat ein paar gute Gebete gesprochen.  Ihre Seelen werden mit diesen Worten  in den Himmel finden. Ein paar Waffen und Sättel konnten wir bergen. Nichts  Wertvolles dabei. Die werden wir behalten, als Belohnung für unsere Mühen.  Wenn jemand Anspruch darauf  anmeldet, muss er zu uns kommen. Kennt ihr  die Leute? Wir haben kein Wappen gefunden, auch nichts, was uns anzeigen  würde, wer diese Männer waren. Wir wissen nur, dass sie alle tot sind.” Die  beiden Boten schauten Erik an und wollten noch ein paar Fragen stellen, aber  als Erik etwas ungeduldig einen Schritt auf  sie zu machte, wollten sie nichts  mehr fragen. “Und was habt ihr mir zu sagen? Wisst ihr, wer die Leute waren? Gibt es je- mand, den man vom Tode dieser Männer verständigen muss?” Erik verstand es  sehr gut, Leute einzuschüchtern und die Boten waren inzwischen aufgestanden  und hielten etwas Abstand zu Erik. Erik wartete. “Was habt ihr mir zu sagen?”  Die beiden standen inzwischen etwas zu nahe am offenen Feuer, konnten aber  Erik nicht ausweichen. Beide begannen heftig zu schwitzen. Dem Älteren der  beiden Boten war das alles etwas zu heiß und zu eng. Er begann zu reden, in 


der Hoffnung, diesem Riesen vor sich und dem Feuer hinter sich schnell zu  entgehen.  “Der Bürgermeister schickte uns auf die Suche nach den Reitern  und wir sollten auch nach eine Bande von Mördern Ausschau halten, die einen  Händler und einen seiner Knechte ermordet haben. Es waren ein paar Sklaven,  die haben Pferde und Lebensmittel gestohlen und sind nach der blutigen Tat  geflohen. Junge Menschen ohne Moral. Sklaven halt. Wenn ihr sie seht, solltet  ihr sie festhalten und nach Visby bringen. Es soll eine hohe Belohnung für die  Fünf  geben. Zwei Knaben und drei Mädchen oder besser gesagt junge Frauen.  Die eine davon ist eine Hure aus Hamburg.” Erik tat interessiert und bat die  beiden, sich wieder zu setzen. Dabei schob er die Bank, wo die beiden Platz  nehmen sollten, noch etwas näher ans Feuer. Dann winkte er Knorre zu sich  und ließ sich einen Krug Wein mit drei Bechern kommen. “Hier ihr beiden, bei  der Kälte sollte ihr etwas Wein trinken. Erzählt mir mehr, von den Morden und  den fünf  Entflohenen.”   Kapitel 26 12. Februar 1216 in der Ruine von Sontra Seit zwei Tagen waren keine Händler oder auch Reiter mehr über den Pfad in  der Nähe des Waldes gekommen. Heinrich und Otto hatten immer wieder die  Umgebung abgesucht. Niemand war in der Nähe. Offensichtlich hatte der Wolf   doch zu heftig geheult, sodass es nun bekannt war, dass ein Wolfsrudel hier  hausen würde und man mied bei dieser Witterung die Umgebung. Hungrige  Wölfe waren sehr gefährlich und wenn sie im Rudel angriffen, waren ihnen nur  Bewaffnete gewachsen, das war aber auch nicht sicher.  Im Morgengrauen zogen sie los. Marta und ihr Bruder Christian saßen auf  dem  Bock des zum Schlitten umgebauten Wagens. Constanze lag im Wagen, da sie  immer noch schwach war und weder reiten noch lange aufrecht sitzen konnte.  Frida ritt mit ihrem Führer vorne, Lorentz bildete die Nachhut, Otto war beim  Wagen und Heinrich streifte etwas abseits, mal links mal recht von dem kleinen  Zug umher und sicherte die Flanken. Begleitet wurde er vom Herrn Grafen,  dessen schwarzes Fell sich leider gut vom Weiß des Schnees abhob. Hinter dem  Zug kamen die Wölfe in einem Abstand von keinen hundert Schritten. Kamen  sie etwas zu nahe, war der Graf  sofort bei ihnen und drängte sie auf den von  ihm akzeptierten Abstand zurück. Und die Wölfe gestatteten es ihm, ohne zu  knurren oder auch nur den Ansatz von Ärger zu zeigen.  Sie brauchten fast eine Stunde, um den Weg, der übers offene Gelände führte,  hinter sich zu bringen. Immer wieder blieb der Schlitten hängen oder eines der  Pferde scheute, wenn die Wölfe zu nahe kamen und warteten, bis der Graf die  Situation bereinige. Marta und Christian waren offensichtlich überfordert, bei  diesem Wetter den Schlitten mit den Pferden sicher zu führen. Frida übernahm  dann die Zügel und schickte Christian zu ihrem Führer Gregor nach vorne.  Gregor war ein ausgezeichneter Führer, er kannte offensichtlich jeden Weg,  jede Art von Deckung, die sie benötigten. Er war ein Naturbursche, denn jede 


8 Spur, die sie sahen, wusste er zu deuten, jedes Gehölz kannte er mit seinem  Namen. Nur eines war mehr als nur auffällig, er konnte sich keine Namen  von Städten oder Menschen merken. Manchmal nannte er Christian Otto, aus  Otto wurde Heinrich oder aus Frida Marta. Nur bei den Tieren schien er keine  Gedächtniswirrungen zu haben. Herr Graf  war immer Herr Graf  und die Wolf- smutter war bei ihm Heulmama mit ihren Welpen Jaul und Jammer.  Am späten Nachmittag mussten sie eine Rast einlegen, sie waren an den Ufern  der Fulda angekommen. Sie suchten sich einen Lagerplatz, denn sie sahen keine  Furt über den kleinen Fluss und wollten nicht im Dunklen den Weg über das  Wasser nehmen. Der Hund und die Wölfe bekamen etwas Abfall vom Stock- fisch, den Pferden machte man ein Stück auf  einer sehr kleinen Lichtung vom  Schnee frei und so konnten sie etwas Flechten und kleine Grastriebe fressen.  Schutz vor dem aufkommenden Wind fanden sie in einer kleinen Erdmulde, wo  sie auch Feuer machen konnten. Gregor suchte das Gelände rund um ihren Lagerplatz ab und fand einige hun- dert Schritte flussaufwärts ein kleines Dorf mit ein paar Hütten. Dort konnte  er ein wenig Tauschhandel betreiben. Die Leute in diesem kleinen Dorf fragten  nicht viel, denn sie waren froh, dass dieser bewaffnete Mann ihnen nichts antat,  sondern sie auch noch ein Fell und Nägel im Tausch für ein paar Fische beka- men. Sie boten ihm sogar an, bei ihnen in einer kleinen Hütte zu übernachten.  Gregor lehnte ab, bekam aber zum Dank noch den Hinweis, wo sich eine Furt  befand. Es war schon dunkel und der Mond versteckte sich immer wieder hinter  ein paar Wolken, als er im Lager ankam.  Am kommenden Morgen fanden sie die Furt bei Bebra und konnten die Fulda  überschreiten. Am . Februar 6 erreichten sie das Kloster Hersfeld. Dort  fanden sie freundliche Aufnahme gegen ein kleines Entgelt und ein paar Infor- mationen. Constanze von Breitenbach hatte wieder etwas Fieber und es war  besser, wenn sie einige Tage in einer festen und wärmeren Behausung bleiben  konnten. Die Heilkundigen des Klosters zogen eine Nonne zur Pflege hinzu, da  es ihnen nicht gestattet war, eine Frau zu untersuchen oder gar bis auf  Hände  und Haupt zu berühren.  14. Januar 1216 am frühen Morgen in der Blauzahnsiedlung Erik hatte die halbe Nacht mit den Boten aus Visby gesprochen. Es war mehr  oder weniger eine Verhör durch ihn, nur die Mengen an heißen Würzwein  milderten die anstrengenden Gespräche etwas ab. Gegen Mitternacht waren die  beiden Boten sturzbetrunken vor dem Kamin eingeschlafen. Erik hatte aber  genug erfahren, um den anderen einen umfassenden Bericht geben zu können,  warum zehn Reiter gesucht wurden und warum es jemand so wichtig war, die  entflohenen Sklaven wieder zu finden. Es ging dabei nicht um den Mord an  dem Händler und seinem Haus- und Hofknecht, hier ging es um etwas, was eine  oder einer der jungen Entflohenen gesehen haben könnte. Noch etwas schlaftrunken berichtete Erik nun Birgit, Melanie, Peter, Lars und  Sasha, die ihren Bruder im Rat vertrat, was er von den Boten gehört hatte.  “Diese Boten waren nicht nur Boten der Bürgerschaft oder besser gesagt 


des Bürgermeisters von Visby, sie sind auch so etwas wie Kundschafter. Sie  sammeln allerlei Wissen und Gerüchte auf  der Insel ein und übermitteln das  Gesehene und Gehörte dem Bürgermeister. Ein paar Silberstücke verdienten sie  sich dazu, indem sie ihr Wissen auch ein paar Kaufleuten schenkten. Und nun  kommt doch etwas sehr Erstaunliches. Ein paar der Kaufleute und der Bürger- meister wussten schon länger über das Treiben der Piratensöldner Bescheid. Sie  machten Geschäfte mit ihnen. Sie kauften ihnen Sklaven und auch Beutestücke  ab und so wurden aus dem Diebesgut legale Ware. Unsere jungen Sklaven, die  geflohen sind, waren Beutegut der Piraten und der Händler in Visby war der  Verbindungsmann  der Stadt zu den Räubern. Dass Sorbi und Johanna lesen  und schreiben konnten und zudem auch etwas von der Sprache der Normannen  verstanden, wussten die Entführer nicht. So hat man immer wieder schriftliche  Nachrichten sorglos herumliegen lassen und die beiden konnten hi und da  mal etwas lesen oder auch hören, was sie besser nicht lesen oder hören sollten.  Der Kaufmann in Visby, den Johanna getötet hat, war offensichtlich ein übler  Kinderschänder. Er hat sich an kleinen Knaben vergangen und an jungen  Frauen. Johanna hatte offensichtlich gesehen, wie sich dieses Untier mit Baltus  vergnügte und ihn dabei so quälte, dass der nur noch kriechen konnte und das  Laufen verlernte. Das hat sie offensichtlich am Tattag so in Rage gebracht, dass  sie das Messer auch mit einer solchen Wut gebrauchte, dass der Kaufmann  und sein Knecht daran glauben mussten. Das wussten sie so genau, weil dieser  Kaufmann ihr eigentlicher Herr war und sie sich beim Bürgermeister als  Knechte verdingten, um diesen ebenfalls auszuspionieren.” Erik wurde langsam  atemlos, weil er so schnell redete. Er hatte immer wieder mit Ängsten in sich zu  kämpfen, weil er glaubte, etwas Wichtiges zu vergessen, wenn er nicht schnell  genug alles berichtete. Als er wieder zu Luft kam, erzählte er weiter. “Die ger- aubten Menschen, die man zu Sklaven machte, wurden meist an reiche Fürsten,  Kirchenobere oder Handelsherren verkauft. Er handelte, so erzählten mir die  beiden, nur mit schönen Menschen, die die Gelüste der neuen Besitzer auch  anzustacheln verstanden. Ich schenke dieser Aussage Glauben, denn wenn wir  uns die jungen Frauen vor Augen führen, dann muss auch ich eingestehen, dass  alle drei eine besondere Anmut besitzen. Auch die beiden Knaben waren keine  tumben hässliche Burschen.” Angewidert wollte sich Melanie umdrehen und  gehen, blieb aber mitten in der Drehung stehen und fragte Erik. “Warum haben  dir diese beiden das erzählt? Die waren es doch sicher gewohnt, viel Wein zu  trinken ohne zu plaudern. Zudem halte ich die nicht für dumme Menschen. Was  hat die bewogen, dir das zu erzählen?” Man sah, dass es Erik nicht zum Lachen  zu Mute war. Er krümmte sich förmlich, als ob ihm das Antwort geben Schmer- zen bereiten könnte. “Manchmal muss man sich eine andere Haut überstülpen,  um jemand ganz anderes zu sein. Es spricht sich leichter, wenn ein Lump mit  einem anderen spricht. Ich habe mir die Haut eines Lüstlings angezogen. Wie  ich darauf  kam? Ganz einfach war das nicht, aber als einer der beiden Johanna  als Hure bezeichnete, dachte ich mir, dass da etwas anderes als nur Raub und  Sklaverei im Spiele sein könnte. Also fragte ich, wo man denn solche Huren  herbekommen würde und ich behauptete ganz gewisse Wünsche zu haben. Und 


0 so kamen wir ins vertrauliche Gespräch. Zudem wollte ich ihnen einige unserer  hübschen Frauen zum Kauf  anbieten und da war nun alles möglich.” Sasha  schaute Erik voller Verachtung an. Das hatte sie von Erik nicht erwartet, dass  er Frauen aus ihrer Gemeinschaft an einen Sklavenhändler verkaufen würde,  damit sie an Bestien weitergereicht werden würden. “Sasha ich habe eine Maske  getragen, ich habe gelogen, um das zu erfahren, was wir wissen sollten. Nie und  nimmer würde ich einen aus unserer Gemeinschaft dafür preisgeben. Ich habe  mich heute morgen vor mir selbst geekelt und zur Buße hat mich Gregorius mit  Eiswasser übergossen und gereinigt. Ich habe Worte gebraucht, für die ich mich  jetzt noch schäme und nur der Würzwein konnte diesen bitteren Geschmack  überdecken, der sich in meine Mund breit machte. Ich werde heute noch zum  Christengott und zu Odin beten und alle anderen Götter, die es gibt und um  Verzeihung bitten.  Egal wie ihr über mich denkt, das was da geschieht ist  widerwärtig. Aber ich brauche nun euren Rat. Was machen wir mit den Boten?  Ich will sie nicht so einfach wieder ziehen lassen. Sie haben zu viel hier ge- sehen und sie sind Werkzeuge abscheulicher Menschen. Was soll ich tun. Noch  schlafen sie, denn der letzte Schluck Wein, den sie bekommen haben war etwas  Schlafkraut beigegeben.”     Lars und Melanie schauten sich an und wollten beide zur gleichen Zeit anfangen  zu sprechen. Lars überließ es dann Melanie zu sprechen. “Immer wieder das- selbe. Mächtigen und Reichen ist es egal, was mit Menschen passiert, Haupt- sache ist es, dass sie zufrieden sind. Ihre Gier und Gelüste müssen befriedigt  werden und es gibt zu viele, die ihnen willfähig dienen wollen. Ja es gibt die  Sklaverei, wir werden das nicht ändern, aber für uns sind das trotzdem Men- schen, die unseres Schutzes bedürfen und für uns arbeiten und dafür ihr Brot  verdienen. Aber sie sind kein Handelsgut und schon gar nicht das Fleisch, das  unsere Gelüste zu befriedigen hat. Trotz des Christentums, der zehn Gebote  haben wir es nicht geschafft, diese niedrige Form der menschlichen Gedanken  zu beseitigen und sie auszumerzen. Leider war es schon immer so und wird  wahrscheinlich immer so bleiben. Es aber deshalb gut zu heißen kann ich nicht.  Für mich ist das eines der verdammenswertesten Dinge, die um uns herum  geschehen. Und jeder Christenmensch sollte das auch so sehen. Auch du mein  Odinfreund solltest das so sehen. Oder ist das in deinem Glauben anders? Erik  schüttelte den Kopf. “Nein meine liebe Melanie, ich verdamme das genauso und  deshalb stelle ich auch die Frage, was wir mit den beiden tun sollen? Sie sind die  Arme, die diese üblen Dinge mit betreiben und die hilfreichen Hände für diese  Widerlinge.”  Lars nickte nur und musste lange überlegen. Hilfesuchend schaute er zu Peter  von und zu Bärental. Der antwortete sehr ungern auf  die gestellte Frage, denn  er war sich selbst nicht sicher, wie man hier handeln sollte und auch durfte.  “Wir haben nicht das Recht über die beiden zu urteilen. Die Gerichtsbarkeit  liegt hier beim Bürgermeister und beim Vertreter des Königs. Leider wissen wir  alle, dass in diesem Falle sehr wahrscheinlich kein Recht gesprochen wird. Hier  werden Silber und Gold gegen Recht und Gerechtigkeit abgewogen und was  wiegt denn schwerer? Wiegt das Leben von ein paar Knaben oder Mädchen 


schwer genug, dass sich die Waage der Gerechtigkeit dorthin bewegt, wo Gottes  Gesetze Gültigkeit erlangen können? Lieber leiern diese Missetäter ein paar  Busgebete herunter, als dass sie sich ein einträgliches Geschäft verderben lassen.  Es ist doch wie das giftige Kraut auf  den Feldern. Wenn du es rausreißt, dann  musst du es mit der Wurzel tun, sonst kommt es wieder, wenn du es umhackst,  dann rettest du eine Ernte wenigstens für ein Jahr. Ich bin der Meinung, wir  müssen Zeit gewinnen. Zeit für diese armen Menschen. Wir haben ihnen Schutz  gegeben, den wir ihnen nicht wieder wegnehmen dürfen, aber wir sind auch  dem allgemeinen Recht verpflichtet. Fragt doch noch Gregorius dazu, vielleicht  weiß er Rat und wir sollten Mathias ebenfalls dazu befragen, wie die Gesetze  dazu lauten.”  Für Gregorius war es sehr schwer zu antworten. Nein man durfte nicht einfach  zwei Männer töten, weil sie dem Bösen dienten und schon gar nicht ohne die  Gerichtsbarkeit in Anspruch zu nehmen.  Also mussten die beiden noch für einen Tag oder mehr in der Siedlung gehalten  werden. Erik schlüpfte wieder in die Haut des Lüstlings und ging mit den Boten  durch die Häuser, Ställe und zeigten ihnen alles, was er meinte, ihnen zeigen zu  können. Dabei machte er sie auf die eine oder andere Schönheit der Siedlung  aufmerksam und nannte dafür ihren Preis. Und dann floss wieder Wein in Strö- men und irgendwann bekamen die beide wieder die Schlafkräuter.   Mathias kam am nächsten Tag mit seiner Frau Merit von Mecht´s Hof  um die  junge Mutter Brenda zu besuchen. Sofort wurde er um Rat gefragt . Er war  auch nicht sicher, denn bei den beiden handelte es sich um Bürger von Visby  und sie hatten in der Siedlung keine eigene Gerichtsbarkeit. Und welchen Ver- brechens konnte man sie denn bezichtigen? Sklavenhandel war kein Verbrechen,  Menschenraub schon, aber wie sollte man das beweisen? Und dass man sie  in Verbindung mit den Piratensöldnern bringen konnte, war nicht sehr ein- fach. Zudem würde die Gerichtsbarkeit in Visby so eine Klage denn entgegen  nehmen?  Als Mathias seiner Frau davon berichtete, hatte dieser sofort eine Idee. Sie war  Jarl des Königreiches Schweden und auch Gund war Jarl und sie hatte auf  ihrem  Grund eine eigene Gerichtsbarkeit. Wenn Verbrechen auf  ihrem Gebiet verübt  worden war und man ihr gestattete, hier in der Siedlung Recht zu sprechen, weil  die Täter hier dingfest gemacht worden waren, dann war alles rechtens und nie- mand konnte ihnen einen Vorwurf  machen, wenn sie einen Gerichtstag abhielt.  Am 8. Februar 6 traf  Jarl Gund in der Blauzahnsiedlung ein. Die beiden  Boten hatte man inzwischen in Ketten gelegt und sie offiziell angeklagt. Die  Verhandlung sollte am Freitag dem 19. Februar 1216 stattfinden und man  machte den großen Saal dazu bereit. Die Jarl und auch Mathias bereiteten sich  auf  diesen Gerichtstag vor. Wie sollte man den beiden die Verbindung zu der  Bande, die ihre Siedlung und Bauern überfallen hatten, nachweisen? Und da  half  ihnen Johanna von Bernbach mit einer kleinen Anmerkung, die sie Melanie  gegenüber machte.   


Kapitel 27 Ab 19. Februar 1216 Kloster Fulda im Gästehaus Constanze hatte die erste Nacht seit langem wieder ruhig und ohne Fieber  geschlafen. Ihre Tochter hatte wieder die ganze Nacht neben ihr verbracht. Am  frühem Morgen kam Otto zu ihr ans Bett, schaute sich das bleiche Gesicht von  Constanze an, weckte Marta, die neben dem Bett auf einem Hocker saß und die  ihren Kopf  auf  das Bett gelegt hatte. Dankbar nahm sie Ottos Angebot an, sich  zurückzuziehen und dass er nun bei der kranken Frau von Breitenbach bleiben  würde. Der Hauptmann der Wache des Klosters, Richard von Aichenheim, ein junger  sehr fröhlicher Mann war ein Tierfreund. Er kümmerte sich mit großer Hingabe  um die Pferde, Kühe und Ziegen des Klosters und besaß auch zwei bestens  abgerichtete Hunde, die ihn ständig begleiteten. Als er von Gregor hörte, dass  sie von einer Wölfin mit ihren beiden Jungen verfolgt wurden und von deren  Aufmerksamkeit profitiert hatten, beschloss dieser Hauptmann, die Wölfe  einzufangen. Er wollte die Bauern und ihre Tiere vor ihnen schützen und auch  die Wölfe vor den Bauern.  In einem der Gräben an der Klostermauer hatte man vor Jahren einen Bären  gefangen gehalten - dieses Gehege gab es noch. Heinrich lockte Heulmama,  Jaul und Jammer in das Gehege und dort wurden sie eingesperrt. Richard von  Aichenhein fand immer wieder Knochen oder auch andere Abfälle, die er  den Wölfen zum Fressen geben konnte. Regelmäßig wurden sie vom Grafen  besucht, der von der Mauerkante hinunter ins das tiefer gelegene Gehege bellte  und Heulmama antwortete ihm mit einem langen Jaulen. Die kleine künstlich  angelegte Höhle, die früher dem Bären als Lager gedient hatte, nützten nun die  Wölfe.  Lorentz, Marta und Christian durften bis auf  das Dormitorium der Mönche  und das Kapitel alle Räume des Klosters besuchen. Dabei wurden sie vom  Hospitarius begleitet, der vom Abt mit der besonderen Betreuung der Gäste  betraut wurde. Marta erhielt von ihrem Betreuer einen schwarzen Schleier, den  sie außerhalb des Gästehauses auf dem Gelände des Klosters tragen musste.  Frida von Blau musste sich erst an das Leben hinter den Mauern gewöhnen.  Auch wenn sie nur Gast im Kloster war, gab es auch für sie strenge Regeln, die  sie zu befolgen hatte. Ihre Haare musste sie unter einem festen Tuch verbergen,  sie durfte keine Hosen tragen und ihre Oberbekleidung musste so geschnitten  und gestaltet sein, dass man ihre weiblichen Formen nicht erkennen konnte.  Das Tragen von Waffen war bis auf  Herrn Heinrich, dem Hauptmann und  seinen sechs Männern, für alle anderen untersagt.  Die Frauen speisten immer im Gästehaus und alle Männer erwartete man im  Speisesaal des Klosters. Heinrich III von Kronberg, der Abt des Klosters, bes- tand darauf. Er war ein sehr neugieriger alter Mann und suchte immer wieder  das Gespräch mit Otto von Kraz.  Trotz der strengen Regeln, die alle zu beachten hatten, konnten sie sich von der  Strapazen der winterliches Reise erholen. 


19. Februar 1216 Blauzahnsiedlung Schon am frühen Morgen saß die Jarl Gund mit Erik, Melanie und Lars zu  Tisch, um zu beraten, wie sie den Prozess gegen die beiden Boten führen  sollten. Melanie berichtete, dass Johanna ihr berichtet hatte, dass die Sklaven- händler, Knechte, Kapitäne der Sklavenschiffe und andere Söldner oder deren  Hauptlaute am Unterarm ein Zeichen trugen. Es war blau und hatte die Form  einer Leiter. Es begann mit zwei langen Strichen mit einem oder zwei Quer- strichen. Je höher der Rang, umso mehr Leiterstufen hatte der Träger auf   diesem Zeichen. Und dieser eine Bote hatte bereits vier Leiterstufen, war also  im Range dieser Piraten und Sklavenhändler sehr weit oben. Der andere hatte  nur zwei Leiterstufen. Der Händler, der sie in seinem Keller in Visby gefangen  gehalten hatte, hatte fünf Leiterstufen.   Nach der Morgenandacht, die Gregorius mit sehr viel mehr Einfühlungsvermö- gen als sonst  an diesem Morgen gehalten hatte, versammelten sich - soweit das  möglich war - alle Bewohner der Blauzahnsiedlung in der großen Halle. Dann  wurden die beiden Boten herein gebracht. Man hatte ihnen Hände und Füße  gefesselt und man musste sie mehr hereintragen, als dass sie laufen konnten.  Als der älter der beiden die Jarl Gund in der Mitte des improvisierten Rich- tertisches sitzen sah, wurde er rot im Gesicht und brüllte los. “Das ist doch  lächerlich, ein Weib führt hier den Vorsitz über eine Gerichtsverhandlung, die  ihr gar nicht führen dürft. Das wird euch alle den Kopf  kosten, jeden einzelnen  in dieser Siedlung der Irren und Weiber.” Simon stand von der Bank auf, auf   der er Platz genommen hatte, ging auf  den Tobenden zu und schlug ihm hart  ins Gesicht. Mit einem Messer schnitt er ihm die Ärmel seines Gewandes ab  und stopfte dem leicht Betäubten die Stofffetzen in den Mund. Dann hob er  den rechten Arm des Mannes hoch und drehte ihn so, dass alle die Tätowierung  sehen konnten. “Da ist das Mal des Verbrechens. Nur einer der Beweise für  seine Untaten, die wir heute gerne aus seinem Mund hören wollen. Wenn ich  ihm den Lumpen aus seinem Schandmaul herausnehme, wird er reden. Aber  zuerst werde ich ihn mit allem gebührenden Respekt fragen, ob er noch ein  wenig Aufforderung durch ein heißes Eisen benötigt oder ob er verstanden hat,  dass Schweigen wenig nützlich für seine Haut ist.” Dann drehte sich Simon zu  dem Mann um und schaute ihm in die Augen. “Wirst du reden und alle Fragen  beantworten, die man dir stellt? Oder benötigst du die Aufforderung durch  ein Eisen? Eine geeignete Stelle wo ich es abkühlen lasse auf deiner Haut habe  ich mir schon ausgesucht. “Dabei deutete er auf ein Kohlebecken, wo in der  Glut des Feuers eine Eisenstange lag. Dass man nicht vor hatte, ihn zu foltern,  wusste der Mann nicht. Das war alles mit dem Richtertisch so abgesprochen.  Der Mann erkannte aber schnell, dass man offensichtlich schon einiges über die  Händlergilde wusste, der er diente. Dass man seine Tätowierung als Zeichen  der Zugehörigkeit kannte, war ein Schock für ihn. Dann packte Simon den  anderen Mann und schnitt ihm ebenfalls die Ärmel seines Gewandes ab. Auch  er hatte diese Tätowierung am rechten Unterarm. Zwei Leiterstufen waren zu  sehen, allerdings waren die nicht blau oder schwarz wie man vermutete, sondern  rot. Rot, weil sich die Haut dort entzündet hatte, wo man ihm das Zeichen 


4 angebracht hatte. Eindeutig, dass der Mann neu in dieser Verbrechergilde war.  Simon spürte, dass der Mann noch nicht so lange bei dieser Bande war. Er hatte  innerhalb von ein paar Wimpernschlägen sein ganzes Selbstvertrauen verlo- ren und stand zitternd da. Simon packte den Mann und zerrte ihn unsanft vor  den Tisch. Voller Hass starrte ihn die Jarl an. Erik holte ein Messer aus seiner  Scheide und spielte damit demonstrativ herum. Es sah so aus, als prüfte er  die Schärfe des Dolches, balancierte damit auf einem Finger herum und setze  einem bösen, gewaltlüsternen Blick auf.   Der Mann redete, er redete manchmal zu schnell, sodass man ihn nicht im- mer richtig verstand, aber er redete. Sein Name lautete Gunar, mehr wusste er  nicht. Er war ein Schwede und kannte weder Vater noch Mutter. Er war auf   einem Gut aufgewachsen, wo er von einem Onkel, dem Bruder seiner Mut- ter, aufgezogen wurde. Im Krieg der Könige wurde auch das Gut überfallen  und bis auf  ihn alle umgebracht. Er war, so vermutete er, etwas mehr als zwölf   Jahre alt, als man ihn mitnahm. Zuerst musste er als Träger bei den Söldnern  arbeiten, die Pferde versorgen und die Waffen reinigen. Dann musste auch er an  den Waffen üben. Da er sehr gute Augen hatte und sich nachts lautlos bewegte,  lehrte man ihn, wie man schnell und ohne Krach zu machen, Kehlen durchsch- neiden konnte. Dazu musste er ein paar Mal älteren Leuten, die man gefangen  genommen hatte und die nutzlos waren, die Kehlen durchschneiden. Er wusste  bis heute noch nicht, für wen die Soldaten kämpften oder wer ihr Jarl oder Fürst  war. Er machte das, was man ihm sagte. Er war sechs oder sieben Winter bei  diesen Leuten, als er sie bei einem Sturm an der Küste verlor und auch nicht  mehr fand. Er besaß nur sein Bündel mit einem Fell, getrockneten Fisch, sein  Messer und die Kleidung, die er trug, als er verloren ging, mehr nicht. Und so  musste er sich Nahrung suchen, was ihm aber nicht gut gelang, denn niemand  gab ihm Anweisungen, wie er was zu tun hatte und eigene Entscheidungen zu  treffen hatte er nicht gelernt. Also zog er umher, nahm immer wieder Arbeiten  auf  Höfen oder kleiner Siedlungen an und wurde mit Essen dafür entlohnt. So  zog er einige Monate durch das Land ohne Ziel und immer etwas hungrig. Bis  er eines Tages zu einem Fischerdorf  kam und einem älteren Mann ungefragt  half, sein Boot zu reparieren. Der Mann danke es ihm mit ein paar Kleid- ungsstücken und Essen. Am vierten Tage, als er schon fast mit der Reparatur  fertig war, wurde das Dorf  von einer Bande überfallen. Man trieb die wenigen  Bewohner auf  einem freien Platz zusammen, dann wurden alle von einem  großen in Felle gekleideten Mann untersucht. Der fand zwei junge Frauen,  die sich vor ihm entkleiden mussten und die ihm offensichtlich gefielen. Sie  durften sich wieder anziehen und wurden sofort zu einem Boot gebracht, das  am Strand wartete und dann entdeckte man ihn. Der Mann tastete ihn ab und  auch er musste sich bis auf  seine Hose ausziehen. Auch ihn nahm man mit, da  er kräftig war und der Mann ebenfalls Gefallen an ihm gefunden hatte. Was der  Mann aber bei seiner Untersuchung nicht gefunden hatte, war sein Messer. Das  hatte er sich mit einem Lederband an den linken Unterschenkel gebunden. Die  drei aus dem Fischerdorf  wurden mit Stricken gebunden und auf  ein Langboot  gebracht, das etwas außerhalb der Bucht wartete. Das Dorf  wurde geplündert, 


5 aber sonst geschah nichts.  Als sie weit draußen vor der Küste waren, mussten die drei sich ausziehen und  waschen, die Haare kämmen und bekamen neue Kleidung. Sechs Tage später  gingen sie in der Nähe von Stralsund an Land und wurden dort zu einem  großen Gehöft gebracht. In einem Stall waren bereits acht andere jüngere  Menschen versammelt. Für den kommenden Tag war eine Versteigerung ang- esagt. Und so wurden sie alle an einen Händler der Rus verkauft, der für seinen  Herrn immer junge Frauen und Männer kaufen musste, den die aufstrebenden  Gilden in den Handelsstädten für ihre Vergnügungen brauchten - immer wieder  neues und ihre Ansprüche stiegen. Waren es am Anfang tumbe Bauernkinder,  so wollte man jetzt hübsche blonde Mädchen und kräftige junge Männer oder  Knaben. Der Verschleiß war groß, denn immer wieder starben bei den Vergnü- gungen welche und die mussten schnell ersetzt werden. Dem Händler der Rus  fiel auf. dass etwas mehr in dem Jungen stecken mag, als man zuerst sehen  wollte. Als man dann erforschte, was er denn so alles konnte, wurde schnell klar,  dass man diesen Burschen nicht zum Vergnügen nutzen konnte. Also wurde  er zum Leibwächter erzogen und begleitete den Händler auf seinen Reisen.  Bis es ihn nach Visby verschlug, wo der Händler an einem Morgen nicht mehr  aus dem Bett kam, sondern dort kalt und blass liegen blieb. Und so kam er vor  ein paar Wochen zu dem Händler in Visby und wurde dort Bote für die Gilde.  Und der andere Bote war sein Hauptmann, der hatte sich beim Bürgermeister  eingeschlichen, damit man in der Gilde wusste, was man gegen sie plante oder  ob man ihnen auf  der Spur war. Sie kannten sich erst seit ein paar Wochen  und das hier war ihre erste gemeinsame Reise durchs Land. “Mehr habe ich  nicht zu sagen, denn mehr weiß ich nicht. Ich kenne ein paar Stützpunkte, wo  die Handelsware verkauft wird und ein paar Namen. Selten habe ich einen der  Händler zwei oder drei Mal gesehen. Es waren immer andere, die kamen und  auch wieder gingen. Der Hauptmann hier weiß sicher mehr. Und eines bitte ich  mir zu glauben, ich habe mir dieses Leben mit diesen Kameraden nicht ausge- sucht, dieses Leben hat mich gesucht und man hat es mir gegeben. Ich kenne  nichts anderes. Ich bin nicht unglücklich darüber, aber auch nicht glücklich. Ich  habe fünf  Menschen getötet. Drei davon, als ich das töten lernen sollte, einen  Konkurrenten meines Herren aus Rus und einen Mann aus Visby, dem ich zu  willen sein sollte. Richtet mich nach eurem Glauben, aber wartet nicht zu lange  damit, denn ich werde versuchen zu fliehen.” Es war kein Flehen mehr in sein  Stimme, wie am Anfang - fest und stolz hatte er die letzten Sätze gesprochen. Simon packte ihn, aber längst nicht mehr so grob und führte ihn zu einer Bank  am Rande und setzte ihn zwischen zwei seiner Leute, die ihn bewachen sollten.  Der Hauptmann war wütend, denn trotz seiner Fesseln versuchte er immer  wieder, sich auf  den Jungen zu stürzen. Ein ordentlicher Stoß in seinen Bauch,  der ihm von Oleg versetzt wurde, beruhigte ihn etwas.  “Wenn ich dir die Lappen aus dem Mund nehme, wirst du friedlich sein und  reden? Wenn du nickst und dann doch nicht tust, was man von dir verlangt,  bekommst du auf  jeden Fall das Eisen. Also was willst du?” Simon hatte das  sehr laut und eindringlich gesprochen, jeder hatte ihn verstanden und der 


6 Hauptmann nickte. Als er von dem Lumpen in seinem Mund befreit war, hus- tete er erst sehr lange, dann nickte er wieder. “Was wollt ihr wissen?” Und nun  meldete sich die Jarl zu Wort. “Ward ihr an dem Überfall meines Dorfes und  der Höfe bei mir beteiligt? Habt ihr eines der Langboote geraubt?” Ihre Stimme  war ruhig und wirkte sehr distanziert. “Ja, ich war dabei. Allerdings nicht  beim Abschlachten und Brennen. Ich sollte nur die Ware, die erbeutet wurde,  schon an Ort und Stelle begutachten. Diese dummen Mordbrenner schleppen  inzwischen so vieles an, was man nicht mehr gebrauchen kann. Bei Euch waren  ja nur noch alte Männer und Weiber. Anstatt sich Dinge zu nehmen, die man  brauchen kann, haben sie angefangen, die Alten abzuschlachten und sogar das  Vieh teilweise zu töten. Wie dumm und eine sinnlose Zeitverschwendung. Ich  habe mir das Langboot angeschaut und das haben wir dann genommen, die an- deren Boote waren alt und nicht mehr zu gebrauchen.” Er sprach so ruhig und  sachlich, als ob er beschreiben würde, wie ein Braten auf dem Feuer gar wird.  “Von wem habt ihr die Information, dass man uns überfallen kann und wisst  ihr, wer die Meinen getötet hat?” Die Jarl wurde immer leiser und alle mussten  sich anstrengen, um sie zu hören und dabei wurde es leiser im großen Saal.   “Nein ich kann euch nicht sagen, wer wen erschlagen oder erstochen hat. Die  Information bekommen wir immer von einem Kundschafter, der durchs Land  streicht. Inzwischen sind es zehn Reiter, die hier die Küsten erkunden. Die sind  nun ja offensichtlich tot. Der Hauptmann der zehn Reiter hat einen Kontakt  in Visby, der dann ins Lager der Seefahrer reitet und ihnen beschreibt, wo was  zu holen ist. Ich bekam die Botschaften, um mit den Händlern in Verbindung  zu treten, damit die Waren schnell verschwinden. Der Kontakt ist kein Mann,  sondern eine Frau. Sie betreibt ein geheimes Bordell. Dort kommt die Ware hin,  die ich oder meine Händler nicht wollen, allerdings niemand von der Insel. Das  wäre zu risikoreich gewesen. Die anderen Waren, wie Gerätschaften, Waffen  oder auch Wein und Met geht einen anderen Weg. Hier gibt es andere Händler,  das sind vor allem die aus Hamburg oder Lübeck. Die kaufen keine Mädchen  oder Jungen, die verkaufen sie nur. Die haben da ein paar Stützpunkte, wo  sie die herbekommen. Alle scheinen immer gut genährt zu sein. So wie es  scheint sind das Kinder von armen Bauern, die sie verkaufen müssen und von  Klosterbrüdern, die so einfach mal entstanden sind. Aber auch von Mägden  von Domherren, die mit ihren Kindern verschwinden mussten. Das waren eher  Frauen, die gut zum Arbeiten taugten. Die bekam man auch so, ohne sie zu ver- sklaven, aber oft war es so, dass sich die neuen Herren in Dänemark oder auch  auf  der großen Insel Britannien damit brüsten wollten, sich Sklaven aus dem  reichen Deutschen Reich leisten zu können. Und die Frauen und die Kinder  waren alle sehr arbeitsam. Ihr findet das neue Lager der Piraten in der Nähe  der schmalen Stelle zur Insel Färö. Das alte Lager war denen zu unsicher. Dort  haben sie viele Außenposten, die das Land gut beobachten können und wenn  man sie von See her angreifen sollte, haben sie einen Fluchtweg übers Meer auf   die andere Seite von dieser Insel, dort haben sie ein zusätzliches Waffenlager.  Ich schätze, dass die Streitmacht die dreihundert schon überschritten hat, denn  sie können gut fünf  Langboote bemannen. Auch wenn bei dem Gutshof schon 


einige abgeschlachtet wurden, das waren meist Krieger, die noch nicht richtig  kämpfen konnten. Kinder und zum Kriegerdienst Gezwungene. So nun will  und kann ich euch nicht mehr sagen. Ich weiß, dass ich sterben muss. Ich will  mir mit dem, was ich euch gesagt habe, nur einen schnellen Tot erkaufen. Mehr  erwarte ich nicht. Und bitte gebt mir ein Schwert in die Hand, damit ich würdig  zu meinen Ahnen reisen kann. Mehr kann ich nicht erwarten.”  Der Mann mit den vier Sprossen auf  seinen Unterarm starb ohne Schwert in  der Hand und unwürdig. Mit Steinen an den Füßen beschwert wurde er nackt  auf  dem Meer ertränkt. Der andere, Gunar bat nicht um Gnade, er wollte nur  getauft werden. Den Wunsch erfüllte man ihm und übergab ihn dann Claus  von Olsen. Der sperrte ihn nachts in den Keller des Turmes. Tagtäglich musste  er mit einem der Söldner im Turm trainieren. Einmal in jeder Woche wurde er  unter Bewachung zu Gregorius gebracht, der mit ihm gemeinsam Busgebete  sprach und ihn in der christlichen Lehre unterwies. Die harte Disziplin im Turm  und die Gebete mit Gregorius machten aus ihm einen anderen Menschen. Er  hatte kein Versprechen erhalten, dass man ihn Leben lassen würde, alles war nur  ein Aufschub eines Urteils, das Jarl Gund über ihn zur gegebener Zeit  sprechen  würde. Und er fügte sich in sein Schicksal. Kapitel 28 Kloster Fulda 21.Februar 1216 Der Abt bat alle zur Frühmesse und danach sollten sich alle zu einem frühen  Mahl im Refektorium treffen. Selbst die Frauen und Lorentz durften teilnehm- en. Man hatte ihnen etwas abseits einen Tisch und eine Bank mit Blick auf  den  Abt hingestellt, man hatte sie allerdings dazu verpflichtet zu schweigen, selbst  die Gebete sollten sie nur murmeln, damit keiner der Klosterbrüder ihre Stim- men hören konnte.  Nach dem Mahl, das für diesen Tag außergewöhnlich üppig war, bat der Abt  um Ruhe. Er verkündete, dass Engelbert von Berg zum neuen Erzbischof  von  Köln ernannt werden sollte. Der war während des Thron-Streites 0 neutral  geblieben, war weder dem Welfen noch dem Staufer zugetan. Was ihn für den  Abt von Fulda zu einem unsicheren Mitstreiter für die Sache Christi machte.  Zudem hatte er  bereits mit einigen seiner Verwandten für sechzig Tage am  Albigenserkreuzzug teilgenommen. Der Abt machte keinen Hehl daraus, dass  er die Katharer für üble Sektierer hielt und er war kein Freund wüster Gewal- tausbrüche, die während des Kreuzzuges stattgefunden hatten. Das Verbrennen  von Christen durch Christen war für ihn keine Lösung in der philosophischen  Betrachtung der reinen Lehre. Er war ein Mann der Worte und davon über- zeugt, dass das Wort Gottes nur richtig gepredigt werden sollte, damit die Macht  der Kirche erhalten werden konnte. Er war ein Politiker, ein Geschäftsmann,  aber auch ein Mann Gottes und in dieser Verbindung suchte er immer eine  pragmatische Lösung. Er spürte, dass er seinem Schöpfer bald gegenübertreten  würde und die Ängste vor einem Versagen als Mann Gottes, als Vorsteher eines 


8 Klosters, legte er beiseite. Ihm war wichtig, dass seine Mitbrüder und die Gäste  begriffen, dass ein Gottesmann nicht zur Gewalt aufrufen sollte oder sich an  Gewalttaten zu beteiligen hatte. Für ihn war der Herr von Berg, der kommende  Erzbischof  von Köln, ein Beispiel des Zwiespaltes zwischen weltlicher und  geistlicher Macht, die die Führer der Kirche immer mehr versuchten, in sich zu  vereinigen. Das war wohl nicht möglich. Es war ein kleines Eingeständnis von  ihm, dass er es auch nicht geschafft hatte. Als er diese morgendliche Tafel auf- hob, blieben viele Brüder zurück, die nun mehr Fragen stellen wollten, als man  zu beantworten in der Lage war.  Otto von Kraz hatte sehr wohl verstanden, was der Abt meinte und in den  vielen Gesprächen, die er geführt hatte, war ihm klar gemacht worden, dass es  sehr gefährlich war, sich dieser Strömung in der Kirche zu widersetzen. Der  Kampf  der weltlichen Macht mit der kirchlichen hatte bereits begonnen. Wie  es enden würde, war niemandem klar. Hatte sich die Kirche über Jahrhunderte  von den weltlichen Mächten benutzen lassen und ebenso umgekehrt, so war aus  diesem fleischlichem Werkzeug nun ein eigenständiger Machtfaktor mit eigenen  Begehrlichkeiten geworden und diese Begehrlichkeiten wuchsen weiter und  duldete keine Konkurrenz.   Es wurde Zeit für die Reise nach Lorch. Die Schneeschmelze abzuwarten  bedeute für alle, dass es mehr als nur beschwerlich war, mit Karren und Pferd  zu reisen. Entweder man wartete ab, bis die Schneeschmelze vorbei war und die  Wege einigermaßen trocken oder man reiste jetzt, solange die Wege noch gefro- ren waren. Die Kälte und der Hunger waren ihr größter Feind, aber sie hatten  gelernt mit diesem Element umzugehen. Am . Februar verließen sie das Kloster Fulda. Die Gesundheit von Con- stanze von Breitenbach war wieder hergestellt. Ihr nächstes Ziel war das Kloster  Schlüchtern, das sie beabsichtigten in drei Tagen zu erreichen. Sie bekamen  einen Geleitbrief des Abtes mit, der ihnen sichere Reise durch die Gebiete der  Würzburger sichern sollte.   Montag 22. Februar 1216 Blauzahnsiedlung Es hatte in der Nacht wieder etwas geschneit und der Wind wurde immer  frostiger. Das Leben vor den Hütten, Häusern und Mauern kam immer mehr  zum Erliegen. Eigentlich hatte Lars und Peter geplant, in dieser Woche die  Pferde und Kühe nach draußen zu bringen, damit sie etwas Bewegung hatten,  aber bei diesem aufkommenden Sturm war es einfach unmöglich. Nicht nur die  Bequemlichkeit und die Lust auf Wärme hinderte sie daran, sondern der Sturm,  der inzwischen große eisige Brocken mit sich trug. Knorre hatte sich am Mor- gen verletzt, als er das hintere Tor öffnen wollte und der Wind ihm ein kleines  Stück Eis ins Gesicht schlug. Die Wunde an der Wange war nicht tief, aber doch  sehr schmerzhaft und Gerretius musste sie behandeln. Tapfer hielt Knorre den  Schmerz aus und wurde von Melanie mit einem Bratapfel dafür entlohnt. Johanna von Bernbach schlief  immer noch zu wenig. Sie war immer noch  sehr nervös und vor allem Alana aus dem Frauenhaus, die sich etwas mehr um  sie kümmerte, war etwas verzweifelt, weil sie nicht mehr wusste, wie man der 


jungen Frau helfen sollte. Sie beriet sich an diesem Tage mit Gerretius und  beide waren der Meinung, dass man Johanna nochmals untersuchen müsse.  Weder Alana noch der Medicus der Siedlung waren der Meinung, dass es nur an  den Seelenqualen liegen konnte, was Johanna so peinigte. Lars, Peter und Birgit  stimmten dem Ansinnen er beiden zu.  Johanna wurde von Alana gefragt, ob sie sich von ihr und Gerretius unter- suchen lasse wolle und erklärte ihr auch den Grund dafür. Ohne zu überlegen  stimmte sie dem zu. Zuerst wurde ihr von dem Medicus einige Fragen gestellt,  deren Antworten aber wenig nützlich waren. Die erste Frage von Alana brachte  allerdings etwas zum Vorschein. Ob sie irgendwo in ihrem Körper manchmal  einen heftigen Schmerz empfinde, der sie müde machte, oder auch böse oder  dass sie spüren würde, dass sie sich etwas verändere. Johanna nickte und er- zählte dann, dass man sie bei der Ankunft auf  Gotland, es war tiefe Nacht, als  sie das Schiff  verlassen sollte, so gestoßen habe, dass sie auf der Schiffsplanke  gestürzt sei und sich dabei am Hinterkopf  und am Rücken verletzt habe. Seit  dieser Zeit habe sie immer wieder heftige Schmerzen im Kopf  und ihr Genick  wurde regelrecht steif. Bevor das passierte, wurde sie immer so wütend, dass  sie gerne auf  etwas einschlagen wollte. Der Wunsch dazu war so groß, weil  sie hoffte, diesen Schmerz an jemand anderen weitergeben zu können. Der  Schmerz dauerte sehr lange und wenn er nachließ, wurde sie unsagbar müde.  Diese Angst vor diesem Schmerz machte sie immer ängstlicher und auch wüt- ender. Und jedes Mal wenn ihr jemand Schmerzen zufügen wollte, dann wurde  diese Wut so groß, dass die Ängste und diese Erbitterung darüber sie in einen  Hass führte, der ihr Kräfte verlieh, dass sie in der Lage war, auch zu töten. Wo- bei sie sich eingestehen musste, dass sie dieses Töten nie wirklich wahrgenom- men hatte, es passierte einfach. Und dann kam die Müdigkeit, nur dieses eine  Mal nicht so stark, weil sie fliehen wollte. Sie wusste nicht, wie lange sie neben  dem Toten geruht hatte, aber lange konnte es nicht gewesen sein, denn als sie  erwachte, blutete er noch.   Gerretius und Alana schauten sich fragend an. Was sie da gehört hatten, hörte  sich eher an, als ob sie besessen sei, aber so schnell wollte sie Johanne nicht den  Mächten des Bösen überlassen. Alana und auch Gerretius neigten eher dazu,  Körper und Seele genauer zu betrachten, als eine Krankheit oder ein merkwür- diges Verhalten einer anderen Macht zuzuschreiben. Dem Teufel oder auch den  Untoten überließ man besser seine Feinde, aber nicht Johanna. Dass ihr Körper  und ihre Seele Schaden genommen hatten, war beiden bewusst, aber wie sollte  man diese Verletzungen heilen? Alana und der Medicus beschlossen, zuerst einmal den Rücken der jungen Frau  zu untersuchen, um, soweit das möglich war, nach Methoden zu suchen, diese  Schmerzen zu lindern.  Johanna entblößte ihren Rücken. Eine blutunterlaufene Stelle auf der linken  Schulter und am Hals fiel Alana sofort auf. Sie ganzen Muskeln waren hart und  verspannt. Eine kleine, harte Beule war an der Wirbelsäule neben der blutunter- laufenen Stelle zu ertasten. “Das ist aber nicht alleine durch den Sturz auf  der  Schiffsplanke geschehen.” Das war keine Frage, die Alana Johanne stellte, das 


40 war eine Feststellung. “Erzähle mir alles.” Man merkte, dass Johanna nach- denken musste, als ob sie vergessen habe, wo sie sich diese Verletzungen alle  zugezogen haben könnte, zudem zeichnete sich in ihrem Gesicht eine merkwür- dige Maske ab. Es wurde starr, der Blick war nicht mehr auf  das Hier und Jetzt  gerichtet. Schnell nahm Gerretius ihren Kopf  in seine Hände, richtet seinen  Blick in ihre Augen und sprach beruhigend auf  sie ein. Alana berührte sie weit- erhin und spürte, wie sich alle Muskeln in ihr spannten und fest wurden. Die  Stimme des Medicus beruhigten sie wieder und die Spannung wich aus ihr. Ihr  Kopf  sackte auf die Schulter von Gerretius, als er diesen los ließ, und ihr ganzer  Körper wurde weich. Gerade noch konnte Alana und Gerretius sie auffangen,  sonst wäre sie von dem Hocker gefallen, auf  dem sie saß. Vorsichtig nahmen sie  Johanna hoch und legten sie auf das Bett, das neben dem Hocker stand. Sie at- mete unruhig,  bis sie in dieser Ohnmacht anfing zu weinen und zu schluchzen.  Es dauerte lange, bis sie wieder erwachte. Die Zeit dieses tiefen Schlafes nutzen  die beiden Heiler, um alle Verletzungen, die sie sehen und ertasten konnten,  genauer zu untersuchen. Irgend ein Stück Knochen schien sich hier aus dem  Rücken gelöst zu haben und musste ihr höllische Schmerzen bereiten.  Während Alana die noch immer leicht benommene Johanna in den Armen hielt,  bereitete Gerretius ihr ein paar Umschläge mit heißem Wasser und einer kräfti- gen Kräutertinktur zu und diese wurden ihr dann auf  die roten Stellen gepresst.  Kurz bäumte sich die junge Frau auf, aber ohne weitere Gegenwehr konnte sie  weiterbehandelt werden. Das wiederholten sie einige Male.  Dann war Johanna bereit, Weiteres zu berichten. “Auf  dem Schiff  der Entfüh- rer freundete ich mich mit einem Jungen an. Der zeigte mir, wie man mit einem  Messer umging. Zustechen, werfen und einiges mehr. Als der Kapitän das  bemerkte, verprügelte er den Jungen. Ich bekam nur mit einem Knüppel einen  Schlag von hinten auf  die Schulter. Der Schmerz war unsagbar und ich konnte  nicht einmal schreien. Ich war nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Wie gefes- selt ohne Stricke lag ich auf  den nassen Planken des Schiffes. Es dauerte eine  Nacht bis ich mich wieder bewegen konnte. Aber die schmerzende Stelle blieb  erhalten. Jede Berührung dort fühlte ich im ganzen Körper. Dann kam der Sturz  beim Gang über die Planke vom Schiff  herunter. Und wieder war es die Stelle,  die doch so schmerzte, auf  die ich stürzte. Und der Wächter in Kaufmannshaus  bemerkte schnell, dass es reichte, wenn der mich da grob anfasste, um mich  gefügig zu machen. Und in der Nacht, als er mich zu seinem Herren bringen  sollte, schlug er mich mit einem Knüppel dort hin, weil ich nicht schnell genug  laufen wollte. Was dann geschah wisst ihr doch schon.”  Es dauerte einige Wochen, bis es Johanna besser ging. Alana massierte sie mit  heilenden Ölen, sie wurde gebadet und wieder massiert. Isabella bereitete einige  heiße Kräutertränke für sie, die ihr halfen besser zu ruhen. Die Gespräche mit  Birgit und Gregorius halfen ihr, die Seele zu heilen, aber am meisten half ihr die  Freundschaf  mit Cristina zu Bärental, die sich immer mehr und tiefer entwick- elte. Beide liebten Hunde und Katzen und jede von ihnen adoptierte eines  dieser Geschöpfe, die sich in der Siedlung befanden. 


4 28. Februar 1216 Blauzahnsiedlung   Es war noch immer frostig, aber es hatte aufgehört zu schneien und der Wind  hatte nachgelassen. Bald würde die Schneeschmelze kommen, aber solange der  Boden noch gefroren war, konnte man ausreiten oder wandern.  Am . März wurde eine Reitergruppe aus allen Siedlungen der Blauzahnleuten  losgeschickt um die Gegend im Nord Osten der Insel zu erkunden. Von den  Räuberbanden, aber auch aus Visby, hatte man seit Wochen nichts mehr gehört  oder gesehen. Es war an der Zeit,l sich darauf  vorzubereiten, was unaus- weichlich war. Der Kampf  gegen die Piraten. Peter von und zu Bärental machte  sich mit ein paar andern nach Visby auf, um sich dort nach den Vorbereitungen  auf  den Kampf  gegen diese Bande zu erkunden. Jorg Jorgssen, Juris und Math- ias begleiteten ihn, um dort auch ein wenig nach Informationen zu suchen. Wer  war der ermordete Kaufmann, was wusste man von ihm, mit was hatten er denn  offiziell gehandelt und vor allem, wie weit waren denn nun wirklich die Vorbe- reitungen für den Kampf  gegen die Piraten gediehen?   In Visby angekommen merkten sie, dass in der Stadt sehr viel los war. Viele  Menschen standen auf  den Straßen herum und redeten durcheinander. Als Jörg  Jorgssen sich bei einem Fuhrmann erkundigen wollte, was denn geschehen sei,  bekam er keine Antwort. Der Mann deutete nur in Richtung Marktplatz und  fuhr weiter. Zweihundert Schritte vor dem Platz kamen sie nicht weiter, denn  viel Volk stand vor ihnen und wollte nicht weichen. Sie stiegen von den Pferden  ab, führten diese durch eine Seitenstraße zu einer Herberge, deren Wirt Peter  gut kannte und stellten dort für ein paar Münzen ihre Pferde ab. Der Wirt der  Herberge konnte ihnen wenig sagen, was in Visby für so viel Aufregung sorgte.  Er meinte, dass am frühen Morgen ein Langboot mit einem Boten des Königs  gekommen sei, der einige Anweisungen an den Bürgermeister habe überbrin- gen wollen, der aber weigere sich, den Boten zu empfangen. Nun waren die  Bewaffneten des Bootes vor der Kirche, wo der Bürgermeister sich aufhielt,  aufmarschiert und warteten auf den Mann. Warum der Bürgermeister ihn nicht  empfangen wollte, wusste nun wirklich keiner. Was war denn dabei, einen Boten  zu empfangen? Also drängten sich die Männer der Blauzahnsiedlung durch die Menge und bald  standen sie bei dem königlichen Boten. Mathias kannte den Mann von seinem  Aufenthalt im Königshof  und es war doch sehr auffallend für alle auf  dem  Platz, die das sehen konnten, als die beiden sich herzlich begrüßten. Mathias  stellte dem Boten seine Begleiter vor und man einigte sich darauf, dass man  gemeinsam die Stufen der Kirche ersteigen wollte und der Bote ihnen dann dort  den Grund seines Besuches mitteilen wollte. “Der König hat erfahren, dass es  auf  der Insel Schwierigkeiten mit Piraten und abtrünnigen Söldnern gibt. Er will  wissen, warum der Bürgermeister und der Hauptmann der Wache noch nicht  gegen diese Räuber vorgegangen sind. Aber der Herr hat sich in die Kirche  geflüchtet und weigert sich, mich zu empfangen. Aber ohne dass ich mit ihm  gesprochen habe, kann ich hier nichts ausrichten. Was soll ich tun? Hier eindrin- gen geht nicht und so lange warten, bis er wieder rauskommt, mag ich nicht.  Ich bin eine Bote des Königs und ich lasse mich auf  diese Art nicht erniedrigen. 


4 Das ist ein Handlung gegen den König. Ich muss ihn dafür bestrafen, aber nicht  hier. Hier habe ich keine Macht. Matias weißt du mir Rat?” Zuerst berichtete  Mathias und Peter, was sie über die Piraten und Räuber wussten, dann berich- teten sie von dem Sklavenhändler und seine Ermordung, ohne etwas über die  geflohenen Sklaven zu erwähnen.  Der Bote nickte heftig und wurde ganz aufgeregt. “Es ist also schlimmer, als  der König gedacht hat. Solche Gerüchte sind schon bis an den Hof  gedrungen,  aber wir wollten das alle nicht glauben. Ich wurde bei diesem Wetter ausge- schickt, um es zu klären. Stellt euch vor, eine solche Überfahrt im Winter. Aber  was hat das mit dem Bürgermeister zu tun? Er sollte doch froh sein, wenn der  König ihn unterstützen will.” Das mit dem Unterstützen wollte ihm jetzt keiner  glauben, aber der Bote hatte das gesagt, also war doch irgendetwas im Gange,  was Visby oder ganz Gotland für den König so wichtig machte. Der Handel  mit den anderen Staaten, Städten und Händlern in der Ostsee war wichtig für  Schweden und vieles wurde über Gotland abgewickelt. Gab es eine Störung  des Handels, dann störte das auch die Steuereinnahmen für den König. Zudem  war der Handel mit Sklaven zwar nicht verboten, aber der Raub von Menschen  schon und das durfte nicht zugelassen werden. Denn wenn davon die Händler  und deren Knechte betroffen waren, dann war das auch eine Sache, die den  Handel störte. Wenn es dabei nur um ein paar Fischer oder Bauern gegangen  wäre, dann wäre das nicht so übel gewesen. Denn von denen gab es genug.    Mathias wusste einen Rat. Er bot sich als Unterhändler zwischen dem Königs- boten und dem Bürgermeister an. Er kannte eine Seitentür in das Gebäude,  durch das er Einlass finden konnte. Kapitel 29 26. Februar 1216 Kloster Schlüchtern Ottos Reisegruppe wurden im Kloster freundlich aufgenommen, aber der Ver- walter machte sie schon am Tor darauf  aufmerksam, dass sie nicht lange bleiben  könnten, da man eine weitere Reisegruppe erwartete - aus Würzburg. Otto I von  Lobdeburg, Bischof  von Würzburg, war angekündigt worden. Das Kloster war  den Staufern treu, aber beim Bischof  war das nicht sicher. Er hatte vor sechs  Jahren erst auf  die Seite der Staufer gewechselt, man war sich aber bei diesem  Mann nie sicher. Er war nicht unbedingt nur ein Mann Gottes, sondern auch ein  machtbesessener Politiker im Habit eines Bischofs. Es war besser, wenn sie ihm  nicht begegneten. Also reisten sie am kommenden Tage weiter nach Aschaffen- burg. Die Schneeschmelze hatte noch nicht richtig eingesetzt und so kamen sie  gut voran. Sie erreichten die Stadt nach vier Tagen ohne Verzögerung, allerdings  war diese Strecke für sie selbst und die Pferde sehr anstrengend und so suchten  sie sich eine Herberge, wo sie mindestens vier oder gar fünf  Tage ausruhen  konnten. Sie fanden eine etwas außerhalb der Stadt, wo sie alle unterkommen  konnten. Für die Frauen hatte man eine Kammer und für die Männer gab es  eine große Kammer beim Pferdestall. Zur Sicherheit schlief  einer immer bei 


4 den Pferden und einer war Lorentz.  5. März 1216 Aschaffenburg in einer Herberge Sie hatte alle nicht gut geschlafen, eine Gaststube gegenüber ihrer Herberge  war der Grund ihres schlechten Schlafes. Es war die ganze Nacht sehr laut  und unruhig. Offensichtlich war diese Gaststube auch ein Bordell, denn immer  wieder waren grelle Schreie von Frauen zu hören und dümmliches Gebrüll von  betrunkenen Männern. Erst kurz vor Morgengrauen wurde es ruhig. Da sie in  der Herberge an diesem Morgen nichts zu essen bekamen, musste Heinrich  zusammen mit Frida auf  den Markt der Stadt gehen. Während die beiden un- terwegs waren sorgte sich Lorentz um Heulmama und die beiden Wolfskinder.  Er fand sie in einer kleinen mit viel Gebüsch zugewachsenen Mulde am Main.  Altes Brot und andere Speiserest sättigten die drei. Wie Otto feststellen musste, hatten sich gegenüber ihrer Herberge Händler  und Söldner einquartiert. Und wie vermutet, waren die Damen dort Dirnen,  die man aus Aschaffenburg dorthin geschafft hatte, damit die Herren sich  vergnügen konnten. Otto sah noch, wie diese Frauen sich zu Fuß in Richtung  Aschaffenburg aufmachten - dann wurde das Tor dieser anderen Herberge  wieder verschlossen. Auch der Besitzer ihrer Herberge achtete darauf, dass die  Türen immer gut verschlossen waren. Als Otto ihn fragte, was denn dort im  anderen Haus geschehe, antwortete er mürrisch. “Das war früher das Haus  und die Ställe meines Bruders. Er wurde trunksüchtig, sein Hof  und die Äcker  verkamen. Er wollte keine Hilfe von mir annehmen und eines Tages fand man  ihn erschlagen am Mainufer. Seine Frau versuchte noch etwas zu retten, was ihr  aber nicht gelang. Einer der Ministerialen der Stadt  kam schon einen Tag nach  dem Tode meines Bruders mit einem Dokument, das bezeugen sollte, dass mein  Bruder alles an ihn verkauft habe. Was ganz sicher nicht stimmen konnte, denn  dafür hätte er ja Gold oder Silber oder andere Münzen bekommen müssen, wir  haben aber nichts gefunden. Dass das Dokument falsch war wurde mir schnell  klar. Ich habe einen der Stadtschreiber, meinen Schwager, gefragt, ob er mir das  Dokument vorlesen könnte, das tat er. Mein Bruder hat ihm das Haus verkauft  und einige Felder, die ihm gar nicht gehörten. Also gingen wir zum Haus der  Ministerialen der Stadt und was geschah dort? Man wurde sehr unsicher, ob der  Verkauf  denn wirklich rechtens war, denn das Mitglied, das den Kauf  getätigt  hatte, meinte auf einmal, dass es sich hier nur um Schreibfehler handeln könne.  Und wollte damit zum Mainzer Erzbischof. Irgendjemand riet ihm aber, das  nicht zu tun und sich stattdessen mit dem Haus zufrieden zu geben. Also wurde  das alles neu niedergeschrieben und ich bekam die Felder meines Bruders  noch dazu, weil niemand diesen Fehler bemerkte. Mein Schwager half  mir bei  alledem. Da das Ratsmitglied aber mit dem Haus alleine wenig anfangen konnte,  machte er eine Herberge daraus. Der Mann, dem er das verpachtete, war kein  guter Mensch, aber offensichtlich lohnte es sich hier, zwielichtige Menschen,  die in der Stadt nicht gerne gesehen waren, zu beherbergen. Als mein Vater  noch lebte, war dieses Haus hier der Gutshof  und das gegenüber die Herberge.  Viele Händler aus Würzburg und Nürnberg, die nach Frankfurt zogen, kamen 


44 hier vorbei. Und nun kommen wegen diesem Nachbarn immer weniger zu mir  hierher. Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten mit den Trunkenbolden ge- genüber. Ein paar Mal wurden Händler beraubt oder bedroht. Meine Frau und  auch meine Schwägerin, die jetzt bei uns als Magd lebt, wurden belästigt. Ich  wollte das Haus zurückkaufen, aber den Preis dafür kann ich nicht aufbringen.  Bald kann ich niemanden mehr beherbergen, denn die Händler wissen inz- wischen, was hier geschieht. Der städtische Rat tut auch nichts dagegen, denn  wer will sich schon mit einem anderen dieser Herren anlegen. Ich hoffe nur,  dass es in der nächsten Nacht ruhig wird.” Damit war alles gesagt und der Mann  ließ Otto stehen.  Als Heinrich und Frieda bepackt mit einigen Vorräten zurückkamen, wurden sie  von einer Horde übler Gesellen aus der Nachbarherberge abgefangen und man  versuchte ihnen die Vorräte abzunehmen. Lorentz, Otto und Gregor kamen  ihnen zu Hilfe und sie konnten sich in ihre Herberge flüchten. Die Horde tobte  weiter vor dem Haus und begann mit Steinen auf  das Haus zu werfen. “Es  reicht mir. Das geht so nicht. Gregor wir müssen etwas tun. Wappne dich.” Man  merkte sehr deutlich, dass Heinrich wütend war. Lorentz musste den beiden  helfen, in ihre Kettenhemden zu steigen. Darüber zogen sie beide ihr ledernes  Gambeson mit ihren Wappen an. Frida und Otto machten sich ebenfalls bereit,  in den Kampf  zu ziehen, Frau von Breitenbach machte sich mit ihren Kindern  und Lorentz hinter den Fenstern, die nach draußen gingen, bereit. Pfeile, Bögen  und auch eine Armbrust lagen bereit. Otto öffnete für die beiden Kämpfer das Tor und sie traten auf  die Straße, wo  dieser Mob tobte. Heinrich und Gregor hatten ihre Helme aufgezogen. Als  die Tobenden den Deutschen Ritter mit seinem schwarzen Kreuz auf  seine  Gewandt sahen, wurde es kurz ruhig, dann trat Gregor mit den Wappen des  Staufers auf  seinen Schild hervor und sie versuchten, sich zurückzuziehen. Als  der erste das Tor am Haus gegenüber aufdrücken wolle, sirrte ein Pfeil heran  und bohrte sich tief  neben seine Hand ins Holz des Tores. Die vorher Grölen- den sahen nun die vier, wie sie mit Pfeilen auf sie zielten. Frida trat in den  Farben ihres Mannes nun ebenfalls heraus, keiner erkannte, dass hier ein Frau  stand, Den Kopf  mit einem Helm bedeckt, den Schild vor sich und das Schwer  locker an der Schulter trat sie neben die beiden. Otto hatte sich einen langen  Dolch umgegürtet und eine Armbrust mitgenommen. Diese Waffe war ein  tödliches Werkzeug, wenn sie auf  diese Entfernung abgeschossen wurde.  Da standen nun elf  wilde noch leicht trunkene Bewaffnete den vieren auf der  Straße gegenüber und vier Schützen hatten sich auf  sie konzentriert. Heinrich  hatte vorher allen klar gemacht, dass diese Burschen sie nie in Ruhe lassen  werden, wenn sie nicht ihre ganze Kraft und Energie zu spüren bekommen  würden. Diese Irren waren auf  Kampf  aus, und wenn sie sich jetzt zurückzie- hen würden, dann verschob man nur den Zeitpunkt, wo Blut fließen sollte. Also  galt es jetzt, dem ein Ende zu bereiten. Die elf hatten alle ihre Waffen dabei,  aber keine Schilde und trugen keine Kettenhemden oder Rüstungen und Helme.  Da wurde das Tor aufgerissen und der Wirt brülle. “Kommt rein, das hat hier  keinen Sinn. Ich gehe zum Rat und zeige das an, dass ihr bedroht werdet.” Das 


45 hätte er nicht rufen sollen, denn kaum hatte er diesen unglücklichen Satz been- det, bohrte sich ein Pfeil in die Hand, die das Tor aufgedrückt hatte. Constanze  von Breitenbach hatte geschossen und getroffen. Das war das Zeichen für die  Bande an zu greifen. Heinrich war wie immer der erste, der sich der Gegner  annahm. Einer bekam sein Schild ins Gesicht und dem nächsten wurde von  seinem Morgenstern die Kniescheibe zertrümmert. Gregor musste nur zwei  Mal sein Schwert schwingen und sein Gegner blutete am Arm, dass er die Waffe  sinken lassen musste und brüllend auf  die Knie sank. Frida war schnell und sehr  gewandt, sie unterlief ihren ersten Gegner und rammte ihm  die Papierstande  in den ungeschützten Rücken. Dder Mann, der nun vor ihr stand, war verdutzt,  sie auf  einmal vor sich zu sehen und konnte sich nicht mehr abwenden, als sie  ihm mit der flachen Klingenseite auf seine Stirn schlug. Otto schoss einem der  Angreifer in den Oberschenkel, aus einer Entfernung von fünf  Schritt hatte der  Bolzen noch so viel Kraft, dass es den gesamten Mann umriss, als der Bolzen  ihn traf.  Lorentz schoss mit seinem Bogen auf  den Mann, der ganz hinten stand und  noch nicht eingegriffen hatte. Lorentz zielte auf seinen Schwertarm traf  den  Mann aber genau ins rechte Auge. Kein Schrei, keine weitere Bewegung, der  Mann fiel einfach nach hinten und blieb liegen.  Als ein weiterer Mann Otto angriff, kam ihm Frida zu Hilfe. Mit ihrem Schild  stieß sie nach unten und trennte dem Mann von seinem rechten Fuß alle Zehen  ab. Mit einem Schlag der noch ungeladenen Armbrust ins Gesicht brachte Otto  den Mann ungültig zu Fall. Die anderen wurden von Gregor und Heinrich  entwaffnet. Keiner der Angreifer war ohne Verletzung geblieben und einer war  tot. Geschockt stand Lorentz noch am Fenster und starrte auf  das, was unten  geschehen war. Constanze nahm sich seiner an und führte ihn vom Fenster weg. Gregor und Heinrich gingen nun auf  den Mann zu, dessen Hand immer noch  ans Tor genagelt war. “Ihr habt zugelassen, dass ein Mann des Königs angeg- riffen wurde! Ihr habt diese Männer sogar dazu angestiftet. Ihr habt einen  Ordensmann angreifen lassen. Und wie hier viele bezeugen können, habt ihr  euch sogar an dem Angriff  selbst beteiligt. Ich bin Heinrich von Olsen. Ein  Ritter des Ordens und stehe unter dem besonderen Schutz der Staufer. Wie ihr  sehen könnt, haben wir einen Ritter des Königs als Führer bei uns. Wer ist euer  Herr? Ich will ihm gerne euern Kopf  bringen.” Die Hose des Mannes benetze  sich mit Flüssigkeit und er roch nach Kot. Er konnte nichts sagen, wollte auf   die Knie sinken, aber der Pfeil in seiner Hand behinderte ihn. Gregor brrach  den Pfeil ab und riss die Hand von dem Tor weg.  Heinrich rief  durch das Tor ins Innere des Hofes, dass Knechte und Mägde  kommen sollten, um den Unrat von der Gasse zu beseitigen. Und tatsächlich  kamen eine Magd und drei Knechte und machten sich daran, die Verletzten von  der Straße wegzuziehen.  “Halt, erst werden alle Waffen eingesammelt und vor  das Tor eures Nachbarn gelegt, wenn es noch Kettenhemden oder Panzer und  Schilde dort gibt, bringt ihr die auch vors Tor.” Heinrich wollte vermeiden, dass  irgendjemand nochmals einen Angriff  mit Waffen wagen würde. Die Knechte  machten sich sehr schnell daran, alles was Heinrich ihnen aufgetragen hat zu 


46 erledigen. Dann packte er den Schankwirt an seiner verletzten Hand, riss ihm einen Fetzen  seiner Kleidung ab und verband ihn damit. “Das reicht. Habt ihr ein Pferd?  Lasst es satteln, wir reiten zu eurem Herrn. Jetzt!” Constanze hatte zugehört, was unten auf  der Straße gesprochen worden war  und beauftragte den Herrn des Hauses und Lorentz zwei Pferde zu satteln  - die Herren Ritter würden ausreiten wollen. Von Aschaffenburg hörte man  den blechernen Ton einer Glocke, die zum Mittagsgebet läutete, als die drei  losritten. Heinrich und Gregor hatten den jammernden Schankwirt in die Mitte  genommen, der unternahm aber keinen Fluchtversuch, sondern ließ sich ohne  Gegenwehr in die Stadt bringen.  Die Blicke, die man ihnen zuwarf, als sie durch die Gassen ritten, verrieten  schnell, dass man an so einen Anblick nicht gewöhnt war.  Zwei Ritter auf  großen Rössern und einen ärmlich wirkenden Mann in ihrer Mitte versprach  nichts Gutes und doch könnte es unterhaltsam werden. Vor der Kirche St.  Peter hielten sie an, stiegen ab und führten ihre Pferde und ihren Gefangenen  zu Fuß weiter. Neben der Kirche war eines der prächtigen, festeren Häuser  und offensichtlich war das der Sitz der Magistralen. Offensichtlich waren sie  beobachtet worden, denn ein Knecht kam aus dem Haus heraus und fragte die  beiden, was sie suchten. Heinrich, ganz Ritter des Ordens und einer autoritären  Ausstrahlung ausgestattet, übergab erst wortlos dem Mann die Zügel der Pferde  und fragte dann nach dem Vogt. Verwirrt deutete der Mann auf das Tor neben  der kleinen Tür, aus der er gekommen war. Gregor packte den Schankwirt und  folgte Heinrich, der bereits auf  das Tor zuging. Fast hatte Heinrich das Tor  erreicht, als es bereits geöffnet wurde und die drei durch den Torbogen gehen  konnten. Drei Bewaffnete standen ihnen im Hof gegenüber. Heinrich und  Gregor erkannten sofort, dass diese Männer ihre Waffen gut einsetzen konnten,  wenn es notwendig war. Der Größte der drei ging auf  Heinrich zu, fragte ihn  nach seinem Namen und nannte den seinen. Dann erklärte Heinrich den Grund  seines Hierseins und berichtete noch von dem Vorfall bei ihrer Herberge. Dass  man einen Königlichen Boten, einen Ordensritter und einen Schreiber, der im  Auftrage der Staufer durch das Reich reiste, angegriffen hatte, war ein schwerer  Vorwurf  und man merkte deutlich, dass der Vogt das ernst nahm. Wenn Beri- chte über so einen Vorfall an den Hof  der Staufer kamen oder zum Erzbischof,  dann hatte das Konsequenzen, auch für ihn. Dann bekam er noch den Geleit- brief  von Otto zum Lesen und damit war klar, dass er sich hier zwei bedeuten- den Personen gegenüber sah. Er durfte auf  keinen Fall die Aussagen der beiden  in Zweifel ziehen. Als Heinrich dann noch freundlich aber bestimmt sagte, dass  er sein Anliegen auch gerne mit seinen Ordensbrüdern besprechen könnte, war  klar, dass es besser war, diesem Ritter nichts in den Weg zu legen, sondern sie zu  unterstützen. Aber dem Vogt sollte es nicht gelingen, einen einfachen Schank- wirt in Gewahrsam zu nehmen und damit die Sache als beendet zu betrachten.  Denn nun wollte Heinrich wissen, wo er den Ministerialen finden könne, der  dieses Haus dem Schankwirt verpachtet hatte. “Ihr wollt wirklich den Herrn  von Graufeld sprechen? Genügt es denn nicht, wenn ich diesen Lump in das 


4 Loch werfe und wir ihn dann bestrafen?” Vogt Albrecht war nun etwas unsicher  geworden, denn er konnte sich nicht zusammenreimen, was die beiden denn  noch von dem Herren von Graufeld wollten. Heinrich hatte Spaß an der Sache  gefunden und wollte es weitertreiben. Wenn er schon bei einem kurzen Waffen- gang, den er gerne als Tanz bezeichnete, Menschen verletzte oder gar welche  getötet wurden, dann sollte man gleich reinen Tisch machen und sich nicht  mit der Bestrafung eines Handlangers begnügen. Also musste Heinrich seine  Karten auf  den Tisch legen, um den Vogt zu überzeugen. “Es gibt da ein paar  Ungereimtheiten bei den Dokumenten für die Herberge, deren Pächter wir euch  hiermit übergeben. Deshalb wollen wir den Herren von Graufeld sehen und mit  ihm reden. Herr von Kraz hat bereits seinen Bericht für den Hof  verfasst, denn  es ist seine Aufgabe, Vorkommnisse, bei denen königliche Gesetze gebrochen  werden, an den Hof  zu melden. Auch wenn es sich dabei nur um einen kleinen  Grundherrn geht, dessen Ansehen weit unter dem des Herrn von Graufeld ist,  so ist er doch verpflichtet, über diese Vorkommnisse zu schreiben. Aber ich bin  der Meinung, wenn wir das so ändern können, dass es nicht Wert ist, dass so  etwas an den Hof  gelangt, dann ist mir das lieber. Denn ich will ja weiterreisen  und wenn mich dann diese Kanzleimenschen daran hindern, weil ich als Zeuge  befragt werde, dann warte ich einige Wochen bis die Zeit für mich haben. Also  wo ist der Herr von Graufeld?” Der Vogt Albrecht bat die beiden zu sich in seine Kammer, den Pächter über- ließ er seinen beiden Männern. Dort wurde Heinrich und Gregor von einer  Magd bewirtet, während er selbst sich auf  den Weg zum Herrn von Graufeld  machte. “Er wird ihm jetzt berichten, wer wir sind und was wir wollen. Las- sen wir denen genügend Zeit, sich auf  uns einzustellen. Solange wir hier als  Ankläger auftreten, wird man uns wegen des Toten und der Verletzten unbe- helligt lassen. Dieser Wein schmeckt mir nicht. Mehr Wasser als Trauben sind  da ins Fass gekommen. Das Brot ist wenigstens frisch.” Gregor genoss es, mit  Heinrich zusammen so ein Abenteuer zu erleben. Er hatte alle aus der Reiseg- ruppe ins Herz geschlossen und langsam verstand er auch, was im Kopf  dieses  rechtschaffenen Ritters vor ging. Heinrich und Gregor mussten lange warten. Kapitel 30 2. März 1216 Visby Mathias klopfte an die Seitentür der Kirche und nach wenigen Augenblicken  wurde die Tür geöffnet. Er trat ein und hinter ihm wurde die Tür wieder  verschlossen. Sverin, einer der Kirchdiener, hatte ihm geöffnet. Er wusste  sofort, warum Mathias hier war und führte ihn wortlos hinter den Altar, wo der  Bürgermeister auf den Knien saß und vor sich hin starrte. Mathias sprach in  an, bekam aber keine Antwort. Erst als er ihn an der Schulter berührte, schrak  der Mann zusammen und blickte ihn an. “Was soll ich tun. Nun ist alles vorbei  und zu Ende. Meine Kinder werden sterben, weil ich sie nicht beschützen 


48 konnte. Ich bin ein mutiger Mann, aber das konnte ich nicht mit meiner Kraft,  Reichtum oder Klugheit regeln. Sie haben meine Kinder. Ich darf  nicht mit  dem Boten des Königs reden. Wenn die mich mit ihm sehen, werden sie mein  Kinder ...!” Dann bracht der Redefluss ab und er sackte in sich zusammen. Mit  etwas Phantasie, die Mathias besaß, konnte er sich ein Bild malen, was da wohl  geschehen war. “Sie haben deine Kinder entführt und dich gezwungen, mit  ihnen gemeinsame Sache zu machen! Du musst nicht mit dem Boten reden.  Keiner hat gesehen, dass ich bei dir bin. Ich werde alles tun, damit wir deine  Kinder retten können. Wer ist der Mann, mit dem du gesprochen hat, mit wem  solltest du die Geheimnisse teilen, damit die Seeräuber wissen, was sie tun  mussten?” Der Bürgermeister schrak zusammen. “Ihr wisst schon sehr viel.  Woher?” Dann stand der Bürgermeister auf, musste sich aber am Stein des Al- tars festhalten. “Es gab hier einen Kaufmann, mit dem hatte ich immer wieder  Gespräche geführt. Er gehörte, so sagte er, nicht zu den Seeräubern, aber man  habe ihn dafür gekauft. Ich musste einen seiner Männer bei mir aufnehmen, als  Bote. Nun ist der Kaufmann und einer seiner Leute tot. Man behauptet von  einem Freudenmädchen ermordet. Ich schickte den Boten los, um das Mäd- chen und die entlaufenen Sklaven zu suchen. Er kam nicht zurück. Und nun ist  ein Königsbote hier und will mit mir sprechen. Wenn die davon erfahren, dass  ich mit ihm gesprochen habe, werden die denken, das ich nun nicht mehr mit  ihnen zusammenarbeiten will und meine beiden Kinder ermorden. Ich kann  nicht mit dem Mann reden. Nicht im Geheimen, ich darf  es nicht tun. Die  beobachten mich.” Mathias schüttelte den Kopf, denn dass der Arm der Söld- ner und Seeräuber soweit reichen würde, konnte er sich nicht vorstellen. “Wer  beobachtet dich? Kennst du die Person, die so was tut?” Der Bürgermeister  wusste, dass es für ihn kein Zurück mehr gab. Er brauchte Verbündete und die  Leute aus der Blauzahnsiedlungen waren gute Verbündete. “Ich bin mir nicht  sicher, aber ich habe den Kaufmann und meinen Boten ein paar Mal gesehen,  wie sie mit einer Frau gesprochen haben, die mit einem Schmied verheiratet ist.  Es hat mich gewundert, das der Schmied, ein alter mürrischer Geselle mit so  einer jungen Frau verheiratet ist. Sie ist hübsch und kann lesen und schreiben.  Das hat alle gewundert, die den Schmied kannten, denn der brauchte doch ein  kräftiges Weib, das zupacken kann und keine Frau, die halb so alt ist wie er und  auch noch lesen und schreiben kann. Er hat seine Schmiede beim Haus der  Deutschen, gleich neben dem Brunnen mit der Stange beim Hafen. Und er hat  ein Pferd, das nur sie reiten kann, er kann so was nicht. Er war Waffenschmied,  heute macht er Nägel, Haken und andere Dinge für Schiffe. Sie könnte der  Mensch sein, der sich mit jemandem von den Burschen trifft. Sie darf  nicht  sehen, dass ich mit euch spreche.” Mathias begriff, worum es jetzt ging. Das war  die große Möglichkeit, das Netz, das die Bande in der Stadt hatte, zu zerreißen.  “Bleibt hier drin. Ich werde euch Essen und Trinken und eine Decke schicken.  Ich werde dafür sorgen, dass niemand in die Kirche kommt und dass der Bote  und seine Männer wieder von hier verschwinden.” Mathias schlich sich davon, durch die Sakristei gelangte er wieder nach draußen.  Ungesehen gelangte er zu einer Ecke, wo er Jorg Jorgssen ein Zeichen machen 


4 konnte, zu ihm zu kommen. Er erklärte Jorg alles und der ging zu Peter und  Juris zurück. Als die beiden über alles Bescheid wussten, sprachen sie mit dem  königlichen Boten. Der überlegte nicht lange, sondern zog mit seinen Männern  zum Hafen ab. Vorher hatten sie aber das Gerücht verbreitet, das der Bürger- meister wohl sehr krank sei und er in der Kirche seine letzten Stunden verbrin- gen wolle. Er habe einen schrägen Mund und könne nicht mehr richtig laufen  oder gar stehen und Reden war ihm nicht mehr möglich. Schaum rinne ihm aus  den Mundwinkeln. Wichtig war ihnen beim Verbreiten des Gerüchtes, dass jeder  glaube, der Bürgermeister könne nicht mehr reden. Solch ein Schlag Gottes,  deren Ursache meist bei einer dämonischen Kraft gesucht wurde, war nicht  unbekannt und meist endete es doch tödlich. Oft auch nur, weil die Betroffenen  mit übelsten Torturen behandelt wurden.  Jorg und Mathias beobachteten das Haus des Schmiedes. Keine zwanzig  Schritte bei einer der Hütten, die den Blauzahnleuten gehörte, warteten Peter,  Juris und der königliche Bote mit Pferden auf eine Nachricht. Der Bote hatte  sich inzwischen mit einer grauen Tunika gekleidet und so sah er aus, wie viele  andere, die sich hier in der Stadt an diesem Tage als Händler, Handwerker oder  auch einfach Müßiggänger auf  der Straße befanden. Kurz bevor die Stadt- tore geschlossen wurden, ritt die Frau des Schmieds los. Die fünf  folgten ihr  und schafften es gerade noch, die Stadt zu verlassen, bevor die Tore sich ganz  geschlossen hatten. Unbemerkt konnten sie der Frau folgen. Der Mond erhellte  den Weg gerade so gut, dass sie den Weg sehen konnten. Irgendwann verloren  sie auch den Blick zu der Reiterin. Sie folgten einfach der verschneiten Straße in  der Hoffnung, sie irgendwie wiederfinden zu können. Sie ritten gerade so lange,  wie jemand brauchte, bis dreitausend zu zählen, als sie vor sich an Rande des  Weges Lichter sahen. Juris kannte die Stelle, es war eine der Behausungen von  einigen Holzfällern und Fuhrleuten. Sie ritten etwas abseits des Weges zu einem  Gebüsch, das man gerade noch als solches erkennen konnte. Peter blieb mit den  Pferden zurück. Mathias schlich sich zum Weg zurück, um den zu beobachten  und Juris, Jorg und der Bote gingen leicht gebeugt zu den Hütten. Vor einer der  Hütten zeichnete sich im Mondlicht die Umrisse eines Pferdes ab. Das war also  ihr Ziel, wo sie sich hinschleichen mussten. Die Hütte stand ganz am Ende der  kleinen Siedlung und aus dem Inneren war etwas Licht zu erkennen.  Juris presse sein Ohr ganz fest an eines der mit Fellen abgedichteten Fenster.  Drinnen stritten sich eine Frau und ein Mann sehr laut. Juris verstand sehr sch- nell, um was es da ging. Der Mann war wütend, weil sie, ohne dass es vereinbart  war, ihn nachts besuchte. Als er aber hörte, was sie ihm zu berichten hatte,  wurde er friedlicher. “Nein, Steen der spricht nichts mehr. Ich hörte, dass sein  Zunge gelähmt ist und er in die Kirche gegangen, ist um zu sterben. Vielleicht  wollte der alte Sünder noch ein wenig beten, aber er kann nicht mehr. Gottes  Schlag hat ihn getroffen. Und unser Bote ist verschwunden. Im Schneesturm  umgekommen. Erfroren und der kann auch nicht mehr reden. Der Bürgermeis- ter hat alles dafür getan, dass uns keine Armee angreift. Er hat allen viel ver- sprochen und nichts getan. Es gibt nicht genügend Schwertarme, um uns zu be- siegen. Sobald die ersten Schiffe wieder mit Fellen, Edelsteinen, Bier und Wein 


50 lossegeln, holen wir uns diese und wir werden bald die einzigen sein, die dann  Handel betreiben. Dass der dumme Kaufmann auch noch anfing, mit jungen  Weibern Handel zu betreiben, war dumm. Natürlich sind unsere Schiffe dann  besser mit Waren versorgt und der Profit steigt noch etwas, aber hätte er nicht  warten können, bis wir den Handel in unseren Händen halten. Den Fürsten  und den hochheiligen Pfaffen ihr menschliches Spielzeug zu verschaffen, sollte  nicht vordringlich unser Geschäft sein.” Steen lachte laut auf. “Nein Svanhild  das sollte wirklich nicht unser Geschäft sein. Aber du hättest nicht einfach so  zu mir kommen sollen. Es fällt doch auf, wenn du durch die Stadttore um diese  Uhrzeit reitest. Und es fällt doch erst recht auf, wenn du erst morgen in der  Frühe, wenn sie wieder geöffnet werden, wieder nach Hause reitest. Du solltest  das Bild einer freien, aber doch ehrbaren Gattin unbedingt erhalten. Ein wenig  verrückt ist gut, aber eine achtbare Frau solltest du schon sein.” Steen hatte  das sehr ernst gesagt. Offensichtlich war er um ihre Tarnung besorgt. “Steen  mache dir darüber keine Gedanken. Ich reite jetzt zurück. Es ist hell genug, der  Mond scheint und ich habe meine Armbrust und einen langen Dolch dabei.  Ich verstehe mich zu schützen. Durch das Stadttor gelange ich. Dem hässlichen  Brumme gebe ich eine Münze, er darf  mich ein wenig anfassen und ich fasse  ihn da an, wo er sehr glücklich wird und er wird schweigen und mich durch das  kleine Pferdetor rein lassen. Mache dir darüber keine Sorgen. Überbringen diese  Neuigkeiten unserem Jarl.” Der Königsbote, Jorg und Juris schlichen zu ihren Pferden zurück und alle rit- ten gemeinsam so schnell es ging nach Visby zurück. Etwas abseits des besagten  Tores versteckten sie sich und warten auf  Svanhild. Sie mussten lange warten  bis sie kam. Keine zweihundert Schritte vor dem Tor stieg sie ab und führte ihr  Pferd an den Zügeln leise an der Mauer entlang. Dann klopfte sie leise ans Tor.  Bald wurde es geöffnet und ein großer Schatten erschien unter dem Torbogen.  “Erst meine Belohnung, dann lasse ich dich ein.” hörten sie ein Stimme sagen,  dann stöhnte der Mann auf  und es dauerte etwas, bis das Stöhnen wieder auf- hörte. Noch etwas außer Atem sagte die Stimme. “Jetzt noch die Münze und du  darfst rein. Und noch was. Du solltest unbedingt öfters nachts ausreiten.” Dann  packte jemand Svanhild von hinten, eine Hand hielt ihr den Mund zu und zerrte  sie weg, dann bekam der Kopf  des Schattens einen Knüppel auf  den Kopf  und  Juris fing ihn auf. Svanhild zappelt heftig, aber der Bote stopfte ihr eine Tuch in  den Mund und dann wurde sie gefesselt. Leise schlichen sie durch das geöffnete  Tor nach innen. “Peter nimm die Pferde und schleiche dich zur Kirche, an der Sakristei wart- est du auf uns. Versuche nicht gehört oder gesehen zu werden. Mathias du  schaust, dass uns niemand beobachtet. “ Juris und Jorg hatten offensichtlich  einen Plan und Peter sowie Juris sollten besser nicht bei der Ausführung dabei  sein. Der Bote wusste wohl, was sie nun tun würden. Erst band Juris das Pferd  der Svanhild vor die Wächterstube, dann kam er zurück, während Jorg in der  Wächterstube wartete. Das Frauenzimmer lag nun still da, sie konnte sich nicht  vorstellen, was nun geschehen würde. Als der königliche Bote ihr mit einem  Dolch das Obergewand aufschnitt dachte sie, dass die beiden nur ihren Spaß 


5 mit ihr haben wollten. Dann aber stach ihr Juris mit seinem Dolch in den Hals  und alles Leben wich sofort aus ihr. Sie rissen ihr den Knebel aus dem Mund,  lösten die Fessel, beschmierten den Dolch des Wachmanns mit Blut und warfen  ihn dann mit aller Kraft mit dem Kopf  gegen die Tormauer. Im schwachen  Licht sah es so aus, als ob der Wachmann sich an ihr vergangen habe und sie  dann ermordete, im letzten Aufbäumen des Todeskampfes muss die Sterbende  ihn so abgewehrt haben, dass er mit dem Kopf  gegen die Wand stieß und das  Bewusstsein verlor. Die, die die beiden fanden, würden das so sehen, denn das  Beinkleid das Mannes war noch offen und die Frau hatte an der linken Hand  verräterische Spuren kleben.  “Der Mann wäre sowieso hingerichtet worden. Beim Tode ist es verboten, die  Tore nachts zu öffnen, nur wenn er den Befehl dazu bekommen hätte, hätte er  sie öffnen dürfen. Die Frau, was hätten wir anderen tun können? Hätten wir sie  in den Kerker geworfen, hätte sich das herumgesprochen. Und so ist es doch  ein Unglück, das passieren kann. Lass uns verschwinden.” Jorg kam hinzu.  “Schade, was für eine Verschwendung an Menschenleben. Aber wenn man sich  einmal mit dem Teufel eingelassen hat, dann kann es nur im Fegefeuer enden.”  Er schüttelte sich ein paar Mal und folgte den anderen.  Bald trafen sie sich dann bei der Kirche. Mathias klopfte und sie wurden  eingelassen. Nüchtern und ohne seine Gefühle zu zeigen berichtete er von  dem, was geschehen war. Peter und Mathias waren mehr als nur erschrocken  darüber, was ihr Freund da getan hatte. Aber es würde sie schützen. Niemand  würde erfahren, was sie alles wussten. Nur die Rolle des Schmieds musste noch  geklärt werden. Das konnte aber der Bürgermeister tun, der sich nun wieder frei  bewegen konnte.  Am Morgen wurden alle durch laute Rufe auf  etwas aufmerksam, was sich of- fensichtlich am Nordosttor zugetragen hatte. Der Bürgermeister, wieder ganz  der Mann, der er sein sollte, traf  sofort, nachdem er davon Kenntnis erhielt,  dort ein. Sein Verstand sagte ihm, dass es hier um ein Verbrechen handelt und  der Wächter die unschuldige Frau entehrt habe. Der Mann, der immer noch  nicht auf  den eigenen Beinen stehen konnte, wurde in den Kerker geworfen.  Dort starb er einen Tag später, nicht durch fremde Hand. Der Bürgermeister musste nun dafür sorgen, dass sie bald genügend Bewaffnete  sammelten, um den Kampf  gegen die Seeräuber aufzunehmen. Ihm war be- wusst, dass er nur durch einen Kampf  seine Kinder befreien konnte und nicht  durch Stillhalten.  Der königliche Bote blieb mit zwölf  seiner Bewaffneten in der Stadt zurück. Ihr  Langboot wurde mit Nachrichten an den König zurückgeschickt. Sie suchten  sich ein Quartier, wo sie nicht auffielen oder von allzu vielen bemerkt wurden.  Peter, Mathias, Jorg und Juris kehrten zur Blauzahnsiedlung zurück. Dort beri- chteten sie von dem, was sie erlebt hatten. Juris ließ nichts aus und bat danach  Gregorius um seine Zeit und sein Ohr. Seine Tat lastete doch schwer auf  ihm.  Er hatte etwas Unausweichliches getan, aber es schmerzte ihn sehr.  Jorg, Peter und Mathias saßen auch noch zusammen. Auch ihr Gewissen  klopfte an ihre Herzen. Sie hatten schon in Kämpfen Menschen verletzt oder 


5 gar getötet, aber das, was sie hier getan hatten... war das nicht ein feiger Mord?  Auch wenn Juris den Dolche geführt hatte, so waren sie mit schuldig. Nur Jorg  schien das weniger auszumachen. Er litt nicht so wie die beiden anderen oder  so wie Juris, der jetzt mit sich kämpfte. Er hatte eine Frau getötet. Und einem  Unschuldigen die Tat in die Schuhe geschoben. Das war nicht ehrenvoll, das  war heimtückisch und gemein. Er beichtete und Gregorius sprach ihn frei.  Nicht nur als sein Beichtvater, auch als Freund und Mitbewohner. Wäre das  alles besser geworden, wenn der Scharfrichter es getan hätte.  Sie wäre sicher  einer üblen Befragung unterzogen worden. Durch den schnellen Tod hatte er  ihr unnötiges Leiden erspart und sie alle vor einer Heimtücke, die diese Frau mit  heraufbeschworen hatte, bewahrt. Warum war es schlimmer, eine Frau zu töten  als einen Mann? Diese Frage stellte er Gregorius zum Abschluss und Gregorius  konnte sie nicht beantworten. Nur eines  konnte er ihm sagen. Frauen standen  schon immer unter den Männern, das bedeutete aber nicht, dass es deshalb  leichter war, sie zu töten. Sie waren der Ort, an dem das Leben, das man ihnen  gab, heranwuchs. Ohne Frau keine Leben. Vielleicht war es das. Tötete man eine  Frau, so tötete man auch eine Mutter. Tötete man einen Mann, dann starb ein  Mann und nicht mehr. Heimlich hatte Birgit gelauscht, was Gregorius mit Juris gesprochen hatten. Für  sie war es der Ansporn, darüber nach zu denken und so etwas nochmals mit Ju- ris zu besprechen. Wie war es, einen Menschen so zu töten und wie fühlte sich  sein Gewissen an? Sie wollte das wissen.   Kapitel 31 5. März 1216 später Nachmittag in einer Wachstube  Heinrich und Gregor wurden ungeduldig. Sie wollten noch vor Tagesende  wieder in ihrer Herberge zurück sein. Nun war es aber sicher, dass sie das nicht  schaffen würden. Und es wurde kalt in der Stube.  Die Magd, die ihnen etwas zu trinken gebracht hatte, kam mit einer Öllampe  und mit einer Fackel. Es wurde etwas heller in dem Raum. “Die Herren sind  gerade in den Hof  eingezogen, es wird nicht mehr lange dauern.” Es klang  entschuldigend was sie da sagte. Und tatsächlich wurde kurz darauf  die Tür  geöffnet, Vogt Albrecht kam herein und hinter ihm trat ein Mann in prächtigen  Gewändern ebenfalls in den Raum. Heinrich schaute kurz auf, sprang er- schrocken von seinem Stuhl und starte den Neuankömmling an. “Ja mein lieber Vetter Heinrich, ich bin es. Ich habe das Fieber überlebt, das  mich in Brindisi heimgesucht hat. Lege deine Waffen ab und lass uns in den Ar- men liegen. Ich bin jetzt päpstlicher Legat, aber immer noch dein Vetter und da  wir wie Brüder aufgewachsen sind, lass uns wie zwei liebende Brüder handeln.”  Heinrich legte sein Schwert und den Morgenstern in eine Ecke und dann lagen  sich die beiden in den Armen. Lange, still und kräftig umarmten sie sich. Erst  als Gregor sich etwas nervös zu räuspern begann, lösten sich die beiden vonein- ander.


5 Heinrich stellte Gregor seinem Vetter vor. “Lieber Heinrich, ich weiß wer dieser  Mann ist. Die Kirche weiß alles.” Etwas verlegen stellte er dann Gregor den  Päpstlichen Legaten vor. “Das ist mein Vetter, Conrad von Olsen. Wir waren  auf  dem Weg ins Heilige Land, als er das Fieber bekam. Ich musste ihn in der  Obhut von einigen Mönchen zurücklassen, als er das krank wurde, sonst hätte  ich mein Schiff  für die Überfahrt nicht mehr erreicht. Und nun steht er vor mir.  Er lebt und ist in prächtige Gewänder gekleidet.” Ein Page trat ein und brachte  Becher, einen Krug mit Wein und kalten Braten mit Käse und Brot. Conrad  setzte sich an den Tisch. “Lasst uns etwas essen und reden. Zuerst das, was  dich hierher geführt hat und dann was uns beide berührt.” Der Page bediente  schweigend, während eine Magd einen Feuerkorb mit etwas Glut herein brachte  und dann Holz auflegte. Dann wurden Kerzen hereingebracht. Der bisher karge  Raum erglänzte in einem Schein, der ihm bisher wohl nicht zuteil wurde. Der  Vogt Albrecht zog sich schweigend zurück und damit waren bis auf  den Pagen  keine Diener oder andere Bedienstete mehr im Raum.  “Heinrich, in was sind wir beide da hineingeraten? Du bist hier, um Klage gegen  einen der Magistralen zu führen. Nun der Herrn von Graufeld wird bald vor  seinen Schöpfer treten. Er ist sehr erkrankt und wird deine Klage nicht annehm- en können. Lieber Heinrich, frage nicht weiter. Der Herr von Graufeld wurde  von einem Schlag Gottes getroffen. Es muss kurz nach deinem Eintreffen hier  passiert sein. Er stürzte, bekam ganz blaue Lippen, atmete schwer und liegt nun  schweigend auf  seinem Bett. Ich habe ihm die letzte Ölung nach seiner Beichte  gegeben. Ich konnte erfahren, wo er gesündigt hat und er bat mich darum, seine  Verfehlungen zu bereinigen, damit er sicher in Gottes Schoß gelangen kann. Ich  habe die Dokumente, die zu diesem furchtbaren Missverständnis bei der Her- berge geführt hat, mit dabei. Wir beide müssen nun klären, was getan werden  kann.” Heinrich war sofort klar, dass sein Vetter dabei war, eine unangenehme  Situation für die Kirche zu klären. Der Magistrale hatte wohl im Auftrage der  Kirche gehandelt und war etwas unglücklich dabei vorgegangen. Ohne sein und  Gregors Erscheinen, wäre das alles anders abgehandelt worden.  “Lieber Heinrich, dieser freie Bauer hat Schuldscheine unterschrieben, das lässt  sich nicht leugnen. Da er des Lesens nicht fähig war, hat man offensichtlich ei- niges dazu gedichtet, das zu seinem Nachteil war. Das darf  natürlich nicht sein.  Aber da Aschaffenburg eines der wichtigen Orte ist, wo unser Herr sein Werk  tun wird, ist es uns wichtig, dass wir hier eine Lösung finden, die weder dem  Orden noch der Kirche schadet und unser Ansehen erhöht. Ich sage Orden,  obwohl du nicht mehr dazu gehörst. Aber ich weiß, dass du dem Kampf  gegen  die Ungläubigen und dem Unglauben immer noch verbunden bist und du dem  Orden noch in tiefer Verbundenheit zugehörend fühlst. Es ist auch nicht gut,  wenn einer der Stauferboten von Unregelmäßigkeiten hört. Wir wollen doch  gemeinsam dem Herren dienen und seine Werke schützen.” Heinrich kannte  seinen Vetter zu gut, wenn er so weitschweifig redete, wollte er jemanden müde  machen und über den Tisch ziehen. “Also was lieber Vetter Conrad schlägst  du vor. Ich weiß, dass der Orden hier einen Gutshof vom König erhalten hat  und dass er bereit ist, auch Land dazu zu kaufen. Ich hoffe, dass es dabei nicht 


54 um diese beiden Häuser mit der Herberge geht.” Kurz zuckte der Mundwinkel  Konrads, ein Zeichen dafür, dass er etwas gehört hatte, was ihm nicht gefiel.  “Das Heinrich weiß ich nicht. Wir können das nicht einfach alles rückgängig  machen. Wir wollten dort draußen vor den Toren eine Herberge für Pilger  eröffnen und dafür sollte der Herr von Graufeld die gesamte Herberge er- werben. Natürlich auf  redliche Art, so wie der Herr es uns vorgegeben hat.  Da der Streit mit der Stadt und dem Besitzer der Herberge nun doch etwas  unangenehm ist, würde ich vorschlagen, dass er uns alles verkauft und weit weg  von hier geht. Wenn er akzeptiert, dann hat er drei Tage Zeit zu gehen. Nicht  länger und hier ist das Dokument dafür.” Heinrich las das Kaufdokument. Dem  Mann bot man den dreifachen Wert des ganzen an und alles sollte in Gold  bezahlt werden, aber er durfte das Gebiet der Bistümer Mainz und Würzburg  nie wieder betreten und war auf  immer und ewig zum Schweigen verpflichtet.  Heinrich stockte der Atem. “Ich kann das nicht entscheiden, ich kann das dem  Manne nur empfehlen.“ Heinrich wollte nichts entscheiden, nun aber wurde  er mit der Macht des Legaten konfrontiert. “Geliebter Vetter, ihr seid hier um  Klage gegen den gegen den Herrn von Graufeld zu erheben. Hier geht es um  Streitigkeiten mit dem Besagten und dem Besitzer der Herberge. Du bist hier  als sein Vertreter und wirst jetzt die Entscheidung treffen. Morgen in der Frühe  wird dieses Dokument keine Gültigkeit mehr haben. Unterschreibe, nimm das  Gold und es wird wieder Frieden hier einkehren. Die Verletzten vergessen wir,  obwohl du gegen das Gesetz verstoßen und eine Fehde gegen diese Männer des  Magistralen angefangen hast. Tu was ich dir sage und alles wird gut.” Heinrich unterschrieb und bekam ein Dokument mit Siegel und Unterschrift,  das alles bezeugte, was nun geschah. Gregor musste als Zeuge ebenfalls alle  Dokumente unterschreiben, was ihm sehr schwer fiel, denn er hatte es nicht gut  gelernt.  Conrad schenkte allen nochmals etwas Wein ein, schickte den Pagen aus dem  Raum und richtete seine letzten Worte nochmals nur an Heinrich. “Lasst nun  den Herrn Gregor mithören mein lieber Vetter. Ihr reist mit einem Otto von  Kraz. Einem Chronisten der Staufer. Es ist nicht gut, dass ein Mann mit solchen  Fähigkeiten nicht der Kirche dient. Er möge seine Worte in den Chroniken gut  wählen. Und ihr reist mit zwei Witwen, eine trägt Männerkleidung und beide  können gut mit Waffen umgehen. Das schickt sich nicht, mein lieber Vetter.  Papst Innozenz III hat hier schon Grundlagen geschaffen, um dem Unwesen  dieser nicht geheiligten Freiheit zu begegnen, zudem wenn noch die göttliche  Ordnung verletzt wird. Und das Tragen von Männerkleidung und Waffen ist  den Weibern nicht gestattet. Also seid alle vorsichtig, wie ihr handelt und wem  ihr was sagt.” Heinrich staunte darüber, wie gut sein Vetter Bescheid wusste.  Was ihn wunderte war seine Wortwahl. Nicht geheiligte Freiheit war etwas, was  er nicht verstand. Wies er damit nur auf  die Gesetze hin oder war er der Mei- nung, dass diese Freiheit bald sein müsse und nur der Segen dazu fehlte? “Was  schaut ihr so erstaunt, mein lieber Heinrich? Ich muss meine Gedanken den  Gesetzen Gottes unterwerfen und nicht alles, was uns die Kirche vorgibt, kön- nen wir erkennen. Denn Gottes Wege sind für uns sündigen Menschen nicht 


55 immer gut zu erkennen. Deshalb gibt es die Mutter Kirche, die uns den Weg  weist. Hört also auf  meinen Rat und ihr kommt unbeschadet zu eurem Ziel.”  Dann stand er auf, ging rund um den Tisch und umarmte seinen Vetter. “Und  richtet der Frau Frida von Blau aus, dass ich sie für eine mutige und tollkühne  Frau halte. Wäre ich ein freier Mann und diente nicht unserem Herrn, dann  würde ich um sie freien. Als Geliebte kann ich mir dieses Weib nicht vorstel- len, sie würde das nie dulden.” Diese Worte, die Conrad seinem Vetter ins Ohr  flüsterte, zauberten ein unsagbar fröhliches Lächeln auf  sein Gesicht.  Als Heinrich sich von seinem Vetter lösen wollte, hielt der seine Hände in den  seinen fest. “Heinrich ich habe vergessen, euch von zu Hause zu berichten.  Auf  der Reise hierher, war ich auf  der Burg eures Vaters. Eure Mutter starb  kurz nach unserer Abreise ins heilige Land. Euer Vater Richard hat nochmals  geheiratet. Ein junges Ding, aber mit viel Mitgift ausgestattet. Ihr habt noch  zwei Schwestern und einen Bruder. Euer Bruder ist nun Burgherr und ein Mann  der Staufer und wie du dir sicher denken kannst, leben noch einige Bastarde  aus Richards Schoss auf  der Burg. Ja, kämpfen und Kinder zeugen, darin war er  gut. Er starb vor drei Jahren im Bett einer seiner Mätressen im Alter von sech- sundsiebzig Jahren. Heinrich man wird euch aus dem Stadttor begleiten, drei  meiner Leute werden mit euch kommen und so lange bleiben, bis ihr alle ab- gereist seid. Gott möge dich beschützen.” Dann drehte er sich unvermittelt um  und verließ den Raum. Drei Pagen eilten herein, räumten alles weg. Löschten bis  auf  eine Fackel alle Lichter und dann waren Gregor und Heinrich alleine. “Erkläre mir einer, was da gerade passiert ist.” Gregor schaute nach diesem  Satz, der ihm so aus dem Mund geschlichen kam, etwas verdutzt drein. Man  sah, das Heinrich wütend war und doch lachen musste. “Mein Vetter hat uns  reingelegt und dabei das Leben gerettet. Schau dir die Siegel an. Das eines päp- stlichen Legaten und da das eines Magistralen des Bischofs von Mainz. Wenn er  nicht hier gewesen wäre, hätte man uns den Prozess gemacht. Mord, Ketzerei  und einiges mehr. Wir wären einfach verschwunden, Otto und Lorentz eben- falls. Die Frauen wären wegen des Verstoßes gegen die öffentliche Ordnung im  Kerker gelandet oder sonst irgendwo. Wenn, ja wenn mein Herr Vetter nicht  hier gewesen wäre und wir haben ihm offensichtlich geholfen einen Betrug auf- zudecken. Der Herr von Graufeld hat sich augenscheinlich bereichert und das  mit Geldern der Kirche. Er hat das Grundstück und das halbe Gut mit Betrug  an sich gebracht und hätte es dann der Kirche verkauft. Was sein ursprünglicher  Auftrag war. Unseren Herbergsmann hätte man so lange gequält, bis er seine  Haus und die Felder weit unter dem Wert verkauft hätte und dann wäre auch er  verschwunden. Nur, wir können wegen dieser Sache keine Klage beim König  oder ich beim Orden führen. Ich habe den Verkauf  unterstützt und meine  Unterschrift steht unter dem Dokument. Dass der Orden ebenfalls Interesse  an der Herberge hatte, weiß ich nun auch. Wir beide haben den Kaufvertrag  unterschrieben und damit tragen wir die Mitverantwortung für alles. Der Bauer  und seine Familie ist gut weggekommen, sie haben mehr Gold für den Verkauf   dafür bekommen als alles wert ist. Und die Warnung wegen der beiden Frauen  müssen wir ernst nehmen. Wir werden mit ihnen sprechen. Otto lässt er durch 


56 uns warnen, dass er nicht zu viel über diesen Vorfall schreibt oder jemandem  berichtet. Und wir haben alle drei Tage Zeit, von hier zu verschwinden. Und  den Herrn von Graufeld hat sicher nicht der Schlag Gottes getroffen. Gift oder  so etwas wird es gewesen sein. Mein Vetter war schon immer sehr schnell in  seinen Entscheidungen und er hat immer seine Entscheidungen so getroffen,  dass es kein Zurück mehr gab. Und ich denke, wir hatten einen Verbündeten,  warum sonst wurde der Legat informiert? Vogt Albrecht denke ich, war es. Lass  uns aufbrechen, die anderen werden ungeduldig auf  uns warten. Und dass man  uns drei Begleiter mitgibt bedeutet, dass man uns nichts antun wird. Denn mit  dreien werden wir fertig, die sollen uns nur beobachten, mehr nicht.” Hein- rich packte die Dokumente, den großen Beutel mit Gold, nahm sein Schwert  und den Morgenstern auf  und sie gingen durch die Tür, zu der sie auch herein  gekommen waren.  Untern standen ihre Pferde bereit und ein Packpferd mit ein paar Ledertaschen  darauf. Ihre drei Begleiter waren ordentlich gekleidete Männer ohne Wappen- zeichen, in den Händen hatten sie Fackeln. Schon beim Besteigen ihrer Pferde  sah Heinrich, dass diese Männer kampferprobt waren. Ihre Waffen waren fest  und sicher und einer hatte eine Lanze mit einem Wimpel. Dieser Mann ritt  voran und noch vor Mitternacht erreichten sie die Herberge. Zuerst besprach er alles mit ihrem Wirt, der erkannte, dass aus dem Unglück,  das ihnen bevorgestanden hätte, doch noch sehr viel Glück wurde. Dann sprach  Heinrich mit den seinen. Als er dann noch den Gruß seines Vetters an Frida  ausrichtete, wurde diese rot im Gesicht. “Das ist also euer Vetter? Conrad von  Olsen ist euer Vetter?” Das wiederholte sie dreimal, weil sie es nicht glauben  wollte. “Woher kennt ihr meinen Vetter?”  Frida setzte sich hin und wirkte ganz verlegen. “Ich muss euch was erklären.  Herr von Blau war nicht mein Ehemann, er war mein Vater. Er war auf  dem  Wege ins Heilige Land und er wollte mich nicht alleine zurücklassen. In Brindisi  kamen wir zu spät für die Überfahrt an und sollten uns zwei Monate gedulden.  In einem Kloster fanden wir Unterkunft und mein Vater konnte die Unterkunft  gut bezahlen. Er war kein armer Rittersmann, sondern hatte ein großes Gut bei  Eberfelde, denn er war ein Gefolgsmann des Grafen von Berg. Der verwaltete  das Gut so lange weiter, wie er abwesend war. In diesem Kloster lernte ich  einen jungen Mann kennen, der von einem schlimmem Fieber genesen war und  ebenfalls auf  die Überfahrt ins Heilige Land wartete. Conrad von Olsenberg, so  nannte er sich. Groß, gutaussehend und mit einem guten Benehmen ausges- tattet erwärmte sich bald mein Herz für ihn. Er hatte Zeit für mich und mit  einer Zofe als Anstandsdame durfte ich immer wieder mit ihm ausreiten. Er war  es, der mir den Umgang mit der Armbrust zeigte und auch den Kampf  mit dem  Schwert. Er sang Lieder für mich, dichtete und erzählte mir von seinen mutigen  Vettern und von ihren Burgen im Lande der Schwaben und Bayern.  Wir hat- ten eine wunderbare Zeit zusammen und ich erwartete, dass er bald um meine  Hand anhalten würde. Die Zeit verrann, die versprochenen Schiffe kamen nicht  und wir warteten weiter, denn jetzt kam der Winter. Fünf  Monate lang, aber die  Zeit war wunderbar mit ihm. Auch mein Vater glaubte, dass der Herr von Ol-


5 senberg bald um meine Hand anhalten würde. Ich war so verliebt in ihn. Dann  kam die Zeit, wo er sich immer rarer machte. Zuerst sagte er mir, dass er viel zu  tun habe, denn unsere Abreise stünde ja bald bevor, dann erklärte er mir, dass er  dringende Geschäfte zu erledigen habe. Als er dann einmal über fünf  Tage weg  blieb, hielt ich es nicht mehr aus. Mit meiner Zofe ritt ich zu seiner Herberge.  Bis auf  einen Knecht fand ich niemanden vor. Meine Zofe sollte bei den Pfer- den bleiben und ich wollte ein Tuch von mir in sein Zimmer legen, damit er sich  an mich erinnern möge. Also ging ich in seine Kammer und was sah ich da. Er  lag nackt auf  seinem Bett und neben sich zwei ebenfalls unbekleidete  Weiber.  Sie schliefen fest nebeneinander. Er merkte nicht einmal, dass ich das Zimmer  betrat. Ich band mein Tuch an seinen Schwertknauf  und verschwand wieder.  Wir sahen uns nie wieder. Und ich bat danach meinen Vater, mich heimlich als  seine Frau zu bezeichnen, da ich es leid war, mir die Nachstellungen anderer  Männer gefallen zu lassen. Wir schifften uns als Mann und Frau ein und als wir  in Akkon ankamen, wo uns keiner kannte, war der alte Herr von Blau Ehemann  einer viel zu jungen Frau. Conrad von Olsenberg war nie im Heiligen Land. Als  wir zurückkamen, war unser Gut heruntergewirtschaftet und mein Vater lag im  Streit mit dem Grafen zu Berg. Er verkaufte alles und wir kauften uns den Hof  im Norden, wo ihr uns gefunden habt. Ja, ich habe Conrad geliebt, wie ich nie  wieder einen Mann hätte lieben können. Aber das, was ich da gesehen hatte, war  nicht das, was ich mir von einem Ritter erdacht hatte.”  Ottos kurzer Kommentar war ein leises. “Aha.” Constanze von Breitenbach  weinte aus Mitleid für die arme Frida ein paar Tränen und Heinrich kratze sich  heftig am Kopf. “Ja, ja, die Olsenbergs und die Olsens sind schon so. Zum  Ärgernis ihrer Eheweiber benötigen sie immer ein Weib neben sich, sonst  können sie nicht schlafen gehen. Ich habe sehr viele Brüder und Schwestern,  aber noch mehr Bastarde als Brüder und Schwestern. Es sind zu viele gewe- sen, deshalb mussten wir auch gehen. Die Burgen und Dörfer hätten uns nicht  ernähren können. Frida es tut mir leid für dich.” Dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Gregor stand auf, ging  zu Frida, nahm ihre Hände in seine und fragte leise und doch für alle hörbar.  „Willst du mein Weib werde, Frida von Blau?” Kapitel 32 6. März 1216 Blauzahnsiedlung Ein Reiter war am Morgen aus Visby gekommen. Man habe inzwischen fast  dreihundertdreißig Kämpfer sammeln können. Aber man hoffte, dass es noch  ein paar mehr werden, da die Bauern und Fischer aus dem Süden der Insel noch  keine Nachrichten gesendet hatten. Von den Seeleuten, von den Bauern, aus der  Stadt und bei den Königlichen sowie der Stadtwache wurden schon die Waffen  bereitgemacht. Man richtete den Blauzahnleuten aus, dass man sich am 0. März  sammeln wolle. Ein Priester würde auch da sein und alle segnen, wer das wolle.  Verpflegung und Waffen musste jeder selbst mitbringen. Man habe inzwischen 


58 über einige Kundschafter herausgefunden, dass die Seeräuber einen Angriff   über See und an Land auf  Visby planen würden. Drei Langboote würden über  See kommen und die Landstreitmacht solle aus über vierhundert Kämpfern  bestehen.  Lars war schockiert, als er das hörte und berief den Rat der Siedlung ein. Erik,  Lars, Birgit, Peter, Claus von Olsen, Melanie und Simon saßen am Abend in der  Küche des großen Hauses zusammen. Sie wollten unter sich sein und die große  Halle war immer noch belegt mit ein paar Verletzten und Heimatlosen. Sie  zählten ihre Kämpfer zusammen und kamen auf  fast einhundertdreißig Männer  und Frauen. Simon wollte, dass sie den Kampf  auf  See übernehmen sollten. Sie  stimmten ab und bis auf  Peter stimmten alle für die See. Das kleine Langboot,  das Simon befehligte, sollte als Kampf- und Kurierboot eingesetzt werden. Die  Knorr und eines der Langboote sollten sich den Piraten entgegenstellen. Die  Knorr war zwar nicht sehr wendig, dafür konnte man mindesten vier Balliste  montieren und mit den Armbrüsten war es auch leichter zu zielen, denn die  Knorr konnte man auch einige Wimpernschläge ruhig halten, was bei einem  Langboot nicht so gut möglich war. Zudem wollte man das Deck so verändern,  dass die Kämpfer besser geschützt waren.  Allen war klar, dass sie es mit erfahrenen Kriegern zu tun hatten und sie keine  Gnade erwarten durften, sowie sie auch keine gewähren konnten. Peter hatte  vor, mit den verbleibenden Menschen in den drei Siedlungen eine Verteidi- gung aufzubauen. Man wusste nie, was dies Mörderbande alles plante. Sophia  sollte den Befehl über diese Leute in der Blauzahnsiedlung übernehmen. Alte  und junge Menschen, Verwundete und alle, die am Feldzug nicht teilnehmen  konnten, würden sich an den Kampf  mit Waffen gewöhnen müssen.  Am . März reiste Peter mit zwei Knechten zum Hof  der Mecht und erklärte  ihr, was sie zu tun hatte. Alle Jugendlichen, die einen Knüppel oder ein Speer  tragen konnten, mussten sich einem harten Training unterwerfen, das Merit  leitete, denn kampferprobte Männer waren keine auf  dem Hof. Und der Hof   musste befestigt werden - Tag und Nacht musste jemand Wache stehen. Am  nächsten Tag ging es weiter zum Turm an der Küste. Die Fischer waren schon  durch Claus auf  alles vorbereitet worden und so konnte Peter wieder zur Sied- lung zurück.     Am 0. März trafen sich alle Hauptleute des bevorstehenden Feldzuges in Visby.  Der Königliche Bote übernahm den Befehl über die Streitkräfte in Visby. So  wie die Kundschafter es berichteten, würden die Söldner am . März vor den  Toren der Stadt sein. Die Langboote waren noch nicht losgesegelt.  Peter hatte die Vorbereitungen mit den Schiffen getroffen. Die Knorr würde  vor dem Hafen liegen, das schnelle Drachenschiff  mit Simon etwas weiter  draußen auf  See, in Sichtweite der Knorr und Lars lag mit dem großen Lang- boot weiter westwärts hinter einer Landzunge verborgen. Zwei Händler hatten  ihre Knorr jeweils bemannt im Hafen liegen, bereit in den Kampf  einzugreifen. Der Königsbote sollte seine Streiter vor den Stadttoren aufstellen und den  Angriff  von der Seite erwarten. Nur etwas mehr als zweihundert sollten für die  Seeräuber sichtbar sich in Gruppen von je zwanzig  Kämpfern aufstellen. Alle 


5 anderen waren hinter den Mauern versteckt. Bewaffnet mit Armbrüsten, Pfeilen  und Bögen, Speeren, Steinschleudern und auch zwei große Balliste sollten zur  Überraschung der Angreifer dienen. Die Balliste hatten eine besondere Auf- gabe. 22. März 1216 vor Visby  Die Schneeschmelze hatte begonnen. Zu aller Überraschung regnete es sogar  und der Wege, Felder, Wiesen wurden weich und es war alles wie mit Öl  begossen glatt und glitschig.  Der Bote ließ seine Leute drei Mal hintereinander die Aufstellung und die ver- meintliche Flucht durchs Tor üben. Die Schützen verborgen, hinter den Mauern  und Palisaden, probten das gemeinsame Abschießen ihrer Geschosse. Das  schnelle Anzünden der Brandpfeile für die Pfeile und die Balliste wurde auch  trainiert. Einige Schützen waren noch etwas ungeschickt und so gab es die eine  oder andere Brandblase. Überall stellte man Bottiche und Kübel mit Wasser bereit, um eventuelle Brände  schnell löschen zu können. Alle Tiere in der Stadt wurden so eingesperrt, dass  sie niemanden verletzten konnten, wenn sie in Panik geraten würden. Was man  aber bemerken musste, war, dass es wenig ängstliche Gesichter gab.  Die Kampfvorbereitungen hatten sogar etwas von einer Jahrmarktsstimmung. 23. März 1216 am frühen Morgen Der Himmel hatte seine Regenpforten verschlossen. Die Felder und Wiesen vor  der Stadt waren teilweise noch mit feuchtem Schnee bedeckt. Der Königsboote  hatte noch am Vortage eine etwas mehr als hundert auf  dreißig Schritt große  Fläche vor dem Tor mit kleinen Steinen, Stroh und Holz befestigen lassen, sonst  wären auch sie im Morast stecken geblieben.   Peters Knorr lag bereits am Abend quer vor der Bucht von Visby. Fest verbun- den über zwei dicke Taue am Ufer. Jeweils zehn kräftige Rösser standen bereit,  an die Taue geschirrt zu werden.  Die besten Bogenschützen und auch die Armbrustschützen standen auf  der  Knorr verdeckt bereit, den Kampf  auf  See auszutragen. Als die ersten, noch etwas zarten Sonnenstrahlen durch eines Wolkenlöcher  hindurch schienen, tauchten keine vierhundert Schritte vor dem Tor die ersten  fremden Kämpfer auf. Der Bote ließ seine Männer Aufstellung nehmen und  sie bildeten mit allem, was ihnen Schutz bieten konnte, einen Schildwall. Auch  der Gegner nahm Aufstellung. Zur Verwunderung aller waren das aber nicht  mehr als zweihundertfünfzig Männer. Allerdings sah jeder, dass diese Männer  erfahren waren und bestens bewaffnet.  Sie versuchten nun über den sehr schmalen Weg, der befestigt war, vorzurücken.  Dabei mussten sie ihre Linie auflösen, denn mehr als sechs Männer konnten  hier nicht nebeneinander gehen.  Dann sah man den Rest der Männer - etwas mehr als einhundert Bogenschüt- zen tauchten auf  und bildeten eine sehr breite Linie, dann schossen sie auf  die  Schilderburg. Da die Pfeile auf diese Entfernung wenig Wirkung hatten, flogen 


60 sie meist in das Gelände vor den Visby Kämpfern in den Morast, nur zwei  trafen ihr Ziel und einer davon verletzte den Mann, der dem Tor am nächsten  stand und sein Schild zu weit oben hielt. Er wurde leicht am Bein verletzt.  Die  Männer mit den Bögen mussten vorrücken und blieben bei einhundertfünfzig   Schritten im Morast stecken. Sie mussten also auch den Weg der Fußkämpfer  gehen und ihnen über den Weg folgen. Vereinzelt wurden Pfeile abgeschossen,  aber die Wirkung war nicht sichtbar.  Dann wurde das Tor geöffnet und dahinter standen zwei Balliste mit großen  Pfeilen beladen. Flach und mit einer brutalen Gewalt wurden die beiden Pfeile  auf  die anrückenden Männer abgeschossen. Die brachte mindesten zwei duzend  Männer der Angreifer zu Fall. Dies war der Moment, dass alles, was sich hinter  den Palisaden und Mauern versteckt hatte, sich erhob und seine Geschosse  auf  die verwirrten Angreifer abschoss. Das brachte den Angriff  zum Stocken  und die ersten Einheiten der Verteidiger vor dem Tor eilten hinein. Die beiden  Balliste wurden wieder geladen. Die Angreifer waren in einem Dilemma, von  hinten drängte man nach vorne und vorne sah man der tödlichen Maschine  direkt entgegen und wollte ausweichen. Wich man aus, steckte man im Morast  fest oder kam nur sehr langsam und mit viel Kraft weiter. Von den Verteidigern standen nun nur noch vierzig Männer neben dem Tor.  Das waren die besten mit Kampfausbildung. Sie sollten so etwas wie Lockvögel  spielen. Sie erfüllten ihre Rolle bestens, denn solange die Angreifer noch Män- ner vor den Mauern sahen, wollten sie auf diese losstürmen. Der zweite Schuss  der beiden Balliste stiftete weitere Verwirrung, denn nun waren die Kämpfer  nicht mehr geordnet, sondern versuchten über ihre gestützten Kameraden  hinwegzusteigen. Das behinderte alle nachfolgenden und es dauerte zu lange,  bis sie weiterlaufen konnten. Immer wieder rutschten von dem schmalen Weg  welche ab und blieben im Morast stecken. Nach dem zweiten Schuss eilten die  letzten Männer der Verteidigen durch das Tor in die Stadt und das Tor wurde  fest verschlossen. Der erste Angriff  der Piraten von Land war gescheitert und  man eilte über den festen Weg zurück. Die, die im Morast zu langsam waren,  wurden mit Pfeilen, Steinschleudern oder auch mit den Armbrüsten erledigt. So  wie der Bürgermeister sehen konnte, lagen etwas mehr als zwanzig Angreifer tot  oder sterbend vor der Stadt.  Kampf  vor dem Hafen Kaum hatte der Kampf  vor den Toren begonnen, tauchten auch schon die  Drachenboote auf. Es waren nicht wie berichtet drei Boote, es waren vier sehr  große Langschiffe. Gut bemannt und es wurde gerudert. Peter hielt allerd- ings an seinem Plan fest, denn in die schmale Einfahrt konnten nicht mehr  als ein Langboot gerudert einfahren und ein anderer Fleck am Ufer, wo sie  landen konnten, war mit Holzgerüsten und Eisenspitzen so gesichert, dass man  mindestens zwanzig bis dreißig Meter durchs Wasser ans Ufer waten musste,  um an Land zu kommen. Und es gab dazwischen immer wieder unter Wasser  tiefe Spalten, wo ein Mann mit Waffen und Rüstung leicht ertrinken konnte.  Also wurden die Angreifer gezwungen, an Peter vorbei in den Hafen und die 


6 Liegeplatze vorzudringen. Das erste Langboot kam schnell, fast zu schnell angerudert. Mit kleinen Fahnen  wurden ans Ufer Zeichen gegeben. Seile wurden hochgehoben und die Pferde  am Ufer spürten die Spannung. Als dieses Boot nahe genug war, wurden zuerst  Pfeile abgeschossen und dann kamen die Armbrüste zum Einsatz. Dann wieder  Pfeile, allerdings Brandpfeile und die trafen gut. Die Männer an Deck des  Drachenschiffes versuchten die Brandpfeile herauszuziehen oder zu löschen.  Nur noch ein Teil der Mannschaft ruderte und da wurde der erste Balliste  abgeschossen und der große Pfeil blieb vorne, etwas unterhalb der Drachenfigur  im Holz stecken. Alle die es auf dem angreifenden Boot sehen konnten, freuten  sich. Dieser Pfeil hatte keinen Schaden angerichtet. Bis zu dem Moment, als sie  sahen, dass dieser Pfeil mit einen Seil verbunden war. Und das andere Ende des  Seiles war nicht an Deck der Knorr vor dem Hafen. Es endete an einer Rolle  am Pier und lief  dort weiter zu zehn Pferden, die nun an diesem Seil zogen.  Das Drachenboot bekam sehr schnell eine andere Richtung und rauschte durch  die eigene Geschwindigkeit und den erzwungenen Richtungswechsel auf  eine  kleine Felsengruppe am Ufer entgegen und krachte dagegen. Es bedurfte keiner  großen Kraftanstrengung durch die Pferde, denn sie mussten nur die Rich- tung des Angreifers erzwingen, was ihnen gelungen war. Die Männer auf  dem  zweiten angreifende Drachenboot, das knapp hinter dem ersten heran geraus- cht kam, waren irritier, denn sie konnten nicht sehen, warum das erste Boot  so abrupt die Richtung gewechselt hatte. Dann wurden auch sie mit Pfeilen,  Brandpfeilen und Bolzen überschüttet. Allerdings musste sich nun die Knorr so  schnell wie möglich aus der Fahrtrichtung des zweiten Drachenbootes entfern- en, das trotz eines Brandes weiter fuhr. Die Männer mit anderen Pferden hatten  bereits die Nachricht mit einem Wimpel erhalten und nun zogen die Pferde auf  der anderen Seite des Ufers an einem Tau. Diese Tau war am Heck der Knorr  befestigt und zog es leicht in den Hafen hinein und nun war es parallel zum  Kurs des Angreifers. Aus nächster Nähe bekamen die nochmals Holz und Eisen  ab und viele verloren beim Vorbeifahren an der Knorr  ihrer Ruder.  Das Tau auf  der Knorr wurde gekappt und jetzt mussten sie aus dem Hafen  rudern. Die beiden anderen Drachenboote, die noch etwas außerhalb des Hafen  waren, sahen, dass da etwas nicht so gelungen war, wie man geplant hatte und  ruderten nun langsamer in Richtung des Hafens, bis sie sahen, dass sie von  hinten Besuch bekamen. Das große Langboot der Blauzahnleute ruderte auf  sie  zu und etwas abseits kam nochmals eine kleineres auf sie zu.  Die Angreifer auf  den beiden Drachenbooten, die sich nun im Hafenbecken  befanden, kämpften um ihr Leben. Eines der Boote war am Sinken und nur  wenigen gelang es, sich an das Ufer zu retten und das andere war nun zwischen  zwei gut bemannten Knorr im Hafen eingekeilt und die Leute warfen Steine  und Speere auf  sie. Und dann begann der Kampf  Mann gegen Mann. Visby´s  Männer waren zwar in der Überzahl, aber die Piraten waren kampferfahrener  und mehr als nur wütend, sie wussten, dass sie ums nackte Leben kämpfen  mussten. Sie vergaßen das Beute machen und wollten nur durch die Mauer aus  Schwertern, Knüppel und Speeren hindurch, weg aus diesem Chaos. Und sie 


6 hatten ein neues Ziel, das Tor zur Landseite. Die beiden Piratenschiffe änderten ihre Richtung und gingen auf  Kurs Süd- West, sie mussten zwischen dem großen Langboot der Blauzahnsiedler und der  Landzunge hindurch. Dort konnten sie sich dann eher ihren Gegnern stel- len, denn von drei Seiten bedrängt zu werden, war in so einem Kampf  nicht  sinnvoll. Alle Kräfte wurden mobilisiert und tatsächlich gelang es ihnen, ihren  Angreifern zu entkommen. Die Knorr war einfach zu behäbig, um ihnen zu  folgen. Simon war noch zu weit weg, um diese Flucht zu verhindern und das  große Boot hatte nicht rechtzeitig genug den Kurswechsel eingeleitet, sondern  musste eine umständliche Drehung kurz vor dem Hafen vollführen und verlor  wertvolle Zeit dabei.  Währenddessen hatten sich im Hafen etwas mehr als zwanzig Piraten  freigekämpft und drangen in die Stadt ein. Hauend und stechend rannten sie  quer durch die Stadt zum Tor hin. Unten am Tore waren nur fünf  Kämpfer der  Stadtwache, alle anderen standen hinter den Palisaden oder auf  der Mauer.    Kapitel 33 15. März 1216  Michelstadt Sie hatten lange gebraucht, um Michelstadt zu erreichen. Die Schneeschmelze  und die schlecht ausgebauten Wege hatten sie alle sehr viel Kraft gekostet.  Gregors Antrag an Frida von Blau war bisher von ihr unbeantwortet geblieben  und so war die Reise nicht ohne Spannung verlaufen. Gregor brütete ständig  vor sich hin und Frida kümmerte sich zu heftig und intensiv um die Kinder der  Constanze. Heinrich und Otto versuchten, das alles zu ignorieren, aber immer  wieder wurden sie von Lorentz darauf  angesprochen, warum denn Frida dem  armen Gregor keine Antwort geben wolle? Und dann hatten sie immer wieder  in den Dörfern und kleinen Flecken, wo sie sich aufhalten mussten, Problem  bekommen, weil die ihnen immer noch folgenden Wölfe Angst und Schrecken  verbreiteten. In einem kleinen Dorf wurden sie als Hexen und Zauberer be- zeichnet und zogen deshalb schnell weiter.  Die Reise war beschwerlich gewesen und nun mussten sie eine längere Pause  einlegen, denn die Wege waren unpassierbar geworden. Regen und Frost wech- selten sich ab. In einer Herberge am Rande der kleinen Stadt fanden sie Un- terkunft. Die Herberge hatte genügend freie Betten, denn wer reiste zu dieser  Jahreszeit schon durchs Land? Selbst die Wölfe fanden Unterschlupf. In einer  kleinen Höhle, deren Eingang mit einem einfachen Holzgatter abgesichert war,  durften sie bleiben. Der Eingang der Höhle grenzte an den Stall der Herberge,  wo Lorentz und der Herr Graf  nächtigen durften. Für eine wenig Gold oder  Silber war zu dieser Zeit alles zu haben. In der Stube des Hauses bekamen sie von der Frau des Vermieters ein warmes  Essen auf  den Tisch gestellt, das bei ihnen allen Begeisterung aufkommen  ließ. Frisches Brot, etwas Geflügel, Wurzelgemüse in Honig und Essig gekocht  und einen guten roten Frankenwein dazu. Sie hatten den am offenen Kamin 


6 bekommen und es war angenehm warm in der Gaststube. Die Frau des Wirtes  überreichte Lorentz, den sie offensichtlich für den Knecht der Reisegesellschaft  hielt, ein paar Knochen für die Wolfsbrut und den Herrn Grafen. Heinrich  schenkte der Frau dafür eine kleine Münze und sein Lächeln, das die Frau  schon lange von niemandem mehr geschenkt bekam. Die Familie ihres Wirtes  Berthold aus Aschaffenburg, die ihnen bisher gefolgt war, belegte die andere  Bank im Gastraum - etwas abseits von Ottos Reisegesellschaft. Berthold fühlte  sich immer noch etwas benommen, weil er es nicht begriffen hatte, dass er  zwar seine Heimat und sein Haus verlassen musste, aber dafür nun  reich war.  Seine Frau Afra und seine Schwägerin Ursula hatten schamhaft ihre Haare unter  Tüchern versteckt und die vier Kinder, Hanrich, Mathes, Evlina und die kleine  Bert saßen ebenfalls schweigend und demütig am Tisch. Sie waren es alle nicht  gewohnt, dass andere für sie sorgten und sie bedienten.  Otto beobachtete das Treiben oder besser gesagt das Schweigen am Nebentisch  lange, bis er ihre neuen Reisegenossen bat, ihre Tische nebeneinander zu stellen,  damit sie sich unterhalten konnten. Nach langem Zögern kam Berthold diesem  Vorschlag nach. Zuerst versuchte Otto sich mit den Kindern zu unterhalten,  aber bis auf  den ältesten Hanrich wollten oder konnten die Kinder keine Un- terhaltung führen. Selbst der junge Hanrich, Otto schätzte ihn auf  zehn oder  elf  Jahre, gab nur immer sehr kurze Antworten. Berthold kam seinen Kindern  zu Hilfe. “Herr von Kraz, entschuldigt, dass meine Kinder keine Antworten  geben. Ich habe ihnen beigebracht, sich nicht oder nur sehr wenig mit Frem- den zu unterhalten. Man weiß nie, wer die Kinder ausfragen möchte oder wer  sich nur mit ihnen unterhält. Wir sind nach der Sache mit meinem Bruder sehr  vorsichtig geworden. Sie müssen sich erst etwas  daran gewöhnen, dass wir nun  mit Menschen zusammen sind, bei denen sie nicht so vorsichtig sein müssen.  Auch meine Frau und meine Schwägerin sind das nicht so gewohnt. Wir haben  uns immer an alle Gesetze der Kirche und unseres Landesherren gehalten.  Schicklich gekleidet und den hohen Herren sind wir mit dem gebotenen Re- spekt begegnet. Jetzt sind wir zum ersten Mal weit weg von unserer Heimat,  wir müssen uns an ein neues Leben gewöhnen. Und was morgen und an den  folgenden Tagen geschieht, wissen wir nicht. Ich habe zwei gesunde Arme, mit  denen kann ich die sieben Mäuler ernähren, aber wo soll ich das tun?” Heinrich  hatte mit Otto zusammen gut zugehört. Otto wusste auch nicht, wie man sich  da verhalten sollte, auch er ging einer unsicheren Zukunft entgegen. Er hatte  den Auftrag der Staufer, nach Lorch zu gehen und dort eine Chronik des Alltags  zu verfassen, um für die Nachwelt alles Wissenswertes zu hinterlassen. Er fragte  sich dabei immer, was den Wissenswertes sei. Was will die Nachwelt in tausend  Jahren denn von dem Heute und Hier wissen? Heinrich war da schon mehr in  diesem Alltag verwurzelt. Hatten doch er und seine Brüder zwar ihren Dienst  im Orden abgeleistet und hatten ihr Erbe dem Orden übergeben, doch hatte  sein Vater es doch noch geschafft, einen Teil des großen Erbes ihm wieder zu  übereignen, wenn er den Dienst im Heiligen Land beenden würde. Heinrich  war einer der wenigen, die den Orden verließen, ihm treu ergeben blieben,  aber sich wieder als freier Ritter in die Gesellschaft einordnete. Sein Vater hatte 


64 einigen Grund im Osten erworben, besser gesagt erkämpft und einige seiner  Leibeigenen dorthin schaffen lassen, da seiner Meinung nach diese Menschen  dort unchristlich und faul waren. Was noch fataler war, er hatte seinen besten  Vogt und Verwalter dorthin geschickt und nun wurde alles von seinem Halb- bruder, einem seines Vaters Bastarden, mehr schlecht als recht verwaltet. Er  musste also nach Hause und da kam ihm Berthold gerade recht. Der Mann  konnte zupacken, war gewohnt, Verantwortung zu übernehmen und schien ein  gottesfürchtiger Mann zu sein. Er war ganz sicher kein Mann des Schwertes,  aber das war er selbst und das sollte genügen. Also machte er Berthold den  Vorschlag, dass er mit ihm gemeinsam die Verwaltung des Gutes und der Burg  übernehmen solle und vor allem sollte er die hörigen Bauern wieder richtig  führen. Noch an diesem Abend nahm Berthold den Vorschlag von Heinrich an.  Vor allem Ursula, Bertholds Schwägerin, war sehr glücklich, als verarmte Witwe  war sie rechtlos und ihre Kinder waren unter Umständen, sollte ihr Schwager sie  wegschicken, dem Hungertod ausgeliefert. Ursula wurde an diesem Abend zur  Magd bei den Olsens auf  dem Olsenberg. Was Heinrich nicht verraten wollte,  dass es sicher Streit mit seinem Halbbruder geben würde, der sich nicht so leicht  von dem Berg und der Burg vertreiben lassen würde. Also sammelte er so viele  Verbündete wie möglich und wenn es streitbare Frauen waren. Aber er musste  zuerst seinen Auftrag erfüllen, Otto von Kraz unbeschadet nach Lorch zu brin- gen. Und wie es schien, war das nicht so einfach, denn immer wieder wurden  ihnen Fallen gestellt, von der Natur oder von Menschenhand. Den ganzen Abend saßen sich Gregor und Frida schweigend gegenüber. Sie  hatten beide wenig gegessen aber etwas mehr getrunken. Frida konnte dieses  Schweigen kaum ertragen. Einfühlsam wie Constanze war, sorgte sie dafür, dass  die beiden bald alleine in ihrer Ecke saßen, weil sie ihre Kinder zu sich rief  und  Lorentz in den Stall schickte. So nah am Feuer des offenen Kamins wurde es  den beiden bald sehr warm, zudem zeigte der Wein seine Wirkung. Keiner von  beiden wollte aber irgendeine Regung zeigen, also schwitzten sie und stierten  schweigend vor sich hin. Bis zu dem Moment, als Frida aufsprang und sich ein- en Becher Wasser holte und ihre Jacke auszog und sich wieder setzte. “Gregor,  hör auf, es hat keinen Sinn, wenn du so vor dich hin grübelst, trink etwas, ziehe  deinen Wams aus und lass uns reden. Erzähle mir von dir und deiner Familie.  Denn wie soll ich wissen, ob wir für einander bestimmt sind, wenn ich dich  nicht kenne.” Gregor gehorchte Frida und holte sich ebenfalls einen Becher  Wasser und zog seinen Lederwams aus.  Dann erzählte er ihr, wer er war und woher er kam. Sein Vater, der Freiherr vom  See, war schon im Jahre  nach Italien gegangen und gelangte so an den  Hof  der Staufer in Palermo. Dort lernte er eine Dame kennen, die Tochter eines  italienischen Adligen. In Italien war alles, was Geld besaß oder einen Knecht  prügelte, sofort ein Adliger. Also heiratete sein Vater diese Dame und er kam  als Wunderkind schon sechs Monate nach der Hochzeit zur Welt, seine Mutter  starb bei der Geburt. Er wuchs im Haushalt der Staufer auf, wurde dort erzo- gen, lernte lesen und schreiben. Selbst das Kämpfen mit Schwert und Lanze  wurde ihm dort gelehrt. Mit zwanzig begleitete er Frederico auf  seinem Zug 


65 nach Schwaben. Und Frederico war ihm zugetan. Er übernahm Aufträge für  ihn, spionierte in anderen Fürstentümern, übernahm geheime Botendienste und  musste für seinen König eine Reisekarte seines Reiches erstellen. Er tarnte sich  dabei gerne als älterer Ritter und Fahrensmann, damit er seine Aufträge leichter  ausführen konnte. Für seine Dienste bekam vom König eine Stück Land und  eine Burg als Lehen, die er aber noch nie gesehen hatte. Sie befand sich bei Ha- genau in der Nähe der Pfalz. Der Vogt, den der König für ihn ausgesucht hatte,  schickte ihm einmal im Jahr eine schriftliche Nachricht, was auf  seinem Gut  und der Burg geschah. Wenn er Otto sicher nach Lorch geleitet hatte, durfte  er auf  seine Burg ziehen. Wenn er heiraten wollte, muss er allerdings noch die  Erlaubnis des Königs einholen. Gregor strahlte mit jeder Silbe, die er an Frida  gerichtet hatte, mehr Selbstvertrauen aus. Er war ein stolzer Mann, der bereits in  jungen Jahren schon sehr viel erlebt hatte. Frida gab zu bedenken, dass sie doch  zwei Jahre älter sei als er. Gregor meinte nur, dass ihn das nicht stören würde,  denn älter werde er ja auch und wenn sie mit dem älter werden etwas warten  würde, könnten sie das dann gemeinsam tun. “Lass uns noch etwas Zeit, aber  heute haben wir zueinander eine feste Freundschaft gezeugt. Und Liebe ist wie  ein Kind, es muss wachsen können. Ich will aus Liebe heiraten und will zuerst  den alten Groll begraben, den ich auf  Männer hege.” Constanze hatte heimlich  mitgehört und setzte sich nun neben Frida. “Es ist ungewöhnlich, dass man  aus Liebe heiraten darf. Ich habe es getan, habe viel erleiden müssen deswegen.  Aber mit einem geliebten Mann eine lange Zeit zusammen sein zu dürfen lässt  einen viel erdulden. Ich habe nun zwei prächtige Kinder, für die ich sorgen  muss, aber die Liebe zu meinem Mann, der nun bei unserem Herrn im Him- mel ist, lässt mich mit Freuden dafür kämpfen, denn es sind unserer Kinder.  Die Kinder, die wir in Liebe zueinander empfangen haben. Tut das, was euer  Herz euch sagt. Einen Moment des wahren Glücks kann man nicht erzwingen,  aber man kann es sich holen, wenn man es will.” Constanze wollte den beiden  damit Mut machen, wusste aber nicht, ob es ihr gelungen war. Gregor war ein  gebildeter, disziplinier jungen Mann, Frida eine Kämpferin mit einer traurigen  Vergangenheit, die wusste, wie Liebe verletzten konnte.  In der Nacht wurde klar, dass die beiden wirklich zusammengefunden hatten.  Auch wenn sie sich in den hintersten Winkel des Stalls zurückzogen, hörte jeder  im Haus, wie sie zueinander standen. Gregor war nicht unerfahren und Frida  einfach überrascht, was sie denn bisher versäumt hatte. Beiden fanden Gefallen  aneinander, zwei Menschen die bisher immer im Kampf  und Abenteuer gelebt  hatten, hatten etwas gefunden, was sie nicht kannten, Ruhe. . März 6 Michelstadt  Heinrich hatte gut geschlafen, was bei ihm selten vorkam. Er war es zu lange  gewohnt, ständig bereit zum Kampf  zu sein und so gehörte Schlaf  zu einem  Luxusartikel, den er sich selten so ausgiebig gönnte. Aber im Kreise seiner  Freunde merkte er, dass er sich auf  sie alle verlassen konnte und so wurde sein  Innerstes immer ruhiger.  Er gönnte sich zudem eine neue Beschäftigung. Er übte mit den drei Wölfen.  Obwohl sie frei geborene wilde Tiere waren, schaffte Heinrich es, dass sie auf 


66 ihn hörten. Einfach Befehle befolgten sie und inzwischen war der Herr Graf   ihr Rudelführer. Er war es gewohnt, mit Menschen zusammen zu leben, das  erleichterte das Lernen.  An diesem Samstag war Heinrich wieder früh aufgestanden und streifte mit  seinen felligen Begleitern durch den nahen Wald. Als erstes hörte der Herr Graf   etwas, er hob aufmerksam den Kopf, schnupperte mit erhobener Nase in der  Luft herum und seine Ohren blieben starr, als ob er damit Geräusche einfangen  wollte. Dann reagierte auch Heulmama und rief  die Welpen zu sich. Heinrich  schaute in die Richtung, aus der offensichtlich etwas kam, das seine Fellfreunde  gewittert hatten. Durch den noch  nicht sehr grünen Wald konnte er bunte  und weiße Dinge erkennen. Dann hörte er Pferdegewieher und Hufgetrappel,  konnte aber noch nichts Genaues erkennen. Er ging bis zum Waldrand, weil  er wissen wollte, was da vor sich ging. Dann sah er es. Etwas mehr als zwanzig  Schritte vom Waldrand entfernt ritten etwas mehr als dreißig Reiter. Die weiße  Fahne mit dem schwarzen Kreuz darauf  und die Schilde trugen das Wappen des  Ritterordens. Ein weiteres Wappen zeigte, dass sie aus der Ballei Sachsen kamen.  “Müsst ihr hier das Reiten üben? Wenn die Sarazenen euch so sehen, besiegt  ihr sie auf  der Stelle. Die fallen von Pferd und lachen sich tot.” Der erste Reiter  drehte sich zu Heinrich um. “Ihr seid unverschämt und ohne jegliche Respekt.  Wer seid ihr?” Zwei der Reiter hinter ihm zogen schon die Schwerter, aber  der Anführer hob die Hand. “Halt dieser Mann gehört mir.” Dann ritt er auf   Heinrich zu, sprang kurz bevor er ihn erreichte vom Pferd und dann umarmten  sich die beiden. “Heinrich von Olsen. Mein Freund und Bruder im Orden!” Er  rief  es so laut, dass alle verstanden, dass es sich hier um keinen Feind handelt.  Dann sah er Heulmam, die ihn erstaunt anschaute. Er sprang zurück und wollte  schon einen Befehl rufen, als Heinrich ihn daran hinderte. “Das mein Freund  sind meine neuen Gefährten. Aufmerksam, bedürfnislos und treu. Fast wie  Ordensleute, nur mit dem Singen klappt es nicht so. Heulmama hier singt wie  du oder besser sie jammert laut herum wie du. Hauptsache laut.” Der Mann  drehte sich zu seinen Leuten um und rief laut. “Das habt ihr alle nicht gehört  und wenn, dann vergesst es besser wieder ganz schnell.” Wieder an Heinrich  gewandt sprach er sehr leise weiter. “Das sind alles junge Ritter und Sergeanten,  noch nicht so lange im Orden und mit dem Respekt und der Disziplin mangelt  es noch etwas. Wir üben bei unserem Ritt nach Ellingen noch etwas, vor allem  das Schweigen, leise Reiten, anschleichen. Und in Michelstadt warten noch ein  Ritter mit fünf Sergeanten mit weiteren Pferden auf uns, deshalb der Umweg.  Ich soll diese Männer in diese Gruppe aufnehmen. Sie sollen das Übermitteln  von wichtigen Nachrichten übernehmen. Es wird schwer sein, denn alle müssen  lernen, mit einem Pferd zu reiten und eines oder sogar zwei mitzuführen. Aber  nun zu dir mein Freund.” Richard von Hochfelden, so lautete der Name von  Heinrichs Freund, blickte ihm fest in die Augen.  Heinrich berichtete von seinen Erlebnissen und seinem Auftrag. Richard von  Hochfelden beachtete seine Männer nicht. Offensichtlich dachte er daran,  dass es gut wäre, dass dieser undisziplinierte Haufen lernen müsste, auf  ihn zu  warten. “Ja mein Freund, wenn ich dann Otto von Kraz in Lorch abgeliefert 


6 habe, dann werde ich zur Burg meines Vater reiten und mal nach dem Rechten  sehen.”  Richard von Hochfelden drehte sich zu seinen Männern um. “Macht euch  bereit, wir reiten gleich weiter nach Michelstadt.” An Heinrich gewandt meinte  er kurz. “Wir müssen reden, dringend. Wir treffen uns morgen bei der Kirche  in Michelstadt. Dort gibt es zwei große Häuser für Benediktinermönche. Eines  der Häuser wurde für uns bereit gemacht. Frag nach mir. Komme nach dem  Frühgebet, wir brauchen Zeit für unser Gespräch.” Dann wandte sich Richard  um, bestieg sein Pferd und die Reitergruppe zog weiter. Der Herr Graf  bellte  der Gruppe noch zwei Mal hinterher, dann war es wieder ruhig.  0. März 6 Michelstadt  An diesem Sonntagmorgen war es sehr frostig, aber die Sonne schien hell und  machte den blauen Himmel zu einem freundlichen Ereignis. Nach einem kurzen Frühmahl mit einem Brei aus Allerlei ritt Heinrich mit Otto  nach Michelstadt. Er hatte Otto von seiner Begegnung erzählt und der war nun  auch neugierig geworden, zudem wollte er gerne einen alten Gefährten von  Heinrich kennen lernen. Schnell fanden sie die beiden steinernen Gebäude bei der Kirche und auch der  Herr von Hochfelden war schnell aufzutreiben. Die Begrüßung der beiden  Ritter untereinander war herzlich und auch Otto wurde von dem Ordensmann  höflich begrüßt. Heinrich bat Richard, dass Otto an dem Gespräch teilnehmen  dürfe. “Ich wurde über die Aufgaben des Herrn von Kraz informiert und muss  ihn aber bitten, nichts schriftlich darüber zu verfassen oder es irgendjemandem  zu erzählen, was wir hier zu besprechen haben.” Otto und Heinrich willigten ein  und dann wurden sie in eine Kammer im oberen Stockwerk geführt. Vor der  dicken Holztür mussten zwei Ordensmänner Wache halten. Als sich die drei gesetzt hatten begann Richard zu berichten, was er in seinem  Kopf  an Ideen angesammelt hatte. Kapitel 34 23. März 1216 Visby Kampf  in der Stadt Je näher sich die zwanzig Kämpfer den Stadttoren näherten, um so größer  wurde der Widerstand in den Gassen, den sie erleiden mussten. Niemand stellte  sich ihnen entgegen, dafür wurden sie mit den Inhalten aus Koteimern, mit  Steinen, Fackeln und Fischöl bedacht. Zwei der Piraten kämpften gegen Flam- men auf  ihrer Kleidung. Der Kampfeslärm machte endlich auch die Männer  am Tor und auf  den Mauern auf  die Kämpfer aufmerksam. Kurz bevor sie  das Tor erreichten, wurden sie mit Pfeilen und Speeren beschossen. Nur drei  der Piraten erreichten unverletzt die fünf Männer der Stadtwache am Tor und  wurden niedergemacht. Die Verletzten wurden von den Bewohnern der Stadt  niedergeknüppelt und keiner lebte mehr, als ein erneuter Angriff  vor den Mau- ern stattfand.  Der Angriff  stoppte dann allerdings, als die ersten Pfeilsalven auf  die Angreifer 


68 vor den Mauern niedergingen und das Tor verschlossen blieb. Fluchend zogen  sich die Piraten zurück und bezogen im Schutze eines Waldstückchens Position.  Auf  dem Meer   Peter von und zu Bärental steuerte die Knorr aufs offene Meer. Er musste sich  darauf  verlassen, dass die anderen ihm die beiden Drachenboote vom Halse  halten würden. Sie würden bis weit nach Mitternacht bis zum Lager der Piraten  benötigen. Seine Mannschaft war ausgeruhter als die Piraten, aber die Knorr  war langsam. Der Wind stand gut für sie und so ließ er nicht rudern, sondern  versuche nur mit dem Segel voranzukommen. Ein Drachenboot konnte sie  jederzeit einholen, weil sie drei Mal so schnell waren.  Sein Auftrag lautete, das Lager zu zerstören und die Geiseln und Sklaven zu  befreien. Besser geeignet wäre eines der Langboote dazu, aber die mussten die  Piraten beschäftigen und von einer Verfolgung seiner Knorr abhalten.  Er war sich darüber bewusst, dass es verdammt gefährlich war, nachts in den  Sund einzufahren, aber sie mussten es riskieren. Wenn sie die Bewacher des  Lagers nicht überraschen konnten, dann würde ihre Mission schiefgehen.  Als es dunkel wurde, standen Jon und Melanie am Bug der Knorr. Beide hat- ten sehr gute Augen und Jon war zudem derjenige, der die Sterne gut kannte  und den Kurs der Knorr gut zu bestimmen wusste. Ein paar Mal meinten sie  im Mondlicht eine Drachenboot weit draußen auf  dem Meer zu sehen, aber  sicher waren sie nicht. Lange nach Mitternacht erreichten sie den Sund. Die  Segel wurden geborgen und nun mussten sie rudern. Einige Zeit später sahen  sie ein schwaches Licht an Backbord. Peter hieß seine Leute alle Ruder bis auf   zwei einzuholen und leise und sacht weiterzurudern. Sie wollten im Morgen- grauen angreifen. Etwas Sicht benötigten sie, da sie nicht wussten, wo sie an  Land gehen konnten. Zudem war sich keiner sicher, ob sich das Lager mit der  Beute und den Geiseln auf Gotland oder auf  der anderen Seite des Sunds auf  Farö befand. Die Küste war dort flach und man würde weit vor dem Strand auf   Grund laufen.  Melanie entdeckte als Erste, wo das Feuer herkam. Auf  Farö brannte ein großes  Feuer und es beleuchtete dort eine kleine Siedlung aus Holzhütten und einem  Steinhaus. Auf  der anderen Seite war nichts zu sehen. Peter entschloss sich,  etwas mehr als dreihundert Schritte vor diesem Feuer an Land zu gehen.  Die Knorr fuhr an den Kiesstrand und setzte knirschend auf. Leise glitten die  Kämpfer ins eiskalte Wasser, das ihnen bis zu den Hüften ging. Peter hatte allen,  die an Land gingen, befohlen, alte Leinenhosen für den Gang ins Wasser anzuz- iehen und ihre warmen Lederhosen mit den Schuhen an Land zu tragen. Kalte  Glieder waren beim Kampf  hinderlich und so waren die Männer und Frauen,  die an Land gingen und sich dort umzogen, frohen Mutes. Vor allem weil es bei  dem Umkleiden einige gab, die sich schamhaft versuchten, zu bedecken und es  ihnen doch nicht gelang. Fünfundzwanzig Männer und Frauen waren an Land  gegangen und zwanzig Kämpfer blieben auf  der Knorr. Um in der Dämmerung  die eigenen Kämpfer besser zu erkennen, hatten sich alle weiße Bänder um die  Schwerthand und um ihre Hüften gelegt.  Da es kaum Deckung gab, liefen sie alle geduckt zuerst vom Strand weg etwas 


6 landeinwärts, um dann die Siedlung einzukreisen. Sie hatten alle schon den  aufkommenden Nebel gesehen, aber der Wind trug den grauen Schleier nun  schneller auf  sie zu und als sie den Platz erreicht hatten, um die Hütten anzug- reifen, sahen sie nur noch das Feuer schemenhaft vor sich. Sie rückten langsam vor, Melanie stieß einen unterdrückten Schrei aus, als sie  auf  etwas trat, was sie offensichtlich erschreckte. Peter eilte zu ihr und sah,  was Melanie erschreckt hatte. Sie war auf  eine streifgefrorenes Neugeborenes  getreten. Das Kind lag nackt und steif vor ihr auf  dem Boden, drei Schritte  weiter lag eine Frau. Das Blut, das sie verloren hatte, war schon geronnen und  gefroren. Peter stellte fest, dass auch diese Frau tot war. Vom Feuer her erklang  ein Ruf. Johannes, der hinter dem Bärentaler war, antwortete mit heißerer ver- stellter Stimme. Peter konnte nicht verstehen, was da gerufen wurde, aber der  Mann am Feuer schien mit der Antwort zufrieden zu sein, denn er lachte laut  auf. Und dann stand Johannes ganz nah bei Peter und Melanie. “Er hat gefragt  wer da sei, ich habe ihm geantwortet, dass hier ein einsamer Pisser steht und  dass ich mich beeilen muss, weil schon alles gefriert. Das war ein Litauer. Er ist  aber schon etwas misstrauische geworden. Er wird jetzt erst mal nachdenken,  wer da war, wir müssen uns beeilen.” Peter nickte, um ihm zu zeigen, dass er  verstanden hatte. “Melanie wir müssen vorrücken. Sind alle Armbrüste bereit?  Zuerst müssen wir die Männer am Feuer ausschalten.” Sechs der Bogen und  Armbrustschützen rückten vor. Die Männer am Feuer waren gut zu erkennen  und sie selbst konnten mit ihren Blicken den Nebel nicht durchdringen. Kaum  hatten alle Angreifen ihre Position erreicht, flogen auch schon die ersten Bolzen  und Pfeile und töteten alle am Feuer, leider nicht lautlos. Einer stöhnte noch  heftig auf, bevor ihn das Leben verließ. Aus einer anderen Richtung kamen auf   einmal aufgeregte Rufe. Und dann waren sie schon im Nahkampf  mit etwas  mehr als sechs Männern, die aus dem Steinhaus kamen. Die Sicht auf  etwas  mehr als zehn Schritte genügte, um Freund und Feind gut zu unterscheiden.  Jorg Jorgssen stand in vorderster Front und streckte umgehend seinen ersten  Feind mit einem gezielten Schlag gegen den Hals seines Gegner mit seinem  Schwert nieder. Aber diese Männer, denen die Blauzahnkämpfer gegenüberstan- den, waren erfahrene Krieger. Aber die Angreifer waren in diesem Moment in  der Überzahl. Judit erledigte einen der Gegner mit einem Wurf  ihres Messers  und Melanie, die ihre Armbrust noch nicht abgeschlossen hatte, erledigte einen  weiteren mit einen Bolzenschuss genau auf  seine Stirn. Der Mann war ohne  Helm in den Kampf  gezogen. Nur Peter und Juris wurden bei diesem Kampf   leicht verwundet, aber die Gegner mussten alle sterben. Inzwischen hatten sie  etwas mehr als zwölf  der Piraten erledigt und nun begannen sie gezielt nach den  Geiseln zu suchen. Kaum hatten sie die leeren Holzhütten untersucht, hörten  sie ein Horn, das geblasen wurde und weit über das Meer zu hören war. Peter  und sechs seiner Mitkämpfer eilten zu dem Ort, wo sie meinten, das dort der  Hornbläser gewesen sein könnte. Dort fanden sie drei junge Menschen, denen  man gerade die Kehlen durchgeschnitten hatte, von dem Mörder oder Horn- bläser war aber nichts zu sehen. Noch zuckten die jungen Körper, aber das  Leben schwand aus ihnen. “Sie bringen ihre Geiseln und Sklaven um. Verdam-


0 mt, wir können hier nichts sehen. Wo sind die hin?” Juris biss die Zähne zusam- men, denn seine Wunde am Schenkel war zwar nicht tief, schien aber heftig zu  schmerzen. Peter dagegen war wie gelähmt und schaute auf  die drei Sterbenden.  “Das ist so irrsinnig und sinnlos, was die hier tun.” murmelte er vor sich hin.  Melanie zog ihn weg von den dreien. “Komm zu dir, Peter. Wir müssen weiter.  In Bewegung bleiben kann helfen. Dastehen und starren ist nicht gut.” Und  dann zogen sie weiter. Schreie waren zu hören, Pferde wieherten und ein paar  Männer hörte man laut rufen. Es musste etwas landeinwärts sein. Die Arm- brüste wurden gespannt und sie gingen leise weiter. Je weiter sie ins Landesinne- re gingen, umso besser konnten sie sehen. Der Nebel war hier nicht so dicht wie  am Ufer. Dann sahen sie es. Vor ihnen waren Palisaden und dahinter sah man  ein Feuer. An einem Tor, das offen stand, waren Männer mit Speeren und Schw- ertern zu sehen. Noch hatten sie ihre Angreifer nicht entdeckt, als mindestens  drei der Männer am Tor zusammenbrachen. Maria war mit ihren Bogenschüt- zen auch auf  dieses Lager vorgerückt und hatte die Piraten mit Pfeilen beschos- sen. Dann war es an Melanie, die weiteren Männer dort unschädlich zu machen,  bevor das Tor geschlossen werden konnte. Sie konnte ebenfalls noch zwei  weiter Männer dort niederstrecken und dann waren die Blauzahnleute am Tor.  Was sich ihren Blicken hinter dem Tor bot, war nicht nur erschreckend, sondern  machte alle sprachlos. An Pfosten, die sich in der Mitte des Palisadenverschlages  befanden, waren Menschen angebunden. In einem Holzkäfig waren ebenfalls  Menschen eingesperrt. Auf  einem Wagen auf  der anderen Seite arbeiteten ein  paar Männer daran, Pferde anzuschirren und den Wagen zu beladen. Sie hat- ten noch nicht gemerkt, dass das Tor schon von ihren Angreifern besetzt war.  Inzwischen hatten sich elf  Blauzahnleute bei dem Lager eingefunden. Keiner  sah von ihnen, was ein Pirat gerade machte, da es immer noch zu dunkel war,  um alles zu erkennen. Man sah nur, was ein paar Fackeln oder ein Feuerkorb  erleuchtete. Der Mann lehrte Fässer mit Öl und Pech aus und besprengte damit  einen großen Haufen mit Reisig. Ein anderen öffnete auf  der anderen Seite ein  Tor und nun rollte der Wagen an. “Die wollen fliehen, hinterher.” rief  Melanie  laut aus und stürmte los. Sie sah gerade noch wie eine Fackel geworfen wurde  und dann stand alles um sie herum im Feuer.  Menschen kreischten auf, der Holzkäfig war schon in Rauch eingehüllt, als Peter  losrannte und mit seinem Schwert den Käfig versuchte zu öffnen. Es gelang  ihm und er zerrte sofort einen nach dem anderen heraus. Um die Blauzahn- leute herum, die versuchten die Menschen vor dem Feuer zu retten, herrschte  das Chaos. Schon brannten zwei der an die Pfosten gebundenen Gefangenen.  Durch das Inferno hörte er die Stimme von Jorg. “Lasst die an den Pfosten hän- gen, die sind schon alle tot. Rettet die Leute aus dem Käfig und am hinteren Tor  lagern auch noch ein paar in einem Erdloch.”  Der Kampf  gegen das Feuer und  die Hitze wurde immer größer. Es stank nach verbranntem Fleisch und bald war  es kaum noch möglich zu atmen. An eine Verfolgung der flüchtenden Piraten  war nicht zu denken. Sie schafften es, sechs Kinder und drei junge Frauen vor  dem Feuer zu retten. Dann brach alles in einem gigantischen Funkenregen  zusammen. Niemand war ohne ein paar Brandwunden davongekommen, weder 


Retter noch Gerettete. Man sammelte sich fünfzig Schritte vom Brand entfernt  auf  ein paar Felsen. Eines der geretteten Kinder hatte auf einmal aufgehört zu  husten. In Melanies Armen wurde es schlapp und sein Kopf  kippte auf  ihre  Schulter. Dann war es ruhig und still, kein Atemzug mehr, kein Husten. Gerettet  und doch tot.  Matra, die auf  der Knorr zurückgeblieben war, kam angelaufen. “Auf  der  anderen Seite des Sunds machen sie ein Drachenboot bereit. Ich konnte nicht  genau sehen, wie viele Männer dort sind, aber wenn sie ein so großes Boot be- wegen müssen, sind das mindestens zehn bis fünfzehn Männer. Wir müssen auf   die Knorr und dann verschwinden. Hier sind wir schutzlos.” Mit großer Mühe und teilweise mit unmenschlichen Anstrengungen schafften  sie es, alle an Bord der Knorr zu bringen. Der Nebel hatte sich gelichtet und  man sah, dass auf  der anderen Seite ein Langboot ins Wasser geschoben wurde,  das mit dem Bug im Kies lag. Auch die Knorr musste nun zurück ins Wasser  und zehn Männer standen im kalten Wasser und drückten mit aller Kraft gegen  den Bug der Knorr, während jedes Ruder doppelt besetzt war und jeder sich  dagegen stemmte, um die Knorr frei zu bekommen. Sie lag gerade und nicht  schräg auf  dem Kies, was die Anstrengungen erleichterte.  Es gelang, die Knorr war frei und die Männer, die im Wasser standen, zogen  sich an den Seilen, die man ihnen zuwarf, an Bord. Auf  der anderen Seite war  das Langboot auch im Wasser, aber die Ruder noch nicht bereit. Peter gab  Befehle, die alle verwunderten. Er ließ Kurs auf  das fremde Boot nehmen.  Die beiden Balliste wurden geladen, der Feuertopf  angefacht und Brandpfeile  wurden bereit gemacht. Trotz der Trägheit der Knorr waren sie schneller mit  ihren Kampfvorbereitungen und gerade als die Piraten ihre Ruder ins Wasser  tauchten, traf  sie die erste Salve von Pfeilen.  “Schießt in Richtung des Masten mit den Brandpfeilen.” rief  Peter seine Befehl  an die Bogenschützen. Dann ging er zu dem Kleineren der beiden Balliste und  band an die Spitze des großen Pfeils einen mit Öl getränkten dicken Lappen.  Bevor der Pfeil abgeschossen wurde, zündete er ihn an und dann wurde er auf   die Reise geschickt. Peter hatte den Balliste so einstellen lassen, dass der Pfeil  nur knapp über der Wasserlinie ihren Gegner treffen sollte. Und so geschah  es auch. Der Pfeil traf  und da Feuer konnte sich nach oben verbreiten. Nicht  schnell aber genau an dieser Stelle stellten die Ruderer ihre Arbeit ein und  versuchten den Pfeil zu entfernen. Ungewollt drehte sich das Drachenboot von  der Knorr weg, denn auf  der anderen Seite ruderten die Männer weiter. Und  bald hatten sie das Heck des Piratenbootes vor sich. Da die Knorr höher war  als das Drachenboot, konnten die Bogenschützen nun ihre Pfeile auf das Boot  schicken und einen nach dem anderen dort niedermachen. Noch brannte es  noch nicht so stark, dass man es aufgeben musste, aber es waren zu wenig Män- ner übrig, um das Feuer zu bekämpfen, die Ruder zu betätigen und das Schiff   zu steuern. Die Knorr glitt am Drachenboot vorbei, tiefer in den Sund in Rich- tung Südosten. Jetzt sahen sie auch, dass ein anderes Drachenboot in den Sund  hinter ihnen eingefahren war. Die Piraten waren da, die anderen Blauzahnboote  hatten es nicht verhindern können, dass die Drachenboote der Piraten nicht zu 


ihrem Stützpunkt zurückfuhren. Aber das Piratenboot konnte nicht ohne Problem an dem nun stärker brennen- den Boot vorbeifahren. Es lag nun quer in der Mitte des Sund und versperrte  den Weg. Peter ließ die Segel setzen und langsam wurden sie schneller. Der Weg  nach Visby war ihnen versperrt, sie mussten raus aus dem Sund und dann sich  einen Weg suchen, wie sie ihren Hafen erreichen konnten. Nach Norden um  Farö herum. Dort könnten die Piraten lauern. Oder nach Süden um Gotland  herum. Eine Knorr mit verletzten Kindern, müden Kämpfern und mit zu wenig  Nahrung und Wasser. In so einer Situation war kein Ankerplatz sicher. Und  hinter sich irgendwann eine Piratenboot. Und wo waren seine Freunde? Wo  waren die Blauzahndrachenboote? Er musste bald eine Entscheidung treffen.  Aber welche? Und dann begann auch noch seine Verletzung zu schmerzen.  Seine Schulter wurde unter dem Wams feucht, er blutete heftig.  Dann beriet er sich mit Melanie und Jorg Jorgssen. Er wollte eine Entscheidung  treffen, bevor er vielleicht zu schwach und müde wurde.  Was würden die Feinde denken, welche Entscheidung sie treffen würden. Man  würde ihnen zwei Wege zumuten. Eine Rund um Farö und eine an der Küste  entlang Richtung Süden. Wenn beide Piratenboote entkommen waren, dann  würde jedes dieser beiden einen Weg entlang segeln, in der Hoffnung, sie zu er- wischen. Also würden sie, soweit sie es schafften und sich unbeobachtet fühlten,  einfach weiter gerade aus dem Sund fahren und nicht die vermuteten Richtun- gen einschlagen.  Und genau das machten sie. Sie segelten raus auf  die offene Ostsee. Kapitel 35 20. März 1216 in Michelstadt Richard begann etwas geheimnisvoll leise zu sprechen. Heinrich und Otto  mussten sich sehr konzentrieren, um zu verstehen, was Richard ihnen zu beri- chten hatte. “Mein lieber Heinrich, dein Halbbruder und seine Bastardenfamilie  haben sich mit den Braunschweigern verbündet. Wir haben beobachtet, dass  schon ein paar Mal Boten aus dem Norden auf  der Burg zu Besuch waren. Und  was sehr auffällig war, dass mehrere Wagen im Herbst zur Burg unterwegs war- en. Von einem der Leute, die deinem Vater noch treu ergeben waren, haben wir  erfahren, dass dort Waffen und Nahrung für über dreihundert Kämpfer angesa- mmelt wurden. Was treibt einen Mann, dem es gut geht und der die Sicherheit  der Staufer genießen darf  dazu, sich mit dem Braunschweiger zu verbünden?”  Heinrich musste nicht lange überlegen. “Die Krankheit der Macht. Wer ein klein  wenig Macht hat und diese nur halten kann, wenn er sie vergrößert, der muss  sich Verbündete suchen, die ihm helfen. Mein Stiefbruder ist schwach, so wurde  mir berichtet. Er ist grausam zu den Seinen und eifert einem Vorbild nach, dem  er nicht gewachsen ist. Er ist eitel und hat die falschen Ratgeber, er ist sicher  nicht dumm, aber man muss schon ein aufrichtiger und kluger Mensch sein, um  die Geschäfte von einer Burg und einigen Dörfern richtig zu führen. Mein Vater 


war eine starker, kluger Ritter. Er machte aus dem Stück Erde, das er hatte, ein  kleines Paradies. Niemand musste hungern, die Worte „Gerecht“ und „Gottes- fürchtig“ waren an den Toren der Burg mit eisernen Buchstaben angeschlagen.  So handelte er auch. Deshalb wurde er auch immer reicher und die seinen damit  auch. Der Staufer belohnte ihn mit Land im Osten. Er führte keinen sinnlosen  Kriege oder Fehden gegen Nachbarn. Ich weiß von vielen seiner Hörigen, dass  sie ihm gerne dienten. Er hatte nur eine Leidenschaft und das waren schöne  Frauen. Er konnte keinem jungen Schoß widerstehen, dabei liebte er meine  Mutter sehr. Phillip der Schwabe meinte einmal zu ihm, dass er eines Tages ein  eigens Königreich errichten könne und das nur mit seinen eigenen Nachkom- men, so zahlreich seien sie. Meine Brüder und ich sind ins Heilige Land gezogen  und die Burg ging dann an einen meiner Stiefgeschwister. Ich kann mich noch  an den letzten Brief meines Vaters erinnern, der mich lange nach seinem Tode  erreichte. Dort beschreibt er sein neues Weib als heißblütig aber dumm, macht- hungrig aber schön. Er könne ihr nicht widerstehen und er meinte, sie habe ihn  behext. Er wünschte sich, dass ich zurückkommen solle. Er schrieb mir auch,  dass er ein Testament gemacht habe, das besagte, dass nur ich erben könne  und wenn ich nicht mehr aus dem Land der Sarazenen zurückkommen würde,  solle alles Land an die Staufer übereignet werden. Leider weiß ich nicht, wo das  Testament ist. Sicher ist nur eines, mein Stiefbruder wird das kleine Paradies zu  Grunde richten. Die Verbrüderung mit dem Braunschweiger ist eine Gefahr für  die Staufer und die Burg mit allen Menschen, die dazu gehören.”  Richard nickte. “Ja diese Krankheit des Hungers nach Macht hat schon vieles  zerstört. Reiche gingen unter und immer mussten die einfachen Menschen  darunter leiden. Und das alles unter dem Blicken und dem Augenmerk der  heiligen Kirche. Auch hier herrscht diese Krankheit, sie ist unter den Mächtigen  unheilbar. Selbst wir im Orden kämpfen jeden Tag gegen diese Versuchung an  - und manchmal gewinnen wir und manchmal verlieren wir. Wir predigen die  Liebe Gottes zu den Menschen und dann erschlagen wir sie. Die Liebe und die  Menschen. Ich bin noch im Orden, weil ich hoffe, dass mein Tun etwas Linde- rung in das Bild der Krankheit bringen kann. Genug der Dispute mein Freund.  Es geht um deine Burg.” Heinrich musste schwer schlucken, denn nun tauchten viele traurige und gute  Erinnerungen vor seinen Augen auf, die er schon lange verloren glaubte.  Richard tippte Heinrich mit seinen Fingern an, um ihn aus seinen Träu- men zu befreien. “Höre genau zu. Der Orden hat eine Vereinbarung mit den  Staufern bezüglich solcher Umstände, die es leider im Reiche zuhauf  gibt. Ich  soll und darf  dich bei deinem Kampf  um die Burg unterstützen. Der Orden  hat beschlossen, für die neuen Ritter und Kämpfer solche Angelegenheiten  als Übungskampf  zu bezeichnen, damit wir unserem Eid und den Gesetzen  nicht widersprechen. Dass es dabei zu Unfällen kommen kann, nimmt man  in Kauf. Diese Unfälle sind vor allem diese, dass alle Führenden bei dieser  Übung auf  der gegnerischen Seite nicht überleben dürfen. Das bedeutet, dass  dein Stiefbruder und dein Stiefschwestern sowie die Bastarde, die wir finden,  getötet werden müssen. Zudem musst du den Angriff  leiten. Der Lohn für den 


4 Orden ist, dass unsere Leute an lebenden Rittern und Kämpfern üben dürfen,  du musst sie auch versorgen und ein Stück Land im Osten, das wir zu erobern  gedenken, bekommen wir auch dafür. Gebrauche nicht das Wort Söldner für  unsere Kämpfer, das macht mich sonst wütend. Du musst damit auch einver- standen sein, dass so gehandelt wird.”    Otto schaute Richard etwas verwundert an. Was er da gerade zu hören bekom- men hatte, ließ ihn erschaudern. In seinem Kopf  überschlugen sich die Gedan- ken. Um was ging es bei diesem Gespräch eigentlich? Um den Erbanspruch von  Heinrich, um einen Ritter, der mit einem König sympathisierte. Das war doch  sein gutes Recht, oder war es das nicht? Und wenn man von Macht spricht,  so muss man sich fragen, wer oder was rechtfertigt einen Machtanspruch  eigentlich? Die Kirche, das Gesetz, die Anzahl der Krieger und Waffen, die  Zeit oder was? Die Natur hatte ihre eigenen Regeln? Der Mensch baute sich  neue auf. Macht über andere zu haben, schien etwas außergewöhnlich Er- strebenswertes zu sein. Ging es früher um die besten Jagdgründe oder Frauen,  warme Schlafplätze, die besten Ackerböden, um was ging es heute denn? Jede  Gemeinschaft brauchte einen Anführer, einen der alle antrieb, die Gemeinschaft  zusammenhielt, was waren das aber heute für Menschen, die sich über andere  erheben, nach Geburtsrecht oder auch mit dem Recht des Glaubens. Es wurde  eine gottgewollte Ordnung auserkoren, die alles rechtfertigte, was die Lenker  und Anführer taten. Und nun befand er sich in einem Zwiespalt, einem Konflikt  seines Gewissens. War das rechtens, was die beiden da vorhatten? Otto wusste  es nicht. Was ihm blieb war einfach - er entschied sich für die Freundschaft zu  Heinrich. “Wie lange brauchen wir zur Burg? Und wie viele Männer stehen uns  zur Verfügung?” Heinrich und Richard schauten Otto an, denn solche Fragen  hatten sie nicht von ihm erwartet. Verhindern konnte Otto diese Fehde nicht,  das war ihm klar, also musste er bei der Planung dabei sein, um Schlimmeres für  seinen Freund und seine Reisebegleiter zu vermeiden, wenn das möglich war.   22. März 1216 Michelstadt   Eine kleine Wagenkolonne stand am frühen Morgen schon vor der Herberge  bereit. Lorentz hatte die Pferde von Ottos Reisegesellschaft schon bereit  gemacht und zwei der kräftigen Zugpferde vor ihren Wagen gespannt. Frau von  Breitenbach saß mit ihren beiden Kindern auf  dem Wagen und sie war es auch,  die die Zügel fest in den Händen hatte. Ein zweiter Wagen war besorgt worden  und hier hatte die Zügel Frieda von Blau fest in den Händen, neben ihr saß  Gregor, der etwas müde aussah. Offensichtlich waren die Nächte in der Nähe  von Frida sehr anstrengend für ihn. Die beiden Wagen waren mit allem beladen,  was eine Reisegruppe für eine lange Reise benötigte. Nicht nur haltbare Nah- rungsmittel und Mehl, Mühlsteinen und Pfannen, es waren auch einige Waffen  und Baumaterial aus Holz verladen worden. Auf  dem dritten Wagen saßen  Bertold mit den vier Kindern und den beiden Frauen. Ihre wenigen Habselig- keiten hatten auf dem Wagen Platz gefunden und die beiden Ochsen, die bisher  den Wagen gezogen hatten, waren durch Pferde ersetzt worden. Dann kamen  noch drei Wagen der Ordensleute mit Proviant und Waffen dazu. Proviant für 


5 zwanzig Ritter und vierzig Sergeanten und zwei Kundschaftern waren verladen  worden. Die Burg der Olsens wollten sie in drei Tagen erreichen. Hier zählte  der Überraschungsmoment, die Burgbesatzung sollte keine Möglichkeit bekom- men, in kurzer Zeit noch mehr Kämpfer anzuwerben. Heinrich und Gregor  übernahmen die Spitze des Zuges, dann kamen Otto und Lorentz, ihnen folgten  alle Wagen. Die Wagen wurden von je zwanzig Sergeanten flankiert und die  zwanzig Ordensritter folgten dem Zug in einem Abstand von fünfzig Schritten.  Die zwei Kundschafter ritten einige hundert Schritte voraus. Der Herr Graf  lief   unerschrocken mit seinem Wolfsrudel neben dem Wagen der Constanze. Immer  darauf  bedacht, auch alle zu seinem Rudel gehörenden Menschen im Blick zu  haben. Heulmama ordnete sich wie ihre beiden Welpen ihm ganz und gar unter.  Bis sie zum Ort Mainhardt kamen, brauchte der Zug schon vier Tage, da alle  Weg noch schwer zu begehen waren und der schlammige Boden ein schnelles  Reiten und Fahren nicht erlaubte. Am . März 6 erreichten sie das Tal vor  der Olsenburg. Das ganze Land rund um die Burg war verkommen, Äcker die  seit Jahren offensichtlich nicht mehr bearbeitet wurden, verfallene Gehöfte und  Wege, die diesen Namen nicht verdienten, waren zu sehen. An einem Weinberg,  der ebenfalls mit alten Reben bepflanz war, schlugen sie ihr Lager auf. Dort  hatte der alte Olsen eine Höhle in den Stein treiben lassen und vor dem Eingang  einen kleinen Turm erbaut. Die Höhle war groß genug, um dort mindestens  zwanzig Männer zu verbergen, im Turm, der im Durchmesser zehn Schritte und  die Höhe von zwei Männern maß, konnte man gut ein Feuer entfachen und war  vor dem Unwillen der Natur gut geschützt. Über eine Leiter im Turm, die recht  brauchbar war, konnte man auf  ein kleines Felsplateau über der Höhle und dem  Turm steigen. Von dort hatte man einen guten Blick auf  den Weg zur Burg und  das Burgtor, das fast dreihundert Schritte weit entfernt war.  Mit den Wagen und  einigen Bäumen bauten die Krieger und die Freunde, die Olsen begleitet hat- ten, ein Gatter für die Pferde neben dem Turm. Zwei Seiten des Gatters waren  durch steile Felswände gesichert. Damit war das Lager sogar für einen längeren  Aufenthalt geeignet. Natürlich hatte die Besatzung der Burg die Ankommenden  schon entdeckt. Die Leute auf den Zinnen der Burg beobachteten das Treiben  beim alten Turm.  Richard hatte für die letzten Stunden ihres Weges zur Burg den Befehl gegeben,  dass seine Männer alle Zeichen des Ordens ablegen mussten. Sie würden als  einfache Söldner ankommen. Er wollte nicht, dass die Burgbesatzung sofort  erkennen würde, dass sie es mit Ordensrittern zu tun hatten.  Die Nacht verlief  ruhig, man sah nur die Feuer vor dem Lager und auch einige  Feuer auf  den Zinnen.  Am nächsten Morgen wurde einer der Ordensritter als Bote bereit gemacht.  Das Pferd wurde mit einer kräftigen ledernen Schabracke ausgestattet, Brust  und Kopf  bekamen den einzigen Kettenpanzer für ein Pferd, das sie mitfüh- rten. Der Reiter musste sich mit einem offenen Helm begnügen, da er seine  Stimme gegen die Mauern erheben musste. Ein Schild ohne Wappen und eine  langes Kettenhemd sollten ihn vor heimtückischen Angriffen schützen. So eine  Mission war nicht ungefährlich, da man nie wusste, wie die Gegner auf einen 


6 Parlamentär reagierten. Ein weißes Tuch wurde an einer Lanze befestigt und  der Mann ritt auf  die Burg zu. Etwas mehr als dreißig Schritte blieb er vor den  Mauern am Tor stehen. “Ich bin im Auftrag von Heinrich von Olsen und Ol- senberg hier und möchte mit dem Vogt der Burg sprechen.” rief  der Mann laut  und deutlich. Eine Stimme von den Zinnen rief  zurück. “Verschwinde von hier,  sonst müssen wir dich mit Eisen schwer machen. Und sag Heinrich, dass es hier  nichts für ihn zu holen gibt. Sein Vater hat ihn verstoßen und wenn die Krone  erfährt, dass er hier mit einer Streitmacht auftaucht und eine Fehde beginnt,  dann wir man ihn hart bestrafen.” “Ich kann nicht gehen. Ich habe den Befehl,  mit dem Vogt zu sprechen und ihn aufzufordern, das Tor zu öffnen.” Die An- twort die er bekam war sehr unfreundlich. Ein Stein wurde nach ihm geworfen  und jemand rief  nochmals, dass er jetzt verschwinden solle. Vollkommen ruhig  blieb der Parlamentär auf  seinen Pferd sitzen. Er machte keine Anstalten sich  zurückzuziehen. Seitlich im Gebüsch hörte er zwar ein paar Geräusche, aber  er rührte sich nicht. Wusste er doch, dass sich dort ein paar Bogenschützen  versteckt hielten, die ihm, wenn es sein musste, den Rückzug sichern sollten.  Dann flog der erste Pfeil von den Zinnen zu ihm hinab. Zu weit, um Schaden  an zu richten. Der nächste war schon näher und der dritte folgte sofort und traf   die lederne Schabracke des Pferdes. Das war das Zeichen, sich zurückzuziehen.  Die zehn Bogenschützen richteten ihre Pfeile auf die Zinnen der Burg und der  Parlamentär konnte sein Pferd unbeschadet wenden und zurückreiten. Das aber  nicht, ohne seinen Mantel auf  dem Rücken auszubreiten und damit sichtbar das  Zeichen der Ordensritter zu zeigen, das nun die Männer auf  den Zinnen deu- tlich sehen konnten. Jetzt war es an Richard mit seinem vollen Ornat und zehn  Rittern als Begleitung vor das Tor der Burg zu reiten. Gedeckt durch Schilde  und die Bogenschützen rief  er laut zum Torturm hinauf. “Ihr wagt es einen Par- lamentär der Ordensritter, der friedlich zu euch kam, mit Pfeilen zu beschießen.  Wollt ihr Krieg mit dem Orden? Ihr habt bis zum nächsten Morgen Zeit, das  Tor zu öffnen und euch mit Heinrich zu versöhnen. Tut ihr das nicht, gilt das  als Angriff  auf  den König, in dessen Auftrag ich hier stehe und es gilt auch als  Angriff  auf  den Orden!” Nun hatte Richard den Grund, den er brauchte, um  die Burg zu belagern und anzugreifen. Dass er nicht gesagt hatte, um welchen  König es sich handelte, wer ihm den Auftrag gegeben hatte, wurde den Burgin- sassen nicht bewusst. Er hatte das auf jeden Fall so laut gerufen, dass man ihn  auf  den Mauern wohl hatte verstehen müssen. In dieser Nacht erschienen bei Heinrich und seinen Leuten die ersten sechs  Überläufer. Sie hatten ihre Waffen in Seile gebunden und überreichten den  Wachen das Bündel. Sie hatten durch ein Ausfalltor fliehen können. Es waren  zwei alte Gefährten seines Vaters und deren Söhne. “Wir wollten nicht für ihn  kämpfen, aber wo sollten wir hingehen. Jetzt seid ihr da, Herr Heinrich und so  wissen wir wieder, für wen wir kämpfen müssen. Unsere Frauen sind vor ein  paar Monaten schon weg, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Unser Herr  meinte nur, dass es gut sei, dass diese unnötigen Fresser weg seien.” Heinrich  nahm diese Männer bei sich auf. Er kannte sie aus seinen Jugendtagen gut und  er vertraute auch seinem Bauchgefühl -diese Männer würden für ihn kämpfen. 


Heinrich und Richard wollten aber noch mehr von diesen Männern wissen  und so wurden sie ans Feuer in den Turm geführt und Heinrich begann damit,  seine Fragen zu stellen. “Wie viele Männer sind nun in der Burg? Und vor allem  woher kommen diese Kämpfer?” Kuno, der Sprecher der Geflohenen, begann  zu erzählen. “Vor etwas mehr als einem Jahr, als wir hörten, dass sich ein Zug  von Rittern aus dem Heiligen Land zurück in die Heimat befand und dass ihr  dabei sein könntet, wurde euer Stiefbruder sehr nervös. Er begann die Burg,  alle Gemächer eures Vaters und die des Vogtes zu durchstöbern. Er schreckte  auch nicht davor zurück, Schränke und Truhen zu zertrümmern. Wir erfuhren  von seiner Metze, einer dummen und geschwätzigen Magd, dass er das Testa- ment eures Vaters suchte. Die Abschrift, die sich im Kloster Lorch befand,  hatte er sich durch einen falschen Pater besorgen lassen und vernichtet. Aber  das Original hatte er nicht. Und dann kam eines Tages ein Mann aus Braun- schweig. Er war mit einem Karren und drei Knechten gekommen. Alles sollte  aussehen, als ob er ein Händler wäre, der teures Tuche anbieten wolle. Jeder  der die Augen offen hatte, konnte sehen, dass das kein Händler war und die  Knechte keine Knechte. Sie trugen alle versteckt Waffen mit sich. Wir wissen  alle nicht, was euer Stiefbruder mit dem Händler besprach, aber dann kamen  immer mehr Krieger, Söldner aus dem Norden. Immer wieder kamen Söldner  und neue Händler mit Waffen und Vorräten auf  die Burg. Wie es schien, war  auch ein Händler dabei, der Gold mitbrachte, damit die Söldner bezahlt werden  können. Unsere Weiber waren vor diesen Kerlen nicht sicher und so haben wir  alle auf  den Hof  von Benediktus, einem alten Freund eures Vaters geschickt. Er  nahm sie alle bei sich auf. Millius und sein Bruder, die beiden alten Kämmerer  eures Vaters, lagen dann vor einer Woche tot im Pferdestall. Man behauptete die  Pferde hätten die Alten totgetreten. Dass Pferde mit Messern umgehen können  und alten Männern die Kehlen durchzuschneiden, wusste ich nicht, aber was  sollte ich tun. Nun wussten wir, dass auch wir nicht mehr sicher waren. Euer  Stiefbruder besaß nun eine Armee von über fünfzig Kämpfern und es sollen  nochmals zwanzig auf  dem Wege hierher sein. Die sollten auch weitere Waffen  und Vorräte auf  Karren mitbringen. Fliehen war fast nicht mehr möglich, wir  wurden Tag und Nacht überwacht. Nur heute Nacht nicht mehr. Alle Män- ner waren im Hof  versammelt oder waren auf  den Zinnen. Den Mann, der  das Ausfalltor bewachte, haben wir niedergeschlagen. So konnten wir fliehen.”  Kuno war außer Atem, als er mit seinem Bericht endete. Alle schwiegen und  schauten betreten vor sich hin. Die Burg war also gut bemannt, wie sollte man  die aus der Burg locken? Erstürmen war nicht möglich, belagern dauerte zu  lange. Kuno schaute nochmal hoch. “Mir ist noch was eingefallen. Die Söldner und  die Händler kamen alle über die Straße von Milsberg durch den Wald. Die müs- sen alle hier vor dem Turm vorbeikommen. Und aus der Burg kommt man nur  noch durch das Haupttor und die kleine Ausfalltüre. Das hintere Tor ist nicht  mehr zu gebrauchen, ein Erdrutsch hat den Weg und die Zugbrücke weggeris- sen. Da ist ein tiefer Graben entstanden. Den kann niemand überwinden, auf  jeden Fall niemand mit einem Pferd.”


8 Sie mussten also nur den Weg zur Burg, das Haupttor und die kleine Ausfalltüre  beobachten, das erleichterte ihre Aufgabe sehr. Und wenn sie noch den Ersatz  abfangen konnten, bevor die von der Burg das sahen, hatten sie einen großen  Vorteil errungen.  Alle schienen froh über diese Entwicklung zu sein, außer Otto. Alles deutete  auf  einen Kampf  hin und das besagte, dass es Tote und Verletzte geben würde.  Musste das sein? Kapitel 36 25. März 1216 auf  der Ostsee Im Dunst des Nebels waren sie entkommen. Die Knorr lag ruhig da. Sie hatten  die Segel nicht gesetzt, damit ihre Silhouette so klein wie möglich war. Offen- sichtlich waren sie nicht verfolgt worden. Jan hatte das Ruder übernommen.  Leicht trieben sie dahin, Jan vermutete, dass sie in Richtung Süden trieben, aber  ohne dass er die Himmelskörper sehen konnte, vermutete er das nur. Er kannte  die Strömungen auf  der Ostsee, aber nun war auch er müde und erschöpft  und war zu keinen klaren Gedanken mehr fähig. Carlo und sein Bruder Luigi  waren die einzigen Männer, die noch kräftig und wach genug waren, um Jan zu  unterstützen. Alle anderen fühlten sich auch so abgekämpft wie sie von den Taten der letzten  Tage. Sylvia hatte alle Verletzten - soweit es die einfachen Mittel auf  der Knorr  zuließen - behandelt. Peters Wunde hatte sie genäht und konnte damit die Blu- tung stoppen. Aber nun war auch sie so ermattet, dass sie sich an die Bordwand  lehnte und sofort einschlief. Die Kälte spürte sie kaum. Peter, der neben ihr an  Deck lag, deckte sie in einer Art Dämmerzustand mit seiner Decke zu und beide  wärmten sich nun gegenseitig. Am kommenden Morgen verschwand der Nebel fast gänzlich und die Sonne  erwärmte etwas die Knorr. Die Ruhephase hatte allen gut getan und als dann die  letzten Nebelschwaden ganz verschwunden waren, bestimmte Jan die Richtung,  die sie segeln und auch rudern mussten. Der Wind war zwar sehr schwach,  aber die Knorr bewegte sich doch in Richtung Nordwesten. Weit nach Mittag  entdecken sie am Horizont Land.  Peter war sich sicher, dass die Piraten auf der Suche nach ihnen nicht die Insel  umrunden würden. Wenn die Piraten sicher waren, dass sie die langsame Knorr  hätten längst einholen müssen, würden sie umdrehen. Und damit würden sie ih- nen begegnen. Sie mussten bald an Land gehen - sie hatten nicht genug Wasser  und Nahrungsmittel dabei. Sie prüften das, was sie hatten und stellten fest, dass  das alles nicht mehr als fünf  Tage reichen würde, wenn sie alles streng rationie- ren würden.  Also mussten sie sich auf  einen Kampf  vorbereiten. Eine Knorr - langsam  und schwerfällig, mit müden abgekämpften Frauen und Männern an Bord und  verletzten Kindern.  Aber sie hatten auch Vorteile, die sie ausnutzen mussten. Die Bordwände waren 


höher, der Mast zwar niedriger, aber stabiler und die Knorr lag etwas ruhiger im  Wasser.  Peter holte sich eines der langen Ruder und schnitzte ein Loch in das Ruder- blatt. Am Masten machte er einen zweiten Ring unter den des Baumes und  befestige es dort genauso. Das Ruder konnte nun frei rund um den Masten  schwingen. Am Ende befestige er einen Stein in einem Netz und am Holz  entlang zwei Schwerter. Nun konnte das Gestell wie eine Sense hin und her  schwingen. Mindestens zwei Mann weit konnte diese Sense dann über Steuer  - oder auch Backbord hinausschwingen. Mit Seilen konnte es hin und her  gezogen werden. Hinter den Bordwänden wurden die Waffen gelagert und alle,  die zur Verteidigung des Schiffes eingesetzt wurden, konnten liegend dort so  lange Deckung finden, bis der Einsatz dieser Sense dauerte. Auf  dem Heck  und auf  dem Bug wurden jeweils eine der beiden Balliste aufgestellt. Ebenso  die Bogenschützen und die Armbrustschützen. In hohen eisernen Pfannen  sollte Feuer entfacht werden, damit die Brandpfeile schneller entzündet werden  konnten. Alles wurde so aufgestellt, dass man erst kurz bevor die beiden Schiffe  sich treffen sollten, sichtbar wurde, was da an Kampfgeräten eingesetzt werden  würde. Sie konzentrierten sich auf  die Backbordseite, die sie der Küste zuwen- den würden. Die Piraten sollten sie daran hindern, an Land zu gehen, denn  aufs offene Meer zu fliehen würde keinen Sinn machen. Also mussten sie die  Angreifen auf  die Backbordseite locken. Peters Plan basierte auf  der Idee, dass  die Piraten das Schiff  nicht versenken wollten sondern erobern und sie de- shalb versuchen würden, bei ihnen längsseits zu gehen. Würden die Piraten sie  wirklich nur versenken wollen, wären sie auf  jeden Fall verloren. Und wenn sie  auf  zwei Langboote treffen würden, dann waren sie auch verloren, aber auch in  diesem Falle konnten sie ihr Leben noch so teuer wie möglich verkaufen. Die  Vorbereitungen waren am Mittag beendet und da tauchte auch schon aus einer  Bucht ein Langboot auf. Alle waren sich sicher, dass das eines der Piratenschiffe  war. Sie wendeten und boten zum Schein ihre Backbordseite an, die nun dem  Ufer zugewandt war. Und die Piraten reagierten so, wie Peter es vorausgesehen  hatte. Sie versuchten, sie an Backbord zu entern, um damit vom Ufer abzu- drängen. Nur Jan war am Ruder zu sehen, Peter stand am Heck und am Masten  stand Carlo, der so tat, als ob er verzweifelt etwas am Segel reparieren wollte. Er  war aber derjenige, der den Befehl zurief, wann die Sense geschwungen werden  sollte. Schnell kam der Drachen näher. Die ersten Männer machten sich dort  bereit, Waffen wurden geschwungen und Beile in den Himmel gehoben. Keiner  der Männer nahm ein Schild auf. Am Bug und Heck standen die Männer, die die  Seile mit Wiederhaken werfen sollten, um die Knorr an den Drachen heran- zuziehen. Die Ruder wurden eingezogen, der Drachen rauschte heran und die  Seilschwinger begannen die Haken zu werfen. Der Drachen war nun nur noch  zwei Mann hoch entfernt von der Knorr.  Dann kam der Ruf  von Carlo, eine Fackel wurde entzündet, an das brennbare  Ende der Sense gehalten und nun schwang das Feuer mit der Klinge über die  Bordwand des Drachen. Mindestens sechs Krieger und einer der Seilwerfer wur- den kampfunfähig gemacht, zudem sah man, dass auf  dem Drachen ein Feuer 


80 anfing zu brennen, den die Fackel, die sie an der Sense festgebunden hatten,  war abgerissen worden und auf  den Planken gelandet. Dann wurde die Sense  nochmals zurückgerissen und nochmals wurden drei Männer getroffen und von  Bord gewischt. Damit hatte die Besatzung des Drachen nicht gerechnet. Und  nun kamen die Bogenschützen und die beiden Balliste zum Einsatz. Obwohl die  Besatzung des Drachen auch ein paar Bogenschützen hatte, waren die Männer  auf  diese Attacke nicht vorbereitet und kamen nicht zum Schuss. Auf  diese  kurze Entfernung wirkte sich der Regen an Pfeilen und Bolzen verheerend aus.  Trotzdem schafften es fünf Kämpfer, an Bord der Knorr zu springen. Dara  und Cahyra erledigten zwei mit ihren Messern. Sie hatten versteckt hinter der  Bordwand gelegen und als die ersten beiden von der Bordwand herab auf  das  Deck sprangen, wurde ihnen jeweils die Fußfesseln durchgeschnitten. Um die  drei andern Angreifer von den beiden Mädchen abzulenken, sprang Peter und  Sasha laut brüllend mit ihren Schwertern fuchteln auf  die Männer zu. Weder  Peter noch die körperlich schwächere Sasha hatten eigentlich eine Chance gegen  die drei Krieger. Und trotzdem wurden die drei sofort gestoppt. Melanie schoss  noch einmal mit ihrer Armbrust einem der Männer direkt ins Gesicht. Von der  Wucht des Geschosses riss er einen der andern mit zu Boden und so konnten  die beiden sich um den einzig noch stehend verbliebenen Angreifer kümmern.  Während Dara und Cahyra mit ihren Messern die am Boden liegenden endgül- tig kampfunfähig machten. Während das Drachenboot abtrieb und keiner der Kämpfer mehr seinem Kam- eraden auf  der Knorr zur Hilfe kommen konnte, merkte man schnell, dass man  es hier mit einem besonderen Mann und Kämpfer zu tun hatte. Er schlug nicht  wild brüllend auf  alles, was er sah, sondern suchte sich einen Platz, wo er den  Rücken frei hatte und mit seinem Langschwert und dem Beil genügend Platz  zum Kämpfen hatte. Dieser Mann konnte beidhändig mit Waffen umgehen.  Inzwischen hatten sich die verbliebenen Männer auf  dem Drachenboot soweit  neu formiert und versuchten nun ebenfalls mit Pfeilen die Verteidiger auf  der  Knorr zu bekämpfen. Alle mussten, soweit es ging, sich in Deckung begeben,  um nicht einen der Pfeile einzufangen. Nur Sasha, Peter und der Mann mit  Beil und Schwert standen aufrecht an Deck. Jan war in die Hocke gegangen,  während er die Knorr immer weiter von dem Drachen wegsteuerte, aber  irgendjemand musste das Segel neu ausrichten. Das Segel konnte den Wind  nicht mehr richtig einfangen und sie trieben nun immer weiter aufs Meer hinaus.  Jan wollte aber den Drachen eher zur Künste hin zwingen, dort waren Felsen  zu sehen und er hoffte, dass der dort auflaufen würde. Gebückt rannten Carlo  und sein Bruder zum Segel und schoben den Baum dorthin, wo sie den Wind  mit den Segel einfangen konnten.  Carlo spürte ein kurzes Zupfen an seinem  linken Arm, dann kam der Schmerz. Ein Pfeil hatte ihn dort gestreift und eine  große Fleischwunde hinterlassen. Luigi kam seinem Bruder zur Hilfe und zog  in auf  den Boden. Dabei ließ er zu früh das Seil los, das den Segelbaum etwas  quer halten sollte. Der Baum, befreit vom Zwang des Seiles, schwenkte nach  Steuerbord, wo die drei Kämpfer standen. Keiner von ihnen konnte den Baum  kommen sehen und alle drei wurden auf Kopf  oder auch Schulterhöhe von 


8 ihm getroffen. Der Kämpfer vom Drachen verlor sein Beil und der Helm, den  er trug, hing verbeult vor seinem Gesicht.  Peter wurde zu Boden gerissen und  Sasha wurde zur Bordwand gedrückt, wo sie mit dem Oberkörper über die  Bordwand gelehnt hängen blieb.  Der Kämpfer versuchte verzweifelt, sich vom Helm zu befreien. Er konnte  nichts mehr sehen und man sah, dass er schwer verwundet war, den Blut rann  unter dem Helmrand hervor. Dara beendete das Ganze mit einem kräftigen  Schlag eines Knüppel auf  den Helm. Der Mann rührte sich nicht mehr.  Luigi hatte sich inzwischen wieder gefangen und brachte den Baum in die rich- tige Stellung. Der Drachen war inzwischen so weit entfernt, dass kein gezielter  Pfeilschuss mehr möglich war. Nun da etwas Ruhe eingetreten war, versuchte  Jan sich einen Überblick von den Schäden auf  dem Drachen zu machen. Die  konnten derzeit nicht rudern, das sah man. Die Balliste hatten die Steuerbord- seite dort ordentlich verwüstet. Mindestens acht der sechzehn Ruderbänke  und Ruder waren zerstört. Bis die dort wieder auf dieser Seite rudern konnten,  würde es einige Zeit dauern. Also waren sie vor einem Verfolger vorläufig  sicher.  Die Knorr hatte drei Mannschaftsmitglieder verloren. Alle drei waren Fischer  aus dem Dorf  beim Turm. Peter, Carlo, Luigi, Melanie und Dara waren verletzt.  Prellungen und Schnittwunden - zudem war Peters alte Wunde aufgeplatzt und  der lag nun vollkommen benommen auf  dem Boden des Decks. Melanie konnte trotz der Verletzung einigermaßen sicher stehen und gab An- weisungen. Zwei der Angreifer waren tot, ihre Waffen wurden ihnen abgenom- men und die Körper über Bord geworfen. Dann beriet sie sich mit dem immer  noch leicht benommen Peter. “Wenn wir sie über Bord werfen und sie verletzt  schwimmen können, werden die Drachenmänner sie retten müssen. Das hält  sie weiter auf  und verletzte Männer an Bord schaden der Kampfesmoral. Wir  sollten sie soweit entkleiden, dass sie sich bewegen können und dann binden wir  sie an Holz, damit sie nicht untergehen, sondern oben schwimmen.” So wurden  dann die Männer entkleidet, an alte Schilde, Fässer und Holztrümmer gebunden  und ins Wasser geworfen. Nur den Mann mit dem verbeulten Helm nicht. Den  Helm konnte man nicht schnell genug von seinem Kopf  ziehen und so wurde  er nicht ins Wasser geworfen, sondern als Gefangener behalten.  Peter hatte recht behalten. Als die Piraten sahen, dass einige ihrer Kameraden  im eiskalten Wasser schwammen, bemühten sie sich, diese aus dem Wasser zu  holen. Mit Ruderkraft und mit vollen Segeln entfernte sich die Knorr in Rich- tung Sund.  Es wurde schon dunkel, als die Knorr die Einfahrt zum Sund erreichte. Melanie,  die den schlafenden Peter vertrat, gab die Anweisung, einen Platz in der Nähe  des Ufers anzulaufen. In einer kleinen Bucht fanden sie einen Platz, wo sie die  Steine an den Seilen ins Wasser werfen konnten und die Knorr zur Ruhe kam.  Ihr Silhouette würde man vom Meer aus nicht sehen, da der Wald hinter ihnen  sie in dem fahlen Mondlicht verschwinden ließ. Zudem kam wieder leichter  Nebel auf.  Spät in der Nacht schaffte es Jan, den Helm des verletzten Piraten von seinem 


8 Kopf  zu drücken. Mit einer kleinen Öllampe bewaffnet, kümmerte sich Sylvia  um die Kopfwunde des Mannes. Seine Nase schien nicht gebrochen, war allerd- ings ordentlich angeschwollen und auf  der Stirn hatte er eine Platzwunde. Er  war schon lange wach, sprach aber kein Wort. Die Behandlung von Sylvia er- duldete er. Als sie fertig war und ihm zum Abschluss noch einen Becher Wasser  einflößte, bedankte er sich mit einem Kopfnicken und einem Brummlaut. Es war kalt an Bord und alle legten sich Felle und Decken um, an einen tiefen  erholsamen Schlaf  war weniger zu denken, nur die geretteten Kinder lagen  unter ihren Decken eingewickelt und schlummerten friedlich. Die Aufregungen  der letzten Tage, der Kampf, die Trauer um die toten Fischer und vielleicht auch  der Gedanke daran, dass sie alle wieder in den Kampf  ziehen mussten, raubte  ihnen die Ruhe, die sie so dringend nötig hatten. Als der Morgen graute, frischte der Wind auf  und der Nebel verzog sich  langsam. Auf  dem Meer war nichts zu sehen und so ruderten sie aus der Bucht  heraus und bald war der Sund zu sehen. Der Wind reichte gerade aus, um die  Knorr in Fahrt zu bringen und sie kreuzten vorsichtig hin und her. Immer wie- der mussten sie rudern, aber sie kamen voran. Am Nachmittag kamen sie an der  Stelle vorbei, wo das Piratenlager gewesen war. Das Gerippe eines ausgebrannt- en Drachenbootes lag auf  Gotland und auf  der anderen Seite auf Farö sahen  sie noch ein paar Spuren eines Brandes, mehr war aber nicht zu entdecken. Still  und unbehelligt glitten sie in die Dämmerung hinaus auf  das offene Meer.  Melanie hatte erwartet, dass das andere Drachenboot irgendwo auf  sie lauern  würde, aber zu sehen war nichts. Nun stellte sich die Frage, wo das andere  Drachenboot war. Hinter ihnen, weil es die Insel umrundet hatte oder schon  vor ihnen, zwischen Visby und ihrem Kurs? Still hofften alle, dass ihnen die  Langboote der Blauzahnsiedler zur Hilfe kommen würden.  In einer Bucht nach dem Sund fanden sie einen Platz, wo sie die Steine werfen  konnten. Die wenigen Vorräte wurden verteilt und alle aßen das, was sie beka- men, mit Bedacht. Selbst ihr Gefangener kaute langsam und ohne Gier. Ihnen  stand nun nochmals eine kalte Nacht auf  dem Wasser bevor.  . März 6 früh am Morgen auf  der Knorr  Carlo machte gerade seinen Rundgang, als ihm auffiel, dass ihr Gefangener weg  war. Die Seile, mit denen er gefesselt war, lagen neben der Decke, unter die  er sich zum Schlafen gelegt hatte. Gerade wollte er alle mit einem lauten Ruf   wecken, als er einen Mann am Bug stehen sah. Noch am Abend hatten sie die  Knorr so gedreht, dass der Bug aufs offene Meer hinaus zeigte. Dort stand der  Mann, der doch gefesselt unter seiner Decke liegen sollte. Carlo zog sein Messer  und schlich sich von hinten so leise wie es ging zu dem Mann. Fast hatte er ihn  erreicht, als er anfing zu reden. “Etwas leiser und ich hätte es nicht gehört. An- schleichen ist nicht eure Sache. Heute Nacht ist ein Drachenboot von Norden  her an vor der Bucht vorbeigeschwommen. Niemand hat euch gesehen, obwohl  es etwas heller war als sonst. So wie ich sie kenne, werden die sich in einer der  Buchten verstecken und warten, ob ihr oder jemand anderes vorbeikommt. Et- was mehr als zweitausend Schritte von hier kommt eine Bucht, sieht aus wie ein  Haken.  Dort können sie sich gut verstecken. Von den Hügeln aus, kann man 


8 gut alles beobachten, was an der Küste und davor passiert. Wenn ihr vor denen  sicher sein wollt, müsst ihr etwas weiter raus aufs Meer, damit sie euch nicht  sehen. Ich weiß, ihr habt nichts mehr zu essen. Also geht an Land und holt euch  etwas. Etwas mehr als ein paar hundert Schritte landeinwärts ist ein Hof. Ich  kenne den gut. Besitzt ein paar Ziegen und Schafe. Im See daneben geht der  Bauer auch mal fischen. Dort könnt ihr etwas zum Essen holen.”  Carlo hatte  gut zugehört, denn bisher hatte er den Mann nur brummen oder leicht stöhnen  gehört.  Carlo blieb stehen, wo er war. “Wer bist du eigentlich und wie konntest du dich  befreien?” Noch immer schaute der Mann aufs Meer hinaus. “Ich bin Olovson.  Ich war mal Bauer hier in der Gegend. Und befreit habe ich mich schon länger.  Keiner hat meine Fesseln geprüft, aber ich war zu schwach zum aufzustehen.  Heute Nacht habe ich es probiert und es hat geklappt. Und nun stehe ich hier.”  Außer Carlo hatte Melanie und Jan zugehört, was Olovson da sagte. Sie standen  nun ebenfalls hinter dem Mann, neben Carlo.  Versuchte Olovson ihnen zu helfen, oder wollte er sie in die Irre leiten? Kapitel 37 27. März 1216 im Turm vor der Olsenburg Kurz vor dem Mittag hatten die Späher sie entdeckt. Drei Reiter, zwei Wagen  von Ochsen gezogen und zehn Männer zu Fuß. Alle gut bewaffnet, selbst die  Treiber und Lenker der Ochsenwagen waren bewaffnet. Heinrich und Richard  stellten ihr Männer zusammen. Sie hatten lange geplant und auch das Gelände  erkundet. Der Angriff  musste so erfolgen, dass die Männer in der Burg sie  nicht sehen konnten. Wenn sie im Kampf  mit der Verstärkung waren, konnten  sie sich nicht auf  die Burg konzentrieren. Also schlichen sie über das Plateau  hinter dem Turm in Richtung Westen zu dem Hohlweg, den sie für den Angriff   herausgesucht hatten. Rechts von dem Weg durch den Wald erhob sich ein  kleiner Hügel, den man von dem Weg aus nicht besteigen konnte. Dort wurden  die Bogenschützen postiert. Etwas mehr als zweihundert Schritte in Richtung  Burg und Turm bildeten die Ordensleute mit Schildern und zwei Holzstäm- men, die man über den Weg gelegt hatte, ein Barriere. Niemand durfte die Burg  erreichen. Auf  der Olsenburg sollten alle daran glauben, dass sie noch Ver- stärkung bekommen würden.  Otto war mit sechs Männern und den Frauen und Kindern beim Turm gebli- eben. Seine Aufgabe war es, sich so zu verhalten, als ob alle noch beim oder im  Turm waren. Zudem musste er das Burgtor beobachten. Niemand sollte die  Burg ungesehen verlassen dürfen. Gregor, Lorentz und Frida hatten sich ein  Versteck auf  Schussweite vor dem Burgtor gesucht. Jeder der die Burg verlassen  wollte, musste daran gehindert werden. Der dichte Wald und die Lage des Weges sollte verhindern, dass der Kampflärm  zur Burg dringen sollte.  Die sechs Mann beim Turm und die Kinder marschierten immer wieder vor 


84 dem Turm hin und her. Wechselten die Umhänge - so sollte das Bild von vielen  unterschiedlichen Menschen beim Turm entstehen. Dann holte man immer wie- der Pferde aus der Koppel und führte sie ein Stück des Weges zur Burg entlang  und wieder zurück.  Die Wachen auf  den Türmen der Burg beobachteten das Treiben zwar argwöh- nisch, aber niemand kam auf  den Gedanken, dass das alles nur ihrer Ablenkung  diente.   Kaum hatte die Kolonne mit den Reitern, Wagen und den Kriegern zu Fuß den  Hügel am Hohlweg erreicht, wurden sie ohne Vorwarnung beschossen. Die  Knechte bei den Wagen waren die ersten, die fielen. Absichtlich wurde einer der  jeweils vier Ochsen vor dem ersten Wagen verletzt. Voller Wut, Schmerz und  Zorn zog der nun mit einer Gewalt an den Seilen und Lederbändern, die ihn  mit dem Wagen und den anderen Ochsen verband, dass er die beiden Söld- ner vor ihm niederriss und den Wagen zum Kippen brachte. Die drei anderen  Ochsen waren nun so verwirrt, dass zwei versuchten nach hinten zu drängen  und den Wagen so wegzogen, dass er quer zum Weg zu liegen kam. Der Wagen  dahinter blieb stehen, weil die Ochsen in eine lähmende stoische Ruhe verfielen  und sich nicht mehr rührten. Die Söldner konnten ihre Kampfkraft nicht ent- falten und versuchten einzeln, dem Chaos zu entkommen. Am Ende des Weges  wurden die drei Reiter bereits erwartet und von ihren Pferden gerissen, ohne  dass sie sich wehren konnten.  Als die unverletzten Söldner sahen, dass es für sie kein Entkommen gab und sie  den Kampf  nicht gewinnen konnten, legten sie die Waffen nieder und ergaben  sich. Die vier Wagenknechte waren alle tot und drei der Söldner ebenfalls. Die  Reiter waren verletzt sowie zwei der Bewaffneten. Alle Überlebenden ließ Hein- rich binden und einen Knebel in den Mund schieben. Er wollte vermeiden, dass  einer zu schreien begann und die Burgbesatzung darauf  aufmerksam wurde,  was da gerade geschehen war.  Die Toten wurden bis auf  ein Leibtuch alle entkleidet und hinter ein paar  Baumstümpfen unter dem Laub versteckt. Um sie zu beerdigen war keine Zeit.  Man würde das später machen müssen.  Der verwundete Ochse brüllte nicht mehr, nachdem ihm der Pfeil aus seiner  Flanke gezogen worden und die Blutung gestillt war. Bis an den Waldrand wur- den die Gefangenen gebracht. Man würde sie erst in der Dunkelheit zum Turm  bringen. Niemand aus der Burg sollte sehen, dass die erwartete Verstärkung  nicht kommen würde. Heinrichs und Richards Plan war es, sich als Verstärkung  auszugeben und sobald das Burgtor geöffnet war, die Burg zu erstürmen.  Es war schon später Nachmittag, als die Gefangenen aufgefordert wurden, sich  zu erheben. Einzeln mussten sie sich entkleiden. Sobald sie bis auf ein Tuch  und ein Hemd entkleidet waren, wurden sie wieder gefesselt. Einzeln und sehr  vorsichtig ging man mit den Gefangene um. Niemand in der Burg sollte etwas  hören und sehen. Der letzte, dessen Fesseln man löste, war der Hauptmann.  Ein mittelgroßer, aber sehr kräftiger Mann, etwas kleiner als Heinrich. Heinrich  sollte dessen Wams und Helm am kommenden Tag tragen und so war er dabei,  als der Mann entkleidet wurde. Auf  keinen Fall sollte der Wams mit den Farben 


85 der Braunschweiger beschädigt werden. Der Mann zog sich den Wams über  den Kopf  und sein Kettenhemd wurde gelöst. Als er nur noch mit einer Hose  bekleidet und sein Oberkörper mit einer wattierten Jacke bedeckt war, begann  der Mann heftig zu werden. Er riss sich aus Verzweiflung den Knebel aus dem  Mund. Heinrich ließ ihn gewähren, denn ersticken sollte der Mann nicht, viel- leicht konnte man aus ihm noch einige Informationen herauspressen. Dann ge- schah etwas, womit man eigentlich nicht gerechnet hatte. Der Mann riss einem  seiner Wächter einen Dolch aus der Scheide und erstach ihn. Alle waren kurz  erstaunt über die Tat und der Hauptmann nutzte diese paar Wimpernschläge  der allgemeinen Erstarrung und rannte den Weg zur Burg hin los. Er brüllte laut  und für alle hörbar. “Verrat. Die Verstärkung ist überfallen worden. Öffnet mir  das Tor. Verrat.” Natürlich wurden alle auf  der Burgmauer aufmerksam, auch  wenn man dort nicht alles verstand, was der Mann da schrie. Noch einhundert- fünfzig Schritt bis zum Tor. Niemand sah den schnellen Schatten im Dämmerli- cht, der dem Mann folgten. Bis er aus den Halbschatten der Bäume und Büsche  herausrannte und zu Boden gerissen wurde. Der Herr Graf  hatte erkannt, dass  da etwas nicht nach dem Willen seiner Herren vorging. Gefolgt von der Wölfin  und den inzwischen große gewordenen Welpen brachte erst der große schwarze  Hund den Mann zu Fall und dann waren die Wölfe bei ihm. Die Schrei des  Mannes, die zu hören waren, gingen selbst den härtesten Männern durch Markt  und Bein. Lorentz und Otto, die den Tieren gefolgt waren, konnten sie nicht  dazu bringen, von dem Hauptmann abzulassen. Erst als es Otto gelang, den  Herrn Grafen wegzuziehen, beruhigten sich auch die Wölfe und folgten ihrem  Leittier zurück zum Turm.  Constanze machte Otto bittere Vorwürfe wegen seines leichtsinnigen Ver- haltens. “Du kannst doch nicht eine Bestie, die im Blutrauch ist, einfach weg- ziehen. Wenn diese Tiere sich im Kampf  befinden, lassen die sich nicht einfach  beruhigen. Du hast dich sinnlos in Gefahr gebracht.” Dann umarmte sie ihn  kurz, sehr kurz und wandte sich mit Tränen in den Augen ab. Otto war sich  seines Leichtsinns nicht bewusst.  Die Leiche wurde geborgen und ebenfalls zum Turm gebracht. Gregor und  Richard schauten sich den geschundenen Körper an. Die Hände, Arme und die  Beine zeigten tiefe Bisswunden, aber keine davon konnte tödlich gewesen sein.  Woran war dieser Mann gestorben. Geknebelt und gefesselt wie ihre Gefan- genen waren, wurden sie an dem Leichnam vorbeigeführt und in die Höhle  hinter dem Turm gebracht.  “Unser Plan mit der Verkleidung und dem offenen Burgtor müssen wir nun be- graben. Da werden wir uns etwas anderes einfallen lassen müssen. Was machen  wir mit den Gefangenen. Wir können sie nicht hier behalten. Wir sind zu we- nige, um sie ständig zu bewachen. Ich wüsste auch nicht, wohin wir sie bringen  sollten? Ich habe auch keine Lust sie zu füttern.” Richard hatte recht, dachte  sich Heinrich, als er das von ihm hörte. Er hatte auch keine Idee, was man mit  den Gefangenen machen sollte. Lösegeld bekam man für diese Männer auch  nicht. In Freundschaft in ihren Reihen aufnehmen würde auch nicht funktionie- ren. Sie hatten keine Zeit, sie dazu kennen zu lernen. Es waren Braunschweiger, 


86 eingeschworene Feinde der Staufer und damit auch seine. Die Gefangenen wurden mit Wasser versorgt, mehr bekamen sie nicht.  Müde,  hungrige und gedemütigte Gefangenen waren besser zu beaufsichtigen, dachte  sich Heinrich und stellte zur Bewachung die alten Gefolgsleute seines Vater ab.  Der Herr Graf  legte sich mit seinem Rudel am Eingang zur Höhle nieder. Der  Anblick der Bestien reichte wahrscheinlich schon aus, um jeglichen Gedanken  an Aufstand und Flucht sterben zu lassen.   Die Nacht verlief  ruhig. Die Gefangenen baten immer wieder darum, ihre Not- durft verrichten zu dürfen und Richard gewährte ihnen die Bitte. Die Rechte  auf  Würde waren wohl trotz aller Kämpfe in seinem Kopf  erhalten geblieben.  Und so wurden sie einzeln nach draußen gebracht, wo sie etwas abseits ihre  Notdurft verrichten konnten.  Die ganze Nacht über wurde das Burgtor von den Ordensrittern beobachtet.  Nichts tat sich bis zum Morgengrauen, wo die bereits bekannte Ausfalltür  aufging und sich dort zwei Männer heraus drängten. Sie warfen ihre Waffen hin  und legten die Hände hinter ihre Hinterköpfe und gingen hintereinander den  Weg im Dunkeln zum Turm hin. Kurz bevor sie zum ersten Feuerkorb kamen,  wo sich sichtbar zwei Wachposten befanden, griff  einer der beiden Söldner der  Burg unter sein Gewandt und holte einen langen Gegenstand hervor. Das war  ofensichtlich ein Zeichen für die Wachposten und die Männer, die sich links und  rechts des Weges versteckt hatten, zu den Waffen zu greifen und die beiden nie- derzumachen. Sie kamen nicht dazu, etwas zu sagen oder Gegenwehr zu leisten.  Im Licht der Fackeln stellte man fest, dass beide unter ihren Gewändern Messer  und Morgensterne versteckt hatten. Dieser Angriff  von nur zwei Männern war  mehr als nur ungeschickt und dumm. Was bezweckte man mit dieser Tat, die  vorhersehbar zwei Männern das Leben gekostet hätte? Bei der Burg hörte man,  dass die Zugbrücke heruntergelassen wurde. Das Rasseln der Kette war zu laut,  um überhört zu werden. Sofort gingen alle Wachen wieder auf  Position und  man sah im Licht der Morgendämmerung, dass man die Brücke nur zur Hälfte  heruntergelassen hatte und nicht weiter. Dann wurde sie wieder hochgezogen.  Richard meinte, als er bei seinen Männern ankam und die beiden Leichen sah.  “Die wurden herausgeschickt, um unsere Wachen abzulenken und einen Ang- riff  aus der Burg vorzubereiten. Leider haben die wohl vergessen, dass so eine  Zugbrücke sehr laut sein kann, wenn man sie herunterlässt. Wenn die dort auf   den Türmen gute Augen haben, wissen die nun, dass wir uns links und rechts  des Weges versteckt halten. Nun wissen die von uns , wo wir sind und dass wir  kampfbereit sind. Legen wir die Toten auf  den Weg zur Burg. Soweit  wir das  - ohne von Pfeilen durchbohrt zu werden - tun können. Sie sollen ruhig sehen,  was wir mit ihnen machen, wenn sie uns angreifen.”  Als es hell war, sah Heinrich, dass Richard etwas aus seinem Gepäck holte.  Einen breiten, sichtbar stumpfen Meissel aus Eisen und einen Hammer. Diese  beiden Gegenstände legte er auf den Tisch im Turm, bedeckte sie mit einem  Tuch und ging in die Höhle. Die Gefangenen waren nicht mehr geknebelt, aber  alle gut gefesselt. Er löste jedem die Fesseln der Hände, die ihnen allen auf   den Rücken gebunden waren und band sie vor ihrem Bauch wieder zusammen. 


8 Dann forderte er jeden auf, die Hände zu falten und mit ihm gemeinsam zu  beten. Niemand störte ihn, aber Otto und Heinrich wunderten sich, was da vor  sich ging. Als Richard aus der Höhle in den Turm kam, fragte ihn Heinrich, was  er vorhatte und was sich da unter dem Tuch befand. “Unter dem Tuch mein  Freund befindet sich der Erlöser. So nennen wir dieses Werkzeug. Ein Meis- sel aus Messing und ein Hammer aus Holz. Wir benutzen das für die schwer  Verwundeten, denen niemand mehr helfen kann, um sie von ihren Leiden zu  erlösen. Jeder kennt es und keiner will es sehen. Es ist meine Pflicht, die Lei- denden zu erlösen. Eine schwere Pflicht und eine Sünde vor dem Herren. Jeder,  den ich erlösen muss, hat das Recht, mit mir zu beten und wenn er will, auch  zu beichten. Einer seiner Brüder muss ihm dann die Hände reichen und ihm  helfen, damit er mit wenig Schmerzen den Weg ins Himmelreich antreten kann.  Ich setze den Meissel demjenigen, der gehen muss, ans Genick an und breche  mit einem Schlag den Wirbel durch. Das geht schnell und niemand muss lange  leiden. Ich bete zu Gott, dass es mir dieses Mal wieder gut gelingt.” Heinrich  und auch Otto hatten ihm gut zugehört. Otto fragte ihn ängstlich. “Wer leidet  denn hier und wen musst du erlösen?” Der Blick, den Richard Otto zuwarf, war  kalt und er schien durch ihn durch zu gehen. “Ich gehe mit unseren Gefan- genen vor die Burg und werde sie dort von ihrer Gefangenschaft befreien.  Wir sind die Last der Bewachung los und zeigen der Burgmannschaft, dass wir  konsequent handeln. Jeder, der sich uns nun widersetzt, kennt sein Schicksal.  Ich will keine Menschenleben unnötig vergeuden. Wenn wir mit dem Tod dieser  Männer erreichen, dass sich die Mannschaft dort ergibt, verschonen wir viele   Menschenleben bei uns. Diese Männer sind auf  den Tod vorbereiten, wer ein  Schwert trägt, muss damit rechnen, auch getötet zu werden. Ich will dies ohne  Qual tun.” Die Ordensleute wussten nun schon, was sie zu tun hatten.  Gefesselt und die Köpfe mit Tüchern bedeckt wurden die Gefangenen hinaus- geführt. Otto wurde aufgetragen, wenn alle den Turm verlassen hatten, das Tor  fest von innen zu verschließen. Nur Frida, Gregor, Frau von Breitenbach mit  ihren Kindern, Lorentz und die Getreuen des alten Herrn von Olsen blieben  mit Otto im Turm. Auch der Herr Graf  mit seinem Rudel wurden eingesperrt.  Oben vom Turm aus beobachtete Otto von Kratz was geschah. “Was mich  wundert ist, dass ich nicht alle Ordensleute sehen kann. Wo sind die? Nur zwölf   Deutsche Ritter mit fünf Sergeanten, den Gefangenen und den Herrn Heinrich  und den Hauptmann Richard sehe ich. Und was haben die mit dem Holzblock  vor, den die drei Knechte dort tragen vor?” Otto von Kraz sah drei Knechte  hinter den Rittern und den Gefangenen mit einem großen Holzblock herlaufen.  Dann wurden die großen Schilde der Ritter aufgestellt, quer über den Weg wie  eine Barriere mit einem kleinen Durchgang in der Mitte. Genau dort wurde  dann der Holzblock hingestellt. Dann wurde es ruhig. Jeder meinte, den Herzschlag des anderen zu hören. Kein  Vogel sang ein Lied, kein Wind bewegte die noch kahlen Äste. Nichts war zu  hören. Dann wurde der erste Gefangene zum Holzblock gezerrt.  Davor musste  er niederknien und den Kopf  auf  den Block legen. Mit einem Tuch wurde sein  Genick bedeckt, dann setzte Richard den Meissel an und schlug zu. Der Mann 


88 musste sofort tot gewesen sein, denn die Sergeanten legten den leblosen Körper  vor den Block auf  den Weg zur Burg ab. Dann wurde der Nächste geholt und  das Ganze wiederholte sich. Wieder und wieder tötete Richard die Männer  lautlos und unerbittlich. Bis er zum letzten Mann kam. Da wurde die Zugbrücke  mit einem rasselnden Laut schnell herabgelassen. Richard drehte sich um und  sah das. Nur noch ein Mann stand oben auf  einem Turm und schaute herunter  zu ihm. Kaum hatte die Zugbrücke den Boden berührt, wurde das Burgtor  aufgerissen und er sah Pferde auf die Zugbrücke zu laufen. Das was er erreichen wollte, war nun geschehen. Die Burgbesatzung griff  ihn  an. Sie stürmten aus der Burg heraus. Er schüttelte nur den Kopf, denn sie  verließen die Sicherheit der hohen Mauern.        Kapitel 38 27. März 1216 der Landgang auf  Gotland Melanie, Carlo und der ominöse Olovson gingen an Land. Olovson war noch zu  schwach, um zu kämpfen und so verzichteten sie auf die Fesseln. Sie wanderten  durch eine mit Büschen und niedrigem Holz bewachsenen Landschaft. Immer  wieder blieb Olovson stehen, schaute sich um, dachte offensichtlich nach und  gab dann die Richtung vor, wie sie zu gehen hatten. Bald sahen sie eine kleine  Rauchsäule sehr nahe bei ihnen aufsteigen. Ein Haus oder sonstige Behausun- gen waren nicht zu sehen, der Rauch schien aus der Erde auf  zu steigen. Sie  gingen näher auf  den Rauch zu und standen unvermittelt vor einer Böschung,  die etwas mehr als zwei Mann hoch nach unten ging. Im diesem kleinen Tal  stand ein Haus aus Feldsteinen und Holz gebaut. Daneben ein großer Stall, alles  war mit einer Dornenhecke und an manchen anderen Stellen mit einem Pali- sadenzaun umgeben. Man konnte ein paar Ziegen und Schafe sehen und auch  das Gackern von Hühnern war zu hören. Die Böschung war zu steil, um einfach  hinunter zu steigen. Olovson deutete auf eine Hecke am Rand der Böschung.  Dort fanden sie versteckt ein paar Stufen, die nach unten führten.  Unten angekommen gingen sie auf  den Eingang des Hauses zu. Sie waren ein  paar Schritte gegangen, als die Türe aufging und jemand heraustrat. Körper,  Kopf  und Haare waren vermummt, man konnte nicht erkennen, ob diese  Person eine Frau oder ein Mann war. Ein Kind schien es nicht zu sein, denn  dafür war die Person zu groß.  Hinter diesem vermummten Jemand erschien ein  großer Hund. So einen hatte noch nie jemand gesehen, seine Schulter reichte bis  zur Hüfte des Wesens. Olovson lächelte zu dem Hund und zu den Augen hin,  die die Tücher nicht verbergen sollten. Der Hund trottete auf Olovson zu und  er konnte ihn streicheln. “Ist gut mein Freund, hast du auch gut auf  Malva auf- gepasst?” Dann drehte er sich zu Melanie und Carlo um. Darf  ich euch einen  Freund vorstellen, den Herrn des Hauses und meine Schwester Malva.” Kaum  hatte er ausgesprochen rannte Malva auf  ihn zu, befreite ihr Gesicht von den  Tüchern und fiel Olovson um den Hals.  Es dauerte etwas, bis die beiden sich voneinander trennen konnten. Melanie und 


8 Carlo hatten einige Fragen, die sie gerne beantwortet hätten und Olovson war  gerne bereit diese zu beantworten.  Als sie im Haus ihre Plätze gefunden hatte, erzählte Olovson seine und die  Geschichte seiner  Schwester. “Als Kinder wurden wir geraubt. Wir lebten bei  unseren Eltern an der Seine. Die Seine ist ein Fluss im Lande der Franken und  an dem Fluss liegt auch Paris. Die Hauptstadt der Franken ist das. Die Nord- männer, die uns mitnahmen, brachten uns zuerst ins Land der Dänen, auf eine  Insel und dort lebten wir in einem Dorf an der Küste. Der Nordmann, der  uns geraubt hatte, schenkte uns seiner Frau. Die konnte keine Kinder bekom- men und so lebten wir als Nordmänner bei einem Jarl. Unser neuer Vater  nannte sich Olov Swerge. Ich wurde als Jannes getauft, das war dem Swerge  zu schwierig und so nannte er mich Olovson. Malva, diesen Namen gefiel  unserer neuen Mutter und so blieb der Namen für sie erhalten. Malva lernte  nähen, kochen, weben und ich kämpfen. Vor ein paar Jahren kam der Jarl von  einer Fahrt nicht mehr zurück, zudem herrschte Hungersnot bei uns auf  der  Insel. Wir fuhren mit ein paar der Dorfbewohner und mit unserer Mutter weg.  Zuerst nach Schweden, dort lernte ich ein paar andere Seeleute und Händler  kennen und ging mit denen auf Fahrt übers Meer. Aber unser Jarl war ein  dummer und leichtsinniger Mann und nicht sehr erfolgreich und als ich nach  Schweden zurückkam, war ich genauso arm wie bei meiner Abreise, aber ich  hatte viel gelernt. Kämpfen, segeln, rudern und bei Nacht die Sterne lesen. Und  so verschlug es unsere neue Mutter, Malva, mich und unseren Freund hierher.  Allerdings nicht freiwillig. Der Jarl, der euch angegriffen hat, versprach mir eine  hohe Belohnung, wenn ich für ihn kämpfe. Damit ich ihm treu ergeben bin,  hat er meine neue Mutter und Malva als Geiseln behalten. Hier in diesem Tal,  in diesen Hütten und Häusern wurden die Familienmitglieder der Männer als  Geiseln festgehalten, die nicht gerade freiwillig für den Jarl kämpfen mussten.  Starb einer im Kampf  oder floh der Mann wurden seine Familienmitglieder als  Sklaven an die Russ verkauft. Im letzten Winter sank eines der großen Drachen- boote mit fast allen Männern, deren Familien hier untergebracht waren. Der Jarl  holte alle, auch meine neue Mutter und Malva um sie zu verkaufen. Die beiden  konnten mit Freund, unserem treuen Hund, fliehen, was aber niemanden küm- merte. Das hier geriet schnell in Vergessenheit. Ich fand die beiden auf  einem  meiner Streifzüge durchs Land, brachte sie wieder hierher. Meine neue Mutter  war ein paar Tage vorher erfroren. Ich stahl bei eine paar Bauern Schafe, Ziegen  und Korn und brachte alles hier her. Seit über einem Jahr lebt Malva unentdeckt  hier. Wäre ich geflohen, hätte man mich gesucht und ich hatte Angst, dass sie  meine Schwester finden. Wenn ich also beim Jarl blieb, konnte ich kontrollie- ren, was diese Bande tat. Nun aber ist der Jarl tot, erschlagen von dieser langen  Sense auf  eurem Schiff  und ich hoffe, dass ich nun frei bin. Ich will nicht mehr  rauben, ich will jetzt hier mit Malva bleiben. Wenn es aber sein muss, dann  helfe ich Euch dabei diese Piraten zu vertreiben.” Malva war wie die anderen  schweigend um das kleine Feuer gesessen und hatten Olovson zu gehört. Dann  wandte sich Olovson an seine Schwester und sprach mit ihr in einer Sprache, die  keiner verstand. Ein paar Mal erwiderte sie ihrem Bruder etwas. Dann stand sie 


0 auf, fasste Melanie an der Hand. “Komm mit und hilf  mir beim Packen. Hinten  habe ich noch zwei Rentiere. Tiere aus unserer zweiten Heimat, die Schlitten, die  sie ziehen, bepacken wir mit Getreide und Fleisch. Den Rest müssen wir tragen  und die zwei Ziegen und zwei Schafe führen wir an Stricken mit uns.” Melanie  folgte ihr etwas verdutzt. Carlo sollte sich derweilen um die Decken und Felle  kümmern, die sie mitnehmen sollten. Es dauerte nicht sehr lange, bis sie fertig  waren und gemeinsam mit den Rentieren vor den Schlitten, den Schafen, Ziegen  und allem, was sie tragen konnten, zogen sie über einen weiteren verborgenen  Weg, der nach oben führte, los. Erst nach Sonnenuntergang gelangten sie zur Küste. Am Ufer fanden sie ein  Lager der Schiffsbesatzung. Sie hatten eine Wasserquelle gesucht und gefun- den und einige Fässer mit Wasser befüllt. Nun war es aber zu spät, um noch  zwischen der Knorr und dem Ufer hin und her zu fahren und deshalb hatte  man am Ufer ein kleines Lager errichtet. Einer der Fischer, der Dienst auf der  Knorr hatte, war als Kundschafter unterwegs gewesen. In einem Umkreis von  zweitausend Schritte war niemand gesichtet worden. An der Küste hatte er auch  kein Drachenboot gesehen. Es war noch kühl in dieser Nacht, aber sie hatten  nicht den Mut, Feuer zu machen um sich etwas zu wärmen. Die Angst, von den  Falschen entdeckt zu werden, war zu groß.  An schlafen war nicht zu denken, aber auch diese Nacht verging. Am nächsten  Morgen wurde die Knorr beladen. Alles ging gut, nur die beiden Rentiere zeig- ten sich etwas unwillig, aber zum Schluss waren auch sie an Bord.    28. März 1216 auf  der Knorr Peter konnte sich zwar immer noch schwer bewegen, weil ihn seine Verletzung  plagte, aber sein Humor schien inzwischen wieder genesen zu sein. “So ein  schwimmender Bauernhof  hat auch seine Vorteile. Immer haben wir frisches  Essen hier. Was noch fehlt, ist eine Wiese auf dem Deck. Dünger machen  schon die Tiere genug. Und man wird ganz sicher nicht nach uns suchen müs- sen. Man wird uns weit genug riechen und denken, dass man bald auf  Land  trifft.” Es wurde eng auf der Knorr, aber alle wussten, dass das nicht allzu lange  so sein würde. Sie wollten nach Hause, zum Turm, zur Blauzahnsiedlung oder  auf  den Hof  der Mecht.  Sie mussten rudern, weil der Wind nicht kräftig genug war, sie aus der Bucht zu  bringen. Ihr Kurs war nach Westen, an der Küste entlang. Sie hofften alle, dass  sie keinem der Drachenboote der Piraten mehr begegnen würden. Drei Mann  waren am Bug und hielten Ausschau und Mecht hatte einen jungen Fischer mit  guten Augen den Masten hochgeschickt, damit er dort den Horizont vor ihnen  überwachen sollte. Gegen Mittag rief  der Junge vom Masten herunter. “Vor uns  sehe ich eine Mastspitze, etwas verdeckt von der Küste und Rauch steigt auf,  kein Feuer, nur Rauch.” Zum Wenden war es zu spät, ankern war zu riskant,  denn dann hätten sie keine Möglichkeit, sich zu entfernen. Also entschieden  Melanie und Peter, sich kampfbereit zu machen und weiter zu fahren. Kaum  hatten sie den Felsen, der ihnen auf  die Küstenlinie den Blick versperrte,  umrundet, sahen sie, dass hier ein Kampf  stattgefunden hatte. Simons kleines 


Drachenboot war an Land gezogen, ein anderes Drachenboot war ein Trüm- merhaufen, halb verbrannt lag es auf  der Seite neben Simons Boot. Es schien  so, als ob der Kampf  noch nicht lange geendet hatte. Denn es lagen noch viele  Verletzte und Tote herum. Die Knorr steuerte in die Bucht hinein. Man sah  Simon vom Ufer aus winken. Ein Ruderboot wurde ins Wasser gezogen und  Simon und noch drei andere sah man dann zur Knorr rudern.  Als Simon an Bord war, betrachtete er lachend das Bauerhofchaos auf  der  Knorr. Melanie berichtete ihm schnell, was sie in den letzten Tagen erlebt hatten  und dann hörten sich alle den Bericht von Simon an.   “Wir sind euch gefolgt und mussten uns immer wieder weiter auf  See hinaus- bewegen, um den beiden Drachen zu entgehen. Als wir das ausgebrannte  Drachenboot im Sund bei Farö sahen und dort an Land gingen, haben wir nur  noch ein paar Spuren von euch gefunden. Pfeile und Bolzen in ein paar toten  Kriegern und andere Leichen. Keine Lebenden, nichts das uns sagen konnte,  wo ihr seid. Wir sahen nur, dass die beiden Drachen den Ausgang des Sund  für uns versperrten, also sind wir zurückgefahren. Hier in der Bucht haben  wir gewartet. Boten aus Visby kamen die Küsten entlang und haben uns von  der erfolgreichen Verteidigung der Stadt berichtet. Die Söldner und Piraten  sind dort abgezogen und waren auf  dem Weg an der Küste entlang hierher.  Hier sollten mit ein paar Drachen einen Teil der Leute aufnehmen und nach  Farö bringen. Das wussten wir von einem Gefangenen. Die Bewaffneten aus  Visby verfolgten sie. Man vermied aber eine weitere Auseinandersetzung. Unser  Langboot kam einen Tag bevor die beiden Drachen hier gestern eintrafen. Im  Westen standen an Land die Krieger aus Visby und auf  der anderen Seite die  Söldner und Piraten. und wir hier in der Bucht mitten drin. Erik und Lars mit  ihren Leuten waren noch kräftig und es war klar, dass wir die Drachen nicht an  Land kommen lassen wollten. Unser Langboot verschwand und wir ließen es so  aussehen, als ob es zurück nach Visby segeln würde, aber Lars versteckte sich  mit den Seinen in einer Bucht etwas westlich. Keiner von den Söldnern konnte  es sehen. Die jubelten, als sie dann sahen, dass die beiden Drachen hier in die  Bucht kamen und wir alleine waren. Eines griff  uns an, während das andere  versuchte, an Land zu gehen, um Männer aufzunehmen. Inzwischen hatten  aber die Visbyer ihre Leute formiert und griffen die Leute am Strand und im  Rücken ihrer Aufstellung an. Die Verwirrung nutzte ich aus und griff  meiner- seits das Dachenboot, das mich attackierte, mit Brandpfeilen und Speeren an.  In der engen Bucht hatte ich alle Vorteile auf meiner Seite. Wir umrundeten es  sehr schnell und konnte ihnen alle Ruder auf  der Backbordseite beschädigen.  Der andere Drachen floh inzwischen aufs Meer hinaus, wo bereits Lars mit  Erik wartete. Die Piraten sahen, dass wir ihnen bei weitem überlegen waren und  flohen und so mussten Lars und Erik den Fliehenden hinterher rudern. Hier in  der Bucht, am Ufer und oben auf  der Böschung tobte der Kampf  Mann gegen  Mann. Die Leute aus Visby waren frischer als die Söldner und so entschied das  gute Essen, ausreichend Schlaf  und die Wut auf  die Piraten den Kampf. Wir  haben bisher einhundertfünfundsechzig tote Piraten gezählt. Die, die ertrunken  sind, noch nicht mitgezählt. Gefangen haben wir einhundertundzehn. Ver-


wundet sind sie alle, davon mindestens aber dreißig, die nicht mehr zu retten  sind. Wir haben auf  unserem Drachen niemanden verloren, aber sechs schwer  Verletzte, leider auch meine Schwester Sasha. Visby hat über dreißig Mann ver- loren und es gibt noch mindestens fünfzig, die verletzt sind. Also eine ganz üble  Schlacht. Die Gefangenen und die verletzten Söldner haben wir etwas mehr  als fünfhundert Schritte weiter an Land in einer kleinen Schlucht eingepfercht.  Wasser haben wir genug, nur mit dem Essen haben wir ein Problem. Wir kön- nen sie kaum versorgen und haben deshalb einen Boten nach Visby geschickt,  dass man uns wenigstens Nahrung bringt. Die waren nicht darauf  vorbereitet,  dass wir so lange von der Stadt entfernt sind.”    Peter der Bärentaler wurde mit Melanie an Land gebracht. An Land wurden die  beiden freudig vom Stadthauptmann und dem Bürgermeister begrüßt. Melanie  berichtete den beiden ebenfalls nochmals ihre Erlebnisse. Nun hatten alle das  gleiche Wissen um die Geschehnisse der letzten Tage. Peter war zwar noch nicht  gut genug zu Fuß, aber Simon stützte ihn etwas und gemeinsam gingen sie den  Strand entlang zu einer Böschung, die ihnen den Aufstieg nach oben erlaubte.  Simon führte sie zu dem Gefangenenlager.  Schon von der Ferne sahen und hörten sie, dass es am Rande zu dem Tal einen  lautstarken Streit gab. Claus von Olsen stand mit zweien seiner Sergeanten  einigen der Stadtwachen und bewaffneten Bürgern Visbys gegenüber und man  sah, dass er heftig gestikulierte. Irgendetwas schien ihn sehr aufzubringen, denn  er versuchte immer wieder an den Stadtwachen vorbei in das Tal zu drängen. Sie  verwehrten ihm aber den Zutritt. Melanie beschleunigte ihre Schritte und stellte  sich neben Claus. Peter kam mit Simon etwas langsamer voran, konnte aber  schon aus der Entfernung hören, um was es da ging.  “Niemand hat das Recht, Gefangen zu töten, nur weil sie eventuell sowieso ster- ben würden. Egal wer sie sind und was sie getan haben, aber ihr solltet ihnen  wenigstens die Beichte abnehmen und sie dann würdig sterben lassen. Was ihr  da aber macht ist Mord. Zudem könnt ihr doch nicht alle Gefallenen zusehen  lassen, wie ihre Kameraden getötet werden. Denkt mal daran, wenn die jetzt  einen Ausbruchsversuch unternehmen. Verzweifelte Menschen reagieren anders.  Das solltet ihr nicht riskieren, dass es nochmals zu einem Kampf  kommt. Auch  wenn sie keine Waffen haben, die sind uns vier zu eins überlegen. Hört sofort  auf  mit dem Kehlen durchschneiden lassen.” Offensichtlich hatte sich einer der  Bürger zum Hauptmann gemacht und stellte sich vor Claus auf. Der Mann war  kleiner als Claus von Olsen, gut gekleidet und hatte ein Peitsche in der einen  Hand und einen Dolch in der anderen. “Ihr habt mir hier nichts zu befehligen  Claus von Olsen. Ich habe hier das Kommando über die Männer, die die Ge- fangenen bewachen. Wir haben so gut wie nichts zu essen und sollen uns noch  um diese schreienden Mörder kümmern. Es ist besser, sie zum Schweigen zu  bringen und sie nicht bis zu ihrem sicheren Ende auch noch zu füttern und zu  ertragen. Und wir sind genügend Männer, um alle anderen zu bewachen. Sollen  sie sich doch gegen uns wenden, dann haben wir einen Grund, alle zu erschla- gen. Das erspart uns viel Mühe. Und was sollen wir ihnen die Beichte abnehm- en, die Hälfte von denen glaubt noch an Odin und Raben. Die freuen sich doch, 


wenn sie ohne Schwert in der Hand nach Walhalla gehen. Denn dann bekom- men sie dort auch nichts zu saufen. Wir haben alle zu lange unter dieser Bande  leiden müssen. Unsere Geschäfte liefen schlecht. Wir mussten Tag und Nacht  um unser Leben fürchten. Die Zeit ist gekommen, mit denen abzurechnen.  Die Verwundeten sind für uns wertlos, also machen wir mit denen schnell eine  Ende. Genug geredet, nehmt mir nicht weiter die Zeit, ich will dass alles erledigt  haben bis es dämmert.” Er wollte sich gerade umdrehen, als seine Hand unter  einem Schmerzensschrei das Messer fallen ließ und zwei Wimpernschläge weiter  dann die Peitsche. Mit zwei schnellen Bewegungen hatte ihm der Bärentaler  durch schnelle Schnitte über die Handrücken mit seinem Messer tiefe Wunden  beigebracht. Peter packte den Mann mit einer Hand am Hals und schob seinen  Kopf  nach vorne und schaute ihm tief in die Augen. Alle Müdigkeit und Kraft- losigkeit war aus ihm gewichen und der vermeintliche Hauptmann spürte seine  Hände, die noch nicht zu fest zupackten. “Du tötest niemanden mehr und deine  Leute hören auf, die Gefangenen zu quälen, sonst hängt ihr Morgen alle am  Galgen. Der Rat und wir hatten klar beschlossen, dass wir Gefangenen machen  und alle verhören wollen. Es gibt vieles, was wir dringend erfahren müssen. Und  man ermordet nicht einfach Verwundete. Merke dir das.” Dann schaute er sich  die Leute an, die den Hauptmann umgaben. Die Hände hatten sie an die Schw- erter gelegt, aber keiner hatte das seine gezogen. Peters Auftritt und seine Blicke  wirkte ernüchternd auf  sie. Der Satz „am Galgen hängen“ wirkte offensichtlich.  Der Hauptmann würde für einige Zeit keine Waffe mehr tragen können, aber  alle aus der Blauzahnsiedlung waren sich bewusst, dass sie nun einen neuen  Feind hatten.     Kapitel 39 28. März 1216 in der Olsenburg Heinrich und Richard hatten nicht erwartet, dass sich die ganze Burgbesatzung  auf  sie stürzen würde, aber da kamen sie, angeritten, gelaufen und alle sch- reien aus Leibeskräften. Sie waren auf  den kleinen Schildwall so konzentriert,  dass sie nicht sahen, dass sich eine Pferdelänge vor ihnen auf  einmal ein Seil  spannte. Fast zwei Mann hoch zog es sich über den Weg von der Burg ins Tal.  Die Pferde konnten gerade noch darunter durch, aber die Reiter erwischte es.  Heinrichs Konstruktion hielt, was er sich davon versprochen hatte. Die ersten  Reiter wurden aus den Sätteln geworfen, die Pferde rannten weiter, sie suchten  sich die Lücke am Schildwall und fanden die Freiheit. Die Nachfolgenden Reiter  trampelten ihre eigene Leute, die am Boden lagen oder die Pferde wurden von  den stürzenden Reitern getroffen. Ein Chaos entstand, das noch durch die  zweite Falle Heinrichs vergrößert wurde. Das Seil über den Weg war nicht fest  an Bäumen festgebunden, sondern hing in Astgabeln fest und die Enden der  Seile waren an Balken festgemacht, die lose auf dem Boden lagen. Die Gewalt,  mit der die Reiter gegen die Seile geritten waren, riss die Balken nach oben. Sie  flogen den nachfolgenden Reitern und den Söldnern, die zu Fuß folgten, von 


4 der Seite in den Weg. Und wieder wurden Pferde, Reiter und Männer zu Fuß  zu Boden gerissen. Der Angriff  kam ins Stocken. Nun wurden die Angrei- fer mit Speeren, Pfeilen und Bolzen überschüttet. Kaum war der letzte Pfeil  niedergefahren, wurden die Männer von den Ordensleuten angegriffen. Schilde,  Schwerter und Beile begannen ihr Werk. Die schon am Boden Liegenden  bekamen die Schilde von oben herab zu spüren, die anderen wurden mit den  Schlagwaffen attackiert. Es dauerte lange, bis sich die Burgbesatzung gefangen  hatte und sich erneut formieren konnte, aber mit dem Mut der Verzweiflung  wehrten sie sich. Die Lautstärke einer Schlacht ist gewaltig. Eisen auf  Eisen,  Schmerzensschreie und Wutgebrüll, wiehernde Pferde und manchmal konnte  man sogar einen Befehl hören.  Sechs Männer des Ordens und zwei der Männer, die Heinrich treu ergebenen  waren, waren bereits in die Burg eingedrungen. Dort stellten sich ihnen vier  Männer entgegen, die wurden aber schnell niedergemacht und entwaffnet und  so konnten sie das Tor sichern und eventuell Zurückkommende der Burgbesat- zung abwehren.  Was nun geschah war unfassbar. Beide Seiten kämpften sich in einen Rausch  der Gewalt. Richard konnte seinen Männer nichts mehr befehlen. Er musste  zusehen, wie bereits schwer Verletzte oder auch tote Männer am Boden liegend  mit den Schwertern zerstückelt wurden. Männer, die sich ergeben wollten und  die Waffen wegwarfen, wurden mit gezielten Hieben die erhobenen Hände  abgetrennt. Als Richard versuchte, einen seiner Ordensbrüder daran zu hindern,  einen Knieenden zu erschlagen, griff  ihn dieser sogar an. Mit einem gewalti- gen Hieb seines Streitkolbens schlug er den Mann nieder. Heinrich hatte sich  inzwischen einen Eichenknüppel geholt und schlug damit auf  die Kämpfenden  ein, riss Männer aus den Kämpfen heraus, brüllte sie an. Die Burgbesatzung  war längst besiegt, aber einige kamen aus ihrem Rausch nicht heraus. Zwei von  Richards Sergeanten begleiteten ihren Anführer und begannen sogar eigene  Leute mit Seilen zu binden, um sie zu beruhigen.  Einige Leute der Burgbesatzung waren fast bis zum Turm durchgebrochen.  Dort wurden sie mit gezielten Pfeil und Armbrustbolzen empfangen. Frida,  Constanze und ihre beiden Kinder konnten gut mit diesen Kriegsgeräten umge- hen und so war auch dort kein Durchkommen für die Flüchtenden. Gregor  stand mit den Söhnen der geflohenen Olsenburgknechte vor dem Turm und  und machten sich auf  einen Nahkampf  bereit, aber der letzte Flüchtende, der  unverletzt blieb, warf  die Waffen weg und sank auf  die Knie. Die anderen fünf   waren verletzt und konnten nicht mehr weiter, auch sie hatten schon die Waffen  niedergelegt und hockten auf  dem Boden.  Die Schrei des Kampfes ebbte langsam ab, man hörte meist nur noch Schmer- zensschreie, Befehle die gerufen wurden und manchmal noch das Wiehern  eines Pferdes. Der Kampf  war offensichtlich zu Ende. Otto stand mit dem  Bogen in den Händen wie erstarrt da und schaute vom Turm herunter auf  den  Kampfplatz. Er war totenbleich und wirkte wie gelähmt. Constanze ging zu ihm  und musste ihn kräftig schütteln, bis er endlich aus seiner Erstarrung erwachte.  Sie führte ihn nach unten und übergab ihm einen Holzbottich mit Wasser. 


5 “Geh und bring den Leuten Wasser. Ich fülle noch zwei Krüge mit Wasser und  komme hinter dir her.” Otto marschierte los, offensichtlich hatte er sich gefan- gen und eilte bis zum Kampfplatz vor der Burg. Je näher er dem Platz kam, um  so mehr ekelte es ihm. Es stank nach Blut, Erbrochenem, Exkrementen, Pisse,  Schweiß, der Weg war mit allem, was man nicht sehen wollte, bedeckt. Abge- hackte Hände, ein Kopf, schreiende menschliche Körper lagen da, erschöpfte,  wimmernde Männer saßen zusammengesackt. An ihm vorbei wurden Pferde  mit furchtbaren Verletzungen geführt, Männer mit gebundenen Händen und  mit Seilen um den Hals folgten den Pferden. Heinrich stand in der Mitte des  Chaos und schrie Befehle, packte den einen oder anderen kräftig an und schub- ste ihn. Als er Otto sah, eilte er auf ihn zu und umarmte den Freund kurz und  dann hielt er ihn an seinen Händen fest. “Wir leben Otto, wir leben. Das ist das  wichtigste von allem!” Dann deutete er auf einen Baumstamm am Rande des  Weges hin, wo Richard saß. Vor ihm lag ein lebloser Körper. “Ein Freund aus  seiner Kindheit. Er hat ihn selbst mit seinem Streitkolben erschlagen. Er konnte  ihn unter dem Helm nicht erkennen. Ich habe versucht, ihn zu trösten, es war ja  im Kampf, aber es gelingt mir nicht. Und nun muss ich hier für Ordnung sor- gen. Ich lasse die Verletzten in den Burghof bringen. Vier der Ordensleute ha- ben das Heilen gelernt, aber ich hoffe, dass Frau von Breitenbach bald kommt,  sie ist etwas geschickter darin, denn die vier sind noch vom Kampf  ganz erregt  und ich fürchte, dass sie mehr Schaden anrichten als zu heilen.” Otto nahm  seinen Eimer wieder auf und ging zu Richard. Der reagierte nicht auf  Otto, da  nahm der den Eimer hoch und übergoss den Anführer der Ordensleute mit  dem kalten Wasser. “Richard, du bist der Anführer der Ordensleute, du bist ihr  Hauptmann. Es ist deine Aufgabe, hier für Ordnung zu sorgen. Für Wut und  Trauer haben wir später Zeit. Jetzt ist es Zeit, für die Überlebenden zu sorgen.”  Ottos Wasserattacke hatte seine Wirkung, Richard stand auf  und beachtete den  toten Körper seines ehemaligen Freundes nicht mehr. Er eilte auf  Heinrich zu  und rief  für alle hörbar laut. “Heinrich von Olsen, gehe in deine Burg, nimm sie  in Besitz.” Dann sorgte er weiter für Ordnung. Heinrich und Otto gingen zur Burg. Dort hatten sich seine Leute, die vorher  schon zu ihm übergelaufen waren und die Familie des Aschaffenburgers  versammelt. Constanze war schon bei den Verwundeten, um sie zu versorgen  und Wasser zu verteilen. Frau von Blau und Gregor waren dabei, die Burg mit  dreien der Ordensleute zu besichtigen. Sie suchten nach versteckten Männern,  die ihnen gefährlich werden könnten. Lorentz brachte den Herrn Grafen und  Heulmama mit den Welpen mit. Er führte sie fest an sich mit Stricken zur Burg  hinein. Sie sollten kein Blut lecken oder sich an Toten gütlich tun.  Am Palas der Burg fand er ein paar Eisenringe, die wohl dazu gedient hatten,  hier Pferde fest zu machen und band die Seile der Vierbeiner dort fest.  Sobald Gregor oder die anderen, die die Burg durchsuchten, jemanden fanden,  schickten sie diese Leute in den Burghof, nicht ohne es Heinrich zuzurufen, der  in der Mitte des Hofes beim Brunnen stand. Drei Mägde und vier Frauen, deren  Aufgaben ihnen ins Gesicht geschrieben war, wurden zu Heinrich geschickt.  Heinrich befragte die Mägde sogleich, nach Verstecken oder anderen Beson-


6 derheiten, die ihm und den Seinen zum Verhängnis werden könnten. Es gab  keine weiteren Kämpfer mehr in der Burg, nur im Verlies sollten noch ein paar  Leute eingesperrt sein, aber man wisse nicht, ob sie noch leben würden, denn  seit einer Woche gebe es kaum noch Nahrung in der Burg. Nun war es Heinrich  auch klar, warum sie so schnell angegriffen worden waren. Der Burgbesatzung  war die Nahrung ausgegangen und einer Belagerung hätten sie nicht lange  genug widerstehen können.  Heinrich und Richard zogen los, um nachzuschauen, wer da im Verlies gefangen  gehalten wurde. Der Herr von Olsen kannte den Weg gut, denn gleich neben  dem Verlies, das eher eine kleine Kellerkammer war, befand sich der Weinkeller.  Schon auf  den Stufen nach unten nahmen sie den Geruch von Verwesung wahr.  Die Tür zu der Kammer war mit einem Eisenhaken gesichert. Sie hatten Fack- eln mitgebracht und Richard wollte den Haken wegdrücken, als ihn Heinrich da- ran hinderte. “Hörst du das? Das Fipsen da drin.” Dann klopfte er heftig an die  Tür und fragte, ob hier jemand sei. Ein Vielfaches an Fipsen war die Antwort.  “Ratten, Massen an Ratten. Da lebt niemand mehr.” Richard hatte das gehört,  aber es war ihm schwergefallen, das auszusprechen. “Wir können die Tür nicht  aufsperren, die Ratten rennen raus und verteilen sich in der Burg. Wir müssen  das Nest hier ausräuchern. Aber wie?” Die Frage, ob da drin noch jemand leben  könnte, stellte er sich besser nicht.  Otto hatte eine Lösung. Heinrich hatte ihm das Verlies beschrieben, ein  Luftschacht führte nach draußen und endete dort mitten in der Felswand  unterhalb des großen Burgfried. Von dort mussten die Ratten ihren Weg in die  Kammer gefunden haben. Die Tür zum Verlies ging nach innen auf, also konnte  man vor der Türe eine Feuerwand aufbauen. Stroh und Holz wurden vor der  Türe niedergelegt. Zwei Krüge mit Öl stellte man vor der Türe bereit, Richard  entzündete das das Feuer und schob dann die Tür auf. Die Ratten wollten nicht  durch das Feuer flüchten und blieben im Raum. Dann warf  er die Krüge mit  dem Öl hinein und Fackeln hinterher. Der Raum wurde durch das Feuer erhellt.  Brennende Ratten rannten hin und her und die, die noch konnten, versuchten  die Wand nach oben zu dem Luftschacht zu kommen und zu fliehen. Wenigen  gelang das. Durch das Feuer sah man Lumpen, Körper und Holz brennen, es  stank furchtbar. Das Verließ war in den Fels gehauen und außer der Türe und  einer Bank war alles aus Stein oder Felsen. Mit ein paar eisernen Haken schob  man das vor der Tür entzündete Holz und Stroh in den Raum. Man ließ das  Feuer einige Zeit in dem Kellerloch wüten, bis man die Türe mit Wasser über- goss. Sie sollte kein Raub der Flammen werden.   Inzwischen war es dunkel geworden und überall brannten Feuer, Fackeln waren  entzündet worden und es wurde merklich kühler. Alle Verwundeten waren  noch nicht versorgt, aber die mit den schwersten Verletzungen waren, soweit es  ging, behandelt worden. Die Ordensleute waren sehr geschickt darin und Frau  von Breitenbach konnte in den wenigen Stunden sehr viel von diesen Männern  lernen. Die drei Mägde hatten sich schnell mit den neuen Machtverhältnisse